Hausgäste

Die Zukunft der Kunst: eine neue Arts&Crafts-Bewegung!

[Blogpost in English]

Ein erster, persönlicher Bericht vom Piemonter Share Art Festival in Turin

“Let us invite you to bring the family, the grandparents and the children, and sit on our open-source furniture, relax, even eat something. Fill a wine glass with tomorrow.”
Bruce Sterling

ShareEin Jahr ist es her, dass ich nach Turin gereist bin, um der Eröffung der ‘Casa Jasmina’ beizuwohnen, einem Musterhaus für digitale Open Source Haushaltstechnologie. Durch Bemerkungen bei Vorträgen hatte ich von Bruce Sterling, dem Initiator des Projektes davon erfahren. Wie viele ‘Cyber-Kinder’ war ich Bruce und seinen Gedanken über dreißig Jahre lang mehr oder weniger lose gefolgt. Auch wenn ich immer wieder einige seiner Ideen inspirierend fand, sie in meine Vorträge oder Blogposts eingebaut habe, war es erst sein Buch “Shaping Things“, mit dem ich wirklich etwas für meine Arbeit anfangen konnte. Shaping Things ist ein schmales Bändchen, eher ein Essay. Es war, soweit ich weiß, die erste umfassende Betrachtung, was wirklich passieren würde, wenn die Digitalisierung sich aus der Gefangenschaft des Web befreien und die Welt der physischen Dinge erobern würde, um daraus das ‘Internet of Things’ entstehen zu lassen. Aber vor allem sprach er davon, wie Dinge dann beschaffen sein müssten, um “freundlich” zu bleiben, gutmütig, trotz des totalitären Wesens gobaler Vernetzung und lebensumfassender Datenerhebung.

In Form der Casa Jasmina hatte Bruce angekündigt, gemeinsam mit Jasmina Tešanović, der Namensgeberin der Casa, seine Designtheorie in die Praxis eines wirklich bewohnbaren Hauses zu übersetzen. Es ist eine Sache, über Dinge zu schrewiben, eine ganz andere aber, etwas derartiges in der körperlichen Welt zu bauen, mit allen Einschränkungen, die die Conditio Humana einem dabei auferlegt. Es ist also wenig überraschend, wenn die ‘Casa’, die ich an ihrem Eröffnungstag vorfand eher ein Resonanzraum für unsere Visionen und Erwartungen war, als ein tatsächliches Heim.

Heute, ein Jahr später, hat sich die Casa Jasmina zum offiziellen Veranstaltungsort des Piemonte Share Art Festival entfaltet. Luca Barbeni, der das Share.to seit seinem Start 2006 kuratiert hatte, war nach Berlin ausgewandert, um dort seine NOME Gallery zu gründen, und Bruce Sterling war an seine Stelle als künstlerischer Leiter getreten, um das Festival in Turin gemeinsam mit dessen Co-Gründerin Chiara Garibaldi zu leiten. Dabei sollten sie illustre Unterstützung erhalten, wie etwa von Paola Antonelli, Kuratorin am New Yorker MoMA oder Astronauten-Star Samantha Cristoforetti. Und passend zum Ort legte Bruce fokussierte Bruce die Ausstellung auf “Kunst und Technologie für zu hause”.

Die ‘Casa’ und ihre Bewohner sind ausgesprochen gastfreundlich, und das Willkommen, das wir dieses Mal erleben durften, stand vergangenen Besuchen in nichts nach. Moderne Kunst hatte von Anfang an mit dem Häuslichen zu kämpfen – die meisten zeitgenössischen Kunstwerke sind schlichtweg ungeeignet für normale häusliche Verhältnisse. Diese Eigenschaft hat die Kunst mit Digitaltechnik gemein. Obwohl die meisten Leute “Computer”, ehedem PCs, heute Smartphones und Tablets auch zu hause nutzen, sind diese Geräte nie zu einem integrierten Teil der Haushaltsausstattung geworden. Unsere Digitaltechnik ist unverändert eher Teil unseres Outfits, mehr Accessoir als Haushaltsgerät. Es ist teilweise der überheblichen Anmaßung geschuldet, in der beide – Tech und Kunst – alle Aufmerksamkeit verlangen, ihre apodiktische Moral verkünden, wodurch meiner Ansicht nach beide so schwer erträglich sind, wenn wir sie in den beschränkten Platz unserer vier Wände zwängen. Jasmina Tešanović hat ihre Klage darüber in ihrem flammenden Manifest “Die sieben Wege des Internet of Women Things” zum Ausdruck gebracht, dessen Übersetzung wir ebenfalls auf diesem Blog veröffentlicht haben.

“House Guests” ist der Titel der Ausstellung, und entsprechend geht es hier mehr um das bequeme Zusammenleben von Kunst, Technologie und Menschen, als um Kunst an sich. (Daher möchte ich eine Kritik der Kunstwerke auch auf einen späteren Artikel vertagen).

Video art from seditionart.com displayed on iPads in a frame. Here: Rose Throb by Claudia Hart.
Video-Kunst von seditionart.com auf iPads in einem Ramen. Hier: Rose Throb von Claudia Hart.

