Archived entries for Literatur

Romantische Liebe

William Blake, Adam and Eve
Mein!

Bächlein, laß dein Rauschen sein!
Räder, stellt eur Brausen ein!
All ihr muntern Waldvögelein,
Groß und klein,
Endet eure Melodein!
Durch den Hain
Aus und ein
Schalle heut ein Reim allein:
Die geliebte Müllerin ist mein!
Mein!
Frühling, sind das alle deine Blümelein?
Sonne, hast du keinen hellern Schein?
Ach, so muß ich ganz allein,
Mit dem seligen Worte mein,
Unverstanden in der weiten Schöpfung sein!


Morgengruß

Guten Morgen, schöne Müllerin!
Wo steckst du gleich das Köpfchen hin,
Als wär dir was geschehen?
Verdrießt dich denn mein Gruß so schwer?
Verstört dich denn mein Blick so sehr?
So muß ich wieder gehen.


O laß mich nur von ferne stehn,
Nach deinem lieben Fenster sehn,
Von ferne, ganz von ferne!
Du blondes Köpfchen, komm hervor!
Hervor aus eurem runden Tor,
Ihr blauen Morgensterne!


Ihr schlummertrunknen Äugelein,
Ihr taubetrübten Blümelein,
Was scheuet ihr die Sonne?
Hat es die Nacht so gut gemeint,
Daß ihr euch schließt und bückt und weint
Nach ihrer stillen Wonne?


Nun schüttelt ab der Träume Flor,
Und hebt euch frisch und frei empor
In Gottes hellen Morgen!
Die Lerche wirbelt in der Luft,
Und aus dem tiefen Herzen ruft
Die Liebe Leid und Sorgen.

“Im Blick des Anderen erfahre ich den Anderen als Freiheit, die mich zum Objekt macht.”
J.P. Sartre, Das Sein und das Nichts

Liebe, “romantische” Liebe – Worte, stets in gefährlicher Nähe zum Kitsch. Romantik als Attribut ist uns ohnehin abgesunken in die tiefsten Kloaken der Maklerpoesie und Hotelprospekte. “Romantik Pur” möchte man ergänzen. Bürgerliche Verbrämung der Sexualität; leere Rituale wie Verlobung und Ehe, mit denen der Spießer heute noch den Adel des 18. Jahrhunderts nachahmt. Und schließlich: eine Ehe nach Bürgerlichem Gesetzebuch mit Ehegattensplitting und Steuerklasse III ist vermutlich so ziemlich das Gegenteil dessen, wie sich Menschen in Liebe verbunden sehen wollen.

Die Publizistin Julia Seeliger hat in den letzten zwei Tagen in beispielhafter Weise dialektisch die Begriffe ‘Liebe’, ‘Gender’ und ‘Sex’ herausgearbeitet. Wie bei Sokrates stellt sie am Anfang eine Frage:

“Haben #Piraten eigentlich auch Frauen vorne, die nicht das klassische Frauenbild (@Afelia und @laprintemps) verkörpern? Ich sehe keine”.(*)

Und wie es sich in der Elenktik gehört, bricht ein Sturm los, denn was bitte soll ein “klassisches Frauenbild” sein? etc. etc.

Aber es wäre nur die halbe Mäeutik, hätte die @zeitrafferin nicht auch die Protreptik drauf: In welche Rollenbilder drückt uns die Gesellschaft? Sind Gender und Sex unabhängig? Ist es Biologie? Kulturelle Anpassung? Gibt es Liebe?

“Romantische Liebe ist ja auch Quatsch. Mit dem Argument sollte man zumindest nicht heiraten.”(*)

Was mich dazu bringt, die “romantische Liebe” hier zu würdigen, auch in der Hoffnung, meinen eigenen dialektischen Beitrag zu der Diskussion zu leisten.

Auch wenn es einer Zeit nie gerecht wird, Universalbegriffe wie “Liebe” pauschal mit der ganzen Epoche zu identifizieren, gibt es ein Konstrukt, das kohärent genug ist, als die romantische Liebe bezeichnet zu werden. Ich kenne kein schöneres Bild der romantischen Liebe, als die zwei Gedichtzyklen “Die schöne Müllerin” und “Winterreise” von Wilhelm Müller, berühmt duch die Vertonung von Franz Schubert. (oben zwei Gedichte aus ‘der schönen Müllerin’, unten aus der ‘Winterreise’) Auch wenn die Handlung des einen Liederkreises im Sommer, die andere im Winter spielt, so ist doch der Untertitel der ‘schönen Müllerin’ eine Aufforderung: “Im Winter zu lesen”. Beide Liederkreise handeln von der Liebe, von unterschiedlicher Sichtweise aus betrachtet, aber gleichermaßen düster und winterlich.

Der junge Müllergeselle in der ‘schönen Müllerin’ verliebt sich in die Tochter des Müllers. Aber es bleibt eine einseitige Liebe – die Müllerstochter ist lediglich das Objekt seiner Zuneigung. Zunächst liest er ihr ganzes Verhalten als Erwiderung; die deutlichen Zeichen der Abwendung und Genervtheit der Müllerstochter schiebt er darauf, dass sie vielleicht unausgeschlafen sei. “Die geliebte Müllerin ist mein! Mein!” Erst als es nicht mehr zu leugnen ist, dass die Angebetete vielleicht doch einen eigenen Willen besitzt und sich schon längst mit dem Jäger verlobt hat, wird dem Müllergesellen sein Scheitern bewusst – er geht.

In der ‘Winterreise’ erleben wir das krasse Gegenteil. Der Mann verlässt seine Geliebte und geht. Die Erzählung hier ist stärker symbolisch, so dass sofort klar wird: der haut nicht einfach ab. Hört man die Lieder der Winterreise bis zu Ende ist deutlich, es geht um den endgültigen Abschied, den Tod. “Will dich im Traum nicht stören, wär’ schad’ um deine Ruh’” – sie wird erwachen und ihn niemals wiedersehen. Um diesem tief traurigen und hoffnungslosen Abschied seine Tragik zu geben, wechselt die Tonart an dieser Stelle in Dur.

