Eine Milliarde Smartphones

Vor ein paar Jahren bin ich auf einer Veranstaltung dem finnischen Politiker Esko Aha begegnet, damals Berater für den bereits ins Trudeln geratenen Nokia-Konzern. Aha erklärte, was er als den philosophischen – oder wie man in der martialischen Business-Sprache sagen würde strategischen Fehler von Nokia erkannt zu haben glaubte: “We have 4.4 billion mobile phones today, but what Nokia claims is still just ‘Connecting People’ – exactly what the telephone companies had been doing the one hundred years before.” Einfach nur um sich fernmündlich zu verbinden ist also nicht mehr, wozu sich Menschen ein Telefon kaufen.

Männer die auf Smartphones starren
(Photo von @toshiyori)

Mehr als eine Milliarde Smartphones sind heute aktiv. Diese Zahl alleine gibt der Einschätzung von Aha eindrucksvoll recht.

Das Smartphone ist unser Tricorder, es ist der Universal-Sensor, mit dem wir alle möglichen Umwelt-Daten empfangen, verarbeiten und mit “dem Netz” telemetrisch teilen: Karten sind das auffälligste Beispiel – nicht nur geben sie uns Orientierung im Raum, wir senden sie auch aus, unter anderem an Location Based Services wie Foursquare, wo sie, zusammen mit den Daten anderer Menschen, eine Meta-Ebene über die Welt legen, in der alle möglichichen Informationen daraus entstehen – über Restaurantbewertungen bis zu Staumeldungen. Egal ob wir eine Vorstellung davon haben, wo wir uns befinden, wir können ein Taxi rufen, wir können uns Fahrpläne für den öffentlichen Nahverkehr zusammenstellen oder uns den Fußweg anweisen lassen, der uns zu unserem Ziel führt. In vielen Teilen der Welt (bei uns nicht; wir sind, was Mobile Internet betrifft, bereits weit hinter anderen Ländern zurückgefallen) ist das Smartphone auch das wichtigste bargeldlose Zahlungsmittel – es ist nicht nur viel sicherer, als Kreditkarten, man behält auch in Echt-Zeit die Kostenkontrolle, da man stets den aktuellen Stand der Zahlungen abrufen kann.

Das Smartphone ist aber vor allem auch eine Art Brille, mit der wir in die ansonsten unsichtbaren Dimensionen blicken können, die das Internet um uns aufspannt, in Datenwolken, die uns wie eine Aura umgeben.

Was wir mit Smartphones machen, ist genau, was Pierre Teilhard de Chardin im 20. Jahrhundert vorhergesehen hat. Der jesuitische Anthropologe hatte während seiner archäologischen Ausgrabungsarbeiten und der Beschäftigung mit vergangenen Kulturen festgestellt, wie stark Gesellschaften durch ihre Technologien geprägt und verändert werden. Er hatte daraus den Gedanken entwickelt, dass unsere Werkzeuge evolutionär Teil unseres Körpers werden – Kleider werden uns eine zweite Haut, der Faustkeil erweitert unsere Fingernägel und unsere Zähne, das Feuer, mit dem wir unser Essen kochen, wird untrennbarer Teil unserer Verdauung.

Für Teilhard war allerdings klar, dass die Evolution nicht in der Vergangenheit geendet hatte. Er stellte sich die Frage, inwieweit Fernverkehr über Eisenbahn und Flugzeug und vor allem elektronische Nachrichtenübertragung über Funk und Kabel uns verändern werden. Er schloss, dass elektronische Nachrichtenmedien schon bald eine Erweiterung unseres Nervensystems bilden werden, schließlich sogar unseres Gehirns. Aus der ständigen, elektronischen Verbindung der Menschen, überall auf der Welt, würde sich, so Teilhard, eine Art globales Bewusstsein entwickeln, die Nou-Sphäre.

Eine Milliarde Smartphones bedeutet aber vor allem: die zweite Milliarde der Nutzer des Mobile Internet wird nicht mehr aus den satten Industriegesellschaften erwachsen. Schon heute hat West-Afrika die höchsten Wachstumsraten im Telekommunikationssektor. Millionen von Menschen in Ghana oder Nigeria sind in den letzten Monaten über ihr Phone online gegangen.

