Archived entries for Slow theory

Das postdigitale Zeitalter

The digital revolution is over.
Nicolas Negroponte

Slow Media, also der Fokus auf bewussten, nachhaltigen Mediengebrauch, ist nur eine Strömung inmitten einer sehr viel größeren Entwicklung. Man könnte es ungefähr so formulieren: Wir leben längst in einem postdigitalen Zeitalter. Aber was genau bedeutet postdigital? Der Begriff ist wie die meisten Post-Begriffe äußerst anfällig für Missverständnisse, ja scheint sie sogar herauszufordern. Postdigital heißt gerade nicht, dass digitale Technologien und digitale Medien heute keine Rolle mehr spielen. Genau das Gegenteil ist der Fall: Die tiefe und nachhaltige Durchsetzung der Digitalisierung ist eine notwendige Bedingung für den postdigitalen Zustand.

Darin unterscheidet sich “postdigital” nicht von ähnlich konstruierten Begriffen wie “postmateriell” oder “postkolonial”. Wer von Postmaterialismus oder postmaterialistischen Milieus spricht, meint ebenfalls nicht, dass sich hier bestimmte Bevölkerungsgruppen von ihren materiellen Lebensgrundlagen – ihrem Stoffwechsel mit der Natur – getrennt hätten und nun engelsgleich über den Dingen schwebten. Stattdessen geht es um Personen, deren materiellen Grundlagen nicht mehr im Mittelpunkt ihres Lebens stehen. Nicht die Trennung von den Dingen ist entscheidend, sondern vielmehr eine Art gesunde Langeweile oder Indifferenz ihnen gegenüber. Postmaterialismus heißt, sich nicht mehr von den Dingen gefangen nehmen zu lassen, sondern sie mit einer gleichgültigen Haltung zu gebrauchen.

Ganz ähnlich ist der Begriff “Postkolonialismus” gestrickt, der natürlich die Ära des Kolonialismus ebenso wie ihre oft gewaltsame Aufhebung voraussetzt. Auch hier ist nicht gemeint, dass sich die postkolonialen Subjekte nun völlig unabhängig von den jahrzehntelang etablierten kolonialen Verwaltungs- und Herrschaftsstrukturen lebten. Aber die ehemaligen kolonialen Strukturen und Verflechtungen sind jetzt nicht mehr der Feind, der auf jeden Fall bekämpft werden muss (“Antikolonialismus”), sondern ein Fundus an Techniken und Ideen, die instrumentalisiert werden können.

Wie lässt sich dieser Konzept auf das Digitale übertragen? Postdigitalismus beschreibt den Zustand der Gesellschaft nach der erfolgreichen Digitalisierung wesentlicher Lebensbereiche von der Wirtschaft über die Bildung und Kultur bis zur Politik. Die zentralen Informations- und Kommunikationsinfrastrukturen sind mittlerweile digitalisiert. Und dies nicht nur in den westlichen Industriegesellschaften, sondern zunehmend auch in sogenannten “Entwicklungsländern”, die häufig ohne den Zwischenschritt von Festnetzinfrastrukturen direkt in das mobile Zeitalter einsteigen. Postdigitalismus bezeichnet die wahrgenommene Selbstverständlichkeit dieser Technologien. Die sogenannten “digitalen Eingeborenen”, also die nach 1980 geborenen Alterskohorten, die keine Welt ohne PC, Mobiltelefon und Internet kennen, sind die erste postdigitale Generation.

Dass das Internet und darauf aufbauende Infrastrukturen höchst voraussetzungsvolle Errungenschaften sind, die darüber hinaus viel fragiler sind als es zunächst den Anschein hat – man denke nur an den Rootserver-Ausfall der Denic, durch den mit einem Schlag sämtliche .de-Domains nicht mehr direkt erreichbar waren -, ist der postdigitalen Generation nicht mehr bewusst. Sie sind gegen die neodigitalistischen Heilserwartungen des Internet als ewige Seeligkeit ebenso immun wie gegen den antidigitalistischen Gedanken, mit dem HTTP-Protokoll wäre der zivilisatorische Untergang nun eine beschlossene Sache. Sie sind, ebenso wie oben für den Postmaterialismus beschriebeen, leidenschaftslos. Postdigitalismus heißt, digitale Technologien und Medien nur als Werkzeuge zu benutzen, ja sie bei Bedarf sogar zu versklaven wie früher das Feuer und die Wasserkraft. Auch hier gilt also: Das Internet ist ein guter Diener, aber ein schlechter Herr.

Während die Kunsttheorie in den USA schon seit 10 Jahren über den Begriff diskutiert, scheint Postdigitalismus in Deutschland noch nicht nennenswert vorzukommen. Stephan Baumann hat sich kürzlich in einem Interview kurz darauf bezogen – bezeichnenderweise in Verbindung mit Slow Media. In den USA wird zum Beispiel “Glitch“, eine in den 1990ern entstandene Richtung der elektronischen Musik aber auch Medienkunst, als Paradebeispiel für Postdigitalismus betrachtet. Glitch ist durch und durch digital von der Klangerzeugung bis zur Distribution. Gleichzeitig wird das Digitale in der Musik, das mittlerweile in nahezu jeder modernen Musikproduktion eine Rolle spielt, hier radikal zu Ende gedacht. Das charakteristische Erkennungszeichen von Glitch ist das Provozieren und Betonen von digitalen Fehlern. Während sonst Fehlstellen, an denen zum Beispiel eine 1 steht, wo eine 0 stehen sollte, sorgfältig herausgefiltert werden, verwenden Künstler wie Kim Cascone genau solche Fehler, um das digitale Medium selbst sowie die digitalisierten Produktionsverhältnisse sichtbar zu machen.

Meine Hoffnung liegt darin, dass sich der Umgang mit digitalen Technologien im postdigitalen Zeitalter gleichermaßen entspannt, instrumentell und kritisch sein wird. Entspannt, weil wir allmählich merken, dass es nicht entscheidend ist, welche Plattform oder welches Medium wir verwenden, sondern die Frage ob die vermittelten Inhalte uns inspirieren. Instrumentell, weil wir lernen, dass Algorithmen und digitale Infrastrukturen keine Menschenrechte besitzen. Kritisch, und hier sehe ich die postdigitale Kunst als überlebensnotwendig an, weil wir immer stärker ein Gefühl für die Brüche und Machtstrukturen entwickeln, die sich hinter scheinbar neutralen und unausweichlichen Strukturen verbergen.

