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	<title>slow media &#187; Slow theory</title>
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	<description>Das Blog über Slow Media - &#60;a href=&#34;http://slow-media.net/manifest&#34;&#62;Was sind Slow Media?&#60;/a&#62;</description>
	<lastBuildDate>Thu, 02 Feb 2012 15:30:20 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Schmerzlich vermisst: die Meta-Ebene im Wulff-Interview</title>
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		<pubDate>Thu, 05 Jan 2012 00:02:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sabria david</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Nein, ich möchte nicht über Christian Wulff und das Amt des Bundespräsidenten sprechen. Seit die ersten Zitate durchsickerten, noch vor Ausstrahlung des Interviews und unabhängig von der Rücktrittsfrage, wurde eines klar: Ab jetzt repräsentiert dieser Bundespräsident und die Auffassung von Politik, die er vertritt, einen Großteil seiner Bürger nicht mehr. Unsere Bundesrepublik ist alt geworden, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.youtube.com/watch?v=E9ZFjnJJWCk"><img class="aligncenter size-full wp-image-4958" title="Wulff Interview" src="http://www.slow-media.net/wp-content/uploads/Wulff-Interview.jpg" alt="" width="457" height="193" /></a></p>
<p>Nein, ich möchte nicht über Christian Wulff und das Amt des Bundespräsidenten sprechen. Seit die ersten Zitate durchsickerten, noch vor Ausstrahlung des <a href="http://www.tagesschau.de/multimedia/video/video1038842.html">Interviews </a>und unabhängig von der Rücktrittsfrage, wurde eines klar: Ab jetzt repräsentiert dieser Bundespräsident und die Auffassung von Politik, die er vertritt, einen Großteil seiner Bürger nicht mehr. Unsere Bundesrepublik ist alt geworden, ohne zu reifen, leider, und sie merkt es nicht. Das ist enttäuschend, aber wir werden damit leben. Wir sollten den Bundespräsidenten Wulff innerlich abhaken und unsere Energien konstruktiver nutzen, meine Meinung hierzu passt in einen <a href="https://twitter.com/#!/meta_blum/status/154629539765563392">Tweet</a>.</p>
<p>Worüber ich aber sprechen will, denn das möchte ich noch nicht kampflos aufgeben, ist die Aufgabe der Journalisten. Da haben die Leiter der öffentlich-rechtlichen Hauptstadtstudios Bettina Schausten und Ulrich Deppendorf diesen Bundespräsidenten vor sich, Abermillionen von Bürgern hängen an ihren Lippen. Sie müssen als Interviewer stellvertretend für diese vielen Menschen und für alle nicht zum Exklusivinterview geladen restlichen Medienvetreter die offenen Fragen stellen, als mediale Repräsentanten sozusagen.</p>
<p>Und was tun sie? Sie lassen sich auf ein unwürdiges Detail-Klein-Klein um Gästezimmer und Zinssätze ein. Sie stellen ihre vorbereiteten Fragen, aber fragen nicht nach, wenn windschiefe Antworten kommen. Sie halten die Steigbügel, anstatt zu hinterfragen. Die Ratlosigkeit darüber, wie es dazu kommen konnte, war sowohl Deppendorf als auch Schausten in ihren anschließenden Auftritten bei Tagenthemen und heute journal anzumerken. Sie sind zu recht unzufrieden mit sich, Frau Schausten und Herr Deppendorf.</p>
<p>Was ist bei dem Interview falsch gelaufen? Im so geführten präsidialen Interview ging es um Details der Spielzüge &#8211; es hätte aber um die Frage gehen sollen, ob überhaupt das richtige Spiel gespielt wird. Es geht nicht um vergessene Stiefschwestern, eine schwierige Kindheit, unordentliche Zinsen oder150 € für Gästezimmer. Sondern es geht um die Frage, auf welche Haltung diese Details schließen lassen und auf welches Verständnis von sich selbst, seiner Macht, seinem Amt &#8211; und ob das angemessen ist. Wem es als Journalist bei einem solchen Interview nicht gelingt, von den Details auf das Ganze zu schließen, wer es da nicht auf eine Metaebene schafft, wer hier nicht die Systemfrage stellen kann, leistet keine gute Arbeit.</p>
<p>Der Präsident hat sich &#8220;sofort nach seiner Rückkehr aus dem Ausland&#8221; bei Diekmann entschuldigt: Was heißt &#8220;sofort&#8221;? Wieviel Tage lagen zwischen der Mailbox und der Entschuldigung? Zwei Tage? Drei? Warum nicht gleich, wenn man den Wutausbruch bereut? Wann hat er Döpfner angerufen, danach? Und Friede Springer, auch danach noch? Kann man das den Präsidenten ohne Nachfrage &#8220;unbesonnen&#8221; nennen lassen? Oder weist es nicht eher auf eine generelle Haltung hin, auf eine Grundannahme, dass ihm das zusteht?</p>
<p>&#8220;Ich bin überrascht, wie stark die Bürger das von mir wissen wollen&#8221; &#8211; Was meint er damit? Hat er gedacht, dass es Bürgern und Landtag reicht,  juristisch wasserdichte Formulierungen zu hören? Was überrascht ihn daran?</p>
<p>&#8220;Es gibt auch Menschenrechte, selbst für Bundespräsidenten&#8221;: Wie bitte?  Von welchen Menschenrechten spricht er? Hat er das Gefühl, dass bei ihm  Menschenrechte verletzt werden? Welche genau? Durch was? Durch  Pressefragen?</p>
<p>Man kann solch ein Interview nicht führen, ohne auch spontan auf Aussagen des Interviewten einzugehen. Es reicht nicht, vorüberlegte Fragen abzuarbeiten und mit nichts auf seine Antworten Bezug zu nehmen. Diskursivität, wir sprechen im <a href="http://www.slow-media.net/manifest">Manifest</a> davon -, das wäre hier nötig gewesen, damit es zu einem richtigen Interview kommt. Zu einer gesprächsartigen Situation, Zuhören und Nachfragen. Dann wäre es vielleicht nicht nur bei Floskeln und Formeln geblieben, die einen ratlos hinterlassen. Diese Art der Interview-Führung ist kein Ruhmesblatt für den Journalismus. Auch sie ist alt, ohne weise zu sein.</p>
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<p><small>[Abbildung: Screenshot des Interviews. Blicke auf vorbereiteten Fragekatalog]</small></p>
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 <img src="http://www.slow-media.net/wp-content/plugins/wordpress-feed-statistics/feed-statistics.php?view=1&post_id=4925" width="1" height="1" style="display: none;" />]]></content:encoded>
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		<item>
		<title>Datenhöflichkeit</title>
		<link>http://www.slow-media.net/datenhoflichkeit</link>
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		<pubDate>Wed, 04 Jan 2012 09:12:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>jbenno</dc:creator>
				<category><![CDATA[Blogs]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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		<description><![CDATA[Der Hof Ludwigs XVI. gilt als Extase der Höflichkeit. Esprit, der Witz und das höfische Auftreten waren in nie wieder erreichtem Maße übertrieben worden. Das Ende: der Terror &#8211; die unhöflichste aller möglichen Formen menschlichen Zusammenlebens &#8220;Privacy invasion is now one of our biggest knowledge industries.&#8221; &#8220;The more the data banks record about us, the [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<table style="float:left;padding-right:10px;padding-bottom:10px;" width="45%">
