Ohne Google.

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“Die Welt ist keine Kugel”. Es ist der Berg des Nordens, dessen Schatten die Nacht erzeugt. Perspektivenwechsel, wie ihn die “Christliche Topografie” von Kosmas Indikopleustes vorlegt. Darauf wäre ich wohl auch nicht über Google gestoßen.

Abbildung nach Cosmas Indicopleustes, Christian Topography, Hsgb. J. W. McCrindle, Calcutta 1897

The strongest arguments prove nothing so long as the conclusions are not verified by experience. Experimental science is the queen of sciences and the goal of all speculation.
Roger Bacon

Ich habe mich entschlossen, ein Experiment zu machen: ich werde von heute an die Suche von Google nicht mehr nutzen.

Ort und Gelegenheit, zur Geburt dieser Idee war eine lange und lebhafte Diskussion mit Benedikt Köhler, Peter T. Lenhart und Sigrid Schwarz vergangenen Freitag in der Galerie Royal – genau passend, für das, was ich im folgenden beschreiben möchte.

Warum kommen wir auf diese Idee?

Es gibt einen Anlass und einen Grund für meine Entscheidung. Am vergangenen Freitag habe ich – wie so oft – versucht, Information zu einem bestimmten Produkt bzw. einer Marke zu finden, indem ich danach gegoogelt habe. Unter den ersten zehn Seiten von Treffern, also die ersten hundert Web-Seiten, die Google meiner Suche nach für relevant hält, war kein einziger Link, der tatsächlich etwas mit meinem Suchwort zu tun hatte. Es waren ausnahmslos Portale zum Preisvergleich, Empfehlungsportale oder Versandhändler – und stichprobenhaftes Aufrufen der Links förderte schnell zu Tage, dass keines der angeklickten Unternehmen das von mir Gesuchte tatsächlich angeboten hätte. “Finden Sie Machiavelli günstig bei ebay”, “Billig Hausstaubmilben bei Amazon bestellen”. – das ist mein Anlass, mehr nicht. Ich will gar nicht in ein Lamento über die Unart der SEM/SEO-Branche verfallen, über die Lebenszeit, um die uns diese Agenturen mit ihren anbiedernden und dummdreisten Tricks betrügen, um die Bandbreite, die durch ihren Spam verstopft wird. Das alles sind ja Gemeinplätze.

Der Grund für mein Experiment, nicht mehr mit Google zu suchen, liegt tiefer. Eine Suchmaschine nimmt ein Wort oder mehrere Worte, die ich vorgebe und liefert die Seiten im Netz, auf denen diese Worte zu finden sind – in einer Rangfolge nach ihren Algorithmen geordnet. Die Suchmaschine ist damit die Fortsetzung von dem, was der Index in einem Buch gewesen ist. Ein Index führt mich schnell zu den Dingen, die ich bereits kenne. Ich finde die Stellen im Buch wieder. Ein Index ersetzt aber auf keinen Fall das Inhaltsverzeichnis oder gar ein Abstract.

Zunächst scheint es eine große Erleichterung, wenn Information stets im Volltext zur Verfügung steht. In Wahrheit aber spart man sich häufig, ein Thema zu erarbeiten, weil man es ja schnell zitieren und weiterverwenden kann. Statt eigene Gedanken zu wagen, “stehen wir auf den Schultern von Riesen” und diese Riesen sind so übermächtig, dass jeder Widerstand zwecklos scheint. Wir haben so viel zur Verfügung, dass es unmöglich scheint, noch selbst etwas anderes Beizutragen, als eine Collage des bereits vorhandenen. Dieser Eklektizismus hat durchaus seine Ästhetik. Ich habe für mich persönlich aber das stärker werdende Gefühl, nichts mehr wirklich zu finden, und vor allem nichts mehr zu er-finden, je mehr ich mir die Technik des Suchens zueigen gemacht habe.

Dieses Gefühl wertloser Zeitverschwendung habe meist ich nicht bei Inhalten, die mir im Freundeskreis auf Twitter oder Facebook empfohlen werden oder die ich auf den Blogs finde, die ich regelmäßig lese. Oft klicke ich auf einen Link in meiner Twitter-Timeline, bei dem ich in der Regel nicht vorher sehe, wohin er führen wird, da er über bit.ly oder ähnliche Dienste verkürzt wurde, und stoße auf vollkommen unerwartet Neues, von dem aus es nicht selten Link für Link weiter geht, in Richtungen, die ich eben nicht schon im Vorhinein vorgegeben habe.

Auch was ich auf sozialen Informationsnetzen wie Wikipedia oder OpenStreetMap finde, bedeutet mir meist mehr, als die algorithmischen Ergbnisse der Suchmaschinen. Nicht zuletzt das motiviert mich, selbst etwas beizutragen, von dem ich glaube, dass andere es gerne finden werden.