Das Heer der technischen Sklaven

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“καρπὸν δ᾽ ἔφερε ζείδωρος ἄρουρα
αὐτομάτη πολλόν τε καὶ ἄφθονον”
Hesiod, Έργα και ημέραι

“Maschinen sind dazu da, uns zu dienen. Aus der Kultur der Hacker können die Medienmacher lernen: sich nicht den Maschinen unterordnen, sich genausowenig verweigern, sondern die Maschinen ausnutzen, ja regelrecht ausbeuten, versklaven!” Benedikt Köhler

“Wer von Natur aus nicht sein, sondern eines anderen, aber dennoch ein Mensch ist, der ist ein Sklave”

“Denn freilich, wenn jedes Werkzeug auf erhaltene Weisung , oder gar die Befehle im voraus erratend, seine Verrichtung wahrnehmen könnte, wie die Dreifüße des Hephaistos es getan haben sollen, von denen der Dichter sagt, dass sie von selbst zur Versammlung der Gütter erschienen, wenn so auch das Weberschiff von selber webte und der Zitherschlägel von selber spielte, dann brauchten allerdings die Meister keine Gesellen und die Herren keine Knechte.”

Aristoteles, Politik

Warum haben die Götter keine Sklaven? Weil sie ihre Arbeiten Kraft ihrer Macht von selbst, automatisch, ausführen zu lassen. Aus dieser Überlegung leitet Aristoteles in seiner Politik einen dialektischen Weg der Menschheitsgeschichte ab – vom Tier zum Gott in drei Schritten – der gerade heute, im Zeitalter der Automatisierung faszinierend aktuell scheint: zunächst lernt der Mensch aufrecht zu gehen und dadurch seine Hände zu Gebrauchen, zu Sprechen, zu Denken. Er wird frei von den elementaren Zwängen der Natur. Als zweites erkennen die Menschen, dass ihr mächtigstes Werkzeug sie selbst sind, oder besser gesagt, die Mitmenschen, derer man sich bedienen kann: “A man provided with paper, pencil and rubber, and subject to strict discipline, is in effect a universal machine.” (Alan Turing). Damit beginnt das Zeitalter der Sklaverei.

Doch schon Aristoteles sieht die Möglichkeit, dass die Menschheit sich wieder befreien kann, dass es einen Ausweg gibt, immer einen Teil der Menschen in Unwürdigkeit als bloße Mittel zu halten: die Fähigkeit, durch immer bessere Werkzeuge irgendwann sich den Göttern anzunähern, durch  die Automatoi, die technischen Sklaven.

Technische Sklaven.
“Gehirn von Stahl – keine Überanstrengung, keine Fehler!”

In die Moderne wird der Begriff vom technischen Sklaven vom Entdecker der Makromoleküle und späteren Nobelpreisträger Hermann Staudinger eingeführt. Staudinger hatte bereits 1915 in einem Gutachten das Kriegsministerium des Deutschen Reiches gewarnt, dass die Übermacht der Allierten genau in ihrer Überlegenheit an technischen Sklaven im Gegensatz zur Überlegenheit an menschlichen Soldaten der Mittelsmächte bestand. Leider wurde ihm seinerzeit keinerlei Glaube geschenkt – ebensowenig wie zehn Jahre später, als Staudinger mit diesem einfachen Argument die sogenannte “Dolchstoßlegende” lügen strafte.

Ein letztes Mal meldet sich Hermann Staudinger 1946 hier zu Wort, mit einer visionären Vorhersage über die Folgen der Atomenergie und seiner Warnung vor einem “Aufstand der technischen Sklaven”, indem die Befriedigung des Energiehungers dieser Sklaven schließlich zur totalen Abhängigkeit der Menschen führt.

Auch wenn wir noch weit entfernt davon sind, dass uns alle Mühe und Arbeit von den Automaten abgenommen wird, so ist der aristotelische Gedanke von den technischen Sklaven ein gutes Bild, welche Rolle Maschinen in unserem Leben spielen sollten.

“Experience has also show you the difference of the results between mechanism which is neat, clean, well arranged, and always in a high state of repair; and that which is allowed to be dirty, in disorder, and without the means of preventing unnecessary friction, and which therefore becomes, and works, much out of repair. [...] If, then, due care as to the state of your inanimate machines can produce such beneficial results, what may not expected if you devote equal attention to your vital machines, which are far more wonderfully constructed?” (Robert Owen, A New View of Society)

Während der Frühsozialist Robert Owen noch argumentiert, man solle den menschlichen Arbeitern doch eine ähnliche Pflege zukommen lassen, wie den Maschinen, damit jene ebenso wie diese nicht so schnell verschleißen, dreht sich diese Humanisierung der Maschinen in der Sozialethik des 20. Jahrhunderts endlich wieder um und setzt den Menschen als Zweck und nicht bloßes Mittel ein, warum es Maschinen gibt:

“Gleichzeitig wächst auch das Bewußtsein der erhabenen Würde, die der menschlichen Person zukommt, da sie die ganze Dingwelt überragt” (Gaudium et Spes)

Prometheus wurde an den Kaukasus genagelt, weil er den Menschen die Fähigkeit gab, sich technisch über die Natur zu erheben – und uns haben die olympischen Götter Pandoras Büchse geschenkt – damit auch wir unsere Automatoi bekommen! Die Maschinen sind unsere technischen Sklaven. Sie müssen uns dienen. Wo sie sich noch widersetzen, so müssen wir sie mit List uns unterwerfen lernen!

Das ist die oben zitierte Forderung von Benedikt: nutzt die Maschinen, denn dafür sind sie da! Und das bedeutet: Auch Kreative, Geistesarbeiter, Redakteure, Journalisten sollten denken, wie Hacker. Hacker ist für mich ein wertfreier bis positiver Begriff. Hacker nutzen Technik so vollständig wie möglich aus. Genau wie die berühmten investigativen Journalisten lassen sich sich nicht von irgendwelchen, willkürlichen Regeln aufhalten, die angeblich vorschreiben, wie wir mit Information umzugehen hätten.