Damit ist eines völlig klar: dien nächste Milliarde Smartphones werden keine iphones oder andere 600$-Gadgets sein. Billig-Smartphones werden vielleicht schon bald der größte Markt, die größte Industrie der Welt werden. Falls Android für diesen Markt weiterhin das Betriebssystem der Wahl bleibt, wird Googles Rolle als weltweite Achse für Daten und Analysen auf lange Zeit fundamentiert.

Die Smartphone-Revolution wird aber vielleicht noch etwas anderes erreichen: auf der ganzen Welt werden Menschen Zugang zu Bildung, zu Büchern, zu Informationen erhalten. Selbst wenn dieser Zugang durch Zensur-Infrastruktur beschränkt ist, wird die Verfügbarkeit von Wissen und Nachrichten einen gewaltigen Effekt auf die Menschen und ihre Gesellschaften haben. Vielleicht werden die Smartphones auf diese Weise schaffen, was der Internet-Vordenker Nicolas Negroponte mit seinem Projekt One Laptop per Child erreichen wollte – allerdings nicht Top-Down, nicht durch eine Organisation, sondern per Grassroots, durch die einzelnen Menschen, die sich vernetzen.

Der Idiot – wieder eine zeitgemäße Figur?

Tozkij dachte im stillen: ›Er ist ein Idiot, weiß aber instinktiv, daß man durch Schmeichelei am ehesten zum Ziel kommt!
Dostojewski, Der Idiot

Open systems don’t always win.
Steve Jobs.

Dear Igor Barinov,

The status for the following app has changed to Removed From Sale.
App Name: WikiLeaks App

Techcrunch, 21.12.2010

The iPad as a particular device is not necessarily the future of computing. But as an ideology, I think it just might be.
Steven Frank, http://stevenf.com

Der idiōtēs war in der griechischen Polis ein Mensch, der Privates nicht von Öffentlichem trennte – meist aus wirtschaftlichem Zwang, wie die Händler oder aus gesellschaftlichem Zwang, weil ihm, wie den Frauen und den Sklaven die öffentliche, politische Betätigung verwehrt blieb.

Platon beschreibt in seiner Politik, was er daran für bedauernswert hält: Ein Idiotes kümmert sich nur um seinen eigenen Oikos – seinen Herd und nicht um die Gesellschaft, die Polis. Dabei kann selbst ein reicher Idiotes nur durch die Gnade der Gesellschaft überleben. Nur, weil der davon ausgehen kann, dass ihm die Polis stets zur Seite springt, kann er darauf vertrauen, nicht einfach von seinem Hauspersonal ermordet zu werden. Er wäre ohne die Öffentlichkeit, die er durch sein Idotentum verachtet, vollkommen hilflos.
***

Netzpolitik ist zur Zeit in aller Munde. Dieses Wort, so könnte man weiterdenken, mag unterstellen, dass es im Internet eine Polis, eine Öffentlichkeit gibt.

An dieser Stelle haben wir bereits mehrmals darüber geschrieben, dass eine politische Öffentlichkeit sich nur entfaltet, wenn ihre Regeln zweckfrei verhandelt werden können. Solange das Netz praktisch vollständig privatwirtschaftlich kontrolliert wird, ist eine freie, wertegetriebene, politische Diskussion nicht möglich. Unternehmen kontrollieren über CDN, Backbone und DNS, ISP und neuerdings sogar über die Betriebssysteme der Endgeräte die Inhalte; das Argument der Zensur ist so gut wie nie ein politisches oder ethisches; wie bei der von Apple gelöschten Wikileaks-App werden die AGB, die Terms and Conditions angeführt.

Ähnlich ist die Lage bei den Social Networks und Plattformen. Auch Twitter kann mein Profil jederzeit mit Hinweis auf die AGB sperren, Youtube Videos mit dem Verweis auf angebliche Regelverstöße einfach löschen. Und Netzneutralität – d. h. eine Gleichbehandlung aller Datenpakete – ist nur so gut, wie die gerechte Chance aller Seiten, auch über Suche gefunden zu werden.

Umso interessanter empfinde ich die Beobachtung, mit welcher Hingabe sich ganze Hundertschaften von Netzaktivisten zum Büttel der TK-Industrie, von Google, Facebook und besonders von Apple machen und deren teilweise Offenheit mit Öffentlichkeit verwechseln.

