I Need That Record! Vom Sterben oder Überleben der Plattenläden

Am 17. April ist “Record Store Day“. Ein Tag, an dem weltweit Schallplattenläden (“real, live, physical, indie record stores”) gemeinsam mit Musikern diese sehr slowe Form der Musikdistribution feiern. In Zeiten von Amazon, AppleStore und MP3 sind diese Läden selbst zu einer bedrohten oder aussterbenden Spezies geworden und die sozialen Funktionen, die sie einst erfüllt haben (wie zum Beispiel musikalische Sozialisation, Beratung, Treffpunkt, Zufallsfunde oder Kulturförderung), werden von anderen Institutionen übernommen.

Insofern kann man den Recordstore Day fast als so etwas wie ein Artenschutzprogramm sehen. Aber es ist ein Artenschutzprogramm, dass nicht als Wehklage über die untergehende Welt der gut sortierten kleinen Geschäfte zu verstehen ist (“Who’s gonna do that now?”), sondern als lebensfrohes Zelebrieren einer Subkultur, für die David Weinbergers These “Everything is Miscellaneous” zwar längst zur Wirklichkeit geworden ist (z.B. der unbegrenzte Platz und die dyamische Ordnung in den digitalen Warenhäusern), aber deshalb noch lange nicht akzeptiert werden muss.

Viel von dieser Freude, aber auch dem Widerstandsgeist vermittelt die Oral-History-Dokumentation von Brendan Toller, “I Need That Record!“, den es ab sofort für eine Woche in ganzer Länge auf Pitchfork zu sehen gibt. Zu Wort kommen u.a. Noam Chomsky, Thurston Moore, Mike Watt und Chris Frantz.

Diederichsens 2000 Schallplatten und eine Kritik

Das kann doch kein Zufall sein! Gerade hatte ich damit begonnen, ein Loblied über die fantastische Kombination aus Verve und Langsamkeit oder aus Mode und Zeitlosigkeit zu formulieren, das der unendlichen Vielfalt der Kurz-, Mittel- und Langkritiken in Diedrich Diederichsens Summa „2000 Schallplatten 1979-1999“ zu formulieren, als @drmeyer folgendes twitterte:

profunder beitrag zur #slowmedia-debatte: diederichsens kritik an der neuen rezensionspraxis von @spex: http://bit.ly/7gYMRq #fas

Tatsächlich fügt sich dieser Beitrag wunderbar ein in unsere Argumentation für eine nachhaltigere, inspirierte und – wir brauchen eigentlich keine Angst vor diesem Wort zu haben – voraussetzungsvollere Medienproduktion. Den Modetrend, das vielstimmige und multiperspektivische Netz in die Rolle des Kritikers zu setzen, lehnt Diederichsen ab und formuliert als Qualitätskriterium für Kunstkritik die Fähigkeit des Kritikers, mehrere Positionen gegeneinander antreten zu lassen – kurz: für mehr Dialektik in der Kritik.

Die darauf folgende Passage fasst die Grundzüge von Kunstkritik als langsame sekundäre Kunstform – als Slow Media – sehr treffend zusammen und nimmt Stellung gegen Ausbeutung in den medialen Produktionsverhältnissen, Aktualität um jeden Preis und mechanistische Arbeitsteilung in den medialen Sweat Shops [einen fiesen Anglizismus pro Blogpost, das fühlen wir uns unseren Kritikern schuldig]:

Vor allem aber ist dies eine billige Form von Content: Der Befragte kriegt in der Regel kein Honorar. Praktikanten tippen Audiofiles ab, Redakteure redigieren und glätten, Autoren verschwinden. Ich votiere für das Gegenmodell: Autoren schreiben gut bezahlte, lange Texte, die nicht zum Erscheinen der Platte, des Buches, zur Einführung des Games oder zum Kinostart des Filmes erscheinen, sondern irgendwann, zu Beginn, in der Mitte oder am Ende eines Rezeptionszyklus intervenieren.

Zurück zum eigentlichen Werk: Der nachhaltige Erwerb des gelben Bands sei auf jeden Fall allen Lesern dringend empfohlen, die wissen wollen, wie das Modell „Rezensentensubjektivität als Testarena der Rezeption“ funktionieren kann – idealerweise erst in Ruhe ein paar der Kritiken lesen und dann erst über den Diederichsentext in der FAS urteilen, denn in diesem Fall gilt: „Ein gedruckter Text ermöglicht da am ehesten die notwendige Geduld, die Abwesenheit einer Umgebung.“