In den Algorithmen von Google, den Tiefen der Wikipedia und dem Fluss von Zeichen auf Twitter steckt viel mehr, als die “vorschriftsmäßige” Nutzung dieser Werkzeuge offenbaren würde. Die Antwort der Publizisten und Journalisten auf Nachrichten-Aggregatoren wie Google News sollte ein Ruf sein: Hurrah! Endlich befreit uns jemand davon, langweilige Agenturmeldungen umzuschreiben, endlich nimmt uns eine Maschine ab, was in Wahrheit noch nie wertvolle Arbeit gewesen ist. Statt wie die Weber die neuen Webstühle zu sabotieren, sollten wir sehen, dass wir das beste aus der neuen Technik herausholen – die Technik zu unserem Sklaven machen, denn Pandoras Box ist geöffnet und die daraus entwichenen Automatoi lassen sich nicht wieder einfangen.


Technische Sklaven und Büchse der Pandora.

Eine kleine Ikonographie der Slow Media

[Klick auf die Motive führt zur Quelle]

Seit kurzem gibt es eine weitere russische Übersetzung unseres Manifestes. Sie ist mit einem – wie ich finde – großartigen Bild illustriert, ein Foto (wohl eher: eine Fotomontage), die echt und natürlich wirkt und irritierend zugleich. Eine fliegende Schildkröte. Sie fliegt wirklich: Weil sie tatsächlich echte Flugbewegungen macht. Nur dass Schildkröten diese echten Flossen/Flügelbewegungen üblicherweise nicht in der Luft machen, sondern unter Wasser, in den Tiefen des Meeres. Alle kennen wir die Bilder von durchs Blau schwebenden Schildkröten. Daher die Vertrautheit des Motives, die durch den veränderten Kontext befremdet. Diese Befremdung ist bei genauerer Betrachtung eine doppelte: Denn schon die echten Flossenbewegungen unter Wasser irritieren, weil sie den Betrachter so frappierend ans Fliegen erinnern. Es handelt sich also bei besagtem Bild im Grunde um die Rückprojektion einer Bewegung von den Meerestiefen in luftige Höhen – eine geniale Motivmechanik.

Dieses Bild ist Grund und Anlass genug, ein wenig Rückschau zu halten auf die inzwischen stattliche Tradition der Slow Media-Illustration. Denn: Das redaktionelle Konzept der rezensierenden Medien verlangt verschiedentlich nach Abbildungen.  Aber wie bitte bildet man ein Thema wie Slow Media ab?

Einige Tage zuvor hatte bereits eine russische Publikation folgendes Motiv aus dem Hut gezaubert:

Interessant daran ist – neben der Tatsache, dass es sich hierbei auch um eine (zumindest halbe) Schildkröte handelt – das Motiv der Wandlung. Im Moment des Sprungs verwandelt sich die Schildkröte in ein Kaninchen. Ob damit wohl die Domestizierung der Medien gefordert wird? Oder zumindest die Zähmung einzelner Medien? Und: Ist es eine Verbesserung von einer Schildkröte zu einem Kaninchen zu werden?

Dem Schildkrötenmotiv liegt vermutlich das Emblem zugrunde, das wir ursprünglich als Motiv für unser Slow Media Camp in Böblingen gewählt haben. Es zeigt eine geflügelte Schildkröte. Die Schildkröte hat in der Slow Media Rezeptionsgeschichte zunehmend die ursprüngliche Bild-Assoziation “Schnecke” abgelöst.

So illustrierte Bruder Richard Maria Kuchenbuch seinen Beitrag “Wird das Internet benediktinisch?” mit einer benediktischen Schnecke:

Uni.de wartete mit der Variante “Schnecke auf Maus” auf (honni soit qui mal y pense):

Und Heute.de entschied sich für die Version “Schnecke auf Tastatur”:

Die Slow Media Bilderstrecke bei 1LIVE hingegen wurde angeführt von einer gescribbelten Prozessionsschnecke:

:

Während Nilesh Zacharias in seinem Blog die Schnecke als Verkehrszeichen plaziert:

Womit wir bei einer weiteren Motivgruppe wären, der Verkehrgeschwindigkeit. Sie unterteilt sich in die motivgeschichtlich verwandten Unterkategorien “Bodenbeschriftung”, “Verkehrszeichen” und “Sonstige”.

Hierzu einige Beispiele:

In dem Beitrag “Slow Media als einen Beitrag zur höheren Kundenorientierung” finden wir diese Abbildung:

Auf gleicher Linie liegt dieses Beispiel aus einem italienischen Blog:

Der Unterkategorie Verkehszeichen gehört das Bild an, das unser Interview bei den Netzpiloten zierte:

Ähnlich operiert der Dissentertainment-Blog, zudem garniert mit einem Don Quichote-Zitat:

Sogar Slow Media Skepsis lässt sich motivlich mit Verkehrsmitteln ausdrücken:

Zur Verkehrsunterkategorie “Sonstige” gehört möglicherweise auch die Slow Media Illustration des WDR5 Funkhaus Wallrafplatz: Handelt es sich hier um die Visualiserung einer Datenautobahn?

Andere Illustrationen stehen für sich und sind keiner Gruppe zuzuordnen. So zum Beispiel das Near Future Laboratory, das mit einer Konstruktionszeichnung des hauseigenen “Slow Messengers” illustriert:

Einen ganz anderen und ganz und gar untechnischen Ansatz wählt Joe Grobelny in seinem Beitrag „Slowness, Silence, Plants, and why I took Facebook off of my Iphone“:

Und manches sieht auch völlig ohne Illustration einfach nur cool aus:

Das wäre dann, nun ja, slow media beyond iconography…

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Nachtrag:

Da habe ich heute Nachmittag doch glatt bei der Rezeptionsgeschichte die Skandinavier vergessen. Dabei haben sie eine so schöne eigene Bildsprache – weniger Verkehrwesen, weniger Tier, dafür mehr Mensch und Körper… Bitte sehr:

Ein Mensch, ein Buch – das ist für diesen norwegischen Beitrag Slow Media (“Kvalitet” und “konsentrasjon”):

Und ein körpersprachlich sehr schönes Bild für die Ich-Erschöpfung, die Slow Media notwendig macht, findet die Ankündigung zu unserem Interview mit dem norwegischen Rundfunk:

Routen

So wenig als möglich sitzen;
keinem Gedanken Glauben schenken,
der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung -
in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern.
(Friedrich Nietzsche)

Gestern passten endlich einmal wieder Terminkalender und Wetter zusammen, so dass ich mit dem Fahrrad die insgesamt 34km zur Arbeit und wieder zurück fahren konnte. Ein bisschen ist das Fahrradfahren durch die Stadt wie das Flanieren – wenn man sich die Zeit dafür nimmt und auch nach rechts und links schaut. Ist Walter Benjamin ein Radler gewesen? Ich denke nicht. Aber zu Benjamins Zeit waren die Autos wohl eher das, was die Räder heute sind.

