“Wir sind durch die Hölle gegangen”


Die Schule von Athen, nach Raffael, Paris um 1735, heute in der Aula der Akademie der Bildenden Künste, München.
Die Akademie in Athen, die Urform der Hochschule – ein Männerbund.

Initiation in eine geschlossene Gruppe von Menschen findet häufig ritualisiert statt. Solche Rites-de-Passage zur Aufnahme neuer Mitglieder in die Clique, Gang oder Truppe sind häufig mit hohen psychischen und körperlichen Strapazen verbunden. Oft müssen Novizen rituell sterben, um vollwertige Männer des Ordens zu werden.

Nach durchleben dieser “harten Schule” stellt sich Glücksgefühl ein, man hat es geschafft, gehört jetzt endlich auch dazu. Durch diesen Effekt stabilisiert sich ein so geschlossenes System selbst. “Es muss doch zu etwas gut gewesen sein” – so die Rechtfertigung der gequälten vor sich selbst und anderen. “Ich musste auch durch die Hölle gehen, und es hat mir nicht geschadet” – damit verbietet sich Solidarität mit den Schwachen oder gar Sympathie für Kritiker. Der blutige Brei klebt die verschworenen Männerbünde zusammen, um mit Theweleit zu sprechen.
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Die deutschsprachigen Tweets in meiner Twitter-Timeline kennen seit gestern – bis auf ganz wenige Ausnahmen – nur noch ein Thema: Verteidigungsminister zu Guttenberg hat bei seiner Promotion abgeschrieben.

Völlig unabhängig, ob ich den CSU-Politiker mag oder nicht, finde ich die überwältigende Bestürzung mehr noch als die – für Twitter ja nicht ungewöhnliche Häme – äußerst befremdlich. Die Betroffenheit über eine angenommene Verletzung akademischer Regeln dominiert die Kommunikation – und nicht etwa die Ereignisse in Lybien oder Bahrain!

Um Himmelswillen, kommt mir in den Sinn – der Kaiser ist nackt! Wie konnte nur das System drakonischer Qualitätssicherung und Selbstgeißelung der deutschen Alma Mater so versagen! – Jeder neutrale Beobachter wird sofort denken: das machen am Ende alle so! Da wird jemand mit einer nicht-so-originellen Promotion nicht nur Doktor, sondern gar noch erfolgreicher Politiker! Wäre er an der Hochschule geblieben – kein Hahn hätte je danach gekräht, das glaube ich zumindest.

Ich kenne keinen anderen Berufstand, der so schamlos parasitär von der intellektuellen Leistung anderer lebt, wie die Professoren, die völlig selbstverständlich jede Zeile ihrer Veröffentlichungen von ihren Studenten, Assistenten und Mitarbeitern schreiben lassen und – obwohl für ihre Arbeit bereits durch Steuergelder entlohnt – auch noch die Tantiemen erhalten.
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Genug Universitäts-Bashing – ich will gar nicht erst auf die, von mir wahrgenommene Qualität der Forschung und Lehre an deutschen Hochschulen eingehen. Viel Interessanter finde ich die Frage, wie sich das System mit seinen eklatanten Mängeln so beharrlich stabil hält. Und da spricht die Entrüstung der Akademiker in der Causa Guttenberg eine deutliche Sprache. Um in Deutschland überhaupt promoviert zu werden, muss man in den meisten Fächern eine jahrelange Tortur überstanden haben, sich durch tausende von Seiten Literatur gearbeitet haben und gleichzeitig oft schlecht oder kaum bezahlte Frondienste für den betreffenden Lehrstuhl ableisten. Das Ergebnis ist in der Regel für den Nicht-Fachmann kaum als Fortschritt wahrnehmbar. Selbst in meinen Fächern fällt es mir meist schwer, die Leistung einer Promotion zu erkennen, wenn sie nicht genau in mein eigenes Interessesgebiet fällt.