<tr>
<td><a href="/wp-content/uploads/Hinrichtung_Ludwig_des_XVI.png"><img title="Hinrichtung Ludwigs XVI." alt="Hinrichtung Ludwigs XVI" width="100%" src="/wp-content/uploads/Hinrichtung_Ludwig_des_XVI.png"></a></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Der Hof Ludwigs XVI. gilt als Extase der Höflichkeit. Esprit, der Witz und das höfische Auftreten waren in nie wieder erreichtem Maße übertrieben worden. Das Ende: der Terror &#8211; die unhöflichste aller möglichen Formen menschlichen Zusammenlebens</td>
<tr></table>
<p><em>&#8220;Privacy invasion is now one of our biggest knowledge industries.&#8221;<br />
&#8220;The more the data banks record about us, the less we exist.&#8221;</em><br />
<small>Marshall McLuhan</small></p>
<p><em>&#8220;Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.&#8221;</em><br />
<small>Immanuel Kant</small></p>
<blockquote><p>&#8220;Being socially exposed is OK when you hold a lot of privilege, when people cannot hold meaningful power over you, or when you can route around such efforts. Such is the life of most of the tech geeks living in Silicon Valley. But I spend all of my time with teenagers, one of the most vulnerable populations because of their lack of agency (let alone rights). [...] The odd thing about forced exposure is that it creates a scenario where everyone is a potential celebrity, forced into approaching every public interaction with the imagined costs of all future interpretations of that ephemeral situation. &#8220;</p></blockquote>
<p>Diese Sorge teile ich voll und ganz mit <a href="http://www.zephoria.org/thoughts/archives/2008/02/04/just_because_we.html">danah boyd</a>. Üblicher Weise wird den Kindern und Jugendlichen geraten, sich &#8220;vor den Gefahren des Internet&#8221; in Acht zu nehmen. Aber was heißt das? Sollen sie sich vom Austausch mit anderen auf Facebook fernhalten? Und wie sollte ein Jugendlicher seinen Altersgenossen oder Freunden verbieten, Fotos zu posten, auf denen er vielleicht zu sehen wäre? (Die Option, ungewollte Fotos über die Eltern &#8220;klären zu lassen&#8221; besteht im wahren Leben nicht wirklich &#8211; von krassen Verunglimpfungen oder Mobbing vielleicht abgesehen).</p>
<p>Wir haben keine Wahl. Entweder wir gelten als Sonderlinge, gar als Ludditen, oder wir werden einen breite Spur von Daten in der Welt zurücklassen. Mit der Zeit entsteht durch unser Verhalten im Netz ein Abbild unserer selbst, eine Projektion in die Datenwelt. Dieses Bild von uns liegt mehr oder weniger offen zu Tage. Und viele heimliche bis unheimliche Gesellen blicken uns im geheimen durch den Spiegel der Daten in unser Leben &#8211; Google, Facebook, Targetingsysteme und Shop-Empfehlungsmaschinen und schließlich auch die staatlichen Sicherheitsdienste, die hinter den Datengardinen auf unsere Verfehlungen lauern.</p>
<p>Aber die Indiskretion ist nicht auf professionelle Datenkraken beschränkt. Die Profile mit unseren persönlichen Informationen, unsere Posts, unsere Check-Ins &#8211; alles kann sich jeder, der möchte, ansehen. Und zum Teil wollen wir das ja auch: selbstverständlich freue ich mich über Leute, die mir auf Twitter folgen und ich habe einige meiner besten Freunde in Social Networks kennengelernt. Social Media funktionieren über Authentizität &#8211; diese Phrase ist schon so oft gesagt und geschrieben worden, dass sie vollkommen schal daherkommt! Aber es stimmt: wenn wir nicht offen sind, tatsächlich über <em>uns selbst</em> sprechen, werden wir kaum Kontakt zu anderen schließen. Es ist Teil der <em>Kultur</em> in Social Media (wie auch sonst im sozialen Leben), Dinge über uns preiszugeben, obwohl diese von anderen auch <em>gegen</em> uns verwendet werden könnten. Ich habe zum Beispiel zwischen Weihnachten und Neujahr an mindestens fünf Tagen über Wein (seltener Bier oder andere alkoholische Getränke) geschrieben. Natürlich möchte ich, dass Leute, die sich für mich interessieren, dies auch lesen können, wenn sie wollen. Wie wäre es aber, wenn jemand einen &#8220;Jörg trinkt&#8221;-Bot einrichten würde, der eine Statistik über meine Wein-Tweets führt uns publik macht? Aus dem Kontext gerissen würden meine Wein-Tweets ein ganz und gar ungünstiges Bild von mir zeichnen. (Das Beispiel verdanke ich Benedikt).</p>
<p>Nach meiner persönlichen Erfahrung ist der Schaden, sind die Kränkungen, die durch &#8220;manuellen&#8221; Datenzugriff an uns entstehen wesentlich schwerwiegender, als das professionelle Analysieren der Daten-Kraken zu kommerziellen Zwecken. Und während bei diesen sich Datenschutz und Persönlichkeitsrechte juristisch fassen und häufig, z.B. via &#8216;Unlauterer Wettbewerb&#8217; sogar durchsetzen lassen, sind Übergriffe auf Daten durch Einzelne kaum sinnvoll durch Gesetze zu regeln. Wo fängt der Stalker an, wo die Beleidigung oder üble Nachrede? Und schon gar nicht gut ist es, wenn das Opfer sich wehren muss &#8211; der &#8216;Streisand-Effekt&#8217;, Hohn und Spott über jemand der eben &#8216;die Regeln nicht versteht&#8217; und so dumm ist, sich auch noch zu widersetzen.</p>
<blockquote><p>&#8220;Es haben ja eh schon xyz viele Leute gesehen, also mache ich es mal ganz öffentlich ist nunja, ein blödes Argument.&#8221;</p></blockquote>
<p><a href="https://twitter.com/#!/die_sylvi/status/154178799586656256">twittert </a>Sylvia Poßenau und das klingt fast wie die Übersetzung des Kernsatzes aus danah boyds Essay:</p>
<blockquote><p>&#8220;Just because people can profile, stereotype, and label people doesn’t mean that they should.&#8221;</p></blockquote>
<p>Aber was soll/darf &#8220;man&#8221; mit den Daten? Wo ist die Grenze?<br />
Die Antwort liefert Sylvia Poßenau gleich mit: <em><b>Datenhöflichkeit</b></em>.</p>
<p>Höflichkeit ist eine kulturelle Technik, um Distanz zu wahren. Wir sind höflich, um unseren Abstand zu anderen zu organisieren und ihnen nicht zu nahe zu kommen.Höflich ist man durch Einhalten von Grenzen, die nicht durch Gesetze oder anders verschriftlichte Regeln definiert sind, sondern durch ein <em>Verständnis</em>, durch <em>Achtung</em> und <em>Respekt</em> dem anderen gegenüber. Höflichkeit ist der Esprit de Conduite, der gute Geist des Verhaltens. Was in Antike und Mittelalter als religiöse oder untertänige Pflicht erklärt wurde, erlebt in der Aufklärung seine philosophische Entfaltung. War dieser <em>Esprit</em> am Hofe Ludwigs XIV. noch Teil der Machtausübung des erstarkenden Königs gegen die schwächer werdenden Fürsten, wird er nach der französischen Revolution zu einem bürgerlichen Gut. Und die Maximen zum guten Handeln, die Kant für die Menschenwürde formuliert, werden schließlich von Adolph von Knigge in seinem Ratgeber &#8220;Über den Umgang mit Menschen&#8221; zu Handlungsempfehlungen für den Alltag.</p>
