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Lion Feuchtwanger – Erfolg

Lion Feuchtwanger - ErfolgEiner der ergiebigsten Wege, um die Bayern kennenzulernen, führt über Lion Feuchtwangers brillianten ersten Band der Wartesaal-Trilogie, “Erfolg” (geschrieben 1927-30).

Nicht nur erkennt man hier, wie München oder Altbayern funktionieren (der BR hat sich in einem Web-Feature den nur unwesentlich verschlüsselten Schauplätzen des Romans angenommen), erfährt viel über das Verhältnis von Kultur/Kunst und Politik in den 1920er Jahren, sondern hier sieht man deutlich, aus welchem kleinbürgerlich-größenwahnsinnigen Milieu sich der Nationalsozialismus entwickelt hat. Feuchtwanger schreibt über die Machtergreifung, brennende Bücher und über Konzentrationslager weit bevor anderen diese Schreckensbilder geläufig waren. Bayern kommt, so möchte man auf den ersten Blick meinen, in diesem Roman nicht allzu gut weg:

Die Bewohner des Landes waren seit alten Zeiten Ackerbauern, städtefeindlich. Sie liebten ihren Boden. Sie waren zäh und kräftig, scharf im Schauen, schwach im Urteil. Sie brauchten nicht viel; was sie hatten hielten sie mit Händen, Zähnen und Füßen fest. Langsam, träg vom Denken, nicht willens, für die Zukunft zu schuften, hingen sie an behaglich derbem Genuß. Sie liebten das Gestern, waren zufrieden mit dem Heute, haßten das Morgen.

Doch auch diese plumpe Kritik an den Bayern wird von dem gebürtigen Münchner Feuchtwanger immer wieder ins satirische überzogen, denn diese Kritik ist genauso “scharf im Schauen, schwach im Urteil” wie die kritisierten. Nein, der “Erfolg” ist dialektisch durch und durch. So ist das hier porträtierte Bayern nicht nur die Ordnungszelle, in der jede kritische Stimme ausgeschaltet wird, sondern immer wieder wird diese Struktur durchkreuzt, unterlaufen und übertreten von den chaotischen Eigensinnigkeiten der sturköpfigen Protagonisten. Bayern, das ist das Ganze, oder wie es Herbert Achternbusch so passend zusammengefasst hat: “In Bayern gibt es 60 Prozent Anarchisten und die wählen alle die CSU”.

Was Feuchtwangers Roman zu einem Paradebeispiel für Slow Media macht, ist die mühelose Kombination von großem Umfang bzw. sehr detaillierten psychologischen Schilderungen und dem Gefühl, mit den ersten Seiten in den Roman hineingezogen zu werden. Genau davon schwärmt übrigens auch Dieter Hildebrandt in dieser sehenswerten Dokumentation. Feuchtwangers “Erfolg” ist auf jeden Fall eines der drei definitiven Bücher über Bayern.

“Erfolg” gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Percy Adlon.

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