In der Ausstellung finden sich zweierlei unterschiedliche Formen von Kunstwerken: Physische Objekte und Videos. Acht Videos, die aus der Online-Kunstplattform seditionart.com stammen, laufen auf weißen iPads, die an der Wand hängen. Diese acht Videos sind nicht interaktiv, lediglich Bewegtbild. Es wäre also genauso gut möglich gewesen, sie einfach der Reihe nach auf einem Laptop laufen zu lassen, an die Wand zu beamen, oder sie auf irgendeinem digitalen Bildschirm zu zeigen. Stattdessen waren die einzelnen iPads in schwarze Halskrausen gerahmt, die Größe etwa die doppelte Bildschrimdiagonale, ähnlich dem bürgerlichen Tafelbild. Die Schwierigkeit mit Video-Bildschrimen, und speziell mit den Bildschirmen von Mobilgeräten wie den iPads ist die totale Beherrschung des Inhalts darauf durch das Medium. McLuhans Beobachtung gilt unverändert, dass Dinge im Fernsehen zu allererst TV sind, und erst in zweiter Linie, wenn überhaupt, der Inhalt, wie etwa ein Spielfilm oder Nachrichten. Diese mediale Festgelegtheit gilt in viel geringerem Maße für Gemälde, Zeichnungen, Drucke oder Skulptur, für die ihr Materia lediglich ein Aspekt eines größeren Ganzen darstellt. Und trotz ihrer voluminösen Krägen haben auch die iPads in der Casa Jasmina nicht viel von ihrer hypnotischen Qualität verloren. Die Kunst darauf verblasste unter dem wunderschönen Flimmern ihrer brillianten Technologie. Diese pornografische Dominanz des Mediums ist auf jeden Fall ein Thema, mit wir uns bei Kunst im digitalen Zeitalter auseinandersetzen müssen.

Catharina Tiazzoldi, Algorithmic Domesticities
Catharina Tiazzoldi, Algorithmic Domesticities
Verglichen mit dem Solipsismus der Videos ging es bei den physischen Objekten sehr viel mehr um wirkliches Zusammenleben. Tischtücher mit algorithmischem Design, Teller mit Dekor, vom Quantified Self inspiriert, Musikinstrumente auf Basis von Microsoft Kinect: Alle möglichen Formen von “zahmer Technologie”, die sich unter die bereits in der Casa vorhanden Gegenständen aus dem Maker Space im Nachbarhaus mischten. Der Anspruch der Kunst in der Casa Jasmina ist nicht hoch, und wir bekommen keine Kunstrevolution verkauft. Während etwa die kürzlich verstorbene Zaha Hadid und ihr Partner Patrik Schumacher den Parametrizismus als das zukünftige Paradigma von Architektur, Design und der ganzen Menschheitskultur schlechthin erklären, gehen die Objekte in der Casa Jasmina eher spielerisch mit den neuen, kreativen Möglichkeiten um, als die nächste Große Erzählung abzuliefern.

AL.TIP slr, Semaforo.A night lamp in maker design.
AL.TIP slr, Semaforo.
Eine Nachttischlampe im Maker Design.
Bei der Kunst in der Casa Jasmina geht es also nciht so sehr um Kunst, sondern um das heimische Haus. Das eigentliche Kunstprojekt ist die ganze Casa selbst, mit allem, das dort von Anfang an stattgefunden hatte. Wie Bruce damals gefordert hatte: Es geht darum, menschliche Werte in technische Gegenstände einzubetten. Gemeinsam mit dem Schöpfer des Arduino Massimo Banzi kämpft Bruce für eine ethische Technologie, die er vor kurzem in einem “IoT Manifest” zusammengefasst hatte: Dinge sollen offen bleiben und einfach zusammenarbeiten. Auch wenn die Sstandardisierung der Benutzeroberfläche der Smartphones einen klarer Vorteil der Produkte von Apple darstellt, so möchte doch wohl kaum jemand erleben, dass die Vielfalt der Kunst durch bevormundende Sterilität eines iTunes Store planiert wird. Eng damit ist die zweite Forderung verbunden, die Nachhaltigkeit. Was nützt eine LED-Lampe zwanzig, die Jahre lang brennen könnte, wenn die Software darauf, die sie “Smart” machen soll, nach zwei Jahren veraltet ist und die Lampe vielleicht sogar unbenutzbar macht? Die geplante verkürzung der Lebensdauer von Hard- und Software war von Anfang an ein Geschäftsprinzip in Silicon Valley. Dabei geht es hier nicht einfach nur um Öko-Lamento, wie neulich erst eindrucksvoll von Google bewiesen wurde, als ältere Gerate der Marke ‘Nest’ ferngesteuert unbenutzbar gemacht wurden, um deren Besitzer zu zwingen, sich neue zu kaufen. Die dritte Forderung ist Fairness. Technologie darf die Menschen nicht ausspionieren. Ich glaube, diese Forderung kann nur verwirklicht werden, wenn wir zentralistische Strukturen für die vernetzte Technik verhindern. Nur wenn wir es schaffen, Netze aus dezentralen, verteilten und autonom funktionierenden Geräten zu spannen, werden wir unsere Privatsphäre zu hause verteidigen können.

Für viele Menschen hat sich zeitgenössische Kunst schon längst aus ihrem Leben verabschiedet – intellektuell abgehoben, einzig der hermetische Ausdruck der Künstlerpersönlichkeit, abgeschlossen und geschützt durch Urheberrecht und geistiges Eigentum – Bitte nicht berühren! Digitaltechnologie entzieht sich ebenfalls unseres Zugriffs. Wen wir die glänzenden Gehäuse der digitalen Geräte öffnen, verwirken wir die Garantie. Die Kunst und Technik in der Casa Jasmina ist offen, freundlich, eine einfache Hausgenossin. Man könnte sagen, dass es ihr an der großen Geste fehlt; sie ist nur komfortabel. Vielleicht ist das aber genau der Punkt. Wir werden wieder interessant gestaltete häusliche Gegenstände bekommen, die nicht einfach nur designte Markenprodukte sind, sondern maßgefertigt an ihre Besitzer angepasst, die ihre Gemachtheit sehen lassen, statt sie ellegant zu verschleiern. Was wir erleben, ist der Aufstieg einer neuen Arts&Crafts-Bewegung. Wie ihr Vorläufer vor 120 Jahren, steht auch Neo-Arts&Crafts gegen den glatten Perfektionismus der industriellen Massenfertigung, und ebenso wie damals, nicht in einem Rückschritt zu vorindustrieller Handwerklichkeit, sondern unter Ausnutzung der neuen Methoden und Werkzeuge unserer Zeit. Und im Gegensatz zum Maker Movement, aus dem sie hervorgegangen war, wird es bei Neo-Arts&Crafts weniger um Technolgie gehen, und viel mehr um Handwerkskunst. Diese Art Nouveau heißt auf deutsch Jugenstil oder Reformstil. Bei der Reform ging es darum, wieder eine bewohnbare Umwelt zu schaffen, in der Menschen ein glückliches und gesundes Leben führen konnten. Wenn Neo-Art-Nouveau ähnlichen Zielen folgen sollte, indem sie offen, nachhaltig und fair ist, bin ich überzeugt, dass sie sich durchsetzen wird. Weit mehr als der Parametrizismus und andere akademische Konzepte, die Kunst wieder zu erfinden, hat diese Kunst das Potenzial ein wesentliches Paradigma der Post-Internet Kunst zu werden.