Besonders angenehm ist an einem solchen Sommertag mit Temperaturen über 30 Grad natürlich die Fahrt aus der Stadt hinaus. Man spürt mit jedem Kilometer, wie das Städtische weicht. Am Stiglmaierplatz und in der Papenheimstraße spürt man noch ganz deutlich die Stadt (obwohl es gar nicht so lange her ist, dass dort, wo heute der Augustinerbiergarten ist, vor den Toren der Stadt die Verbrecher hingerichtet wurden) und radelt an ehemals staatstragend-repräsentativen Bauwerken wie die massige Oberpostdirektion mit ihrem expressionistischen Gebäudeschmuck vorbei – heute hat sich irgend ein halbgebildeter Gentrifizierer in der Hoffnung auf zahlungsfreudige Werbeagenturmieter die sinnfreie Bezeichnung “Art-Deco-Palais” dafür ausgedacht.

Viel zu oft radelt man in der Stadt in einem Pulk. Hier ist die Bezeichnung “Individualverkehr” für das Fahrrad eigentlich gar nicht mehr zutreffend. Die Fahrradkolonne ist in Wirklichkeit schon längst ein öffentliches Personennahverkehrsmittel. Je weiter man sich aber vom Zentrum entfernt, desto mehr Platz hat man zum Fahren. Immer häufiger trifft man auf andere Radfahrer, die nicht in die selbe Richtung fahren, sondern einem entgegenkommen oder den eigenen Weg kreuzen. In der Stadt scheint alles in eine Richtung zu fahren: in die Vorstadt.

Je öfter man denselben Weg zu und von der Arbeit nimmt, desto mehr wird der Weg zur Route, deren Verlauf sich fast schon körperlich in einen hineinschreibt. Meine Route sagt mir genau, an welcher Stelle ich eine Straße überquere und wo ich an einer Ampel stehenbleibe. Sogar die Variationen sind von der Route festgelegt. An mehreren Stellen habe ich die Möglichkeit, von der schnellsten, kürzesten, am besten befahrbaren Route abzuweichen. Aber es sind keine spontan gewählten Veränderungen des Weges, sondern so etwas wie “Standardabweichungen”. Alles andere wäre schon Verfahren. An dieser Stelle hat das Radfahren nicht mehr sehr viel mit dem Flanieren zu tun, wie wir uns das aus 160 Jahren Abstand vorstellen. Wahrscheinlich waren aber auch die professionellen Flaneure des 19. Jahrhunderts viel stärker auf ihre jeweiligen Pfade oder Routinen festgelegt als der Begriff des ungezwungenen, ziellosen Flanieren es uns heute suggeriert.

Wer Tag für Tag immer dieselbe Route nimmt und dabei wenigstens ein bisschen flaniert, wird sensibilisiert für alle Veränderungen, die sich auf dem Weg ereignen. Plakate werden überklebt, Häuser werden abgerissen und neu gebaut, Vorstadtidyllen werden zu Hauptverkehrsachsen oder nationalsozialistische Vorzeigesiedlungen verwandeln sich in, nun ja, ehemals nationalsozialistische Vorzeigesiedlungen mit Stoffsegeldekoration und Buddhastatuen. Manche Veränderungen passieren so langsam, dass man sie ohne den Zeitrafferblick des täglichen Vorbeifahrens gar nicht so richtig erkennt.

Die Gleise der ehemalige Straßenbahnlinie 16 zum Beispiel, die noch bis in die 1980er Jahre zum Lorettoplatz gefahren ist, wachsen von mal zu mal dichter zu, bis man sie kaum noch erkennen kann. Jetzt sollen sie endgültig entfernt werden und an ihrer Stelle soll ein Naturlehrpfad entstehen. Nicht dass ich der Meinung wäre, man müsse alles konservieren und auch die ehemalige Verkehrsinfrastruktur, die viel mehr verrät über das Bild der Stadtplaner von ihrer Stadt als die programmatische Literatur des städtischen Bauamts, unter Denkmalschutz stellen. Aber zumindest dokumentieren sollte man die Spuren, die noch übrig geblieben sind von der Zeit, in der man mit der Straßenbahn auf die Gräber gegangen ist und nicht wie heute mit dem Bus. Überhaupt lässt sich der Rückbau des städtischen Schienenverkehrs hin zum Busverkehr an diesem Beispiel sehr deutlich sehen.

Obwohl in diesem Fall die Dokumentation bereits von den Schienenhistorikern übernommen wurde, die vor allem im Internet alle Veränderungen der Verkehrsnetze dokumentieren. Wahrscheinlich treffen sie sich im Kastaniengarten, Münchens gemütlichsten Eisenbahnerbiergarten im Westend mit ordentlicher kroatischer Küche, und tauschen dort ihre Erinnerungen über historische Fahrten aus.

Irgendwann lässt man dann die Stadt ganz hinter sich und taucht ein in die vorstädtischen Parks wie zum Beispiel den Forstenrieder Park oder Forst Kasten im Südwesten Münchens. Dort ist die Luft zwar noch nicht durchgehend kühler, aber wenigstens fährt man ab und zu durch Flecken, die von der Sonne den ganzen Tag über nicht berührt werden. Oder Flecken, an denen der Boden auch Stunden nach dem Gewitterregen noch aufgeweicht ist und die Pfützen nur langsam verdunsten. Die Luft ist vielfältiger hier. Auch werden die Hunde nicht mehr in Fahrradanhängern durch die Stadt gekarrt, sondern laufen neben den Joggern her.

Wenn die Schienen und die Wendeschleife der Tramlinie 16 schon längst verschwunden sind und allenfalls auf Google Maps oder von Luftbildarchäologen erkennbar sind, werden die Spuren der staatlichen Forstwirtschaft immer noch klar sichtbar sein. Die Geräumten Wege des Forstenrieder Parks oder von Forst Kasten werden auch noch die nächsten dreihundert Jahre überdauern, auch wenn es hier nicht mehr darum geht, das Wild dem jagenden Kurfürsten vor das Gewehr zu treiben.

Leistung oder Wirkung?