<p>Noch vor der Erfindung des Web hatte die Community der ersten User im Internet die <a href="http://tools.ietf.org/html/rfc1855">Netiquette </a>formuliert. &#8220;When someone makes a mistake – whether it&#8217;s a spelling error or a spelling flame, a stupid question or an unnecessarily long answer – be kind about it.&#8221; &#8211; Höflichkeit ist schon damals, neben den Ratschlägen zur technischen Klarheit &#8211; das Thema gewesen.</p>
<p>&#8220;Gar zu leicht missbrauchen oder vernachlässigen uns die Menschen, sobald wir mit ihnen in einem vollkommen vertraulichen Tone verkehren. Um angenehm zu leben, muss man fast immer als ein Fremder unter den Leuten erscheinen.&#8221; warnt Knigge. Und auch sonst scheinen mir die Kultur der Höflichkeit des 19. Jahrhunderts für unsere Epoche der Post-Privacy durchaus angemessen. Höflichkeit ist Kultur. Kultiviert bedeutet <em>gepflegt</em>. Es ist wirklich Zeit für einen pfleglichen Umgang mit unseren Daten, die doch so eng mit uns persönlich zusammenhängen. Zeit für Datenhöflichkeit.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Die &#8220;Welt am Sonntag&#8221; experimentiert mit These 9</title>
		<link>http://www.slow-media.net/die-welt-am-sonntag-experimentiert-mit-these-9</link>
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		<pubDate>Mon, 14 Nov 2011 14:17:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sabria david</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Welt am Sonntag Nr. 46 vom 13. November 2011 wartet auf Seite 12 mit einer ganzseitigen Anzeige auf. Ganzseitige Copy-Texte fallen ohnehin auf. Diese Version irritiert zusätzlich. Sie ist nicht sofort einzuordnen, es braucht eine Weile, bis man sie als Anzeige in eigener Sache identifiziert hat. Sie adressiert nicht den Leser, sondern einen möglichen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.slow-media.net/wp-content/uploads/wams.jpg"><img class="size-full wp-image-4749 alignnone" style="margin: 12px;" title="wams" src="http://www.slow-media.net/wp-content/uploads/wams.jpg" alt="" width="271" height="360" /></a></p>
<p>Die Welt am Sonntag Nr. 46 vom 13. November 2011 wartet auf Seite 12 mit einer ganzseitigen Anzeige auf. Ganzseitige Copy-Texte fallen ohnehin auf. Diese Version irritiert zusätzlich. Sie ist nicht sofort einzuordnen, es braucht eine Weile, bis man sie als Anzeige in eigener Sache identifiziert hat. Sie adressiert nicht den Leser, sondern einen möglichen zukünftigen Leser &#8211; den Nachbarn , dem man als Leser seine Ausgabe weitergeben soll.</p>
<p>Das ist in mehrfacher Hinsicht interessant.</p>
<p>- Die Handlungsaufforderung, die unerwartet und deshalb komplex ist: Eine gängige werbliche Handlungsaufforderung würde lauten &#8220;Kauf mich!&#8221;. Hier aber lautet sie: &#8220;Verschenk mich, damit ich deinen Nachbarn davon überzeugen kann, mich in Zukunft auch zu kaufen!&#8221; Die eigentliche Aufforderung steht erst in einer winzigen Fußnote an der unteren Bildkante: &#8220;Lieber Nachbar, willst Du die besondere Zeitung jeden Sonntag bekommen? www.wams.de/praemien&#8221;</p>
<p>- Das hohe Maß an Aktivität, zu dem der Leser aufgefordert wird und das man ihm zutraut: Der WamS-Leser muss die Seite zuende lesen, mitdenken und die Aufforderung entschlüsseln. Dann muss er seine eigene Unterschrift daruntersetzen, die entsprechende Seite herausnehmen, um die Zeitung legen und sie zum Nachbarn tragen. Der Leser wird vom reinen Rezipienten zum Akteur, ja zum Komplizen seiner Wochenzeitung. Der Leser ist kein reiner Konsument mehr, er soll aktiv werden und handeln.</p>
<p>- Das Spiel mit der Materialität des Mediums:  Seinen Namen draufschreiben und das Produkt vor die Tür des Nachbarn legen &#8211; das geht nur mit Papier. Die Sharing-Kultur der digitalen Welt, das Empfehlen, Weiterleiten und Teilen, wird hier &#8211; das muss man sagen &#8211; gekonnt in das Medium Papier rückübersetzt.</p>
<p>- Höchst interessant auch der Hinweis, dass die Zeitung &#8220;zu schade fürs Altpapier&#8221; sei. Aus unserer Perspektive der medialen Nachhaltigkeit und Medienökologie betrachtet, ist die Mehrfachverwertung ja tatsächlich ein wichtiger Aspekt (auch wenn im vorliegenden Fall das Ziel natürlich die Abonnentengewinnung ist, nicht die reine Lesergewinnung).</p>
<p>Oliver Voss zeichnet für diese Kampagne verantwortlich, und er hat hier  ein hübsches kleines Experiment vorgelegt. Er probiert neue Werbeformen  mit dem neuen Leser aus. &#8220;Lies sie, genieß sie und gib sie weiter.&#8221; Fast könnte man meinen, er experimentiert mit der praktischen Anwendung unseres Slow Media Manifests im Werbe- und Medienalltag.</p>
<p>Die WamS-Anzeige propagiert These 9 des <a href="http://www.slow-media.net/manifest">Slow Media Manifestes</a>. Diese lautet in unserer Kurzfassung: &#8220;Slow Media werden empfohlen. Sie rufen danach, zitiert, weitererzählt, verschenkt, verteilt und mitgeteilt zu werden.&#8221; Und sie  kokettiert mit These 5,  &#8220;Slow Media fördern Prosumenten&#8221;: &#8220;An die Stelle des passiven Konsumenten tritt bei Slow Media der aktive Prosument&#8221;. Oder auch mit These 7 &#8220;Slow Media sind soziale Medien&#8221;, die die Bildung &#8220;aktiver Deutungsgemeinschaften&#8221; anregen &#8211; warum nicht auch die zwischennachbarliche Auseinandersetzung über eine Zeitung.</p>
<p>Ob das gelingt? Ob Leser und Nachbarn da mitspielen? Ob die Welt am Sonntag die richtige Zeitung dafür ist? Ich weiß es nicht. Es ist das Wesen des Experiments, dass man das vorher nicht sicher weiß.  Aber das ist ja das Schöne an dieser Phase, in der alte Mechanismen nicht mehr funktionieren und neue sich noch nicht etabliert haben: Man kann ganz neue Erzählformen entwickeln und neue Wege entdecken. Experimente wie diese sind erst der Anfang.</p>
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<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-</p>
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<p>Weitere Beiträge im Slow Media Blog über Zeitungen und Zeitschriften:<br />
<small><br />
<a href="http://www.slow-media.net/zeitungen-lesen-lernen">http://www.slow-media.net/zeitungen-lesen-lernen</a></small></p>
<p><small><a href="http://www.slow-media.net/wired-oder-die-geheime-rache-der-mad-men">http://www.slow-media.net/wired-oder-die-geheime-rache-der-mad-men</a></small></p>
<p><small><a href="http://www.slow-media.net/die-brand-eins">http://www.slow-media.net/die-brand-eins</a></small></p>
<p><small><a href="http://www.slow-media.net/das-letzte-aufgebot">http://www.slow-media.net/das-letzte-aufgebot</a></small></p>
<p><small><a href="http://www.slow-media.net/den-schrott-gibt-es-im-interneteine-kurze-replik">http://www.slow-media.net/den-schrott-gibt-es-im-interneteine-kurze-replik</a></small></p>
<p><small> </small></p>
