Claudio del Principe: Anonyme Köche

Claudio del Principe: Anonyme KöcheAls zwei von uns (benedikt und jbenno) vor einigen Jahren ein Blog zum Thema Kochen anfingen, lernten wir Claudio des Principe von Anfang an als einen der Kommentatoren kennen, dessen Urteil für uns stets höchstes Gewicht besaß, so wie die rigorose Verteidigung der wirklich einzigen Art, ein Sauce Bolognese zu bereiten.

Claudio schreibt seine Gastrosophie, seine hervorragenden Rezepte und Kritiken in seinem Blog Anonyme Köche nieder, Motto: “Das Leben macht Spass mit Demi Glace”. Dort finden sich auch sein leidenschaftliches Plädoyer für Fonds, das meine Art zu kochen wesentlich beeinflusst hat – ich habe jetzt stets Demi Glace im Hause (naja, meistens, jedenfalls).

Schleunigst entschleunigen, hier am Beispiel Ragu, kann denn auch ganz allgemein als eine Anleitung zum guten Kochen gesehen werden.

Das beste: die Texte und Rezepte gibt es als schönes Buch bei Gräfe und Unzer – noch ein Beispiel für ausgedrucktes Internet.

Luhmanns Zettelkasten

Niklas Luhmann hat seine abertausend Seiten über das Verhältnis von Systemen, Kommunikationen und Semantiken gar nicht alleine geschrieben. Die in poppigen Suhrkampfarben beschrifteten Buchrücken mögen zwar alle nur von “Luhmann” sprechen, aber in Wirklichkeit waren es zwei Personen, die die soziologische Systemtheorie gemeinsam erfunden haben. Die gemeinsam jedes erdenkliche soziologische Thema – sprichwörtlich Gott und die Welt (und den Teufel) – zerlegt, neu zusammengesetzt und in die jeweils passende Schubladen eingeordnet haben. Die gemeinsam ein feines Gespür für das Verlangen vieler Soziologen, Pädagogen und Philosophen für durchgehaltene Ironie ohne Brechung oder Auflösung entwickelt haben und diesen Markt grandios gesättigt haben. Die gemeinsam immer abseitigere Schriften skandinavischer Soziognostiker ausgegraben haben und durch ausgiebiges Referenzieren in den Fußnoten (hierzu bitte diesen Text lesen) zu veritablen Grundlagentheoretikern noch gar nicht existierenderer Wissenschaften gemacht haben. Man sagt, hinter jedem erfolgreichen Mann stehe eine starke Frau. Hinter Luhmann stand sein Zettelkasten.

Ich vermute, jeder angehende Soziologe hatte einmal eine Phase, in der er versucht hat, sich ebenfalls aus Karteikarten, Holzkästen und Miniaturschrift einen Zettelkasten als Gesprächspartner heranzuzüchten. Die Aussichten, die Luhmann in seinen wenigen Zettelkasten-Gebrauchsanleitungen malte, klingen auch zu verlockend:

Meine Produktivität ist im wesentlichen aus dem Zettelkastensystem zu erklären.

Was für eine Vorstellung! Man muss sich nie wieder durch lange Bücher wälzen. Einfach ein paar Zettel aus dem Kasten ziehen und der Text schreibt sich von allein. Das Schöne: Es funktioniert nicht; diese Schreibmethode ist nicht reproduzierbar. Und so verwandeln sich die meisten Zettelkasten nach kurzer reger Betriebsamkeit wieder in wunderbar langsame Medien, die ab und zu einen entscheidenden Funken Inspiration abgeben können. Aber der Zettelkasten kann keine Bücher schreiben und auch keine Gespräche bei einem guten Glas Rotwein führen. Wie schön!

Sehr zu empfehlen ist jedenfalls die Lektüre von Markus Krajewskis Zettelwirtschaft: Die Geburt der Kartei aus dem Geiste der Bibliothek, in dem es nicht nur um Niklas Luhmann, sondern auch Arno Schmidt. Außerdem hat Krajewski mit synapsen auch eine digitale Version des Zettelkastens entwickelt wie auch Daniel Lüdecke (zkm3).

Dank an Christoph Bieber, Jan Passoth und Cornelius Puschmann für die Idee zu diesem Blogbeitrag.