Bei der ‘schönen Müllerin’ ist die Geliebte ein Objekt, bis sie sich befreit, indem sie selbst einen anderen Partner wählt. Bei der ‘Winterreise’ endet der gemeinsame Sommer der Liebenden, der Liebende geht, die Liebende bleibt alleine zurrück.

In der Liebe sind wir – wie bei Sartre (s.o.) – Objekt oder machen den anderen zum Objekt. Die ‘schöne Müllerin’ und die ‘Winterreise’ illustrieren genau diese beiden Situationen. Romantische Liebe ist ganz beim Einzelnen. Jeder mag sie für sich fühlen, aber er bleibt für sich. Die Sehnsucht, durch Liebe die Einzelnheit zu überwinden ist die blaue Blume der Romantik.

Tod der Atala
Gute Nacht

Fremd bin ich eingezogen,
Fremd zieh ich wieder aus.
Der Mai war mir gewogen
Mit manchem Blumenstrauß.
Das Mädchen sprach von Liebe,
Die Mutter gar von Eh’ -
Nun ist die Welt so trübe,
Der Weg gehüllt in Schnee.


Ich kann zu meiner Reisen
Nicht wählen mit der Zeit:
Muß selbst den Weg mir weisen
In dieser Dunkelheit.
Es zieht ein Mondenschatten
Als mein Gefährte mit,
Und auf den weißen Matten
Such ich des Wildes Tritt.


Was soll ich länger weilen,
Daß man mich trieb’ hinaus?
Laß irre Hunde heulen
Vor ihres Herren Haus!
Die Liebe liebt das Wandern,
Gott hat sie so gemacht -
Von einem zu dem andern -
Fein Liebchen, gute Nacht!


Will dich im Traum nicht stören,
Wär’ schad’ um deine Ruh’,
Sollst meinen Tritt nicht hören -
Sacht, sacht die Türe zu!
Ich schreibe nur im Gehen
An’s Tor dir gute Nacht,
Damit du mögest sehen,
Ich hab’ an dich gedacht.

Nicht von ungefähr erwächst auf dem Höhepunkt der Romantik eine ganze Philosophie des Einzelnen, der anarchische Egoismus. Alle Wahrheit bleibt meine Wahrheit, genau wie alle Liebe in mir entsteht.

“Den Mittelpunkt der moralischen Freiheit bildet, wie wir sehen, die Pflicht der – Liebe. [...] In der Liebe bestimmt sich der Mensch, gibt sich ein gewisses Gepräge, wird zum Schöpfer seiner selbst. Allein er thut das Alles um eines Andern, nicht um seinetwillen.”

schreibt Max Stirner. Auch wenn wir einzeln lieben, fühlen wir über unsere Handlungen mit dem anderen verbunden. Im Gegensatz zu jeder Form gemeinsamen oder kollektiven Erlebens, präsentiert sich allderdings jeder Einzelne selbst und wird nicht in der Liebe des Anderen zu ihm hin repräsentiert. Es bleibt bei der Zählung-als-Eins und es findet keine Vermassung der Liebenden (z.B. als Paar) statt. In der direkten Nachfolge Max Stirners haben Marx und Engels schließlich die Liebe als herrschaftliches Konstrukt entlarvt, das überwunden werden wird: “Je weiter also die Zivilisation fortschreitet, je mehr ist sie genötigt, die von ihr mit Notwendigkeit geschaffnen Übelstände mit dem Mantel der Liebe zu bedecken, sie zu beschönigen oder wegzuleugnen, kurz eine konventionelle Heuchelei einzuführen, die weder früheren Gesellschaftsformen noch selbst den ersten Stufen der Zivilisation bekannt war und die zuletzt in der Behauptung gipfelt.” (Engels, “Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats”)

Thomas von Aquin breitet in seiner Summa Theologica aus, wie der Glaube sich nicht erzwingen lässt, sondern aus dem Inneren des Gläubigen kommen muss. Glaube ist nach Thomas eine rein mystische Erfahrung. Das führt Meister Eckhart weiter, wenn er uns predigt, dass immer, wenn ein Mensch zum Glauben bereit sei, sich Gott unweigerlich in ihn ergieße, um ihn zu erfüllen. Es bedarf dazu keiner weiteren (religiösen) Handlungen. Wie Thomas und Eckhart den Glauben mystisch sich in den Menschen ergießend sehen, so kann auch die romantische Liebe nur mystisch erfahren werden. Sie ergießt sich ebenfalls unwillkürlich in den Menschen, der für sie bereit ist.

In der Romantik wird dieses unwillkürliche Sichverlieben zu einem der großen Themen (daher kommt dann auch das Bild von der “romantische Liebe” als getrieben, von Innen kommend, im Gegensatz etwa zur höfischen Liebe des Mittelalters oder der Barockzeit). Aber die Liebe wird dabei aber nicht verklärt, wie man sich das heute in der verkitschten Version romantischer Literaturverfilmungen vorstellen mag.

Ein schönes Beispiel solcher unverklärter, fast satirisch dargestellter, romantischer Liebe gibt Alexander S. Puschkin in seinem großartigen Versroman Efgenij Onegin. Tatjana, die Tochter eines Provinz-Adeligen lernt den Petersburger Fürsten Onegin kennen, der sich (wie Puschkin seinerzeit selbst) ins Exil aufs Land geflüchtet hat. Schon ihr Name kennzeichnet die junge Tatjana als ‘gewöhnlich’ und unbeholfen. Und unsterblich verliebt sie sich in Efgenij, den sie sich, ganz unreif und unerfahren, aus seiner Höflichkeit und Galanterie als liebenswerten Menschen erträumt – wo er in der Tat aber ein лишний человек, ein sinnloser Mensch ist, ein Lebemann und Zyniker, der alle verletzt, die mit ihm zu schaffen haben. Aber letztlich kann man Onegin keinen Vorwurf machen – er hat hatte Tatjana nicht um ihre Liebe gebeten. Das Tragische des Einzelnen, der von Liebe erfüllt, doch keinen Weg zum Herz des Objekts seiner Liebe finden kann.