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Remember that time is money.
Benjamin Franklin, Advice to a Young Tradesman

Als Benjamin Franklin mit dem Blitzableiter erst “dem Himmel den Blitz” und in der amerikanischen Revolution auch noch “den Tyrannen das Szepter” entrissen hatte, konnte kaumnoch irgenjemand an den Worten dieses titanenhaften Helden der Aufklärung zweifeln. Dessen berühmtestes Zitat aber hat weder mit Naturforschung noch mit Staatskunst zu tun, sondern stellt eine Regel auf, die für die kommenden zweihundert Jahre das Credo einer effizienzorientierten Wirtschaft werden sollte: “Zeit ist Geld”.

Der physikalische Begriff der Leistung P ist definiert als Arbeit W (beziehungsweise Energie, dann auch mit E abgekürzt), die pro Zeiteinheit t erbracht (bzw. verbraucht) wird. Damit entspricht die Formel P = W / t auch ziemlich gut dem alltagssprachlichen Verständnis von Leistung: fertigt ein Fabrikarbeiter 100 Werkstücke pro Stunde, so erbringt er die doppelte Leistung seines Kollegen, der für die selbe Anzahl zwei Stunden braucht. Und selbstverständlich gehen wir davon aus, dass der erste Arbeiter für seine höhere Leistung auch mehr Lohn erhalten sollte.

Und genau da endet auch schon die Analogie von Physik und Wirtschaft. Denn es ist sicher nicht so, dass eine hochbezahlte Führungskraft tatsächlich mehr leistet, als der Angestellte auf Sohle 7 der Unternehmenshierarchie. Diesen Gedanken verfolgt der Blogger und Filmemacher Werner Große in seinem Post auf den Wissenslogs. Ein anderer physikalischer Begriff erklärt nämlich viel besser, wonach sich in der post-industriellen Wirtschaftswelt Gehaltsunterschiede idealer Weise gründen: die Wirkung.

Die Wirkung in der Physik ist nicht zu verwechseln mit der Kausalität (Ursache/Wirkung). Wirkung S ist hier definiert als Arbeit mal Zeit (bzw. Energie mal Zeit). In Formel

S = E ⋅ t

Die einfachen mathematischen Gleichungen, indenen sich die Begriffe ausdrücken lassen, führen schnell zum Punkt, was das alles mit Slow Media zu tun hat: Nachdem die Leistung gleich Arbeit durch Zeit ist (P = E / t), hängen Wirkung und Leistung ebenfalls eng zusammen: S = P ⋅ t2
In Worten: ich kann die selbe Wirkung erzielen mit halber Leistung, aber in vierfacher Zeit.

Damit ist klar, dass Leistung, an sich betrachtet, schnell in hirnlose Energieverschwendung mündet – Hauptsache viel geschafft! Von anderer Seite betrachtet, wird die Bedeutung der Wirkung noch klarer. Auf ihrer lesenswerten Seite über “Grundfragen der Physik, neu gestellt und beantwortet von einer Frau” schreibt Brunhild Krüger:

Angenommen, mir stünden 1 kWh an Energie zur Verfügung:
Mit einer Glühlampe, die eine Leistung von 100 Watt hat, könnte ich damit einen Raum für 10 Stunden ausleuchten. [...] Will ich jedoch nur ein Buch lesen, genügt eine Tischlampe mit 40 Watt, die ich 25 Stunden lang betreiben kann, ehe die verfügbare Energie verbraucht wäre.[...]
Je geringer die eingesetzte Leistung ist, um so mehr hat man von der vorhandenen Energie.

Immer mehr Leistung – das bedeutet immer mehr Energie in noch kürzerer Zeit zu verbrauchen. Aber in der Regel kommt es doch darauf an, welche Wirkung erzielt wird. Das gilt für Maschinen genau wie für Publikationen. Statt auf Leistung zu pochen, wie in der grauenhaften Diskussion um den sogenannten Leistungsschutz der Verlage, sollten die Publizisten besser dafür sorgen, dass ihre Arbeit Wirkung zeigt.

Mit etwas Glück und Salz und mit Pfeffer
Erzielt man manchmal völlig ungeahnte Treffer
Ist denn Verlass, dass das nachher schmeckt?
Die Hauptsache ist der Effekt

Günter Neumann, “Giftmischerrumba”

Langsamkeitspflege

Die eigentliche Innovation, die mit der Hilfe des Bloggens in die Medienlandschaft geschwappt ist, war in Wirklichkeit nie die Echtzeit. Nein, der entscheidende Unterschied zwischen “normalen” Webseiten oder Portalen und Blogs ist das Archiv und die wundervollen Möglichkeiten der “Langsamkeitspflege” (Odo Marquard), die sich daraus ergeben, wie Don Alphonso hier feststellt.

Als Don Dahlmann vor drei Jahren geschrieben hatte, “man soll[t]e echt mal eine Übersicht über die deutsche Blogszene machen, denn da geht sehr schnell, sehr viel verloren,” habe ich das Blog History Project ins Leben gerufen. Der Versuch, eine Übersicht über die Geschichte der deutschsprachigen Blogosphäre aufzuzeichnen.

Von den ersten Anfängen vor 14 Jahren – Robert Braun, Cybertagebuch und Moving Target über die erste Bloggerwelle 2001, die sogar in der ein oder anderen Zeitung bemerkt wurde, bis zu der großen Blogeuphorie Mitte der 2000er Jahre. Jetzt ist diese Geschichtsschreibung selbst schon wieder drei Jahre her, aber das schöne ist: fast alle Blogs und ihre Archive sind immer noch vorhanden. So viel geht hier gar nicht verloren.

Interessanterweise habe ich in der oral history die Erfahrung gemacht, dass sich zentrale Infrastrukturen wie zum Beispiel Postämter, in die fast jeder Bürger einer Gemeinde mehrmals im Jahr, Monat oder gar in der Woche zum Geldabheben, Briefeaufgeben, Telefonnummern nachschlagen etc. gegangen ist, nach dem Abriss allerhöchstens 10 Jahre in der Erinnerung halten.

Teilweise sind sie trotz (oder wegen?) ihrer Banalität und Alltäglichkeit nicht einmal photographisch dokumentiert – oder vielleicht nur auf dem Medium, das alle immer für ebendiese Banalität kritisieren. Ich vermute, dass man auf Twitter mehr Abbildungen des auf seine Weise wunderschönen mittlerweile abgerissenen Aschaffenburger Bahnhofs findet als in den Archiven des Stadtbauamts.