Die Verschiebung der Informationsmacht von den Content-Produzenten, den Autoren, Filmemachern, Musikern und ihren Verlagen und Verwertungsgesellschaften hin zu den Content-Plattformen, den Social Networks und Suchmaschinen ist wahrscheinlich unumkehrbare Folge eines viel grundsätzlicheren kulturellen Wandels. Deshalb ist für die zukünftige Form von Kultur und Kreativität die Antwort auf dieFrage entscheidend, wie (und ob überhaupt) eine politische Öffentlichkeit, eine Gesellschaft, trotzdem für das wirtschaftliche Auskommen von Menschen in Kreativberufen sorgen kann. Ich halte die Forderung der Piratenpartei, nichtkommerzielle Vervielfältigung und Nutzung von Werken als “natürlich zu betrachten” und “explizit zu fördern” und gleichzeitig die Autoren “unabhängiger von bestehenden Machtstrukturen” zu machen, für utopisch. Im Moment nützen frei kopierbare Inhalte nur den Telcos, die ihre Bandbreite auslasten und natürlich den Plattformbetreibern, die dadurch Traffic erzeugen und dadurch bessere Werbeträger zu werden. Und obwohl ich selbst mein Geld mit Werbung verdiene, finde ich es doch ein wenig dürftig, wenn das alles gewesen sein soll, was bleibt.

Xenophon verwendete denn auch den Idioten schon im vierten Jhd. v. Chr. in einer übertragenen Bedeutung: ein Idiot ist ein unmusischer Mensch, der Dichtkunst unkundig.

Weiter lesen:
Die Illusion vom freien Internet
Alles wird Highway
Digitale Zwangsneurosen
Zensur?!

Das iPad und die digitale Gegenreformation

Hl. Ignatius von LoyolaEine der spannendsten Gedanken zum iPad war in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zu lesen (und teilweise auch hier zu hören). Darin beschreibt Frank Schirrmacher das neue Wundergerät von Apple – angekündigt wird es als magisch und revolutionär – als erste digitale Medienplattform mit Slow-Media-Features.

Das immer wieder bemängelte fehlende Multitasking, die wenigen Geräte-Schnittstellen und die vergleichsweise wenigen veränderbaren Benutzereinstellungen verwandeln sich nämlich im Kontext der Slow-Media-Bewegung zu einem zukunftsweisenden Feature-Set, das eine viel stärkere Konzentration auf die abgerufenen (immer häufiger: gekauften) Inhalte fordert. Damit macht dieses Gerät vielleicht tatsächlich digitale Medien auf eine Weise rezipierbar, die bislang Medien wie dem gedruckten Buch vorbehalten war:

Jetzt verkörpert die Hardware diese Philosophie. Multitasking ist Körperverletzung, lautet ein heftig umstrittener Satz. Apples Hardware verschont den Konsumenten, indem sie ihm gar keine Wahl zum Multitasken gibt. Allein das ist ein Bruch mit der klassischen Cyber-Anthropologie, in der der Mensch sich seine Welt bis in die Mikrostruktur zusammenstellt.

Paradoxerweise hört man bis jetzt vor allem die Stimmen derer, die mit diesem Gerät vermutlich gar nicht gemeint sind. Nicht die knapp 10 Prozent “jungen hyperaktiven” Routineonliner scheinen hier die Zielgruppe zu sein, sondern die Selektiv- und Randnutzer, für die das Internet kein Social Network, sondern eine digitale Bibliothek ist. Für die 71% der deutschen Online, die angeben, nie Social Networks zu verwenden, oder die 91%, die nur minimal in das “Mitmachnetz” involviert sind.

Ich glaube, dass Frank Schirrmacher in einem Punkt irrt. Er bezeichnet das iPad als “Restauration”. Das stimmt nicht. Das iPad bringt uns nicht zurück ins Gutenberg-Zeitalter. Nicht einmal in die Nähe davon.

Was wir hier erleben, ist eine Gegenreformation, in der nicht die alte Ordnung wiederhergestellt wird, sondern eine Radikalisierung, Expansion und innere Erneuerung der digitalen Kultur. Die Einführung des iPad, die von einigen Kommentatoren bereits als Ende der PC-Ära gesehen wird, ist eine Art digitales Tridentinum, in dem sich die Internetkultur soweit reformiert und klärt, dass sie ihren alten konservativen Kritikern und Verweigerern keine Angriffsfläche mehr bietet.

Vielen Dank an @pramesan für diesen Hinweis auf Twitter.