Es muss doch zu etwas gut gewesen sein, die ganze Mühe! Es kann doch nicht sein, dass man am Ende es hätte auch einfacher haben können! Und statt die Regeln des akademischen Betriebs zu hinterfragen, die Sinnhaftigkeit, erwachsene, gut ausgebildete Menschen jahrelang im Zustand wirtschaftlicher Abhängigkeit und Ausbeutung zu halten, in Frage zu stellen – muss es sich hier natürlich um einen Einzelfall handeln. Der Rest vom System wird davon selbstverständlich nicht berührt.

Diese Reaktion erinnert an Menschen, die aus der Bundeswehr kommen, an Korps-Studenten, die über ihre Jahre als Fuchs schwärmen, oder an meinen Großonkel, wenn er von der Kriegsgefangenschaft erzählte.
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Es ist aber tatsächlich an der Zeit, eine neue Ausrichtung der Promotion zu fordern! Entweder man entschließt sich, wie in vielen anderen Ländern, das Niveau auf ein erträgliches Arbeitsmaß zu senken – und zwar in allen Fächern auf dasselbe! – Mehr als zwei bis drei Jahre darf eine Promotion einfach nicht dauern.

Oder die Dissertation wird systematisch zu dem aufgewertet, was sie ja angeblich sein soll: zu einer eigenständigen – originellen – wissenschaftlichen Arbeit. Dann können aber reine Literatursammlungen, Meta-Analysen oder Erbsenzählen nicht mehr ausreichen.

Es ist Zeit für die Slow Theses! Doktorarbeiten nicht als “Führerscheinprüfung” der Akademiker (Zitat von Benedikt), die man eben machen muss, um dazu zugehören, sondern als eine wertvolle wissenschaftliche und vor allem gesellschaftliche Leistung.

9 thoughts on ““Wir sind durch die Hölle gegangen””

  1. Ein sehr guter Beitrag! Ich bin mir nicht ganz sicher, ob mir der Begriff “Slow Theses” einleuchtet. Alles andere aber unterschreibe ich voll und ganz und aus Erfahrung.

  2. Danke! Die slowe Promotion müsste man tatsächlich noch etwas ausarbeiten. Aber man kann einige Punkte aus dem Manifest schon auch direkt anwenden (Respekt vor dem Leser, zum Beispiel).

  3. Your mileage may vary. Aber in jenen Gefilden, in denen ich studierte, dauert eine derartige Arbeit im Schnitt fünf Jahre. Katalogarbeiten zählen nicht, Zitatsammlungen sind quasi unmöglich. Das die Praxis involviert ist, man also tatsächlich Wissenschaft betreibt, ist unausweichlich. Wer die Mühe auf sich nimmt, macht dies der Bildung wegen, damit es der Wissenschaft gereicht. Denn mit oder ohne. Dissertation steht man in puncto Karriere gleichermaßen orekär da. Was zählt ist echte Erfahrung und eine große Portion Glück. Ich spreche übrigens von der Vor- u. Frühgeschichte.

    Ich kenne natürlich auch diese Zitatsammlungen oder den Fleisspreis für Kataloge. Mehr als cum laude sah ich für letztere jedoch nie. Eine Art von Sippenhaft wäre also absurd, ein leichter Überhang der schwarzen Schafe in den Karrieredisziplinen ist aber sicherlich nicht von der Hand zu weisen. Es ist zum Gros also ein fachspezifisches Problem, einen Flächenbrand sehe ich hier nicht. Und Eingeitsbrei, wie vorgeschlagen, wäre der Tod der Wissenschaft in einigen Fächern.