Die romantische Liebe ist mystisch, man kann sich nicht durch Vernunft vor ihr schützen. Alle Reflektion über Gender und kulturelle Prägung helfen nicht, wenn sich ein Mensch in einen anderen verliebt. Daher bleibt alle Genderkritik wirkungslos, solange wir Menschen eben in diesen Körpern unser vereinzeltes Dasein fristen.

Erst die Utopie des Post Gender verheißt uns Erlösung. Wenn wir dereinst unsere menschliche Existenz überwinden und uns durch genetische Ingenieurskunst, biochemische Medikation oder Upload in die Matrix in die Nou-Späre verabschiedet haben werden, wird es vermutlich auch keine mystische, romantische Liebe mehr geben.

Bis die Singularität uns befreit, müssen wir aber wohl noch ein wenig warten.

Die Liebe ist doch eine kulturelle Sache, #Postgender ey!

Suarez, Cline, Stephenson:
die Welt nach der Implosion

Drei Bücher, die ich ganz dringend zum Lesen empfehle:


“Deamon” von Daniel Suarez
“Ready Player One” von Ernest Cline
“REAMDE” von Neal Stephenson

Alle drei im Abstand weniger Monate erschienen – für Literatur also praktisch gleichzeitig. Alle drei haben ein Thema: die “Subkultur”, die man, mangels besseren Begriffs, meist als Netz-Kultur bezeichnet, bricht sich Bahn in die “alte” Welt.

An der Oberfläche entwirft Suarez einen düsteren Verschwörungsthriller nahe am Science Fiction , bei dem die Welt durch ein dezentrales Darknet beherrscht wird. Stephenson bedient ebenfalls das bekannte Genre des “Wir-reisen-um-die-Welt”-Krimis – bei ihm löst ein nerviger Trojaner, mit dem Kleinkriminelle Lösegeld für verlorene Daten erpressen, beinahe ein zweites 9/11 aus. Und bei Cline gewinnt ein armer Junge durch seine Überlegenheit im Online-Gaming ein Milliardenvermögen. Alles also erstmal ganz konventionelle Thriller, mal mehr, mal weniger dazuerfundene Technologie.

Aber dieser konventionelle Rahmen für die Handlung ist, glaube ich, nur Zugeständnis an die Masse der Leser, denn das, was in allen drei Romanen darunter geschildert wird, ist wirklich epochal: das bisherige Macht-System der Welt implodiert.

Das Netz ist für die Helden aller drei Bücher die eigentliche Topografie der Welt. Macht, Geld, Wissen und Beziehungen organisieren sich entlang der Kanten und Knoten des Social Graph. Auch wenn die Schurken zum Teil genauso Net-Savvy sind, wie die Guten – den wirklichen Schaden richten die Anderen an, die Politiker, Polizisten und “Zivilisten”, die nicht vom Netz verstehen und deshalb die Helden und deren Gegner in einen Topf werfen und bekämpfen. In allen drei Büchern widerfährt am Ende den Netz-Underdogs endlich Gerechtigkeit. Ihr Talent wird gewürdigt und ihre elitäre Stellung in der Gesellschaft anerkannt – oder noch mehr: dass es die Hacker sind, auf die es in Wahrheit in der Welt ankommt. Und ich muss zugeben, dass ich beim Lesen ein hohes Maß an Identifikation mit den Protagonisten entwickelt habe, geradezu Stolz, dass “es endlich so weit ist” …

Clines “Ready Player One” ist für mich das beste der drei Bücher. Mag sein, dass mich die poetische Aufarbeitung einer Kindheit in den 80er Jahren und der sehr originelle Durchgang durch die frühe Atari- und Comodore-Kultur berührt, weil es ja auch meine Kindheit war und weil die Dystopie einer Post-Finanzkrisen-Welt der Zukunft dazu besonders scharf und traurig im Kontrast steht.

***

Nachdem ich mich durch alle drei Wälzer mit insgesamt ca. 2000 Seiten gefressen habe, frage ich mich, ob ich mir wirlich wünschen soll, dass meine Generation endlich Rache nimmt, an den Altdenkern, den Netzhassern, diese Diktuphoben. Bei allem Zorn auf die bornierte Netzverweigerung, über die wir uns täglich rauf und runter auf Twitter erhitzen: wenn die drei Bücher einen utopischen Entwurf vermitteln, dann ist dabei ganz schön viel von dem, was mir wichtig ist, überbord gegangen.

Bedrückend empfinde ich, wie wenig Platz für Frauen in diesen Büchern ist. Den Sieg tragen immer Machos davon, die in ihrer regelrecht archaischen Geschlechterrolle als Warrior/Mage krass zu den “weichlichen” Netzfeinden kontrastieren. Am krassesten bei ‘Daemon’, wo die neue Führungselite direkt aus Fightclub entlehnt scheint. Irgendwie ist kein Platz mehr für Philosophie, Psychologie – von Religion ganz zu schweigen, die sowieso das erste Opfer des harten Positivismus dieser neuen Welt so werden scheint.

Diesen Verlust so deutlich zu machen, ist für mich eine der stärksten Aspekte der drei Bücher. Und obwohl ich fest daran glaube, dass wir in der Netz-Kultur vieles vorbereitet haben, was für eine bessere Gesellschaft zum allgemeinen Gesetz werden kann und sollte, sehe ich auch, dass der Wechsel wohl nicht ohne Preis vonstatten geht. Und dabei meine ich nicht, dass wir keine Briefe mehr schreiben.