<p><small><a href="http://www.slow-media.net/gratwanderung-im-offenen">http://www.slow-media.net/gratwanderung-im-offenen</a></small></p>
<p><small><a href="http://www.slow-media.net/die-langsamste-zeitung-der-welt">http://www.slow-media.net/die-langsamste-zeitung-der-welt</a></small></p>
<p><small><a href="http://www.slow-media.net/monocle-winter-series">http://www.slow-media.net/monocle-winter-series</a></small></p>
<p><small><a href="http://www.slow-media.net/make-magazine">http://www.slow-media.net/make-magazine</a></small></p>
<p><small><a href="http://www.slow-media.net/spektrum-der-wissenschaft">http://www.slow-media.net/spektrum-der-wissenschaft</a></small></p>
<p><small><a href="http://www.slow-media.net/wired-magazine">http://www.slow-media.net/wired-magazine</a></small></p>
<p><small><a href="http://www.slow-media.net/kunstforum-international-200-ausgaben">http://www.slow-media.net/kunstforum-international-200-ausgaben</a></small></p>
<p><small><a href="http://www.slow-media.net/kunstforum-international-200-ausgaben">http://www.slow-media.net/widerspruch-munchner-zeitschrift-fur-philosophie</a></small></p>
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 <img src="http://www.slow-media.net/wp-content/plugins/wordpress-feed-statistics/feed-statistics.php?view=1&post_id=4734" width="1" height="1" style="display: none;" />]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Zeitungen lesen lernen</title>
		<link>http://www.slow-media.net/zeitungen-lesen-lernen</link>
		<comments>http://www.slow-media.net/zeitungen-lesen-lernen#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 05 Oct 2011 16:43:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sabria david</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Slow theory]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitungen]]></category>

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		<description><![CDATA[Slow Media steht für medienübergreifende Medienkompetenz. In Gedanken überlege ich zuweilen, welche Unterdisziplinen eine slowmediavistische Medienkompetenz hätte, wenn wir dieses Fach unterrichten würden. Eine Unterdisziplin wäre wohl &#8220;Zeitungen lesen lernen&#8221;. In dieser Unterdisziplin würde davon zu sprechen sein, wie man Zeitungen (oder allgemein: Medien) liest. Nicht nur rein lexikalisch, sondern so wie man auch ein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Slow Media steht für medienübergreifende Medienkompetenz. In Gedanken überlege ich zuweilen, welche Unterdisziplinen eine slowmediavistische Medienkompetenz hätte, wenn wir dieses Fach unterrichten würden. Eine Unterdisziplin wäre wohl &#8220;Zeitungen lesen lernen&#8221;. In dieser Unterdisziplin würde davon zu sprechen sein, wie man Zeitungen (oder allgemein: Medien) liest. Nicht nur rein lexikalisch, sondern so wie man auch ein Fußballspiel lesen kann oder eine soziale Interaktion oder eine Gruppen-Konstellation. So wie man den Subtext einer Situation entschlüsselt. Wichtig ist dabei der Blick auf das Spiel als Ganzes mit seinem Regelsystemwerk, nicht nur auf die einzelnen Spielzüge.</p>
<p>Diese Unterdisziplin der Medienkompetenz würde lehren, den methodenkritischen Blick zu schärfen. Sie würde nach den Grundvoraussetzungen suchen, unter denen ein Medienbeitrag zustande kommt und nach den Vorzeichen fragen, unter denen der Beitrag steht, nach den impliziten Grundannahmen.</p>
<p>Für uns alle (Mediennutzer wie auch Medienproduzenten)  sind diese Grundannahmen um so blindere Flecken, je näher sie unserer eigenen Einstellung, unseren eigenen Grundüberzeugungen sind. Was gibt es spannenderes als blinde Flecken &#8211; die eigenen und die der anderen? Wie herrlich man sie nutzen kann, um den Blick und die Instrumente zu schärfen. Was steht zwischen den Zeilen? Was ist das unsichtbare Kleingedruckte? Auch wenn wir längst lesen können, müssen wir erst noch lernen, Medienalphabeten zu werden.</p>
<p><strong>Welten und Gegenwelten</strong></p>
<p><a href="http://www.slow-media.net/wp-content/uploads/Metropole.jpg"><img class="size-full wp-image-4641 alignnone" title="Metropole" src="http://www.slow-media.net/wp-content/uploads/Metropole.jpg" alt="" width="412" height="308" /></a></p>
<p>Als Beispiel könnte man einen Beitrag der Welt am Sonntag vom 2. Oktober 2011 (Nr. 40, WS 6) hinzuziehen. Hier wird aus den steigenden Mieten in Berlin das erfreute Fazit gezogen: &#8220;Berlin wird endlich zur Metropole&#8221;. Auch im NRW-Teil der Zeitung werden unter dem Titel &#8220;Krönung für die Kö&#8221; freudig die ersten Luxusmieter begrüßt.</p>
<p><a href="http://www.slow-media.net/wp-content/uploads/Kö.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-4643" title="Kö" src="http://www.slow-media.net/wp-content/uploads/Kö-300x225.jpg" alt="" width="258" height="192" /></a></p>
<p>Daraus lassen sich unschwer Rückschlüsse auf die Leserschaft ziehen. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich hierbei eher um Immobilienbesitzer als um Mieter handelt. Denn nur für erstere Gruppe dürfte es sich bei der Nachricht, dass  &#8220;In Top-Lagen [...] Mietsteigerungen möglich&#8221; seien, um eine erfreuliche handeln.</p>
<p>Dass hierzu eine Gegengeschichte zu erzählen wäre, liegt nahe und wäre eine hübsche kleine Fingerübung für Leute, die sich in slowmediavistischer Wahrnehmung üben möchten. Wie könnte die Komplementärgeschichte aussehen? Eine, die von Stadtentwicklung spricht, von Gentrifizierung, von den Auswirkungen auf Gemeinwohl, Stadtteilkultur und Identität?</p>
<p>Diese mögliche Gegenwelt ist wie die Rückseite des Mondes auch in dem zitierten Zeitungsartikel mitenthalten (genauso wie andersherum in dem gedachten Gegenbeitrag die Perspektive des obigen Beitrags implizit enthalten wäre). Slow Media bedeutet, diese ungeschriebenen Gegengeschichten mitzulesen und zu versuchen, von einer Einzelperspektive auf das Ganze zu schließen.</p>
<p>Zu dem steigenden Berliner Mietspiegel gibt es natürlich bereits Gegengeschichten, wie die lustige Erfindung des &#8220;<a href="http://www.bz-berlin.de/bezirk/neukoelln/mieten-steigen-berliner-protestieren-article1263114.html">Wutmieters</a>&#8220;. Dass unsere Welt jenseits des medialen Tellerrandes aus geschriebenen Geschichten und Gegengeschichten besteht,  das ist eben der unschätzbare Wert einer pluralen Medienlandschaft.</p>
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		<title>Plädoyer für einen differenzierten Ansatz</title>