Und jetzt will ich mehr davon sehen!

Monocle Winter Series

“I’m Tyler Brule. It’s Christmas Eve, the stockings are hung in the mantlepiece, the wind is picking up, the gluhwein is simmering on the stove and I’m here huddled around the christmas tree with editor Andrew Tuck waiting for our culture editor Rob to come in with some more wood for the fire and some extra presents,” das ist das atmosphärische Mise en place der aktuellen Monocle-Winterfolge.

Monocle? Wahrscheinlich kennen die meisten das nur als hochwertig fotografiertes Lifestylemagazin für Kosmopoliten, als eines der Beispiele dafür, wie man auch heute bei Beachtung einiger Punkte des Slow-Media-Manifests noch gutes Geld mit guten Medien verdienen kann (oder vielleicht auch als das München-freundlichste Magazin der Welt). Aber für mich, obwohl ich alle Hefte seit der ersten Ausgabe gelesen habe, ist die Zeitschrift längst nicht mehr das spannendste Produkt des Londoner Verlags.

Jede Woche produziert Tyler Brûlé einen etwa einstündigen Podcast mit den beiden Redakteuren Andrew Tuck und Rob Bound sowie wechselnden Gästen. Im Sommer und im Winter gibt es dann jeweils Sonderserien zu hören, in denen viel Jahreszeitliches diskutiert wird. In der jüngsten Folge zum Beispiel ist neben der hinreißend verkitschten koreanischen Popband W&Whale der Philosoph und Slow-Media-Theoretiker Alain de Botton zu Gast. Er erzählt zum Beispiel von seinem Living-Architecture-Projekt, das mit Hilfe von modernistischen Ferienhäusern die Briten von den Vorzügen der zeitgenössischen Architektur überzeugen möchte.

Besonders faszinierend fand ich aber ein weiteres Projekt von Alain de Botton, mit Hilfe von “Unterhaltungsmenüs” die Gesprächskultur bei Tisch zu fördern. Auf den Speisekarten sind hier nicht nur die Speisenfolge und die dazu gereichten Weine verzeichnet, sondern auch die Konversationsthemen, die den Gästen dieser Runde jeweils zum aktuellen Gang nahe gelegt werden. Sehr schön die Vorstellung, begleitend zu den Fines de Claire den Tischnachbarn nach seinem Sexualleben fragen zu dürfen.

Le Conseil de l’Europe à Strasbourg. Ein Fotoessay.

Im November war ich in den Europarat in Strasbourg eingeladen. Dort fand eine Konferenz statt, die “Assises internationales du journalisme et de l’information”. Die Konferenz in Kooperation mit dem Europarat und dem französischen Kultusministerium hatte den Titel “Du bruit ou de l’info?”. Besonders am Herzen liegt Jérôme Bouvier, dem Organisator der Konferenz, das Thema “slow journalisme” und wie die journalistische Qualität in der heutigen Zeit rentabel sein kann. Ich war eingeladen, auf dem Podium zum Thema “Contre l’Info low cost, vive la Slow Info!” zu sprechen – als Vertreterin des “Mouvement Slow Media allemand”. Mit mir im Saal der Librairie Kléber waren Patrick de Saint-Exupéry, David Dufresne und Thomas Baumgartner, die alle – auf ihre eigene Weise und in jeweils anderen Medien – Slow Media Praxis par excellence betreiben, auf Papier, im Web, im Radio. Sehr gewinnend, dieser Eindruck über den nationalen Tellerrand. Von ihren Projekten und Geschäftsmodellen wird noch im Laufe des kommenden Jahres zu sprechen sein.

Hier nun zunächst, weil sie mich so beeindruckt hat, ein Fotoessay über die völlig abgefahrene retro-futuristische Architektur des Europarates. Sie wurde von dem französischen Architekten Henry Bernard entworfen und stammt aus dem Jahr 1977. So sah damals die Zukunft aus.

Der Plenarsaal von außen, ein organisch geschwungenes Pilzdach. Im umliegenden Gebäudetrakt befinden sich die durchnummerierten Sitzungssäle.

Kabelsalat im Europarat: Der Plenarsaal von innen.

Freie Zirkulation der Ideen: Das Interieur des Conseil de l’Europe im Eingangsbereich. Großartig. Ich widerstehe der Versuchung, den Handlauf als Kugelbahn auszuprobieren.

Die Sitzungssäle: N° 3…

… N° 6

… N° 8

… und die N° 11. Großartig.

Ich kann gar nicht genug davon bekommen.

So sehen die Sitzungssäle von innen aus: Schräge Architektur mit farblich abgestimmten Wänden, Sesseln und Simultanübersetzerkabinen.

Hier kommen schließlich die unterschiedlichsten Nationen zusammen, da wirkt Farbharmonie Wunder.

Ein Sitz im Rat.

Der abgedunkelte Saal 6, während einer Filmeinspielung. Thema der viereinhalb Stunden langen und tiefgründigen Debatte war das Bild der Banlieues in den französischen Medien. Ein sehr französischen Thema. “Dans les banlieues, les journalistes sont hors sol” – in den Vororten sind Journalisten außerhalb ihres Terrains.

Eine kleine Pause: Apéro-Presse. Auch eine sehr lobenswerte französische Erfindung.