  4. Das Durch-die-Hölle-Gehen mittels Promotion ist bei weitem noch keine Garantie für die Aufnahme in den akademischen Zirkel. Viele Promovierte müssen trotz Promotions-Ritus jahrelang weiter an den Türen klopfen, bis sie endlich „dazu“-gehören (möglicherweise sind Adelige da eine Ausnahme, ich weiß es nicht). Die Promotion ist allenfalls eine Eintrittskarte, die es einem erlaubt, sich im akademischen Foyer aufzuhalten – weiter ist man damit nicht, das muss man wissen. Die wirkliche Aufnahme in den geschlossenen Kreis hängt noch von weiteren jahrelangen, systemstabilisierenden (Wohl-)Verhaltensweisen ab. Ich selbst habe mich dagegen entschieden, diese nebulösen (weil nicht expliziten) Regeln ergründen und praktizieren zu wollen. Ich kenne aber Fälle, in denen Kollegen diesen Preis der Forschung oder sonstiger persönlicher Gründe halber auf sich genommen haben – und gute Arbeit leisten. Ich freue mich über vernünftige Universitätsangehörige und Professoren/innen, die sich nach wie vor für ihr Fach begeistern können. Diese gibt es nämlich zum Glück auch, und leicht haben gerade sie es nicht.

    Das Bild der Promotion als Aufnahmeritus passt also nicht ganz. Eher ist die akademische Laufbahn selbst ein sich endlos hinziehender Übergangsritus, der Aufnahme nur suggeriert.

    Paradoxie am Rande: Hat man nach jahrzentelangen Aufnahmeriten endlich geschafft, die akademische Leiter bis zu einem Status zu erklimmen, der auch endlich ein Ausruhen auf dem Status ermöglicht (also z.B. eine der selten gewordenen Lebenszeitprofessuren), dann ist es mit der Forschung, um derentwillen man den Weg auf sich genommen hat, oft aus. Ich kenne Professoren/innen, die vor lauter Verwaltung, ergebnisfreien, aber abzusitzenden Gremiensitzungen und Drittmittelbewilligungsanträgen den Gedanken an eigene Forschung resigniert aufgegeben haben.

    Nun zu Guttenberg: Ich sehe in seinem Verhalten keine verzeihliche Systemanpassung, sondern einen Schlag ins Gesicht all jener, die die Strapazen einer Dissertation um ihrer selbst willen auf sich nehmen, anstatt sie nur als Eintrittskarte in einen geschlossenen Zirkel zu nutzen. Nur weil das akademische Hochschulsystem solche Verhaltensweisen fördert, sind sie noch lange nicht akzeptabel.

  5. @Jörg – in der Tat, da gibt es einige Aspekte aus dem Manifest, die man heranziehen kann. Und Respekt vor dem Leser ist aus kaum einer Dissertation herauslesbar bzw. wird sogar mitunter als unwissenschaftlich abgetan!

  6. @sabria Das stufenweise Weiterkommen ins nächste Level ist doch charakteristisch für viele soche “Männerbünde” – oft wird die Promotion ins nächste Level oder zum nächsten Dienstgrad ja regelrecht mit Rangabzeichen deutlich gemacht; da bilden die Hochschulen keine Ausnahme.

    Die Empörung über den “Einzelfall” ist meiner Meinung nach aber eine groteske Verdrängung eines Systemversagens und verhindert, dass endlich – vielleicht an diesem Beispiel – sich eine Diskussion über die Qualität der Forschung an den Universitäten entwickeln könnte.

    Solage die Causa Guttenberg nicht als typisch, sondern als Ausnahme des Systems dargestellt wird, bleibt jeder positive Effekt auf die Hochschulen aus, den man aus so offensichtlichem Versagen des Systems hätte ziehen können.

  7. Guttenberg musste keine Dissertation schreiben. Er hat eine geschrieben die offenbar zusammengeklaut ist. Deutlicher kann man nicht sagen, dass es hier nur um den Titel an sich ging. Ein Türöffner quasi, der Kompetenz vortäuscht. Aus meiner Sicht ist das bereits Betrug und nicht einfach nur mangelne Redlichkeit. So einen Minister muss man aus einer Kanone exmatrikulieren und aus allen Ämtern werfen.
    Allein die Signalwirkung an die Studentenschaft wäre unbezahlbar.

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