Das letzte Aufgebot


People don’t actually read newspapers. They step into them every morning like a hot bath.
McLuhan

Einen, der am Boden liegt, soll man nicht noch treten. Dass Zeitungen im täglichen Leben der jüngeren Menschen kaum noch relevant sind, ist, scheint mir, bereits von A bis Z beschrieben worden; seit Jahren ist die veränderte Mediennutzung gut erforscht. Und doch gelingt es der Zeitungsindustrie regelmäßig, selbst uns hier, die wir doch grundsätzlich dem Print wohlwollend gegenüberstehen, aus der Reserve zu locken (s. z. B. “Den Schrott gibt es im Internet?” und “Schrott-Nachtrag”).

Unter der Initiative “Medienführerschein”, bei der Grundschulkinder lernen sollen “Medien kompetent zu nutzen”, wird eine Brochure verteilt, die unglaublich unverholen und dumm für die Interessen der Zeitungsverleger wirbt: “Schau genau hin! Nachrichtenwege erkennen und bewerten.” (Urheber ist der Verband Bayerischer Zeitungsverleger e.V.)

Holzschnittartig wird die Utopie vom Qualitätsjournalismus einem unkontrollierbaren und qualitativ minderwertigem Netz-Journalismus gegenüber gesetzt. Dabei finde ich es tatsächlich noch weniger schlimm, dass den Kindern Medienangebote aus dem Internet pauschal schlecht gemacht werden. Wirklich unglaublich dreist finde ich, in welcher Form die Arbeitsweise von Zeitungen verklärt dargestellt wird. Statt ein realistisches und für die Kinder klares Bild des Journalisten-Berufs zu geben, wird ein Idyll gezeichnet. Statt grundsätzlich zu einer kritischen Haltung gegenüber Medien zu erziehen, wird eine einzelne Mediengattung als Standard herausgehoben.

Ich will gar nicht lamentieren, wie erbärmlich ich es empfinde, was heute (wie jeden Tag) für Zeug die Titelseiten der Zeitungen ausmacht (wo doch in Ägypten die vielleicht entscheidende Massenkundgebung zu erwarten ist).

Ein tiefgreifender kulturelle Wandel führt dazu, dass die Zeitungen schneller in ihrer Bedeutung schwinden, als andere Massenmedien; darüber ist schon sehr viel gesagt worden. Solche Albernheiten, wie die Medienkompetenz-Brochure der Verleger werden daran nichts ändern. Aber sie machen mir die Entscheidung leichter, meine Kinder ohne Zeitung aufwachsen zu lassen.

[Auf das Thema bin ich durch den Artikel “Wie die Print-Lobby Kinder indoktriniert” von Stefan Niggemeier gestoßen.]

Weiter lesen:
Ägypten und der Rest der Welt

Schrott-Nachtrag

DEN Schrott, Herr Ringier, / gibt’s nur auf Papier.

Wenn Print sich in Echtzeit versucht: Bericht über eine Show, die nicht stattgefunden hat.

(Dank an Dietmar Näher/Politblogger für das Foto)


Originalbeitrag
zum Thema

Gratwanderung im Offenen

“Slow” bedeutet, Dinge zuzulassen, die nicht den eigenen Erwartungen entsprechen. Sich ins offene Feld zu wagen oder in abgelegene Bereiche, für die es keine Schubladen gibt. Dort, an den Rändern der Gewissheit, gibt man seine Meinungssicherheit auf. Eine schwierige und ungeschützte Stelle. Aber dort wird etwas möglich, was sonst verstellt ist: Wirkliches, tastendes Hinschauen. Ein offener und unvoreingenommener Blick.

Was bedeutet das für Medien? Ein beeindruckendes Beispiel dafür war neulich in der taz zu lesen. In ihrem Beitrag “Der lauteste Leser” vollzieht Anja Maier solch eine Gratwanderung auf faszinierend trittsichere Art. Sie berichtet über einen taz-Kritiker, einen Erzfeind, der über Jahre einen Blog für taz-Schmähkritiken betrieben hat und in der Redaktion allseits als Querulant belächelt wurde. Hans Pfitzinger, so heißt dieser Mann, stellte seinen taz-Schatten-Blog von einem Tag auf den anderen ein, nachdem er seine Diagnose bekam.