Amazon Links:
“Daemon” von Daniel Suarez
“Ready Player One” von Ernest Cline
“REAMDE” von Neal Stephenson

Weiterlesen:
Die digitale Kluft
Memetic Turn
Die Moderne ist unsere Antike

Tribales Trommeln

Mein Fleisch soll im Rinnstein verwesen, dass eure Idee in den Himmel kommt?
Bertolt Brecht

Sha! Sha! Sha! Sha!
Neal Stephenson

Im letzten Blogpost habe ich mich gefragt, ob es diese “Spanische Revolution” überhaupt gibt. Eine Stunde später hat sich Paul Ingendaay in der FAZ ebenfalls mit der Frage auseinandergesetzt. Seine Beobachtungen sind sehr fein und gehören mit zu dem Besten, was ich bisher über die Puerta del Sol gelesen habe. Die Schwierigkeiten, die so viele Journalisten bei der Berichterstattung vom Tahrir-Platz hatten – keine Informanten, keine Quellen, keinen Zugang zu den hinter der Revolution steckenden Ideen – treffen auf ihn nicht zu. Er weiß, wen er fragen muss, um herauszufinden, was der Fall ist. Er ist nicht nur journalistischer Tourist, sondern Korrespondent. Das merkt man.

Teppiche in Taschkent

Gute Berichterstattung ist nun einmal sehr viel mehr als, zwei oder drei Kameras und einen Übertragungswagen dorthin zu fahren, wo es knallt, und dann draufzuhalten. Journalismus ist mehr als O-Töne in der Kölner Fußgängerzone oder in Einkaufszentren einzusammeln und hintereinander zu montieren. Komischerweise macht Ingendaay genau das, wenn es um seine digitalen Quellen geht:

Überhaupt das ganze Gezwitschere in den sogenannten sozialen Netzen. Hat sich mal jemand angesehen, was da kommuniziert wird? Vorwiegend heiße Luft.

Nein, das hat bitte keinen “Shitstorm” in der Blogosphäre verdient, dazu ist die Beobachtung viel zu wertvoll! Tatsächlich findet man, wenn man die Twitter-Suchmaschine aufruft und den Begriff “#spanishrevolution” eingibt, kaum belastbares Material. Aber das ist genau dieser Fußgängerzonenjournalismus, für den sich Paul Ingendaay eigentlich viel zu schade sein sollte. Es gibt sie noch, die gehaltvollen Tweets, man muss sie nur zu finden wissen. Dafür braucht es dann aber viel mehr als die Sekundärtugend einer digitalen Grundausbildung, sondern – wie im analogen Journalismus auch – möglichst gehaltvolle Eintrittspunkte in diese Gemeinschaft.

Jacken

 

Es ist ein bisschen wie mit den “Drummers” in Neal Stephensons Diamond Age: Eine merkwürdige tribale Gemeinschaft, deren Funktion und deren Zweck von außen nicht erkennbar sind. Ohne Initiation in diese Gemeinschaft auch kein Anschluss an ihre Informationsstrukturen.

A rhythmic beat had begun to resonatre in their lungs. At first it sounded like drumbeats, but as it drew closer it developed into the sound of hundreds or thousands of human voices chanting in unison: “Sha! Sha! Sha! Sha!”

Straßen von Taschkent

Twitter funktioniert ganz ähnlich. Hier finden keine gesellschaftlichen Debatten statt, sondern viel stärker ist die gemeinschaftliche Selbst-Vergewisserung. Dem sollte man als Journalist aber nicht so schnell auf den Leim gehen. Die Aufgabe des Journalisten, wenn es um digitale Medien geht, ist: nicht nur die Trommeln zu hören, sondern herauszufinden, was die digitalen Stammesgemeinschaften hier gerade schreien.

Radfahren mit Teddy und Schmidt

Na, ne kleine Rundfahrt tut den Beinen gut.
Arno Schmidt

Jedes Mal, wenn ich rennen muss, um eine S-Bahn oder eine Straßenbahn gerade noch zu erwischen, muss ich an Adorno denken. In dem wunderbaren Text “Immer langsam voran” (was für ein slowes Motto!) aus den Minima Moralia beklagt er sich über das Rennen als eine besonders nachhaltige Form der Verrohung. Ganz gleich, ob es ein Passant ist, der einem davon brausenden Autobus hinterher läuft oder ein Kind, das von der Mutter genötigt wird, schnell noch “ein vergessenes Täschchen aus dem ersten Stock zu holen” oder der Gefangene, dem befohlen wird, zu rennen, damit er auf der Flucht erschossen werden kann. Rennen ist “Ausdruck des Schreckens”.

Weinmann Cantilever-Bremse

Der bürgerliche Gang dagegen, das Flanieren oder Spazieren-Gehen ist eine Beschäftigung, für die man Zeit braucht. Zeitvertreib statt Hetze. Das bürgerliche Gehen ist kein Zwang, sondern eine aufrechte Tätigkeit. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich das Gehen von den Vorläufern emanzipiert: vom Lustwandeln des Adels, dem Schreiten des Klerus oder dem Wandern des Handwerkers. Für Adorno hat diese Perversion eigentlich keinen Grund, da es für die schnelle Fortbewegung ja Autos gibt. Für alles andere genügt das Gehen. Aber Adorno sieht hier (noch) nicht die Grundvoraussetzung des Gehen-Könnens: Die Zeit! Das ganze Lebensarrangement, das dahinter steht und dem Bürger erlaubt, sich in einem humanen Tempo fortzubewegen. Gehen passt nur in einen entschleunigten Lebensstil.

Maillard

Klar, Adorno setzt das Gehen vor allem gegen die hochindustrialisierte Welt mit ihrer Geschwindigkeitskultur, gegen die gewaltigen Kräften der motorisierten Lebenswelt. In einem anderen Fragment (“Nicht anklopfen”) schimpft er über die gewalttätigen, barbarischen wenn nicht gar faschistoiden Geräusche und Gesten einer Menschheit, die von den Dingen genötigt wird, zum Beispiel Türen nur noch zuzuwerfen und nicht mehr “leise, behutsam und doch fest” zu schließen. Auch diesen Gedanken hatten wir in diesem Blog immer wieder erwähnt: Das Versklavt-Werden durch die Dinge als der erbitterte Gegner der Entschleunigung.