International Music Score Library Project (IMSLP)

International Music Score Library Project (IMSLP)Internetausdrucker ist zum Synonym für digitalen Analphabetismus geworden. Man verbindet damit so wenig ruhmreiche Gestalten wie die Bundesminister von der Leyen oder Schäuble.
Vollkommen zu Unrecht wird damit das Ausdrucken von Content auf Websites pauschal in die reaktionäre Ecke gestellt. Denn es gibt Inhalte, die sich (zumindest bis zur Marktfähigkeit von Epaper) nicht ihrer Bestimmung nach auf dem Bildschirm nutzen lassen. Musiknoten zum Beispiel – oder hat schon einmal jemand versucht, seinen Laptop in den Notenständer zu klemmen?

Gut gesetzte Notenblätter gehören zum ästhetisch großartigsten, was die westliche Welt, die an Kalligraphie, verglichen etwa mit China oder Japaneher arm ist, an gedrucktem hervorbringt. Das International Music Score Library Project ist eine Sammlung von Notenblättern. Und zwar von nahezu jedem Musikstück, das rechtefrei zu publizieren ist. Damit stehen in der IMSLP so gut wie alle Kompositionen, die vor 1900 geschrieben wurden. Das Projekt läuft auf der Wikimedia-Engine, und jeder kann sich beteiligen, ergänzen, was fehlt, oder Alternativen mit anderen Arrangements, Fingersätzen, Textübersetzungen oder Transnotationen hochladen. Für Schuberts Winterreise etwa gibt es (augenblicklich) den vollständigen Zyklus für Klavier und Gesang, gesetzt in mittlerer Stimme, in tiefer Stimme, Transskriptionen für Klavier zu zwei und zu vier Händen. Alles sauber eingescannt und in guter Qualität auszudrucken.

Vollkommen unbeschwert kann jeder, der ein Instrument spielt oder singen möchte, sich durch die Musikgeschichte arbeiten; nahezu unbegrenzt.

IMSLP ist für mich, neben Wikipedia, eines der schönsten Beispiele, für kollaborativ erstellte Inahlte von höchster Qualität.

Lion Feuchtwanger – Erfolg

Lion Feuchtwanger - ErfolgEiner der ergiebigsten Wege, um die Bayern kennenzulernen, führt über Lion Feuchtwangers brillianten ersten Band der Wartesaal-Trilogie, “Erfolg” (geschrieben 1927-30).

Nicht nur erkennt man hier, wie München oder Altbayern funktionieren (der BR hat sich in einem Web-Feature den nur unwesentlich verschlüsselten Schauplätzen des Romans angenommen), erfährt viel über das Verhältnis von Kultur/Kunst und Politik in den 1920er Jahren, sondern hier sieht man deutlich, aus welchem kleinbürgerlich-größenwahnsinnigen Milieu sich der Nationalsozialismus entwickelt hat. Feuchtwanger schreibt über die Machtergreifung, brennende Bücher und über Konzentrationslager weit bevor anderen diese Schreckensbilder geläufig waren. Bayern kommt, so möchte man auf den ersten Blick meinen, in diesem Roman nicht allzu gut weg:

Die Bewohner des Landes waren seit alten Zeiten Ackerbauern, städtefeindlich. Sie liebten ihren Boden. Sie waren zäh und kräftig, scharf im Schauen, schwach im Urteil. Sie brauchten nicht viel; was sie hatten hielten sie mit Händen, Zähnen und Füßen fest. Langsam, träg vom Denken, nicht willens, für die Zukunft zu schuften, hingen sie an behaglich derbem Genuß. Sie liebten das Gestern, waren zufrieden mit dem Heute, haßten das Morgen.

Doch auch diese plumpe Kritik an den Bayern wird von dem gebürtigen Münchner Feuchtwanger immer wieder ins satirische überzogen, denn diese Kritik ist genauso “scharf im Schauen, schwach im Urteil” wie die kritisierten. Nein, der “Erfolg” ist dialektisch durch und durch. So ist das hier porträtierte Bayern nicht nur die Ordnungszelle, in der jede kritische Stimme ausgeschaltet wird, sondern immer wieder wird diese Struktur durchkreuzt, unterlaufen und übertreten von den chaotischen Eigensinnigkeiten der sturköpfigen Protagonisten. Bayern, das ist das Ganze, oder wie es Herbert Achternbusch so passend zusammengefasst hat: “In Bayern gibt es 60 Prozent Anarchisten und die wählen alle die CSU”.