Ich halte nichts von totaler Internet-Abstinenz. Fasten bedeutet schließlich nicht Hungern, sondern das bewusste Einhalten von Speisevorschriften zur Sammlung und Bewusstmachung dessen, auf was man verzichtet.
Mein Experiment – no Google, just the Web – soll mir ganz persönlich Klarheit darüber verschaffen, welchen Stellenwert Search für mich hat und wie es mich und meine Arbeit im Internet verändert. Ich werde versuchen, hier über meine Erfahrungen zu berichten.

Hier geht es zu den Erfahrungsberichten:

Weitere Beiträge zum Thema:
Das Ende der Geschichte für Kreativ-Berufe
Über das Fasten
Slow Media und die knappe Zeit
Kohelet – Zeit und Glück

und: Ich bin dann mal verpixelt.

Von Steinen lernen – Medienfasten in Südtirol

Medienfasten funktioniert. Die letzten 10 Tage auf einem abgelegenen Bergbauernhof in Südtirol waren für mich auch 10 Tage sehr wertvolles Medienfasten. Das heißt also: Brotlaibidole, Figurenmenhire, Römerstraßen, Votivtafeln, Fresken und autochthone Dialekte wie das Sarnerische und das Ladinische statt Fernsehen, Internet und Telefon. Also alles Paradebeispiele für Slow Media, wenn nicht schon No Media, also Medien, deren Übermittlungsfunktion innerhalb mehrerer Tausend Jahre nur noch auf einen kleinen Kreis von Personen beschränkt ist, wenn sie nicht bereits erloschen ist. Medienskelette, die von uns nicht mehr sinnvoll zusammengefügt und gelesen werden können.

Südtirol

Je mehr man sich mit solchen vom Aussterben bedrohten oder gar ausgestorbenen Medien befasst, desto größer wird der Appetit auf lebendige Medien. Das Make-Magazin, die Wired-Titelgeschichte über das iPad in der Post oder die jüngsten Blogposts von Bruce Sterling

Eines der größten Missverständnisse des Medienfastens ist der verbreitete Irrglaube, es gehe dabei um Leere und Verzicht. Stattdessen geht es um Fülle und Genuss. Beziehungsweise die dialektische Beziehung zwischen diesen beiden Polen. Wahrscheinlich kann das eine nicht ohne das andere haben. Ebenso ist es mit Slow Media und Fast Media. Genausowenig wie das Fasten als Versuch missverstanden werden darf, die ausgewogene Nahrungsaufnahme zu bekämpfen oder gar aufzuheben, zielen Slow Media auf das Ende der schnellen Massenmedien. Für mich sind Slow Media vielmehr der Versuch, die eigene Mediennutzung zu schärfen und in einen wertvolleren Teil des eigenen Alltags zu verwandeln. In Anlehnung an Alexander Kluge: Mit Slow Media gewinnt man Zeit, statt dass man sie verliert.

Figurenmenhir von Latsch

Dem Mediengebrauch haftete immer etwas zauberhaftes an – das wird besonders im Blick auf archaische Formen wie zum Beispiel dem Latscher Figurenmenhir (s.o.) deutlich, in den die jungsteinzeitlichen Vorfahren der Blogger in einer heute nicht mehr entschlüsselbaren Zeichensprache eine Botschaft eingeschrieben haben: Äxte, Kreissymbole, Strichmännchen und Tiere. Die Aura ist kann hier mit den Fingern berührt werden: Ein Artefakt aus einer fremden, vergangenen und doch räumlich nahen Kultur – ganz im Sinne Walter Benjamis einmalig und dauerhaft. Eine Bedeutung von Slow Media, die sich hiervon ableiten lässt: Medien darauf hin zu untersuchen, inwiefern sie einen derartigen Zauber – ob man ihn Aura, Inspiration oder Nachhaltigkeit nennt – vermitteln können.

Semantischer Nachtrag: Wenn man im Internet nach steinzeitlichen Medien sucht, stößt man sofort auf den Begriff “Kraftort” (wie passend, dass es hierzu kein Lemma in der Wikipedia gibt), unter dem solche Steine und ihre Fundorte heute einsortiert werden (oft flankiert von skurrilen GoogleAds zum Thema “Sind Sie ein Kelte? Finden Sie heraus, ob Sie keltische Vorfahren haben”). Dabei kommen auch Medien immer wieder vor – aber gemeint sind nicht die abstrakten Vermittler oder Extensions of Man, sondern Extensions of Ghosts, die Botschaften aus dem Jenseits übermitteln. Ich frage mich, wie lange es dauert, dass ein Science-Fiction-Roman seinen Protagonisten zukünftige “Kraftorte” besuchen lässt, in der Hultschiner Straße oder in der ZDF-Straße, deren genaue Bedeutung nicht mehr genau entschlüsselt werden kann. Oder wurde dieser Roman schon geschrieben?