Rauchen ist natürlich verboten. Klar, bei den Teppichböden an den Wänden…

Konferenzausrüstung mit Paul Steiger im Hintergrund. Von Pro Publica, New York (er vertritt das philantropische Geschäftsmodell).

Jetzt wieder raus, die geschwungene Treppe hinab. Beim Ausgang den Ausweis zum Auschecken aus der Sicherheitsschleuse nicht vergessen.

Das Gebäude des Conseil de l’Europe von außen: eine Festung. Erkennbar sind die schrägen Außenwände der Sitzungssäle.

Gleich nebenan: Das Europaparlament. Der Taxifahrer sagt, dass die Abgeordneten an drei Tagen im Monat statt in Brüssel in Strasbourg tagen. Als ich vorbeikam, war Licht.

Auf zum Straßburger Bahnhof, auch eine schöne Architektur. Gute 100 Jahre früher als das Gebäude des Europarates, Stahlbögen vom Ende des 19. Jahrhunderts. Von wann war noch der Eiffelturm?

Frankreich. Ein Kranz für die Helden der Résistance unter den Bahnangestellten. Zwölf Minuten Bahnfahrt später bin ich wieder in Deutschland.

[zu der Konferenz in Strasbourg siehe auch diesen Beitrag]
[Essay auch hier veröffentlicht]

Langsame Weihnachten

Da liegt es, das Kindle, auf Heu und auf Stroh
Weihnachtslied, frühes 21. Jh

In der Generation meiner Großeltern und Eltern waren es Pfeffernüß, Äpfelchen, Mandeln, Korinth, die sich artige Kinder zum Weihnachtsfest wünschen konnten. Heute gehören iPad, iPod, DS und PS3 zu den wichtigsten Posten auf den Wunschzetteln der digitalen Eingeborenen zwischen 6 und 12. So wird dieses Jahr der Weihnachtsbaum nicht nur von den brennenden Lichtern, sondern auch von dem kühlen Licht der Bildschirme festlich glänzen. Welche Alternativen hat man? Was schenkt man, wenn man sich den Slow-Media-Ideen verpflichtet fühlt? Welche Geschenke eignen sich dafür, den Blick zu lenken auf die “kleine Zeitlücke, in der sich die Menschen auf Erden einrichten müssen”, wie Harald Weinrich das formuliert?

Eines der wichtigsten Objekte, die eigentlich jeder in seinem Zuhause haben sollte, ist ein ordentlicher Ofen. Wer viel Platz und Zeit hat, findet in den Kleinanzeigen mit etwas Glück in Einzelteile zerlegte herrschaftliche Kachelöfen. Wer weniger von beidem hat, kann sich zum Beispiel bei Attika einen schlanken Kaminofen kaufen, der in ein bis zwei Stunden fertig montiert ist und auch in nicht ganz so herrschaftliche Zimmergrößen passt. Die Folgekosten sollte man nicht unterschätzen, denn das Ofenfeuer möchte man natürlich von einem passenden Sitzplatz aus genießen, so dass früher oder später garantiert je nach Rustikalität auch eine Ofenbank bzw. ein paar hochlehnige Sessel dazu kommen. Nicht vergessen darf man auch die Feuerböcke und den ein oder anderen Blasebalg. Wer auf einen gemauerten Ofen verzichtet, kommt hier natürlich etwas günstiger weg. Aber wenigstens sollte man dann die Cheminées à la moderne von Jean la Pautre aus dem Jahr 1661 auf dem Beistelltisch liegen haben, um sich wenigstens bewusst zu sein, was man verpasst.

Das Thema Nachhaltigkeit hat man mit dem Kamin schon einmal abgehakt. Auch ein paar weitere Forderungen des Slow-Media-Manifests erfüllt man im Handumdrehen, so zum Beispiel die Kommunikation. Wo lässt sich besser über das knappe Leben disputieren als vor einem munter flackernden Feuer. Die Asche ist sozusagen direkt in greifbarer Nähe. Aber auch in einem anderen Sinne agiert man hier nachhaltig, nämlich in der der Wahl des Heizstoffes. Die Wärme kommt nicht aus einer russischen Pipeline, mit der man womöglich noch Berlusconis barocke Orgien mit finanziert, sondern aus heimischen Wäldern – und das gleich auch noch CO2-neutral. Die Qual der Wahl betrifft natürlich die Frage: selbst gehackt oder fremd gehäckselt? Ich halte es so: Wenn sich Besuch ankündigt, der sein Leben normalerweise in Ohrensesseln verbringt, schmeiße ich mich in Lederhose und Loden, greife zur Axt und empfange die Gäste Holzscheit-spaltend vor der Gartenhütte. Der passende Lesetipp ist hier natürlich Thomas Bernhards Holzfällen. Wem das zu übertrieben ist, kann sich das Brennmaterial auch liefern lassen, zum Beispiel aus Wunsiedel, die Tonne Fichten-, Eichen- oder Buchenbrickets zur Zeit um die 200 EUR. Das reicht für einen Winter.

Feuer wirkt am besten, wenn es sich in einem edlen Metall spiegeln kann. Daher sollte man sich das Weihnachtsfest zum Beispiel mit einer Investition in Tafelsilber versüßen. Was ist schöner als das Gefühl, die Bank-Runs und Eurokrisen links liegen lassen zu können und sich von einem wertbeständigen im Atelier der Heilbronner Firma Bruckmann 1925 entworfenen Sahnelöffel die Sahne in den Tee fließen zu lassen, so dass eine herrliche Sahnewolke in der Tasse erblüht. Auch wenn man es vorzieht, den Tee ohne Sahne zu trinken, ist das eine lohnenswerte Investition, vielleicht kündigt sich einmal Besuch aus England oder Ostfriesland an oder aber man “nutzt” das Silber allein des feuerumflackerten Glanzes wegen. Zum Heilbronner Silber gibt es übrigens einen ganz großartigen Katalog der städtischen Museen, den man immer mal wieder antiquarisch erwerben kann.