Was Feuchtwangers Roman zu einem Paradebeispiel für Slow Media macht, ist die mühelose Kombination von großem Umfang bzw. sehr detaillierten psychologischen Schilderungen und dem Gefühl, mit den ersten Seiten in den Roman hineingezogen zu werden. Genau davon schwärmt übrigens auch Dieter Hildebrandt in dieser sehenswerten Dokumentation. Feuchtwangers “Erfolg” ist auf jeden Fall eines der drei definitiven Bücher über Bayern.

“Erfolg” gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Percy Adlon.

Theodore Gray: The Elements

[Read this Post in English]
Theodore Gray: The ElementsIm 5. Jahrhundert vor Christus forderte Empedokles, dass die Welt aus einer endlichen Anzahl verschiedener Elemente bestünde. Seine Lehre von den Vier Elementen wurde für die nächsten 2000 Jahre ein Fundament der abendländischen Wissenschaft. Erst im 17. Jahrhundert wurde die Vorstellung, die Welt bestünde aus unterschiedlichen Verbindungen von Feuer, Wasser, Luft und Erde durch den irische Forscher Robert Boyle revidiert – allerdings nur, was die Anzahl und Art dieser Elemente betrifft. Dass es tatsächlich elementare Bestandteile gibt, kleinste Einheiten, die selbst noch die Eigenschaften der Materie tragen, selbst aber nicht weiter teilbar sind, ohne diese Eigenschaften zu verlieren, daran gibt es spätestens seit der Entdeckung des Periodensystems und der (Wieder-)Entdeckung des Atoms im 19. Jahrhundert keinen Zweifel mehr.

Und es sind tatsächlich erstaunlich wenig unterschiedliche Elemente: knapp über 90 verschiedene können auf der Erde gefunden werden. Das faszinierende an den Elementen sind ihre chemischen Eigenschaften, die sich in schöner Periodizität wiederholen, nicht ohne allerdings ab und zu spektakuläre Ausreißer auf Grund physikalischer Effekte zuzulassen. Dieses Periodensystem der Elemente, 1869 von Mendelejew entwickelt, bleibt in aller Regel Theorie, farblose Tabelle mit wenig anschaulichen Buchstaben und Zahlen darin. Dabei lässt sich gerade die Regelmäßigkeit in der Vielfalt der Elemente wunderbar visualisieren. Genau dies ist die Leistung von Theodore Gray, einem bekannten Unternehmer und Software-Pionier, Mitautor von Mathematica und eben Elementsammler.

Aus seinen tausenden von Element-Proben und Fundstücken hat Gray einen wunderbaren Bildband zusammengestellt, der anekdotisch Entdeckung, wichtige Eigenschaften und die persönliche Beziehung des Autors zum jeweiligen Element visualisiert; großformatig, Hardcover, Hochglanz.

Parallel dazu gibt es eine Website ‘periodictable.com’, auf der zu finden ist, was im Buch keinen Platz mehr hatte, oder was später zur Sammlung des Autors hinzugekommen ist.

Mad Science: Experiments You Can Do at Home - But Probably Shouldn'tIn einem zweiten Band “Mad Science: Experiments You Can Do at Home – But Probably Shouldn’t” geht es dann zur Praxis, ebenso bildstark inszeniert, wie überaus amüsant zu lesen. Zahlreiche Experimente habe ich erfolgreich durchgeführt und großen Spass dabei gehabt.

Widerspruch. Münchner Zeitschrift für Philosophie

οὐ ξυνιᾶσιν ὅκως διαφερόμενον ἑωυτῷ συμφέρεται· παλίντονος ἁρμονίη ὅκωσπερ τόξου καὶ λύρης.
(„Sie verstehen nicht, wie das Auseinandergehende mit sich selbst zusammengeht: gegenspännige Zusammenfügung wie von Bogen und Leier.“) Heraklit

„Das Logische hat der Form nach drei Seiten: α) die abstrakte oder verständige, β) die dialektische oder negativ-vernünftige, γ) die spekulative oder positiv-vernünftige.“ Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften.