Simplex

Merkwürdig, dass das Fahrradfahren Adorno keiner Erwähnung würdig ist. Hier leben die von ihm wehmütig verabschiedeten selbstbewussten bürgerlichen Gesten, Haltungen und Geräusch fort. Das Schnurren einer frisch eingefetteten Rohloff-Kette durch Ritzel und Kettenblatt. Die aufrechte Haltung des Fahrers. Und vor allem das Tempo, das genau zwischen dem adornitischen Fortbewegungsgeschwindigkeitsdualismus zwischen Gehen und Fahren passt. Kurz, man kommt schneller ans Ziel als zu Fuß, muss sich aber nicht verbiegen – wenn man nicht gerade in Unterlenkerhaltung den Kesselberg hinuntersaust.

Aber auch das Radfahren bewegt sich in Richtung Barbarei, könnte man mit Adorno vermuten. Früher hießen Fahrräder nach dem Sportler oder Ingenieur-Sportler, der die Manufaktur begründet hatte (manchmal war auch ein Opernsänger dabei): Giovanni Battaglin, Bernd Müsing, Ernesto Colnago, Edoardo Bianchi, Irio Tommasini, Alessandro Batelli, Francesco Moser oder Konrad Kotter. Heute wecken die Namen eher Assoziationen von militärischen Feldzügen (“Cannondale”) oder erinnern an wilde Tiere (“Bulls”).

Eine der größten Radfahrererzählungen hat übrigens Arno Schmidt mit “Schwarze Spiegel” geschrieben. Sie spielt in einer postapokalyptischen Ära nach der “Menschenzeit”. An die Zeit vor der nuklearen Katastrophe erinnern nur noch die mittlerweile zu Skeletten verwitterten menschlichen Überreste in den ansonsten gut erhaltenen Bibliotheken, Schulen oder Kasernen. Auch die Straßen sind einsam geworden: “Früher waren auf den Asphaltbändern lautlos Autolichter geglitten : Jetzt herrschte nur noch der Mond”.

Muffen

Dieses postindustrielle Setting – Assoziationen an Fukushima und Peak-Oil machen das Thema hochaktuell – ist eine Welt der Fahrräder. Ohne Pipelines oder Tankschiffe, die uns mit Öl versorgen, wird das Fahrrad zum wertvollsten Besitz, zum einzigen Garant für eine Mobilität. Gerade, wenn man sich inmitten der zusammengebrochenen Welt noch ein letztes bisschen Würde und Zivilisation bewahren möchte und es nichts mehr zum Flanieren gibt, ist das Fahrrad die einzige Wahl – zumindest so lange, bis auch die letzten Autobahnen von der Wildnis eingeholt worden sind -, denn

ein Fahrrad zu führen ist wunderbar ! Und diese leeren Orte noch schöner; auf der Kreuzung fuhr ich acht Kreise, als ich Rücktritt nahm, stand ich wie eine Mauer

Was empört uns?

Als ich vor fünf Wochen das Büchlein “Indignez vous!” aufschlug, um den Essay des 93Jährigen Stéphane Hessel zu lesen, passierte etwas Besonderes. Ich legte nach wenigen Zeilen das Buch beiseite, stand auf, holte mir einen Bleistift und setzte mich wieder zum Lesen. Mit dem Stift in der Hand, um Stellen anzustreichen und mir Notizen zu machen.  Das habe ich seit Jahren nicht mehr getan. Die letzten Anstreichungen in meinen Büchern stammen noch aus meiner Studienzeit.

Ich weiß nicht genau, wie diese Wirkung zustande kam. Vielleicht war es die Unumwundenheit, mit der ein Mensch geradeheraus und unumstößlich feststellt, dass wir Prinzipien und Werte brauchen. Das ist ungewöhnlich, obwohl doch die Menschrechte für uns alle eigentlich selbstverständlich sind.

Stéphane Hessel hat noch etwas zu sagen, bevor er geht. Er spricht von Verantwortung. “La responsabilité de l’homme qui ne peut s’en remettre ni à un pouvoir ni à un dieu” (p. 13). Er meint damit die Verantwortung als Mensch, die man an niemanden abgeben kann, die nicht delegierbar ist.  Hessel wünscht uns Nachgeborenen (und das sind wir in Anbetracht seines Alters wohl alle) Gründe zur Empörung, die uns an diese Veranwortung erinnern, an die Notwendigkeit für etwas einzustehen und zu handeln.

“Je vous souhaite à tous, à chacun d’entre vous, d’avoir votre motif d’indignation. C’est précieux.” (p.12)

Mehr noch fordert er, diese Gründe zur Empörung, die Dinge, die unerträglich und nicht akzeptabel sind, “les choses insurportables”, gezielt zu suchen: “Pour le voir, il faut bien regarder, chercher.” (p.14). Hessel rät, hinzusehen und sich der Differenz zwischen dem “wie es sein sollte” und dem “wie es ist”, auszusetzen, sie auszuhalten und Empörung zuzulassen. Erst aus der empfundenen Differenz zwischen Ideal und Realität entspringt Handeln. “L’indifférence: la pire des attitudes”, lautet der konsequente Umkehrschluss. Denn Indifferenz verhindert das Handeln.

Empörung, unsere Preziose. Das finde ich interessant. Was empört uns eigentlich? Was wäre in der Lage uns zu entrüsten?  Was würde uns auf die Barrikaden gehen lassen?

Zu meinem Beitrag, den ich über Hessels Buch schreiben wollte, bin im Januar nicht gekommen. Es passierte soviel anderes. Inzwischen gibt es eine deutsche Übersetzung von Michael Kogon. Ich nehme sie zum Anlass, dieses Büchlein mit seinen lesenwerten 20 Seiten hier doch noch zu empfehlen, und zwar nachdrücklich. Es ist ein Buch, das sich wunderbar teilen und verschenken läßt.