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		<pubDate>Fri, 24 Jun 2011 13:22:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sabria david</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ich komme gerade vom 23. Medienforum.nrw zurück, bei dem ich mit Ulf Froitzheim, Ulrike Langer, Sven Hansel und Konstantin Neven DuMont zum Thema &#8220;Unternehmerjournalismus&#8221; zu Gast war. Unsere Podiumsdiskussion war gelungen. Zumindest war sie &#8211; und zwar trotz unterschiedlicher Meinungen &#8211; frei von Lagerkämpfen und gut geführt von der Moderatorin Anke Bruns. Man hat sich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://books.google.de/books?id=Z3FhL77RP9MC&amp;printsec=frontcover&amp;dq=Plaidoyer&amp;hl=de&amp;ei=84IEToWLGoPDswbVs5GoDA&amp;sa=X&amp;oi=book_result&amp;ct=book-thumbnail&amp;resnum=10&amp;ved=0CFYQ6wEwCQ#v=onepage&amp;q&amp;f=false"><img 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alt="" width="392" height="53" /></a></p>
<p>Ich komme gerade vom 23. Medienforum.nrw zurück, bei dem ich mit Ulf Froitzheim, Ulrike Langer, Sven Hansel und Konstantin Neven DuMont zum Thema &#8220;Unternehmerjournalismus&#8221; zu Gast war. Unsere <a href="http://www.medienforum.nrw.de/de/programm/display/medienforumdigital-2/ohne-netz-am-boden-perspektiven-des-unternehmerjournalismus.html">Podiumsdiskussion</a> war gelungen. Zumindest war sie &#8211; und zwar trotz unterschiedlicher Meinungen &#8211; frei von Lagerkämpfen und gut geführt von der Moderatorin Anke Bruns. Man hat sich zugehört und geantwortet. So sollte es auch sein.</p>
<p>In den Tagen vorher aber wurde klar, dass der <a href="http://www.slow-media.net/den-schrott-gibt-es-im-interneteine-kurze-replik">Graben</a> zwischen &#8220;alten&#8221; und &#8220;neuen&#8221; Medien noch viel tiefer ist, als ich gedacht hätte. Das Aneinandergeraten von <a href="http://www.wasmitmedien.de/2011/06/20/gutjahr-piel-was-beim-auftakt-zum-medienforum-nrw-wirklich-geschah/">Frau Piel und Herrn Gutjahr</a> offenbarte dies, und auch die Aussage von Margot Käßmann, &#8220;Zeitungen verbinden Menschen, soziale Netzwerke nicht&#8221;. Klischees scheinen das Denken und die Diskussionen zu beherrschen.</p>
<p>Eines dieser Klischees ist das vom sozial vereinsamten Internetnutzer (Auflösung: Wer das Internet rein konsumierend nutzt, kann &#8211; wie auch der ebenso passiv-lethargische Fernsehkonsument &#8211; sozial vereinsamen. Wer das Internet sozial und als aktiven Kommunikationsraum nutzt, nimmt auch offline aktiv an sozialem Leben teil).</p>
<p>Ein weiteres Klischee ist das von der Ignoranz der Offliner (Auflösung: Es gibt tatsächlich Offline-Lobbyisten, deren Ignoranz aber Kalkül ist: Warum sich mit substantiellen Änderungen am Geschäftsmodell befassen, wenn man damit noch fünf Jahre durchkommt und bis dahin seine Schäfchen im Trockenen hat? Es gibt aber auch Offliner, die sich einfach nur nach Kräften bemühen, ihren Laden zusammenzuhalten (was derzeit nicht leicht ist), nach Lösungen für die Zukunft suchen und sich zu recht dagegen verwahren, per se Dinosaurier zu sein. Es gibt auch offline gute Zuhörer.)</p>
<p>Ein weiteres Klischee ist das von der Qualität im Print und dem Schrott im Internet. Niemand käme auf die Idee, einen Essay von Hannah Arendt mit einem pharmafinanzierten Artikel aus dem &#8220;Goldenen Blatt&#8221; zu vergleichen &#8211; nur weil beides zufällig auf Papier gedruckt ist. Mit unserem <a href="http://www.slow-media.net/manifest">medienübergreifenden Ansatz</a> im Manifest verlangen wir nicht mehr als dieselbe Differenzierung auch für digitale Medien walten zu lassen. Das gebietet eigentlich schon der gesunde Menschenverstand.</p>
<p>Warum wird die Mediendebatte mit derart hartnäckigen Klischees geführt?</p>
<p>Wir Menschen suchen in <a href="http://www.slow-media.net/alles-fliest-uber-statisten-und-blutwunder">Phasen des Übergangs </a>nach klaren  und vertrauten Klischees, weil sie Orientierung bieten. Sie dienen der  Selbstvergewisserung &#8211; und wer von uns bräuchte das nicht?</p>
<p>Trotzdem plädiere ich für einen mutigen und differenzierenden Blick. Einen naht- und stufenlosen Übergang von bisherigen zu zukünftigen Kulturtechniken wird es &#8211; so schön es wäre &#8211; nicht geben. Wir können nicht erwarten, für alles fertige Modelle zu haben. Wir müssen mediale Amphibien sein und das Nebeneinander von sich widersprechenden Konzepten  aushalten. Wir müssen uns den Brüchen und Verwerfungen unserer eigenen Klischees  aussetzen. Wir können uns als Gesellschaft dieses harte Entweder-Oder nicht leisten. Wir müssen nach neuen Kriterien suchen, die dies- und jenseits unserer Klischees funktionieren.</p>
<p>Um neue Lösungen zu finden, braucht es kritische Differenzierung. Wir müssen irritierende   Grautöne zulassen &#8211; mehr noch: wir müssen sie sogar  suchen.</p>
<p>Wir müssen das Weiße im Schwarzen und das Schwarze im Weißen sehen lernen.</p>
<p>Widerstehen wir der Versuchung, die Welt in schwarzweiss zu   denken. Denken wir die Welt in all ihren wilden Farben und   Zwischentönen.</p>
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		<title>Die Stasi und die Meme: Was ist politisch an Slow?</title>
		<link>http://www.slow-media.net/die-stasi-und-die-meme-was-ist-politisch-an-slow</link>
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		<pubDate>Tue, 14 Jun 2011 14:07:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sabria david</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Was ist politisch an Slow? Neben den ästhetischen und medientheoretischen Aspekten in dem von uns entwickelten Slow-Media-Ansatz gibt es eine immer stärker zutage tretende politische Dimension. Die Sprengkraft liegt meines Erachtens in der These 6 &#8220;Slow Media sind diskursiv und dialogisch&#8221;, sekundiert von These 5 &#8220;Slow Media fördern Prosumenten&#8221;. An die Stelle des klassischen Medienkonsums, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_Y_10-0097-91,_30_Jahre_MfS,_Erich_Honecker,_Erich_Mielke.jpg?uselang=de"><img class="aligncenter size-full wp-image-4377" title="30 Jahre MfS, Erich Honecker, Erich Mielke" src="http://www.slow-media.net/wp-content/uploads/Bundesarchiv_Bild_Y_10-0097-91_30_Jahre_MfS_Erich_Honecker_Erich_Mielke.jpg" alt="" width="405" height="297" /></a></p>
<p>Was ist politisch an Slow? Neben den ästhetischen und medientheoretischen Aspekten in dem von uns entwickelten <a href="http://www.slow-media.net/manifest">Slow-Media</a>-Ansatz gibt es eine immer stärker zutage tretende politische Dimension. Die Sprengkraft liegt meines Erachtens in der These 6 &#8220;Slow Media sind diskursiv und dialogisch&#8221;, sekundiert von These 5 &#8220;Slow Media fördern Prosumenten&#8221;. An die Stelle des klassischen Medienkonsums, der auf der einen Seite einen Produzenten von Inhalten und auf der gegenüberliegenden Seite einen passiv-rezipierenden Aufnehmer von Informationen hat, tritt eine neue Form der Mediennutzung. Sie nähert sich der Form der Kommunikation und dem mündlichen Gespräch an. Die Rollen des Gebens und Nehmens vermischen sich, jeder kann Informationen aufnehmen und weitergeben, kann Sender und Empfänger zugleich sein.</p>
