Archived entries for Archäologie

Versunkene Orte

Then he had raised something,
and it must have come.

(H.P. Lovecraft)

Manchmal sollte man die Dinge, die tief unter der Oberfläche lauern, nicht stören. Zumindest nicht mehr als möglich. Als ich gestern in meinem Blog auf die für einen öffentlich-rechtlichen Rundfunksender doch eher ungewöhnliche Redewendung “Innerer Reichsparteitag” hingewiesen habe, habe ich in zahlreichen Blogs und auf Twitter Antworten auf Fragen bekommen, die ich eigentlich lieber nicht stellen wollte.

Von den ebenso wohlfeilen wie schauderhaften Political-Correctness-Vorwürfen bis hin zu Kommentatoren, die es begrüßen, dass solche Redewendungen endlich im Mainstream angekommen seien und ihren Kommentar mit einem Zitat von Joseph Goebbels signieren war alles dabei, was jemanden wie mich, der nahezu alle abwegigen Redewendungen von Arno Schmidt gelernt hat und dessen sprachpolitische Sozialisation aus Viktor Klemperers LTI stammt, eine Gänsehaut auf den Rücken jagt.

Heute Abend hat es wie so oft geregnet. Aber der Himmel war nicht wie sonst grau verhangen, als ich an der Würm entlang an der Grenze zwischen der Münchner Schotterebene und der rißzeitlichen Moränenlandschaft durch den dampfenden Wald geradelt bin, sondern gelb. Ein unwirkliches gelb, das einen perfekten Hintergrund für eine Lovecraft-Geschichte abgegeben hätte. Ein gelb, das dazu einlädt, mit Schaufeln das Grauen in der Tiefe zu wecken. Wie passend, dass der Wald nicht nur ein Begräbnisfeld der Latènezeit unter dem dichten Fichtenbewuchs verdeckt, sondern auch noch einen untergegangenen Ort.

Früher hat sich in der Mitte des Waldes, damals noch als Königlicher Kloster=Anger=Wald bekannt, eine kleine Siedlung namens Kreutzing oder Creutzen befunden. Ein Hof, ein paar Wirtschaftsgebäude und eine dem Waldheiligen Nikolaus gewidmete Kapelle, mehr ist es damals nicht gewesen, aber doch genug für eine ansehliche Schar von Pferden, Rindern, Schafen, Schweinen, Gänsen, Enten, Hühnern und Bienenvölkern.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ist diese Schwaige – wie passend, denn jetzt schweigt der Boden hier tatsächlich – von der Bildfläche verschwunden. Im selben Jahr, in dem das Deutsche Reich entstanden ist, wurden die Gebäude vollständig abgetragen, und binnen weniger Jahrzehnte hat der vor allem mit schnellwachsenden Hölzern bewirtschaftete Wald dann vollständig überdeckt. Gras über eine Sache wachsen lassen ist eindeutig eine falsche Metapher, das kann einem jeder Luftbild-Archäologe sagen. Fichten funktionieren viel besser und verbergen die Umrisse einer versunkenen Siedlung auch vom Himmel aus. Bis dann die Herbststürme wieder einmal heftiger ausfallen als erwartet und dann mehrere Hektar Wald in bloßen Boden verwandeln.

Wo sich Kreuzing nun genau befunden hat, weiß niemand mehr und die alten Karten lassen sich nur sehr ungenau über die neuen legen. Aber die Siedlung und ihre 25 damaligen Bewohner leben in der Bezeichnung des Waldes weiter, der heute Kreuzlinger Forst heißt. Vielleicht ist es auch gar nicht so wichtig, den Dingen immer auf den Grund zu gehen. Manche Dinge lässt man dann doch lieber tief im Boden ruhen.

Alte Geschichte

Der Geschichtsschreiber wirkt langsam,
und mehr auf die Nachwelt (Heinrich Döring, 1835)

“Soziologie ist aber keine richtige Wissenschaft,” hatte der Althistoriker immer wieder zu mir gesagt. Klar, wer ständig einen zeitlichen Horizont von 2000 Jahren vor der Nase hat, dem kommt die industriegesellschaftliche Moderne winzig und vielleicht sogar irrelevant vor. Auf die hat sich die Soziologie nun aber einmal spezialisiert. Leider. Denn deswegen spielt diese Disziplin heute, nach dem Ende der Industriegesellschaft, auch keine besonders herausragende Rolle mehr in der öffentlichen Meinung.