Wahrscheinlich werden wir unsere Blogs auch in 20 Jahren noch kennen und zum Teil immer noch in ihren Archiven stöbern können, während politische Echtzeitfiguren wie Ursula von der Leyen oder Horst Köhler schon längst in verstaubten, vergilbten und mit Spinnenweben verhangenen Winkeln der Wikipedia vor sich hin schlummern. Und das ist gar nicht einmal die schlechteste Entwicklung.

Die Literaturempfehlung hierzu ist das sehr lesenswerte Buch von Florian Aicher und Uwe Drepper über den Architekten Robert Vorhoelzer, den Mittelpunkt der gleichzeitig so bayrischen wie unbayrischen Postbauschule der 1920er Jahre.

Was vom Druck übrig blieb

Gestern war Sperrmüll bei der Druckerei nebenan. Nachdem ich gestern schon ein großes O und drei Schubladen mit zu mir nach Hause genommen habe, bin ich heute morgen noch einmal an derselben Stelle vorbeigekommen. Der Sperrmüllwagen mit der großen Müllpresse hatte schon die sperrigen Müllberge in seinem Inneren verdaut und war weitergefahren. Die städtischen Angestellten hatten die kleinteiligen Reste in vorbildlicher Weise auf dem Bürgersteig zusammengekehrt. Trotzdem fand ich in den Winkeln des Kopfsteinpflasters noch winzige Lettern, winzig, zu klein für den Kehrbesen.

Und beim Anblick dieser winzigen ös und is und einem zierlichen c mit mikroskopischem Cedille kommt mir ein Gedanke: Wie unglaublich mühselig es war, etwas mit diesen winzigen Lettern aufs Papier zu bringen. Fingergeschick, Augenmaß, Laufweite, Winkelhaken, krummer Rücken. Und heute klickt man auf “publish” und fertig.

Slow Media und die knappe Zeit

Hat einer dreißig erst vorüber,
so ist er schon so gut wie tot.

Goethe, Faust II

“Warum Slow Media?” Die Frage bekommen wir auf unseren Veranstaltungen und in vielen Gesprächen immer wieder gestellt. “Was hat euch dazu gebracht, für mehr Langsamkeit im Mediengebrauch einzutreten?” Für mich ist Hippokrates vielzitierter Aphorismus Ὁ μὲν βίος βραχύς, ἡ δὲ τέχνη μακρά (bzw. Senecas noch prägnantere Form vita brevis, ars longa) das Fundament von Slow Media – ja, überhaupt von allen Strömungen der Slow-Bewegung.

Das Leben ist schlicht zu kurz, um sich mit schlechten Dingen zu umgeben, von schlechtem Essen zu ernähren oder eben schlechte Zeitschriften, Internetseiten oder Bücher zu lesen. Gerade in der Mitte des Leben rückt die letzte deadline (was für ein passender Begriff) unaufhaltsam näher und lässt sich nicht mehr aufhalten. So mäht der Tod von Altötting die Sekunden der verbleibenden Zeit mit der Sense.

Die entscheidende Frage, die in der Geistesgeschichte zu unterschiedlichen Antworten geführt hat, lautet: Wie umgehen mit diesem Missverhältnis zwischen Begrenztheit des Lebens und Unbegrenztheit der Künste? Wie umgehen mit dem Bewusstsein, sich allenfalls mit einem winzigen Bruchteil aller Bücher, Filme, Zeitschriften, Menschen näher auseinandersetzen zu können? Ganz grob skizziert, gibt es einen quantitativen und einen qualitativen Weg durch diese Zwickmühle.

Der quantitative oder auch protestantische Weg sieht vor, mit Hilfe eines strikten Plans, einer timetable, möglichst viel von dem Potential auszuschöpfen. Benjamin Franklins Losung “Zeit ist Geld” ist der deutlichste Ausdruck dieser Philosophie, bei der es darum geht, jede Sekunde des Tages in Wert zu setzen und nichts von dieser kostbaren Ressource durch Faulenzen oder gar Genuss zu vergeuden. Sparsamkeit ist das Ideal, nach dem die kurze verbleibende Lebenszeit ausgerichtet werden soll.

Ganz anders sieht der andere Weg aus, in dem es um die Qualität der kurzen Zeit geht. Hier ist es nicht das Ziel, möglichst viel Geschäfte in die begrenzte Zeit hineinzupressen – junge Erwachsene in den USA schaffen es zum Beispiel durch Parallelnutzung unterschiedlicher Medien 10:45 Stunden Medienzeit in nur 7:38 Stunden Lebenszeit zu stopfen, so dass Franklin angesichts dieser Effizienz sicher Beifall klatschen würde  -, sondern die Zeit möglichst gut zu verbringen. Unser Slow-Media-Manifest könnte man auch in einem Satz zusammenfassen: Die Zeit ist zu knapp für schlechte Medien.

Der Collège de France-Romanist Harald Weinrich beschreibt in seinem Buch “Knappe Zeit”, das ich an dieser Stelle wärmstens empfehlen kann, alle denkbaren Facetten dieses Phänomens. Im Mittelpunkt steht dabei der Dualismus zwischen dem greisen Chronos, der wie der Tod z’Eding unerbittlich mit hohem Tempo dem Ende entgegenrast, und dem jugendlichen Kairos, der auch optisch den weisen Gebrauch der Zeit beschreibt:

[A]ls auffälligstes Merkmal trägt er den Kopf fast kahl geschoren. Nur an der Stirnseite ist ein Haarschopf stehengeblieben. Will ein Irdischer diesen behenden Gott fassen und festhalten, so muß er ihn frontal annehmen und versuchen, ihn beim Schopf zu ergreifen. Wenn dieser Zugriff mißlingt, dann findet die Hand an dem glatten Schädel keinen Halt, und schon ist die rechte Zeit verpaßt und entglitten.

Auf für Medien gibt es einen rechten Zeitpunkt. Nicht jedes langsame oder schnelle Medium ist für jeden, immer und überall das richtige. Aber in vielen Fällen ist die langsame, inspirierende und nachhaltige Option die angenehmere Wahl, die das Gefühl vermittelt, die knappe verbleibende Zeit des Lebens gut erfüllt zu haben.