Was fehlt? Die Musik. Weihnachten ohne Zithermusik ist kein Weihnachten. Wer noch keine Zither spielt, sollte unbedingt das nahende Weihnachtsfest zur Gelegenheit nehmen, dieses Instrument zu lernen. Für mich gibt es nichts, das mehr mit der stillen Zeit verknüpft ist, als der Klang von 35 Saiten in Münchener Stimmung. Wer keine Zither auf dem Dachboden liegen hat – zumindest in Bayern kenne ich niemanden, für den das nicht zutrifft – kann sich auf eBay problemlos ein schönes Instrument zulegen, zum Beispiel eine Zither von Joh. Hornsteiner aus Passau, gefertigt zwischen 1903 und 1925. Allein das meditative Stimmen der vielen Saiten lohnt die Investition in dieses Gerät. Darüber hinaus bin ich sicher, dass die Fingerkoordination des Zitherspiels für die geistige Leistungsfähigkeit eine lebensverlängernde Übung ist. Wer regelmäßig Zither spielt, braucht keine Sudokus mehr. Ich glaube, ich ersteigere gleich noch ein paar Zithern und spende sie den Altenheimen meiner Gegend.

Dazu passt als Lektüre neben den unverzichtbaren Noten – ich habe das Spielen mit der Theoretisch-practischen Zitherschule von Friedrich Gutmann, gekauft in der Königlich-Bayerischen Hofmusikalienhandlung in der Weinstraße 4, gelernt – auch Carl Amerys Untergang der Stadt Passau. Dort kommen zwar keine Zithern vor, aber Passau ist in diesem großartigen Roman schließlich auch schon untergegangen.

Was fehlt? Nach dem glanzvollen und klingenden Festmahl bleibt die Aufgabe, das gute Porzellan und das Tafelsilber wieder auf Vordermann zu bringen. Dafür benötigt man selbstverständlich das geeignete Werkzeug. Die Silberpolitur von Hagerty bekommt man in jedem Drogeriemarkt, die zuverlässigen Quellen für Messertücher, mit dem man die Klingen abtrocknet, sind schon lange versiegt. Hier muss man hoffen, dass ab und zu eine Kollektion dieser unentbehrlichen Textilien den Weg in die Onlineauktionsplattformen findet oder sich selbst auf die Flohmärkte machen.

Aber das wäre fast schon ein guter Vorsatz für das neue Jahr: Für jedes Küchenutensil das passende Tuch.

Weiterlesen:
Slow-Media Weihnachtsgeschenke von jbenno (Teil II)
Let it Slow: Weihnachtsempfehlungen, Teil III

S21: Experiment am offenen Kopfbahnhof

Gestern hat die Schlichtung zum Stuttgarter Bahnhof begonnen. Eine Schlichtung ist nicht neu und nichts Ungewöhnliches. Neu ist, dass diese Schlichtungssitzungen live im Fernsehen und im Internet übertragen werden (hier alle Videos der ersten Sitzung). Das ist ein Experiment, man könnte sagen: ein Experiment am offenen Kopfbahnhof. Der Schlichter Heiner Geißler nennt es ein “Demokratie-Experiment”. Interessant, dass er das Herstellen von Öffentlichkeit mit Demokratie in Verbindung bringt. Ähnlich argumentierte gestern morgen im Tagesgespräch des WDR5 Thomas Krüger, der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung. Er sieht in der öffentlichen Schlichtung eine Chance auf neue Formen der bürgerlichen Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen. Und neue Formen der Demokratie müssen wohl entwickelt werden. Denn immer mehr Bürger scheinen sich von ihren Vertretern nicht mehr richtig vertreten zu fühlen. Wie kommt das?

Die politischen Entscheidungrituale scheinen sich verselbständigt zu haben. So wie sich auch die politische Sprache in Rituale und Floskeln flüchtet.* So wie Talkshows zu Simulationen von Gesprächen geworden sind, in denen jeder nur vorbestimmte Statements ablädt und wieder geht. Es ist die Diskursivität, die hier fehlt – ein zentrales Element in unserem Slow Media Ansatz. Die Bereitschaft, Zuzuhören und einen Standpunkt zu gewinnen – anstatt ihn vorher schon zu haben.

Vielleicht muss unsere parlamentarische Tradition reparlamentarisiert werden. Und zu ihrem Wortursprung zurückfinden. “Parlament”: Das ist da, wo gesprochen wird. Und: Zugehört. Aufeinandereingegangen. Widersprochen. Reagiert. Agiert. Ganz im diskursiven Sinne. Diskurs, das heißt: Da ist etwas in Bewegung. Nicht: Da steht alles schon vorher fest.

Heiner Geißler hat schon im Vorfeld erklärt, dass er auf “völlige Transparenz” setzt. Alles müsse auf den Tisch, “alle Argumente, alle Fakten, alle Zahlen”. Gerade diese Absicht könnte die Politik das Fürchten lehren, darauf wurde schon öfter hingewiesen. Alle Fakten auf den Tisch. Hannes Rockenbauch, der Stuttgarter Stadtrat der SÖS, erklärt (als es bei der Schlichtung um die Frage geht, ob die Fakten auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen): “”Alles auf den Tisch”, das heißt auch: alles ins Netz!”. Da haben wir den Salat. Was machen wir jetzt damit?

Interessens- und parteigeleitete Entscheidungsrituale haben es hinter verschlossenen Türen gewiss leichter. Bedeutet das, dass mehr Transparenz und Öffentlichkeit die Beteiligten zu mehr Sachorientierung zwingt? Das werden wir nun in diesem Experiment beobachten können. Auch, ob sich vor laufenden Kameras wirklich Sachargumente gegen medienerfahren vorgetragene Positionen durchsetzen.