Zwischen meiner ersten Begegnung mit dem französischen Essay und seiner deutschen Übersetzung liegen nur wenige Wochen. Aber was für Wochen! Tunesien, Ägypten, Libyen liegen dazwischen. Wieviel gerechte Empörung liegt darin. Wieviel Erstaunen unsererseits, dass Menschenrechte tatsächlich etwas sind, wofür Menschen bereit sind, ihr Leben zu riskieren, vor unseren Augen.

Ja, Stéphane Hessel lächelt dieser Tage, wenn er im Fernsehen auf die Lage in der arabischen Welt angesprochen wird.

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Stéphane Hessel hier ab min 4:30 (ard, Beckmann)

Stéphane Hessel: Indignez-vous! Indigène éditions, Montpellier, décembre 2010. 6 €

Stéphane Hessel: Empört Euch! Aus dem Französischen von Michael Kogon. Ullstein, Berlin 2011. 3,99 €

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Nachtrag in eigener Sache:

Ganz am Ende, nachdem ich dem alten Herrn schon längst erlegen war, entdeckte ich diese Textstelle, die Stéphane Hessel als Slowmediavisten decouvriert:

“La pensée productiviste, portée par l’Occident, a entraîné le monde dans une crise dont il faut se sortir par une rupture radicale avec la fuite en avant du “toujours plus”, dans le domaine financier, mais aussi dans le domaine des sciences et des techniques. Il est grand temps que le souci d’éthique, de justice, d’équlibre durable devienne prévalent.” (p. 20)

Hier in deutscher Übersetzung:

“Das im Westen herrschende materialistische Maximierungsdenken hat die Welt in eine Krise gestürzt, aus der wir uns befreien müssen”, schreibt Hessel. “Wir müssen radikal mit dem Rausch des ‘Immer noch mehr’ brechen, in dem die Finanzwelt, aber auch Wissenschaft und Technik die Flucht nach vorn angetreten haben. Es ist höchste Zeit, dass Ethik, Gerechtigkeit, nachhaltiges Gleichgewicht unsere Anliegen werden.” (S. 19f.)

 

 

Slow-Media Weihnachtsgeschenke von jbenno

Nach Benedikts Langsamen Weihnachten bin ich heute dran, mit vier ganz materiellen Geschenken, die sich im weiteren Sinn um das Sammeln drehen.

1. Das Periodensystem der Elemente – in echt

“The Periodic Table is the universal catalog of everything you can drop on your foot. There are some things, such as light, love, logic and time, that are not in the periodic table. But you can’t drop any of those things on your foot.”
Theodore Gray, The Elements

Sammeln ist eine wunderbare Sache. Eine Sammlung setzt ein System voraus, eine Ontologie: man muss schließlich wissen, welche Dinge in die Sammlung gehören, und welche man weglassen kann. Am schönsten ist Sammeln, wenn man bestimmte Objekte der Sammlung nur sehr schwer bekommt. Zum einen, weil man eine gute Gelegenheit hat, “auf die Jagd zu gehen”; bei guten Sammlungs-Gegenständen wird man regelrecht auf Reisen gehen müssen, um die letzten, fehlenden Stücke zu bekommen – und entlang dieser Reisen kommt man zu Plätzen, zu denen man “normalerweise” nie gefahren wäre! Zum zweiten, weil der subjektive Wert der fehlenden Sammlungsstücke immer weiter steigt, je weniger einem fehlen – das letzte fehlende Stück mag gar den Wert der ganzen restlichen Sammlung aufwiegen.

Das Periodensystem der chemischen Elemente ist eines der schönsten, von natur vorgegebenen Sammungssysteme. Die wenig mehr als hundert verschiedenen Atome mit ihren Isotopen, sind gewissermaßen das Alphabet der Materie.

Elementsammlung
Es gibt einige gute Gründe, diese Elemente zu sammeln: es ist lehrreich; wichtige Eigenschaften der Materie werden einem in eigener Anschauung sofort klarer, als es je durch Nachlesen möglich ist; zum Beispiel folgen die Eigenschaften der Elemente einer schöne Regelmäßigkeit, fast einer Art Melodie. Ordnet man sie, ihrer (Atom-)Masse nach an und bricht die Zeilen jeweils bei den Edelgasen um, wird diese Periodizität wirklich anschaulich. Dann gibt es Elemente, die extrem schwer zu beschaffen sind – weil sie sehr giftig sind (Thalium zum Beispiel; dann muss man vielleicht sogar darauf verzichten …), weil sie sehr reaktiv sind, also unverzüglich mit anderen Elementen chemische Verbindungen eingehen (die Halogene) oder radioaktiv zerfallen (etwa Polonium), weil sie sehr flüchtig sind (Helium diffundiert über die Zeit z. B. selbst durch sehr dichte Behälter), oder weil sie einfach sehr sehr teuer sind (wie etwa die Platin-Metalle oder gar Diamant, der als natürliche Form von Kohlenstoff nicht fehlen darf!).

Aber – wie bei vielen Sammlungsgebieten – wird man als Elemente-Sammler nicht allein gelassen. Es gibt einige Spezialversender, die einem bei der “Grundausstattung” der Sammlung helfen – und es gibt eine weltweite Community, deren Mitglieder oft gerne bereit sind, zu tauschen oder Doubletten abzugeben. Es gibt schöne Bücher zum Thema (die wir in diesem Blog auch schon empfohlen haben). Ganz großartig auch die Video-Serie “periodicvideos.com” des genialen britischen Videomachers Brady Haran – und die wunderbare Periodic-Table-App für’s i-Phone.

Eine Sammlung von Elementen aufzubauen, wird man über Jahre hinweg. Weihnachten ist eine gute Gelegenheit, damit anzufangen!

Nützliche Links zum Start der Sammlung:
Periodictable.com von Theodore Gray.

RGB Research Ltd., Smart Elements und Metallium, bei denen man man Muster fast aller Elemente kaufen kann.