<p>Das ist die Voraussetzung für das, was Jörg Blumtritt den <a href="http://www.slow-media.net/memetic-turn">Memetic Turn</a> nennt &#8211; die Entstehung memetischer Gemeinschaften durch den Austausch identitätsstiftender Meme, seien es die Idee der Freiheit, das Bekenntnis zu &#8220;We all are Khaled Said&#8221;, Laufenten oder die vielzitierten Katzenfotos. Diese Gemeinschaften sind nicht mehr lokal oder ethnisch begründet, sie entstehen durch Kommunikation und Austausch, ja sie untergraben bestehende gesellschaftliche Strukturen.</p>
<p>Pfingstmontag auf der Autobahn habe ich das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung gelesen. Dort findet sich der Beitrag &#8220;Die Akte &#8220;Tänzer&#8221;" von Renate Meinhof (Süddeutsche Zeitung Nr. 134, Pfingsten 11./12./13. Juni 2011, S. 15). Der hier geschildete Fall zeigt genau, was an Slow politisch ist.</p>
<p>Es geht in dem Beitrag um die Stasi-Akten über eine Gruppe junger Breakdance-Tänzer in den 80er Jahren in Neubrandenburg. Sie gerieten durch ihre eigenartig geformten Frisuren und die &#8220;ruckartige[n], tanzähnliche[n] Bewegungen&#8221; ins Visier der Staatssicherheit. Man darf annehmen, dass die Stasi ein feines Gespür für Staatsgefährdung hatte. Wie kann es sein, dass ein Staat sich durch Frisuren und tanzähnliche Bewegungen bedroht sieht?  &#8220;Der Tanz stellt keine Beeinträchtigung von bestehenden Norm- und Moralauffassungen dar. Von der Gestaltung des Tanzes ist dieser nicht geeignet, dass ihn Massen nun auf der Tanzfläche ausüben können&#8221;, schlussfolgert die Staatssicherheit Neubrandenburgs erleichtert nach eingehender Inspektion und dem Anwerben mehrerer Spitzel.</p>
<p>Und damit benennt sie im Umkehrschluss, wonach sie gesucht und was sie befürchtet hat: Es ist die gesellschaftszersetzende Kraft einer memetischen  Gemeinschaft. Frisuren und Tanzstile sind  Meme, die Identität stiften, Menschen miteinander verbinden und sich staatlicher Kontrolle entziehen können.</p>
<p>Die Staatssicherheit der DDR hat Meme bekämpft. Sie hat mögliche Herde nicht gesellschaftlich verankerter Gemeinschaften aufgespürt und entschärft: entweder durch die Auflösung der Gruppe oder durch ihre gesellschaftliche Integrierung durch die Einstufung als ein &#8220;anerkanntes Volkskunstkollektiv&#8221;. <em>Die Gemeinschaft sind wir</em> &#8211; so lautet die sozialistische Variante des &#8220;l&#8217;état c&#8217;est moi&#8221;.</p>
<p>Die Stasi und mit ihr die Geheimdienste und Staatssicherheitsabteilungen  aller autokratischen Regierungen sind Experten im Aufspüren und  Entschärfen von Memen. Die Unterbindung und Sabotage von Kommunikation (durch Spitzelei oder durch das <a href="http://www.heise.de/newsticker/meldung/Aegypten-ist-offline-und-ohne-Mobilfunk-4-Update-1179102.html">Abschalten</a> des Internet) ist früher und bis heute ihre Königsdisziplin. Sie fürchten nichts mehr als Benedikt Köhlers Satz &#8220;<a href="http://www.slow-media.net/memetic-chic-%E2%80%93-revolution-und-struktur-nach-dem-ende-der-moderne">Meme zersetzen Gesellschaft</a>&#8220;. Völlig konsequent ließ die chinesische Regierung wegen Ansteckungsgefahr  sofort Suchbegriffe wie &#8220;Ägypten&#8221; oder &#8220;Tunesien&#8221; sperren, als die  dortigen Dikatoren ihre Meme nicht mehr im Griff hatten.</p>
<p>Doch die Kommunikationswege haben ihre feste Kontur und damit ihre Kontrollierbarkeit verloren. Sie wandeln sich unter dem Zugriff, sie  verändern sich, passen sich an, umgehen Sperren, finden Umwege und neue Räume. Das ist das Potential von Kommunikation und von memetischen Gemeinschaften. Das ist politisch an Slow.</p>
<p><a href="http://twitter.com/aiww/status/44397194966609920"><img 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<p><small>&#8220;Dringend empfohlen: TED-Gespräche über Ägypten&#8221; Von Ai Weiwei weitergeleitete chinesische Empfehlung des <a href="http://blog.ted.com/2011/03/04/inside-the-egyptian-revolution-wael-ghonim-on-ted-com/">TED-Talks </a>von Wael Ghonim, der Symbolfigur der ägyptischen Revolution </small></p>
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		<title>Die memetische Geste: &#8220;Ich höre dir zu&#8221;</title>
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		<pubDate>Tue, 31 May 2011 14:32:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sabria david</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der &#8220;memetic turn&#8221;: Ein  schönes Grundkonstrukt, ein neuer Gedanke, der sich in den Beiträgen der letzten Tagen auf diesem Blog aufgefächert hat. Wir nähern uns dem Begriff, wir kreisen ihn ein. Mischen Flüssigkeiten und Ingredienzen, lösen und fügen Festkörper und Schwebeteilchen. Wer weiß, was in einem solchen Kessel entsteht. Was bedeutet es eigentlich, Meme auszutauschen? [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><a href="http://www.zeno.org/Kunstwerke/B/Burgkmair+d.+%C3%84.,+Hans%3A+Eingeborene+in+Arabien+und+Indien?hl=hl10478b"><img class="aligncenter size-full wp-image-4303" title="MamaHe Burgkmair" src="http://www.slow-media.net/wp-content/uploads/MamaHe-Burgkmair.jpg" alt="" width="489" height="436" /></a></p>
<p>Der &#8220;memetic turn&#8221;: Ein  schönes Grundkonstrukt, ein neuer Gedanke, der sich in den Beiträgen der letzten Tagen auf diesem Blog aufgefächert hat. Wir nähern uns dem Begriff, wir kreisen ihn ein. Mischen Flüssigkeiten und Ingredienzen, lösen und fügen Festkörper und Schwebeteilchen. Wer weiß, was in einem solchen Kessel entsteht.</p>
<p>Was bedeutet es eigentlich, Meme auszutauschen? Das habe ich mich gestern morgen gefragt und die Antwort hat mich selbst überrascht, obwohl sie eigentlich ganz einfach klingt.</p>
<p>Meme auszutauschen bedeutet, sich gegenseitig zu signalisieren:  &#8220;<strong>Ich höre dir zu</strong>.&#8221; Eingedenk der Etymologie, die zwischen dem grch. &#8220;Mneme&#8221; (Erinnerung) und dem französischen &#8220;même&#8221; (gleich) changiert &#8211; auch: &#8220;Ich erinnere mich an dich&#8221;, &#8220;Es gibt etwas Gleiches zwischen uns&#8221; und &#8220;Ich verbinde mit dir etwas&#8221;.</p>
<p>Das ist der neue Kitt der Gemeinschaften, von dem auch bei Jörg die Rede war. Es ist <strong>die Kommunikation selbst</strong>, die Gemeinschaft und Identität stiftet. Natürlich wurden Gesellschaften immer schon über Kommunikation zusammengehalten. Aber jetzt <strong>schafft </strong>die Kommunikation Gemeinschaften. Ist es das, was an memetischen Gemeinschaften neu ist?</p>
<p>Meme <a href="http://www.slow-media.net/memetic-chic-%E2%80%93-revolution-und-struktur-nach-dem-ende-der-moderne">zersetzen</a> die Gesellschaft &#8211; so lautet die vielleicht zunächst irritierende Aussage von Benedikt. Jörg spricht von einer &#8220;<a href="http://www.slow-media.net/memetic-turn">Korrosion</a>&#8220;. Das Zersetzende an Memen ist, dass sie über bestehende gesellschaftliche Strukturen hinweggehen und neue Zusammengehörigkeiten, Zusammenhänge und neue Strukturen schaffen. Dynamische, sich verändernde, wabernde Strukturen. Vielleicht sogar gar keine Strukturen, sondern nur noch Gewebe, wie Benedikt in seiner Antwort auf den <a href="http://www.slow-media.net/alles-fliest-uber-statisten-und-blutwunder">Thixotropie</a>-Beitrag gemutmaßt hat.</p>