Seither stirbt er, erst zu Hause, dann im Hospiz, Zimmer elf. In diesem Zimmer elf besucht ihn die taz-Redakteurin und nimmt es damit gleich mit mehreren Tabus auf, Kritik, den Tod, die Krankheit mit K. Und sie verlässt konsequent das Feld aller Erwartungen. In welche Schublade bitte soll man einen sterbenden Querulanten stecken? Soll man ihn gut oder doof finden? Dürfen Journalisten überhaupt ein Interview mit einem Sterbenden machen? Dürfen Sterbende kritisiert werden?

Der Leser, es hilft nix, muss diesen Weg mitgehen. Und wirklich, die Autorin schafft es. Sie trifft das richtige Verhältnis zwischen Distanz und Nähe, sie trifft den richtigen Ton. Sie verharmlost nicht seine Fehler, sie wahrt Respekt vor seinem Leben, sie beschönigt nicht sein Sterben, sie ist weder voyeuristisch, noch sentimental, noch verleugnet sie sich selbst. Es ist ein Stück Journalismus, wie es einem nur selten gelingt. Es irritiert, berührt und verändert den Blick. Außerhalb der Schubladen natürlich, das muss man wissen, riskiert man missverstanden zu werden, das zeigen auch die Kommentare zu dem Beitrag. Gestorben ist Hans Pfitzinger letzte Woche.

Wired Magazine

“We know a lot about digital technology, and we are bored with it. Tell us something we’ve never heard before, in a way we’ve never seen before.”

Das ist die Vision von Louis Rosetto. Durch diese Vision motiviert, gründete er Wired 1993 – in dem Jahr, in dem mit Mosaic der erste Browser verfügbar war, der das Internet tatsächlich als Medium erscheinen lies. Und bis heute ist Wired die verlässliche Chronik des Internet-Zeitalters.

Das faszinierende an Wired ist dabei die Position, die das Medium einnimmt. Es steht wunderbar erhoben zwischen dem technokratischen Positivismus der Computer- und PC-Zeitschriften einerseits und dem Kulturpessimismus der klassischen Feuilletons andererseits, bei denen oft schon allein durch den digitalen Analphabetismus ihrer Redakteure eine relevante inhaltliche Auseinandersetzung verhindert wird.
Wired ist anders. Wired ist radikal liberal, offen, ja gerade süchtig nach Wandel – stets ohne Verantwortlungslosigkeit das Wort zu reden. Neben der Freude über die Veränderungen von Kommunikation, (Welt-)Gesellschaft und -Kultur, zieht sich die Auseinandersetzung über Klimawandel und Nachhaltigkeit genau wie über Bildungs- und Gesundheitspolitik von Anfang an durch die Reportagen. Die einzige Lösung sieht Wired in Fortschritt, und zwar nicht nur in technologischem, sondern gerade in gesellschaftlich-kulturellem. Ein schönes Beispiel dafür ist “der Aufstand (oder Aufstieg?) der Neo Green“.

Legendär ist der Stil: Typografie, Layout und insbesondere der Einsatz von Sonderdruckfarben machen das Heft jeden Monat zu einem optischen Genuss. Stilprägend war auch von Anfang an die Übertragung der Inhalte ins Internet, der Hotwired-Style. Und allem Paid-Content-Gerede zum Trotz verkauft sich das gedruckte Heft wohl gerade weil (und nicht obwohl) die Inhalte sofort kostenlos online verfügbar sind – und bleiben.
Großartig auch, wie alle Beiträge mit Original-Fotostrecken illustriert und bereichert werden.

Die “Kreide-Tertiär-Grenze” der Online-Welt: die Stapelhöhe der Jahrgänge 2000 und 2001 zeigt anschaulich, was unter Krise verstanden werden kann.


The medium, or process, of our time-electric technology- is reshaping and restructuring patterns of social interdependence and every aspect of our personal life. – Programmatisches McLuhan-Zitat aus der ersten Ausgabe


18 Jahre – konstant guter Stil



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