Für den Althistoriker ist an der Moderne nur das wichtig und interessant, was über sie hinausweist, beziehungsweise, was sie von anderen Epochen wie zum Beispiel dem römischen Kaiserreich abhebt. Das alles wird er aber in 200 Jahren ebenso gut an den schriftlichen und steinernen Zeugen ablesen können. Es eilt nicht. Die Gegenwart der Gegenwart ist aus dieser langsamen Perspektive sowieso nur die Vergangenheit von Morgen.

Althistoriker haben Zeit. Sie zitieren nicht das Gerede ihrer Kollegen, sondern greifen in ihren Referenzen gerne weit zurück in die Welt der bleibenden Werke. Wer mit bloßer Hand canabae legionis unter der dalmatinischen Sonne ausgegraben hat, lebt zur Hälfte sowieso in der römischen Kaiserzeit. Und die andere Hälfte stört es auch nicht, wenn sie sich auf Literatur beruft, die geschrieben wurde, als noch niemand absehen konnte, dass der Bundespräsident einmal in einem verregneten Frühsommer beleidigt hinwerfen würde, ja nicht einmal, dass es einmal so etwas wie einen Bundespräsidenten geben würde. Der Althistoriker hat übrigens noch bis in die 70er Jahre hinein auf Latein publiziert. Heute findet man auch in der historischen Fachliteratur zunehmend Übersetzungen lateinischer oder griechischer Zitate.

Die Bücher, die er mir vererbt hat, vielleicht unter missionarischen Hintergedanken, sind teilweise ziemlich alt. Aber nicht manufactum-alt wie die technisch perfekte Nachdruckmassenware, sondern Patina-alt, wie es nur Bücher sein können, die Generationen von Wissenschaftlern zum Nachschlagen aus den Regalen gezogen haben. Leider fehlt der zweite Band des Ur-Paulys von 1835, der Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, in dem die historischen Schlagwörter zwischen By und E ausgebreitet werden. Damals haben die biedermeierlichen Historiker ihre Bücher bei einem Buchbinder in Auftrag gegeben, bevor sie in die Bibliothek kamen. Deshalb lässt sich diese Lücke nicht nachkaufen, ja nicht einmal nachsammeln. Die Kombination von the medium und the message ist hier ein Unikat, ganz zu schweigen von der Patina, die sich wie ein Kopierschutz über Einband und Seiten gelegt hat.

Ich habe aus einem dieser alten Bücher in meiner Doktorarbeit zitiert. Leider konnte der Historiker das nicht mehr erleben. Wahrscheinlich hätte es ihm gefallen, als ein nur für Eingeweihte wahrnehmbares Zugeständnis, dass die schnelle Wissenschaft der Soziologie ohne das langsame zeitliche Gerüst der Geschichte nicht tragfähig ist.

Rote Liste der bedrohten Medien

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Medien entstehen, Medien vergehen. Die junge Wissenschaft der Medienarchäologie hat sich vorgenommen, diesen 5000jährigen Entwicklungsstrom von den ersten geritzten Steinen bis Chatroulette genauer zu untersuchen. Wolfgang Riepl hatte 1913 mit dem folgenden Satz eine Art “Naturgesetz” der Medienevolution formuliert:

[D]ie einfachsten Mittel, Formen und Methoden, wenn sie nur einmal eingebürgert und für brauchbar befunden worden sind, auch von den vollkommensten und höchst entwickelten niemals wieder gänzlich und dauerhaft verdrängt und außer Gebrauch gesetzt werden können, sondern sich neben diesen erhalten, nur daß sie genötigt werden, andere Aufgaben und Verwertungsgebiete aufzusuchen.