Am interessantesten war für mich, die Gesprächssituation selbst sehen zu können: Wie funktioniert so eine Schlichtung? Sehen sich die Leute an, wenn sie miteinader sprechen? Ist jemand überzeugt von dem, was er sagt? Wer kokettiert mit der Kamera? Wer weicht Antworten aus? Wer ist sicher, wer schwimmt? Wer argumentiert auf Sachebene, wer stellt die Autoritätsfrage?

Alte Entscheidungsmuster und Kommunikationsstrukturen funktionieren nicht mehr. Ich denke, es ist kein Zufall, was grade in Stuttgart passiert. Was noch vor 15 Jahren (also zu Projektbeginn) selbstverständlich war, ist es jetzt nicht mehr. Die Gesellschaft ist jetzt eine andere, Geißler hat selbst darauf hingewiesen, im Zeitalter neuer Medien und höherer Informationsverfügbarkeit: Öffentlichkeit ist heute etwas anderes, und das ist gut so.

Einen Effekt hat das Experiment Stuttgart jetzt schon: “Die Experten sollen bitte das, was sie wissen, in eine Sprache umsetzen, die wir auch verstehen”, fordert der Schlichter Geißler, der sicher auch einen guten Erzieher schwererziehbarer Kinder abgegeben hätte. Keine unnötigen Abkürzungen und Fremdworte, keine unleserlichen, kleinteiligen und unverständliche Powerpoint-Präsentationen. Weil “uns so viele zuschauen”. Die das verstehen und nachvollziehen können wollen.

Was für eine Wohltat, dass öffentlich Verständlichkeit gefordert wird. Wenn mehr Transparenz den Effekt hat, dass Experten verständlich kommunizieren müssen – nun, das allein wäre es doch schon wert.

+ + +

* Dass politische Rede auch anders – sprich: diskursiv – sein kann, führte erst kürzlich der Rhetorik-Experte Prof. Wilfried Stroh in seiner fabulösen Dinnerspeach zum Slow Media Symposium des Forums Wertvolle Kommunikation in Gmund am Tegernsee aus.

Abbildung: Cesare Maccari: Cicero klagt Catalina an. Quelle: Wikipedia.

(Beitrag crossgepostet auf TEXT-RAUM)

Routen

So wenig als möglich sitzen;
keinem Gedanken Glauben schenken,
der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung –
in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern.
(Friedrich Nietzsche)

Gestern passten endlich einmal wieder Terminkalender und Wetter zusammen, so dass ich mit dem Fahrrad die insgesamt 34km zur Arbeit und wieder zurück fahren konnte. Ein bisschen ist das Fahrradfahren durch die Stadt wie das Flanieren – wenn man sich die Zeit dafür nimmt und auch nach rechts und links schaut. Ist Walter Benjamin ein Radler gewesen? Ich denke nicht. Aber zu Benjamins Zeit waren die Autos wohl eher das, was die Räder heute sind.

Besonders angenehm ist an einem solchen Sommertag mit Temperaturen über 30 Grad natürlich die Fahrt aus der Stadt hinaus. Man spürt mit jedem Kilometer, wie das Städtische weicht. Am Stiglmaierplatz und in der Papenheimstraße spürt man noch ganz deutlich die Stadt (obwohl es gar nicht so lange her ist, dass dort, wo heute der Augustinerbiergarten ist, vor den Toren der Stadt die Verbrecher hingerichtet wurden) und radelt an ehemals staatstragend-repräsentativen Bauwerken wie die massige Oberpostdirektion mit ihrem expressionistischen Gebäudeschmuck vorbei – heute hat sich irgend ein halbgebildeter Gentrifizierer in der Hoffnung auf zahlungsfreudige Werbeagenturmieter die sinnfreie Bezeichnung “Art-Deco-Palais” dafür ausgedacht.

Viel zu oft radelt man in der Stadt in einem Pulk. Hier ist die Bezeichnung “Individualverkehr” für das Fahrrad eigentlich gar nicht mehr zutreffend. Die Fahrradkolonne ist in Wirklichkeit schon längst ein öffentliches Personennahverkehrsmittel. Je weiter man sich aber vom Zentrum entfernt, desto mehr Platz hat man zum Fahren. Immer häufiger trifft man auf andere Radfahrer, die nicht in die selbe Richtung fahren, sondern einem entgegenkommen oder den eigenen Weg kreuzen. In der Stadt scheint alles in eine Richtung zu fahren: in die Vorstadt.

Je öfter man denselben Weg zu und von der Arbeit nimmt, desto mehr wird der Weg zur Route, deren Verlauf sich fast schon körperlich in einen hineinschreibt. Meine Route sagt mir genau, an welcher Stelle ich eine Straße überquere und wo ich an einer Ampel stehenbleibe. Sogar die Variationen sind von der Route festgelegt. An mehreren Stellen habe ich die Möglichkeit, von der schnellsten, kürzesten, am besten befahrbaren Route abzuweichen. Aber es sind keine spontan gewählten Veränderungen des Weges, sondern so etwas wie “Standardabweichungen”. Alles andere wäre schon Verfahren. An dieser Stelle hat das Radfahren nicht mehr sehr viel mit dem Flanieren zu tun, wie wir uns das aus 160 Jahren Abstand vorstellen. Wahrscheinlich waren aber auch die professionellen Flaneure des 19. Jahrhunderts viel stärker auf ihre jeweiligen Pfade oder Routinen festgelegt als der Begriff des ungezwungenen, ziellosen Flanieren es uns heute suggeriert.

Wer Tag für Tag immer dieselbe Route nimmt und dabei wenigstens ein bisschen flaniert, wird sensibilisiert für alle Veränderungen, die sich auf dem Weg ereignen. Plakate werden überklebt, Häuser werden abgerissen und neu gebaut, Vorstadtidyllen werden zu Hauptverkehrsachsen oder nationalsozialistische Vorzeigesiedlungen verwandeln sich in, nun ja, ehemals nationalsozialistische Vorzeigesiedlungen mit Stoffsegeldekoration und Buddhastatuen. Manche Veränderungen passieren so langsam, dass man sie ohne den Zeitrafferblick des täglichen Vorbeifahrens gar nicht so richtig erkennt.