<p>Das Ich-höre-dir-zu des memetischen Handelns hat eine <strong>zutiefst politische Dimension</strong>. Das Nichtgehörtwerden und Keinestimmehaben gehörte lange zum Los der gesellschaftlichen Mehrheit &#8211; in allen unterschiedlichen Ausprägungen, die zwischen Demokratien und autokratischen Systemen möglich sind. Es scheint, dass sich in diesem Punkt gerade etwas ändert.</p>
<p>Womit wir bei den maghrebinisch-maurisch-spanischen Revolutionen wären. Man kann diese nicht alle in einen Topf werfen &#8211; auch nicht in unseren Theorienkessel &#8211; aber seit einiger Zeit fällt mir ein Muster auf: Kurz vor Ausbruch der Unruhen gibt es einen Moment, an dem die jeweiligen Machthaber hätten das weitere Geschehen beeinflussen können &#8211; durch schlichtes Zuhören und Reagieren auf das Gehörte.</p>
<p>Die &#8220;Revolutionen&#8221; entstanden nicht aus dem Nichts, es braute sich der Unmut über Monate, manchmal Jahre hinweg zusammen, bis schließlich aus Unbehagen die vielzitierte Empörung wurde. Und es hätte durchaus Gelegenheiten gegeben, darauf zu reagieren.</p>
<p>Wael Ghonim, die Orientierungsfigur der ägyptischen Revolution, <a href="http://www.youtube.com/watch?v=SWvJxasiSZ8">berichtet</a> auf der TED-Konferenz 2011 von diesen Anfängen. Über die Facebookseite &#8220;We all are Khaled Said&#8221; fanden innerhalb weniger Tage Tausende von Ägyptern zusammen, die ihr Regime aufforderten, rechtstaatlich zu handeln und die Mörder des Bloggers Said zur Verantwortung zu ziehen. &#8220;Angry egyptians who were asking the ministry of interior affairs: It&#8217;s enough!&#8221; Zu diesem Zeitpunkt hätten das Regime noch reagieren und handeln können. <strong>&#8220;But of course they don&#8217;t listen&#8221;</strong>, fährt Ghonim nahtlos fort (min 4:20). Alte Strukturen sind nicht reaktionsfähig. Die Ägypter haben daraus ihre Konsequenzen gezogen.</p>
<p>Am 6. Februar, elf Tage vor Beginn des libyschen Aufstands, wurde eine Delegation von vier Intellektuellen in Gadhafis Zelt vorgeladen<a href="http://www.zeit.de/politik/ausland/2011-03/gadhafi-bengasi-uebergangs-rat"></a>.  Ben Ali war schon im Ausland, Mubarak sollte fünf Tage später aufgeben.  &#8220;Ihr seid jetzt also auch mit den Facebook-Kids zusammen&#8221;, begrüßte  Gaddafi sie, offenbar bemerkend, dass da etwas im Busche sein könnte. Doch obwohl er selbst der Meinung ist, Mubarak und Ben Ali hätten ihr Schicksal verdient, weil sie  nicht auf ihr Volk gehört hätten, kann auch er nicht entsprechend handeln. Als die vier Juristen  &#8220;Pressefreiheit, Meinungsfreiheit und eine Verfassung&#8221; und mehr  Beteilung der jungen Generation fordern, reagiert er &#8220;verwundert&#8221; und  weist die Forderungen weit von sich. &#8220;Niemand in Libyen sei scharf auf  derartigen Freiheiten, <strong>solche intellektuellen Diskussionen seien nicht  gefragt</strong><em>.</em>&#8221; Er hatte zwar zugehört, traute aber offenbar seinen Ohren nicht und ließ die Gelegenheit ungenutzt. Die Delegation fuhr schweigend nach Hause und beschloss für den 17. Februar  den &#8220;Tag des Zorns&#8221; auszurufen (Quelle: <a href="http://www.zeit.de/politik/ausland/2011-03/gadhafi-bengasi-uebergangs-rat">ZEIT</a>).</p>
<p>Bernardo Gutiérrez<a href="http://www.tagesspiegel.de/kultur/yes-we-camp/4228640.html"> berichtet</a> kürzlich im Tagesspiegel über die gesellschaftlichen Vorbeben in Spanien, die in direktem Zusammenhang mit der Banken- und Schuldenkrise des Landes steht. Auch hier gab es vorher Kontaktaufnahmen, Ermahnungen, Aufrufe. &#8220;Es braute sich etwas zusammen.&#8221; Doch offenbar wurden diese Anzeichen ignoriert, das alte Spiel in den alten Strukturen unverändert weiterbetrieben. &#8220;Die Arbeitslosigkeit stieg weiter, die Konzerne zahlten weiter astronomische Managergehälter. Dann präsentierten die Sozialisten und die Volkspartei ihre Kandidaten für die Regionalwahlen. Darunter: zahlreiche Politiker, die unter dem Verdacht standen, sich während des Immobilienbooms illegal bereichert zu haben.&#8221; Der Widerstand formierte sich. &#8220;Die Spanische Revolution klopfte laut an die Tür. Aber <strong>niemand schien sie hören zu wollen</strong>.&#8221; Noch hätte die spanische Regierung wohl reagieren können. Sie tat es nicht. Bis die Plattform „Democracia Real Ya“ zu Demonstrationen aufrief, mit bekanntem Ergebnis.</p>
<p>Einanderzuzuhören und Sich-Aufmerksamkeit-Schenken ist das, was memetische Gemeinschaften verbindet. Mich, die ich mich seit vielen Jahren mit den verschiedensten  Ausprägungen der Kommunikation befasse, hat dieser Gedanke sehr  berührt.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Memetische und massenmediale Kommunikation</title>
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		<pubDate>Mon, 30 May 2011 09:13:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benedikt</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Nachdem wir hier den Rahmen des memetischen Ansatzes abgesteckt haben und in diesen beiden Beiträgen konkrete Anwendungsbeispiele dargestellt haben, möchte ich im Folgenden kurz die Grundlagen der memetischen Theorie durch die idealtypische Unterscheidung zwischen massenmedialer und memetischer Kommunikation beschreiben. Idealtypisch bleibt dieses Unterfangen vor allem deshalb, weil sich beide Kommunikationsformen in der Geschichte immer wieder [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nachdem wir <a href="../memetic-turn">hier</a> den Rahmen des memetischen Ansatzes abgesteckt haben und in <a href="../alles-fliest-uber-statisten-und-blutwunder">diesen</a> <a href="../memetic-chic-%e2%80%93-revolution-und-struktur-nach-dem-ende-der-moderne">beiden</a> Beiträgen konkrete Anwendungsbeispiele dargestellt haben, möchte ich im Folgenden kurz die Grundlagen der memetischen Theorie durch die idealtypische Unterscheidung zwischen massenmedialer und memetischer Kommunikation beschreiben. Idealtypisch bleibt dieses Unterfangen vor allem deshalb, weil sich beide Kommunikationsformen in der Geschichte immer wieder gegenseitig beeinflusst und durchdrungen haben.</p>
<p><a href="http://www.slow-media.net/wp-content/uploads/MemetischeKommunikation.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-4289" title="MemetischeKommunikation" src="http://www.slow-media.net/wp-content/uploads/MemetischeKommunikation.jpg" alt="" width="450" height="202" /></a></p>