2. Zettels Traum: endlich gesetzt

jaja;ganz=allgemein:’Sâmmler’ kommt von ‘Samen’/

Zettels Traum von Arno Schmidt war die allererste Empfehlung in diesem Blog. Es ist eines der slowsten Bücher überhaupt, schildert es doch in seinem ungeheuren Umfang die Ereignisse nur eines einzigen Tages und bleibt beschränkt auf einen einzigen Ort.

Zettels Traum

Das Buch war, als es erstmals verlegt wurde aus editorischer Not nicht gesetzt, sondern lediglich als Typoskript fotografisch vervielfältigt worden. Jetzt, nach vierzig Jahren, kann man es endlich in lesbarer Form genießen. Und man sollte bald damit beginnen, denn wenn man jeden Tag eine Seite durcharbeitet, ist man nach vier Jahren durch!

Arno Schmidt: Zettels Traum. Bargfelder Ausgabe. Werkgruppe IV: Das Spätwerk: Band 1. Standardausgabe
Suhrkamp Verlag ISBN 978-3518803103


3. Papier von Gmund

Gmund Papier

Papier ist ein wunderbares Medium – es hält seinen Inhalt unter einigermaßen guten Bedingungen über Jahrhunderte lesbar. Keine Abspielgeräte sind notwendig, keine Stromversorgung.
Hab ich selbst vor einiger Zeit geschrieben.

Die Papierfabrik in Gmund am Tegernsee stellt das schönste Papier her, das ich kenne. Größere Sorgfalt bei der Produktion eines so alltäglichen Materials, habe ich noch nirgends je gesehen. Selbstverständlich folgt die Produktion den Regeln der FSC und strengsten ökologischen Auflagen – das Fabrikgebäude steht direkt an der Mangfall, aus der das Trinkwasser für München entnommen wird.

Und nichts ist besser, als auf die schöne Oberfläche der Gmund-Papiere mit einem weichen Bleistift zu schreiben.

Website von Gmund Papier: http://www.gmund.com


4. Collator Papiersammler

Vom Sammeln und von Papier haben wir schon gesprochen. Zum Schluss also die Empfehlen, wohin man dann eben Papier sammeln kann. Statt unübersichtliche Haufen daraus zu schichten oder die Blätter zu lochen und bürokratisch in Ordner abzuheften, bietet der Collator Papiersammler von Radius Design einen schönen Mittelweg. Konstruktion und Material sind denkbar einfach; Zeitschriften, Manuskripte, Notitzen – selbst die Belege der Reisekostenabrechnung verlieren ihren Schrecken.

Collator-Seite bei Radius-Design.com

Collator

Weiterlesen:
Langsame Weihnachten (Weihnachtsempfehlungen, Teil I)
Let it Slow: Weihnachtsempfehlungen, Teil III

Slow Coding

von Regine Heidorn, Bit-Boutique®.

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Die atemberaubende Geschwindigkeit, in der manche Produkte des Programmierens wie Software oder Webseiten zu entstehen scheinen, mag darüber hinwegtäuschen, daß Programmieren keine schnelle Tätigkeit ist.

Code is poetry – der von WordPress okkupierte Slogan – steht für eine der vielen Bewegungen digitaler Poesie, die mit dem Erscheinen der Zuse-Großrechner seit Mitte der 1950er Jahre entstand. Künstliche Texte entstehen durch programmatisches Austauschen von Wörtern, etwa die Anweisung “Ersetze jedes n-te Substantiv eines Textes durch das an n-ter Stelle folgende Substantiv in einem bestimmten Wörterbuch“ – eines der Experimente der 1960 in Frankreich gegründeten Gruppe Oulipo (Ouvroir de Littérature Potentielle, Arbeitsgruppe für Potentielle Literatur), die Texte als Werkstoffe betrachtet und unter Labor-Bedingungen die Potentiale der Ästhetik künstlicher Texte auslotet.

Code is poetry – in Bezug auf die Produktion von Programmiercode verdichten sich Anforderungen an effiziente, weil dichte Textproduktion. Gekennzeichnet von möglichst wenigen Zeilen Code unter Verwendung möglichst weniger Zeichen in möglichst klarer Benennung sowohl der Elemente der zugrundeliegenden Programmiersprache als auch der vom Autor frei wählbaren Elemente wie Variablen und Funktionen. Je weniger Zeichen und Zeilen Code desto weniger Tipp-Arbeit bei der Text-Entstehung. Je sprechender die Bezeichnungen, je semantisch unmißverständlicher, desto leichter die Wartbarkeit. Zahlreiche Diskussionen über die Struktur einer optimalen Programmiersprache landen bei diesen Grundanforderungen.

Der Sinn von Programmierung besteht darin, ähnlich der Fließbandfertigung von Massengütern Abläufe in wiederkehrende Schritte zu unterteilen. Damit ist ein erstes Kriterium für den Einsatz von Programmierung definiert: der zu programmierende Prozess wird konzeptionell vorweggenommen und der Aufwand geschätzt. Wer hier zu viel Schnelligkeit antizipiert, riskiert aus dem Ruder laufende Budgets. Mithin, um im Bild zu bleiben, Projekte, die nicht mehr steuerbar sind. Damit offenbart sich ein weiteres Kriterium für den Einsatz von Programmierung: der Aufwand für die Programmierung bemißt sich nach dem definierten Ziel eines Arbeitsschrittes oder aus mehreren Arbeitsschritten bestehenden Arbeitsablaufs. Die Transformation in eine Programmierung lohnt sich, wenn der Aufwand für die Erstellung eines programmierten Produkts und dessen Integration in die bestehenden Arbeitsabläufe die Aufwände für die zu ersetzenden Abläufe unterschreitet.