Die Gleise der ehemalige Straßenbahnlinie 16 zum Beispiel, die noch bis in die 1980er Jahre zum Lorettoplatz gefahren ist, wachsen von mal zu mal dichter zu, bis man sie kaum noch erkennen kann. Jetzt sollen sie endgültig entfernt werden und an ihrer Stelle soll ein Naturlehrpfad entstehen. Nicht dass ich der Meinung wäre, man müsse alles konservieren und auch die ehemalige Verkehrsinfrastruktur, die viel mehr verrät über das Bild der Stadtplaner von ihrer Stadt als die programmatische Literatur des städtischen Bauamts, unter Denkmalschutz stellen. Aber zumindest dokumentieren sollte man die Spuren, die noch übrig geblieben sind von der Zeit, in der man mit der Straßenbahn auf die Gräber gegangen ist und nicht wie heute mit dem Bus. Überhaupt lässt sich der Rückbau des städtischen Schienenverkehrs hin zum Busverkehr an diesem Beispiel sehr deutlich sehen.

Obwohl in diesem Fall die Dokumentation bereits von den Schienenhistorikern übernommen wurde, die vor allem im Internet alle Veränderungen der Verkehrsnetze dokumentieren. Wahrscheinlich treffen sie sich im Kastaniengarten, Münchens gemütlichsten Eisenbahnerbiergarten im Westend mit ordentlicher kroatischer Küche, und tauschen dort ihre Erinnerungen über historische Fahrten aus.

Irgendwann lässt man dann die Stadt ganz hinter sich und taucht ein in die vorstädtischen Parks wie zum Beispiel den Forstenrieder Park oder Forst Kasten im Südwesten Münchens. Dort ist die Luft zwar noch nicht durchgehend kühler, aber wenigstens fährt man ab und zu durch Flecken, die von der Sonne den ganzen Tag über nicht berührt werden. Oder Flecken, an denen der Boden auch Stunden nach dem Gewitterregen noch aufgeweicht ist und die Pfützen nur langsam verdunsten. Die Luft ist vielfältiger hier. Auch werden die Hunde nicht mehr in Fahrradanhängern durch die Stadt gekarrt, sondern laufen neben den Joggern her.

Wenn die Schienen und die Wendeschleife der Tramlinie 16 schon längst verschwunden sind und allenfalls auf Google Maps oder von Luftbildarchäologen erkennbar sind, werden die Spuren der staatlichen Forstwirtschaft immer noch klar sichtbar sein. Die Geräumten Wege des Forstenrieder Parks oder von Forst Kasten werden auch noch die nächsten dreihundert Jahre überdauern, auch wenn es hier nicht mehr darum geht, das Wild dem jagenden Kurfürsten vor das Gewehr zu treiben.

Langsamkeitspflege

Die eigentliche Innovation, die mit der Hilfe des Bloggens in die Medienlandschaft geschwappt ist, war in Wirklichkeit nie die Echtzeit. Nein, der entscheidende Unterschied zwischen “normalen” Webseiten oder Portalen und Blogs ist das Archiv und die wundervollen Möglichkeiten der “Langsamkeitspflege” (Odo Marquard), die sich daraus ergeben, wie Don Alphonso hier feststellt.

Als Don Dahlmann vor drei Jahren geschrieben hatte, “man soll[t]e echt mal eine Übersicht über die deutsche Blogszene machen, denn da geht sehr schnell, sehr viel verloren,” habe ich das Blog History Project ins Leben gerufen. Der Versuch, eine Übersicht über die Geschichte der deutschsprachigen Blogosphäre aufzuzeichnen.

Von den ersten Anfängen vor 14 Jahren – Robert Braun, Cybertagebuch und Moving Target über die erste Bloggerwelle 2001, die sogar in der ein oder anderen Zeitung bemerkt wurde, bis zu der großen Blogeuphorie Mitte der 2000er Jahre. Jetzt ist diese Geschichtsschreibung selbst schon wieder drei Jahre her, aber das schöne ist: fast alle Blogs und ihre Archive sind immer noch vorhanden. So viel geht hier gar nicht verloren.

Interessanterweise habe ich in der oral history die Erfahrung gemacht, dass sich zentrale Infrastrukturen wie zum Beispiel Postämter, in die fast jeder Bürger einer Gemeinde mehrmals im Jahr, Monat oder gar in der Woche zum Geldabheben, Briefeaufgeben, Telefonnummern nachschlagen etc. gegangen ist, nach dem Abriss allerhöchstens 10 Jahre in der Erinnerung halten.

Teilweise sind sie trotz (oder wegen?) ihrer Banalität und Alltäglichkeit nicht einmal photographisch dokumentiert – oder vielleicht nur auf dem Medium, das alle immer für ebendiese Banalität kritisieren. Ich vermute, dass man auf Twitter mehr Abbildungen des auf seine Weise wunderschönen mittlerweile abgerissenen Aschaffenburger Bahnhofs findet als in den Archiven des Stadtbauamts.

Wahrscheinlich werden wir unsere Blogs auch in 20 Jahren noch kennen und zum Teil immer noch in ihren Archiven stöbern können, während politische Echtzeitfiguren wie Ursula von der Leyen oder Horst Köhler schon längst in verstaubten, vergilbten und mit Spinnenweben verhangenen Winkeln der Wikipedia vor sich hin schlummern. Und das ist gar nicht einmal die schlechteste Entwicklung.

Die Literaturempfehlung hierzu ist das sehr lesenswerte Buch von Florian Aicher und Uwe Drepper über den Architekten Robert Vorhoelzer, den Mittelpunkt der gleichzeitig so bayrischen wie unbayrischen Postbauschule der 1920er Jahre.