“Philosophie, die nicht Selbstzweck ist, versteht sich als kritische Reflexion der Gegenwart. Sie erschöpft sich nicht in der Pflege der Tradition, sondern stellt sich die Aufgabe, aus den theoretischen und praktischen Widersprüchen und Kämpfen ihrer Zeit begründete Orientierungen zu entwickeln.” So stellt Widerspruch. Münchner Zeitschrift für Philosophie. sich programmatisch als Organ einer negativ-vernünftigen, dialektischen Logik dar. Diesem Motto treu behandelt die eben erschienene Nr. 50 als Thema “Ideologiekritik”, nicht ohne gleich auf den ersten Seiten die Sinnhaftigkeit eines solchen Unterfangens selbst in Frage zu stellen.
Absolute Höhepunkte aus 29 Jahren Widerspruch sind für mich die Hefte über “Alternative Ökonomien” (Nr. 47), “Kampf der Kulturbegriffe” (Nr. 40) und ganz besonders “Ökologische Ästhetik” (Nr. 38) – gewissermaßen das theoretische Fundament der Neo-Green-Bewegung. Unverändert lesenswert ist auch das grandiose Sonderheft zum 100. Geburtstag von Walter Benjamin. Wir freuen uns auf weitere 50 Hefte. ‘Mehr Dialektik’!



Weitere Beiträge auf slow-media.net über Zeitschriften:
Spektrum der Wissenschaft
Die Brand Eins
Wired Magazine
Kunstforum International: 200 Ausgaben

Charlie Chaplins Filme


Charles Chaplin: Boxszene aus dem Film “City Lights“, 1931

Die Filme von Charles Chaplin entstanden in einer genialen Mischung aus Perfektionismus und Improvisation. Einzelne Szenen, bis ins Kleinste durchkomponiert und choreographiert, sind zu Ikonen der Filmgeschichte geworden. Die Rollschuhszene im nächtlichen Kaufhaus, der Kampf des Menschen, der in die Zahnräder der Industrialisierung gerät. Oft genügen auch einfachste Mittel (zwei Gabeln und zwei Brötchen), um unvergessene Bilder zu schaffen.

Chaplins Aufmerksamkeit und Beobachtungsgabe zeigen sich vor allem mit dem Film “Der Große Diktator“. Dieser Film, in dem Chaplin glasklar die Monströsität wie die Banalität des Bösen zeigt, kam schon 1940 in die Kinos, kaum ein Jahr nach Beginn des 2. Weltkrieges. “Wir haben von nichts gewusst”, sagten jene, die damals nicht hinsahen – im Kino nicht und auch sonst nicht. Albert Speer soll den Film später “den besten Dokumentarfilm über das Dritte Reich”* genannt haben.

* Quelle: http://www.spiegel.de/sptv/reportage/0,1518,182140,00.html

Erzabtei Beuron: Tagesimpuls

“Ein lebendiges Kloster gleicht einer Oase, in der man ruhen und neue Kraft schöpfen kann. Es gleicht einer Quelle, an der der Besucher sich laben kann und ihm ein erfrischender Trank gereicht wird.” (von der Website)

Seit 1884 P. Anselm Schott das Messbuch der katholischen Kirche (Missale Romanum) erstmals auf deutsch übersetzt und herausgebracht hatte, ist Der Schott zum Synonym für das deutsche Messbuch geworden. Angepasst an die Liturgie des II. Vatikatischen Konzils wird der Schott auch heute noch von der Erzabteil Beuron herausgegeben.

Das Besondere: dieses 1.000-jährige Benediktinerkloster, im Naturpark Obere Donau malerisch gelegen, stellt für alle Tage des Jahres die entsprechende Messe online zur Verfügung, als Tagesimpuls. Der Titel ist sehr passend, denn anders, als einfache Gebetssammlungen oder fromme Sinnsprüche für den Tag, folgt die Messordnung einer inneren Logik, aufeinander aufbauend, Tag für Tag, führt uns durch die Evangelien eingebettet, in Gebete, Psalmen und die Lesungen aus anderen Büchern der Bibel. Es ist tatsächlich ein Impuls zur spirituellen Versenkung und Reflexion, wunderbar angetan, sich bei Tagesbeginn nochmals zu Konzentrieren oder am Abend den Tag in Sammlung zu beschließen.

Gerade für das Regelhafte der Liturgie, für die unendlichen Querverweise und Bezüge religiöser Texte ist die Form des Hypertext, ist das Web ein perfektes Vehikel.

Link: http://www.erzabtei-beuron.de/liturgie/index.php