Diese Vorgehensweise setzt voraus, daß der Aufwand für eine Programmierung im Voraus festgesetzt werden könnte. Dabei ist es selten möglich, auf bereits vorhandene Software oder eine Sammlung von Skripten zuzugreifen, ohne diese auf die tatsächliche Verwendbarkeit im spezifischen Fall zu prüfen. Programmierprozesse umfassen eine Vielzahl von Grundvoraussetzungen, die einem permanenten technischen Wandel unterliegen: die gewählte Programmiersprache selbst unterliegt genauso wie unsere Alltagssprache einem ständigen Wandel. Manche wohlvertrauten Script-Libraries oder Frameworks werden nicht mehr aktualisiert, (neue) Hardware ist inkompatibel zu etablierten Programmier-Gewohnheiten, die Nutzung veralteter Hard- und Software beim Auftraggeber verhindert die Anwendung bereits in den Programmierablauf übernommener Neuerungen, möglicherweise wurde die Hard- und Software-Umgebung, für die programmiert werden soll, bereits so oft spezifisch gepatcht, daß es schon gar nicht mehr möglich ist, diese überhaupt zu erweitern. Wenn dann noch unverständliche oder gar keine Dokumentation vorliegt, steigt der Aufwand ins Unermeßliche. Ständig werden Sicherheitslücken entdeckt, die die Verwendung bisher valider Script-Schnipsel obsolet machen. Performance-Einbußen durch eine bestimmte Art der Programmierung ab einer gewissen Projektgröße kann eine komplett ungewohnte Herangehensweise nötig machen.

All diese Bedingungen machen eine Fähigkeit des Programmierers zur Grundvoraussetzung: das Wiederlesen. Wiederlesen des eigenen Codes auf Aktualität und Kompatibilität. Wiederlesen des Codes Anderer, in den eigene Ergänzungen gepatcht werden. Wiederlesen der Programmiersprache(n), um zu überprüfen, welche Bestandteile zur Umsetzung des individuellen Projektziels geeignet sind. Wiederlesen des Codes im Hinblick auf die Kriterien Sicherheit und Kompatibilität. Daher leben Programmierer in dem Bewußtsein, daß ihre Arbeit zum Zeitpunkt der Auslieferung zwar auf dem neuesten Stand der Technik ist, jedoch trotzdem bereits veraltet.

“Wieder lesen, eine Verrichtung ganz gegen die kommerziellen und ideologischen Gewohnheiten unserer Gesellschaft, die uns die Geschichte ‘wegzuwerfen’ heisst, sobald sie einmal konsumiert ist (…) so daß wir dann zu einer anderen Geschichte weitergehen, ein anderes Buch kaufen können … Wieder lesen wird hier empfohlen, um anzufangen, denn es allein rettet den Text vor der Wiederholung (diejenigen, die es nicht schaffen, wieder zu lesen, sind genötigt, überall dieselbe Geschichte zu lesen).“

stellt Roland Barthes 1981 fest.

Das Wiederlesen rettet den Code davor, seine Geschichte zu wiederholen: Inkompatibilitäten und Sicherheitslücken zu reproduzieren. Umständliche Programmierung und unverständliche Benennungen durch nicht reflektierten Gebrauch von vorhandenem Code zu zementieren. Für das aktuelle Projekt unnötige Funktionen zu übernehmen, die sich zu unkalkulierbaren Fehlerquellen auswachsen können. Routinen weiter zu transportieren, die möglicherweise gar keine Funktion mehr haben, weil sie allein für eine bestimmte Bedingung im vorhergehenden Projekt nötig waren.

„Diejenigen, die es nicht schaffen, wieder zu lesen, sind genötigt, überall dieselbe Geschichte zu lesen“ – genau das passiert z B bei Webdesignern, die Anfang der 90er Jahre ihr Handwerk erlernt haben und seither ihre Code-Produktion nicht mehr geändert haben. Das Resultat sind Webseiten, deren Basis veralteter Code ist und die an neuere Entwicklungen, wie beispielsweise mobile Internetnutzung, nicht anschlußfähig sind. Überflüssig zu erwähnen, daß dieses Wiederlesen Zeit benötigt, genauso wie das Abklopfen der Bedingungen für die Programmierung, um ein realistisches Projekt-Budget und einen realistischen Zeit-Plan aufstellen zu können.

Code is poetry – im Gegensatz zur Prosa ist Poesie dicht – wenige Wörter transportieren verdichtete Bedeutungen. Die auch in Programmiersprachen permanentem Wandel unterzogen sind und gegebenenfalls triviale Redundanzen produzieren können. “For the master craftsperson, great code and great poetry are lean and trim, with no excess of words or other unnecessary elements.“ meint Matt Ward im Smashing Magazine. Programmieren ist ein kreativer Prozess, der Konzentration erfordert. Slow Coding ist daher kein sophistisches Postulat ästhetischer Polemik, sondern eine semantische Redundanz, ein Pleonasmus. Der als rhetorische Figur dennoch Aktualität besitzt, da die atemberaubende Geschwindigkeit, in der manche Produkte des Programmierens wie Software oder Webseiten zu entstehen scheinen, darüber hinwegtäuschen mag, daß Programmieren keine schnelle Tätigkeit ist.

“So literature collapses before our eyes” –
Non-Commodity Production

McLuhan’s tetrad-model: four aspects of the effect of media on culture and society. This example Print and the second one Xerox are quoted from “The Global Village” by McLuhan and Powers, Oxford University Press 1989.

The idea of copyright – the right to retain publication of one’s own words – is much younger than other forms of intellectual property laws. Patents to protect the economic exploitation of technological invention, for example, have been granted by the city’s sovereign since the times of ancient Greece. But not sooner than in the 18th century the perceived value added to a society and its economy by the written word would justify a legal concept to aliment writers. The first copyright law clearly formulates this goal in its title: “An Act for the Encouragement of Learning, by vesting the Copies of Printed Books in the Authors or purchasers of such Copies, during the Times therein mentioned“, also called the Statue of Anne.

Yesterday, Bruce Sterling cried out his concern about the future of literature in three Tweets:

“*Economic calamity that hammered music hits literature. The “solution” for writers? There isn’t one.
So literature collapses before our eyes, while the same fate awaits politics, law, medicine, manufacturing… finance and real estate…
Diplomacy, the military… we’re not gonna die of this, but man, the deeper 21st century looks like nothing anyone ever imagined.” (1,2,3)

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