Springende Strahlen

So schön auch die Gärten angeleget sind,  ist doch ihre Schönheit wie todt, wenn keine Springbrunnen oder andere Wasserkünste darinnen sind.
(August-Charles d’Aviler, “Von der Verzierung der Gärten”, 1699)

Wir pflegen auf diesem Blog einen eher weiten Medienbegriff. Auch wenn es pensionierten Deutschlehrern und Krypto-Nationalisten ein Dorn im Auge sein mag – wir bleiben bei dem Lehnwort Medium, diesem “Gastarbeiter der Sprache“, der sich nur höchst plump und kaum verständlich durch Überträger oder Mittler ins Deutsche übersetzen ließe. Medien sind für uns alle möglichen Erweiterungen menschlicher Sinne, wie McLuhan das in der Formel “Extensions of Man” gefasst hat. Alles, was der Mensch in der Gegenwart verwendet und in der Vergangenheit verwendet hat, um sich auszudrücken oder um wahrzunehmen, ist für uns Medium genug.

Dazu gehören offensichtliche Medien wie Zeitungen, Zeitschriften oder Onlinedienste, aber auch nicht offensichtliche Medien wie Panoramen, Architektur oder die Haute Cuisine. Sogar die Fontäne hat mediale Eigenschaften. Wer meine Twittermeldungen verfolgt, hat vielleicht mitbekommen, dass ich derzeit mit dem Gedanken spiele, das defekte Steigrohr des Bassins in meinem Garten zu ersetzen. Aber bevor sich ein Nerd an so eine Arbeit macht, wird zunächst einmal die Literatur zum Thema gesichtet. Dabei gilt eine Art impliziter geisteswissenschaftliche Imperativ: “Verrichte jede Tätigkeit so, dass sie zur Grundlage einer Dissertation werden könnte.”

Für mich ist der Medienbegriff in erster Linie eine Werkzeug, präziser: eine Sonde. Man sieht bestimmte Dinge, wenn man Phänomene *als* Medien betrachtet und analysiert. Ob es in Wirklichkeit Medien *sind* oder nicht, ist für mich eher irrelevant. Alles was zählt ist, dass man sie als Medien benutzen und betrachten kann.

Zurück zur Fontäne. Das kunstvolle Wasserspiel ist schon länger ein sterbendes Medium. So bemerkt der Münchner Architekt und Zeichenlehrer Hermann Mitterer 1833 in seiner postum erschienenen Anleitung zur Hydraulik für praktische Künstler und Werkmeister mit vorzüglicher Hinsicht auf das Brunnenwesen:

Die springenden Strahlen wurden vormals als eine vorzügliche Zierde der Gärten angesehen, und kein Garten konnte damahls ohne springende Wässer angelegt werden; in unsern Tagen aber, wo die englische Gärtnerey die vormahlige Französische oder symetrische verdrängt hat, sind diese Kunstwerke fast gänzlich außer Anwendung gekommen. Was noch zum Teil besteht, sind die ganz dicken, und sehr hohen Wasserstrahlen, die sich in einigen fürstlichen Lustschlösschen befinden.

Auch hier also wiederholt sich die oben erwähnte Kritik an Anglizismen, wenn auch bezogen auf landschaftsgärtnerische statt sprachliche Anglizismen. Der Vergleich der Fontäne mit Kunstwerken weist in diesem Ausschnitt aus einem technischen Lehrbuch – der Hauptteil des Textes bezieht sich auf die Berechnung des notwendigen Rohrdurchmessers – schon in die Richtung eines medialen Verständnisses des Wasserspiels und die “englische Gärtnerey” bezeichnet eine Formensprache.


Auf die Medientheorie trifft man in den physikalischen Springbrunnenschriften des späten 18. Jahrhunderts ebenfalls wie etwa in dem Physikalischen Wörterbuch von Johann Gehler, in dem sogar einer der medienwissenschaftlichen Lieblingsbegriffe vorkommt:

Die Theorie der Springbrunnen ist höchst einfach und lässt in ihren Elementen leicht auf die Gesetze und Erscheinungen der communicierenden Röhren zurückführen […] Man drückt diesen Satz auch wohl so aus: das Wasser steigt so hoch, als es fällt.

Die Theorie gleitet hier ab ins Philosophische. Doch wie sieht’s mit der Praxis aus?

Blickt man etwas weiter in die Vergangenheit, zum Beispiel in die Ausführliche Anleitung zu der ganzen Civil-Baukunst des französischen Hofbaumeisters und Vignolisten Augustin-Charles d’Aviler gegen Ende des 17. Jahrhunderts, dann eröffnet der Blick auf die Funktion des Wasserspiels im französischen Garten.

Es geht um das System, die gesamte Grammatik der Gartenbaukunst, in die sich “Springbrunnen oder andere Wasserkünste” einfügen müssen, denn “es stehet zwar ein kleines Bassin in einem grossen Luststück lächerlich; aber eben so ungereimt kommet ein grosses heraus, welches den grösten Theil von dem Luststück einnimmet”. Auch ein zu hoher Trieb bei einem zu kleinen Becken – die runde Form ist zwar die gemeinste, aber zugleich die schönste – ist zu vermeiden, so dass “der Wind das Wasser nicht darüber hinaus treiben kan”. Man denkt zunächst an Gärten, die mit natürlichen Wasserquellen gesegnet sind und womöglich sogar eine Hanglage besitzen, aber auch im Falle eines trockenen, ebenen Gartens sind Wasserkünste möglich:

An Gärten, denen der Platz und das Wasser so vortheilig nicht liegen, kan man das Regenwasser samlen, oder Brunnen graben, und durch Pompen in die Höhe treiben, oder mit Druckwerken.

Regen gibt es hier zur Zeit in der Münchner Schotterebene bei weitem genug. Aber das Bassin ist nicht rund, sondern achteckig und nicht besonders groß. Vielleicht wird es dann doch nichts mit den munter zu Lullys musikalischen Wasserspielen springenden Künsten, sondern eher ein dicker englischer Wasserstrahl.