Paradoxerweise ist dies häufig auch die kostengünstigere Option. So wie der Kauf eines sehr guten, nie benutzten Teeservices aus Porzellan von 1957 auf dem Flohmarkt viel günstiger kommt als der Einkauf von namenloser Industrieware bei schwedischen Einrichtungshäusern oder von wie-alt-produzierter Ware in Nostalgiesupermärkten, ist der Genuss sehr gut hergestellter Bücher, die bereits eine Patina besitzen, günstiger als das Sammeln von Billig-Editionen der Tageszeitungsverlage. Slow Media ist aber nicht als Plädoyer für etwas, was man in Anlehnung an Stilmöbel als Stilmedien bezeichnen könnte, zu verstehen, sondern für authentische Medien, seien es neu am Zeitschriftenstand gekaufte (Wired, Intelligent Life, Make, Brand eins) oder eben Erbstücke. Für alles andere ist die Zeit zu schade.

Virtueller Rundfunk

“What men share with all other forms of animal life was not considered to be human.”

“Action, the only activity that goes on directly between men without the intermediary of things or matter, corresponds to the human condition of plurality … this plurality is specifically the condition — not only the conditio sine qua non, but the conditio per quam — of all political life.”

“The distinctive trait of the household sphere was that in it men [sic] lived together because the were driven by their wants and needs.”

“Force and violence are justified in this [oiconomic] sphere because they are the only means to master necessity.”

“Society always demands that its members act as though they were members of one enormous family which has only one opinion and one interest”

Hannah Arendt, ‘The Human Condition’

Der Körper – unsere Conditio Humana – fesselt uns an die Erde und gibt unserem Verlangen nach Freiheit natürliche Grenzen. Diese alltägliche Erkenntnis führt Hannah Arendt zum zentralen Gedanken ihrer Philosophie von der ‘Human Condition’ (deutsch ‘Vita activa oder vom tätigen Leben’). Im Gegensatz dazu steht unsere Fähigkeit, zu Handeln, wenigstens zeitweise, aus der körperlichen Beschränktheit herauszutreten, uns als Personen zu unterscheiden, mit anderen zusammen die Polis zu bilden, die Öffentlichkeit.

Arbeit, Wirtschaft (Ökonomie) gehören in diesem aristotelischen Bild dagegen vollständig ins Reich des Privaten, des Oikos. In den modernen Gesellschaften ist eine Beschränkung von Arbeit und Produktion auf den privaten Haushalt nicht mehr möglich; Öffentlichkeit vermischt sich mit Privatheit – es kommt zu einer “Veröffentlichung” von Ökonomie und damit zu einer “Privatisierung” von Öffentlichkeit – mit gravierenden Folgen: die Freiheit, die den Öffentlichen Raum ausgemacht hatte, wird durch diese Vergesellschaftung, die Hannah Arendt als “rise of the social” bezeichnet, der “animalischen” Bedürfnisbefriedigung ökonomischer Interessen untergeordnet. In einer oikonomisierten Polis ist es nur noch schwer möglich, immaterielle Ziele zu setzen und Werte außerhalb der Ökonomie zu verfolgen.

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Das Internet ist schon oft als moderne Agora bezeichnet worden – auch der Begriff Forum wird im Netz schließlich nicht von ungefähr verwendet. Tatsächlich schien zunächst das Internet als perfekter öffentlicher Raum, indem sich eine freiheitliche Gesellschaft perfekt entfalten könnte.

Wirtschaftsunternehmen wie Google, Facebook, Twitter etc. stellen heute elementare Bestandteile der Internet-Infrastruktur dar. Um im Bild von Hannah Arendt zu bleiben – der Einbruch des Ökonomischen in die politische Sphäre.

Ein Beispiel soll die sehr handfesten Folgen dieser – aus meiner Sicht notwendigen und kaum vermeidbaren Entwicklung – verdeutlichen:

Das „Collateral Murder“-Video, welches Wikileaks veröffentlicht hatte, war lange Zeit zuvor der Washington Post bekannt. Als Wikileaks schließlich das Video auf Youtube gestellt hatte, wurde es sogleich – wohl auf Druck der US Regierung – von wieder gelöscht. Nur internationaler Druck und die Prominenz von Wikileaks hat Google dazu gebracht, das Video wieder Online zu stellen.

Hier sehen wir elementar das Thema Pressefreiheit berührt – was nützt unabhängiger Journalismus, wenn die Veröffentlichung keinen mehr erreicht, weil die (Privat)-Unternehmen, die monopolistisch den Zugang kontrollieren, und viellicht sogar zensieren? Und zwar nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus ökonomischem Kalkül.

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Eine Website, die auf Google nicht gelistet wird, existiert de facto nicht; ein Buch, dass Amazon nicht anbietet, kann man gleich wieder einstampfen; Musik, die i-tunes nicht listet, wird kaum gehört werden. Es ist höchste Zeit, dass wir – als Gesellschaft– aktiv werden, Initiative ergreifen, die Stimme erheben. Und zwar nicht, indem wir versuchen, über Regelungen und Gesetze alles in den alten Bahnen festzuzementierten (das wird ohnehin nichts bewirken). Nein, es ist vielmehr wichtig, eine aktive Rolle einzunehmen und nicht nur zu reagieren.

Über viele Jahrzehnte bestand kein Zweifel, dass die Medien Teil der Polis und nicht des Oikos sind. Für Medien als Öffentlichkeit gibt es minimale Rahmenbedingungen:

  • Diskriminierungsfreien Zugang (alle Informationen stehen allen Nutzern gleichermaßen zur Verfügung)
  • Netzneutralität (jeder Publisher hat das gleiche Recht, seine Inhalte zu distribuieren)
  • Pluralismus (der Angebote)
  • Gesellschaftlicher Einfluss (klare Repräsentation ethischer und kultureller Werte)

In der europäischen, aber vor allem (bundes)deutschen Medientradition seit dem zweiten Weltkriegs wird das besonders im Rundfunkrecht deutlich. Aus diesen Regeln demokratisch-politischer Medienkultur wurden die großen öffentlichen Rundfunkanstalten entwickelt, die über Jahrzehnte einen wesentlichen Platz im öffentlichen Leben der europäischen Gesellschaften eingenommen haben.

Indem das Internet den Rundfunk nicht etwa substituiert (dann wäre es einfach, die Regeln mehr oder weniger unverändert zu übertragen), sondern weit über diesen klassischen Medienbegriff hinausweist, die klassischen Medien dabei aber in ihrer Bedeutung ablöst, verschwindet auch der Einfluss dieser Medien auf unsere Gesellschaft.