<p>Der wichtigste Unterschied zwischen massenmedialer und memetischer Kommunikation ist die dahinterliegende <strong>Kommunikationsstruktur</strong>: Massenmedien wie die Tageszeitung, das Fernsehen oder das Radio funktionieren fast ausschließlich so, dass wenige Sender ihre Botschaften an viele Empfänger übermitteln. Es kann zwar in Einzelfällen einen Rückkanal geben (z.B. Call-In-Sendungen oder Leserbriefe), diese stellen gegenüber dem einseitigen Normalbetrieb stets die Ausnahme dar. Memetische Kommunikation dagegen verläuft über Netzwerke, die in vielen Fällen skalenfrei sind, das heißt die Knoten und Verbindungen sind nicht zufällig verteilt, sondern weisen eine exponentielle Verteilung auf. Die meisten Knoten haben nur wenige Verbindungen, einige wenige haben dagegen sehr viele Verbindungen und können als Multiplikatoren im Kommunikationsfluss dienen. Experimente wie Milgrams <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Kleine-Welt-Ph%C3%A4nomen">Small-World-Studie</a> (die selbst memetische Qualitäten hat) zeigen die Funktionsweise und Stärke dieser Netzwerke.</p>
<p>Die unterschiedliche Kommunikationsstruktur hat auch Auswirkungen auf die jeweils zugrunde gelegten <strong>Maßeinheiten</strong>. Die Leistung massenmedialer Kanäle wird in Reichweiten gemessen, also in ihrer Fähigkeit möglichst viele Menschen zu erreichen. Wer diese Menschen sind, ist dabei zweitrangig, da Erfahrungswerte dafür bestehen, mit welchen Reichweitenschwellen welche Wirkungen einhergehen. Die zentrale memetische Reichweite ist dagegen der Einfluss. Für die möglichst intensive Durchdringung einer Gemeinschaft mit einem Mem ist nicht so sehr die reine Anzahl der Kontakte maßgeblich, sondern die möglichst effiziente Nutzung von hochdistributiven Schaltstellen (in der Epidemologie nennt man diese „Super-Spreader“).</p>
<p>Das <strong>Leitmedium</strong> der massenmedialen Kommunikation ist seit Mitte des 20. Jahrhunderts das Fernsehen. In diesem Medium wurden (und werden nach wie vor) die größten Publika erreicht. Zuvor war es das Radio und davor die Tageszeitung. Alle diese Medien wurden mit ihren großen Reichweiten immer wieder für politische Zwecke eingesetzt (als Staatspresse, Staatsfernsehen etc.). Das Leitmedium der memetischen Kommunikation dagegen ist das Internet, insbesondere die heute als Social Web diskutierten Plattformen, auf denen Nutzer eigene Inhalte publizieren können.</p>
<p>Die unterschiedlichen Kommunikationsstrukturen haben darüber hinaus auch Folgen für die <strong>zeitliche Dimension</strong> der Nachrichtenübermittlung. Massenmedien sind Augenblicksmedien. Die Reichweite einer Fernsehsendung baut sich nicht über die Zeit hinweg auf, sondern entsteht im Augenblick des Sendebeginns. Ebenso scharf ist das Ende gekennzeichnet – wenn die Sendung beendet ist, fällt die Reichweite sofort ab. Memetische Kommunikation ist dagegen zeitlich unspezifisch. Der Beginn der Verbreitungskarriere eines Mems kann sich über Tage oder Wochen ziehen, und das Ende ist ebenso amorph, da ein Mem immer wieder zum Leben erweckt werden kann. Im Grunde genommen stimmt der Begriff der Echtzeitkommunikation, der immer wieder dem Internet und seinen memetischen Kommunikationen zugerechnet wird, gar nicht. Die Massenmedien waren die echten Echtzeitmedien.</p>
<p>Wenn in der memetischen Theorie immer wieder von der „Gesellschaft zersetzenden“ Qualität von Memen die Rede ist, bezieht sich das nicht auf einen systemtheoretischen Gesellschaftsbegriff (Gesellschaft als umfassendstes Kommunikationssystem), sondern auf die stärker kulturanthropologische Unterscheidung von Ferdinand Tönnies zwischen <strong>Gemeinschaft und Gesellschaft</strong>. Der Kern dieser Unterscheidung: Während Gemeinschaft durch den Wesenswillen zusammengehalten wird (z.B. Verwandtschaft, Nachbarschaft oder Freundschaft) und auf dem ökonomischen Prinzip des Teilens  basiert (z.B. das gemeinsame Mahl), ist Gesellschaft durch den Kürwillen und den ökonomischen Tausch geprägt. Gesellschaftliches Handeln entsteht nicht aus dem gegenseitigen Verständnis, sondern aus der Erwartung einer Gegenleistung. So holzschnittartig und altmodisch das alles klingt, Tönnies Text aus dem Jahr 1887 beschreibt sehr detailliert die Dynamik der memetischen Kommunikation. Die erfolgreiche Verbreitung eines Mems funktioniert im Wesentlichen durch den Wesenswillen der Gemeinschaften im Web – Meme werden nicht getauscht, sondern geteilt („Sharing“). Aber nicht nur Tönnies steht hier Pate, sondern auch Max Weber mit seiner Unterscheidung von Vergemeinschaftung (= soziales Handeln, das sich am Zugehörigkeitsgefühl der Handelnden orientiert) und Vergesellschaftung (= soziales Handeln, das sich an Rationalitätsstandards wie Zwecken oder Werten orientiert).</p>
<p>Die charakteristische <strong>rhetorische Figur</strong> der memetischen Kommunikation ist die Metapher. Die Metapher schlägt eine Brücke zwischen zwei höchst unterschiedlichen Bedeutungskontexten. Der Übertragungskontext ist dabei höchst esoterisch und kann außerhalb der Gemeinschaft häufig nicht verstanden werden. Man braucht nur wenige Minuten auf Twitter mitlesen und wird im Minutentakt auf übertragene Bedeutungen in einem mikroskopischen Verweisungskosmos stoßen, die nur mit großer Mühe entschlüsselt werden können. In den meisten Fällen bleibt ein unübersetzbarer Rest, der in der Übersetzung verloren geht („lost in translation“). Besonders deutlich sieht man das an der großen Zahl toter Metaphern, die wir heute aufgrund unserer zeitlichen und kulturellen Distanz nicht mehr entschlüsseln können. Dagegen ist die Sprache der Massenmedien, wenn sie überhaupt mit rhetorischen Figuren arbeitet, metonymisch (man denke an typische Zeitungsschlagzeilen wie „Berlin erklärt Paris den Krieg“) oder ironisch-zynisch (z.B. in der TV-Berichterstattung über Gewaltverbrechen).</p>
<p>Der Journalist ist in massenmedial geprägten Kommunikationssystemen der mit Abstand wichtigste <strong>Akteur</strong>. Er wird als eine Art genialer Schöpfer der transportierten Inhalte skizziert, auf dessen Arbeit das ganze System aufbaut – so wie der Wissenschaftler Wissen schafft oder der Künstler Kunst. Diese vulgärsoziologische Great-Men-Perspektive ist mittlerweile nicht allein in den Geschichtswissenschaften passé, sondern auch in den anderen Gesellschaftsbereichen immer schwerer zu halten. Für die memetische Theorie spielen „geniale Schöpfer“ von Anfang an keine Rolle mehr. Zum einen, da eine effiziente Vernetzung viel wichtiger ist als individuelle Genialität. Zum anderen wird die Vorstellung der Schöpfung durch eine stärker prozessuale Betrachtung abgelöst. Meme werden nicht im stillen Kämmerlein erdacht, sondern entstehen im Vollzug. Nur die wenigsten Meme lassen sich auf einen aristotelischen Urheber zurückführen („Wer hat die Katzenfotos erfunden?“), sondern haben sich allmählich im kommunikativen Hin und Her der Gemeinschaften zu dem entwickelt, was sie sind.</p>
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