Je weiter man jedoch in die Vergangenheit blickt, desto häufiger stößt man auf Medienartefakte, ja ganzen Medienkomplexe, die nicht nur in der Gegenwart nicht mehr in Gebrauch sind, sondern für die nicht einmal ihr ursprünglicher Sinn und Zweck rekonstruiert werden kann. Außer eben, dass es sich um Medien handelt, die menschliche Sinne und Denkprozesse einmal auf irgendeine Weise erweitert haben. Im günstigsten Fall geraten Medien nicht vollkommen in Vergessenheit, sondern werden von kleinen Subkulturen als sinn- oder identitätsstiftende Praktiken adoptiert. Die besten Beispiele dafür sind Phänomene wie die Steampunk- oder Retrofuturismusbewegung.

Was z.B. in der Bronzezeit einmal ein Rechenhilfsmittel gewesen sein könnte, wird heute als Talisman verehrt. Oder Steine, in die möglicherweise die Geschichte eines jungsteinzeitlichen Stammes eingeschrieben wurde oder die für die Zeitrechnung verwendet wurden, werden heute als Kraftorte von esoterischen Reisegruppen besucht. Meine Ergänzung zur Rieplschen These wäre:

Je länger der Verlust der ursprünglichen Aufgaben und Verwertungsgebiete her ist, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass diese Mittel, Formen und Methoden von esoterischen Subkulturen adaptiert werden.

Klar ist, es gibt unterschiedliche Grade der Vergessenheit und des Verschwindens von medialen Praktiken. Daher liegt es nahe, für weit verbreitete, bedrohte, ausgestorbene und wiederauferstandene Medien eine Art “Rote Liste der bedrohten Medien” anzulegen analog zu entsprechenden Listen für das Tier- und Pflanzenreich:

0: ausgestorben oder verschollen
1: vom Aussterben bedroht
2: stark gefährdet
3: gefährdet
R: extrem selten
G: Gefährdung anzunehmen
D: Daten mangelhaft
V: Vorwarnliste (noch ungefährdet, verschiedene Faktoren könnten eine Gefährdung in den nächsten zehn Jahren herbeiführen)

Eine ähnliche Idee hat Bruce Sterling gemeinsam mit Richard Kadrey 1995 zur Formulierung des “Dead Media Manifestos” gebracht, das zunächst die Rieplsche These im Großen und Ganzen akzeptiert, dann aber relativiert:

[S]ome media do, in fact, perish. Such as: the phenakistoscope. The teleharmonium. The Edison wax cylinder. The stereopticon. The Panorama. Early 20th century electric searchlight spectacles. Morton Heilig’s early virtual reality. Telefon Hirmondo. The various species of magic lantern. The pneumatic transfer tubes that once riddled the underground of Chicago.

Leider ist die Seite des “Dead Media Projects” zur Zeit nicht mehr erreichbar – also bezeichnenderweise selbst zu einem toten Medium geworden -, aber über Seiten wie archive.org sind die zahlreichen Notizen zu ausgestorbenen Medien noch erreichbar, darunter zum Beispiel die militärische Nutzung von Brieftauben, der Volksempfänger, die Sonnentelegraphie (Heliographie), ausgestorbene Techniken von TV-Fernbedienungen wie z.B. die Ultraschallfernbedienung, das PALplus-Fernsehformat, Dioramen und Panoramen oder die Camera Obscura.

Nicht nur ist das Dead Media Project und die vielen dort versammelten Notizen (mit der Aufforderung, daraus etwas zu machen, daran weiterzuarbeiten) ein großartiges Beispiel einer slowen Internetseite, die inspiriert und zum Austausch und Weiterdenken anregt. Sondern die Medienarchäologie ist ein sinnvoller wissenschaftlicher Unterbau für unser Slow Media Projekt, da es wie von selbst zu den Fragen führt:

  • Wie bedroht sind die langsamen Medien derzeit?
  • Welche Slow Media sind bereits vom Aussterben bedroht?
  • Wie sieht medialer Artenschutz aus?
  • Was können wir tun, um inspirierende und faszinierende Mediengattungen zu erhalten?

Einen Besuch lohnt auch die Webseite Radiomuseum, auf der es ziele Informationen über ausgestorbene Rundfunktechnologien gibt. Oder diese Seite mit Abbildungen gängiger Audiokassetten.