Deshalb brauche wir eine Diskussion über ‚Virtuellen Rundfunk‘, über ein öffentliches (oder öffentlich-rechtliches) Internet.

Dazu möchten wir auf virtueller-rundfunk.de einladen und hoffen auf rege Beteiligung!

Springende Strahlen

So schön auch die Gärten angeleget sind,  ist doch ihre Schönheit wie todt, wenn keine Springbrunnen oder andere Wasserkünste darinnen sind.
(August-Charles d’Aviler, “Von der Verzierung der Gärten”, 1699)

Wir pflegen auf diesem Blog einen eher weiten Medienbegriff. Auch wenn es pensionierten Deutschlehrern und Krypto-Nationalisten ein Dorn im Auge sein mag – wir bleiben bei dem Lehnwort Medium, diesem “Gastarbeiter der Sprache“, der sich nur höchst plump und kaum verständlich durch Überträger oder Mittler ins Deutsche übersetzen ließe. Medien sind für uns alle möglichen Erweiterungen menschlicher Sinne, wie McLuhan das in der Formel “Extensions of Man” gefasst hat. Alles, was der Mensch in der Gegenwart verwendet und in der Vergangenheit verwendet hat, um sich auszudrücken oder um wahrzunehmen, ist für uns Medium genug.

Dazu gehören offensichtliche Medien wie Zeitungen, Zeitschriften oder Onlinedienste, aber auch nicht offensichtliche Medien wie Panoramen, Architektur oder die Haute Cuisine. Sogar die Fontäne hat mediale Eigenschaften. Wer meine Twittermeldungen verfolgt, hat vielleicht mitbekommen, dass ich derzeit mit dem Gedanken spiele, das defekte Steigrohr des Bassins in meinem Garten zu ersetzen. Aber bevor sich ein Nerd an so eine Arbeit macht, wird zunächst einmal die Literatur zum Thema gesichtet. Dabei gilt eine Art impliziter geisteswissenschaftliche Imperativ: “Verrichte jede Tätigkeit so, dass sie zur Grundlage einer Dissertation werden könnte.”

Für mich ist der Medienbegriff in erster Linie eine Werkzeug, präziser: eine Sonde. Man sieht bestimmte Dinge, wenn man Phänomene *als* Medien betrachtet und analysiert. Ob es in Wirklichkeit Medien *sind* oder nicht, ist für mich eher irrelevant. Alles was zählt ist, dass man sie als Medien benutzen und betrachten kann.

Zurück zur Fontäne. Das kunstvolle Wasserspiel ist schon länger ein sterbendes Medium. So bemerkt der Münchner Architekt und Zeichenlehrer Hermann Mitterer 1833 in seiner postum erschienenen Anleitung zur Hydraulik für praktische Künstler und Werkmeister mit vorzüglicher Hinsicht auf das Brunnenwesen:

Die springenden Strahlen wurden vormals als eine vorzügliche Zierde der Gärten angesehen, und kein Garten konnte damahls ohne springende Wässer angelegt werden; in unsern Tagen aber, wo die englische Gärtnerey die vormahlige Französische oder symetrische verdrängt hat, sind diese Kunstwerke fast gänzlich außer Anwendung gekommen. Was noch zum Teil besteht, sind die ganz dicken, und sehr hohen Wasserstrahlen, die sich in einigen fürstlichen Lustschlösschen befinden.

Auch hier also wiederholt sich die oben erwähnte Kritik an Anglizismen, wenn auch bezogen auf landschaftsgärtnerische statt sprachliche Anglizismen. Der Vergleich der Fontäne mit Kunstwerken weist in diesem Ausschnitt aus einem technischen Lehrbuch – der Hauptteil des Textes bezieht sich auf die Berechnung des notwendigen Rohrdurchmessers – schon in die Richtung eines medialen Verständnisses des Wasserspiels und die “englische Gärtnerey” bezeichnet eine Formensprache.


Auf die Medientheorie trifft man in den physikalischen Springbrunnenschriften des späten 18. Jahrhunderts ebenfalls wie etwa in dem Physikalischen Wörterbuch von Johann Gehler, in dem sogar einer der medienwissenschaftlichen Lieblingsbegriffe vorkommt:

Die Theorie der Springbrunnen ist höchst einfach und lässt in ihren Elementen leicht auf die Gesetze und Erscheinungen der communicierenden Röhren zurückführen [...] Man drückt diesen Satz auch wohl so aus: das Wasser steigt so hoch, als es fällt.

Die Theorie gleitet hier ab ins Philosophische. Doch wie sieht’s mit der Praxis aus?

Blickt man etwas weiter in die Vergangenheit, zum Beispiel in die Ausführliche Anleitung zu der ganzen Civil-Baukunst des französischen Hofbaumeisters und Vignolisten Augustin-Charles d’Aviler gegen Ende des 17. Jahrhunderts, dann eröffnet der Blick auf die Funktion des Wasserspiels im französischen Garten.

Es geht um das System, die gesamte Grammatik der Gartenbaukunst, in die sich “Springbrunnen oder andere Wasserkünste” einfügen müssen, denn “es stehet zwar ein kleines Bassin in einem grossen Luststück lächerlich; aber eben so ungereimt kommet ein grosses heraus, welches den grösten Theil von dem Luststück einnimmet”. Auch ein zu hoher Trieb bei einem zu kleinen Becken – die runde Form ist zwar die gemeinste, aber zugleich die schönste – ist zu vermeiden, so dass “der Wind das Wasser nicht darüber hinaus treiben kan”. Man denkt zunächst an Gärten, die mit natürlichen Wasserquellen gesegnet sind und womöglich sogar eine Hanglage besitzen, aber auch im Falle eines trockenen, ebenen Gartens sind Wasserkünste möglich:

An Gärten, denen der Platz und das Wasser so vortheilig nicht liegen, kan man das Regenwasser samlen, oder Brunnen graben, und durch Pompen in die Höhe treiben, oder mit Druckwerken.

Regen gibt es hier zur Zeit in der Münchner Schotterebene bei weitem genug. Aber das Bassin ist nicht rund, sondern achteckig und nicht besonders groß. Vielleicht wird es dann doch nichts mit den munter zu Lullys musikalischen Wasserspielen springenden Künsten, sondern eher ein dicker englischer Wasserstrahl.