Kontra Internet

von Zach Blas1
übersetzt von Jörg Blumtritt

[Original Text in English]

1. Das Internet umbringen

Am 28. Januar 2011, nur wenige Tage nach dem Ausbruch der Proteste in Ägypten, die die Absetzung des damaligen Präsidenten Hosni Mubarak forderten, unterbrach die ägyptische Regierung landesweit den Zugang zum Internet. “Flipping the kill switch”, den Notschalter drücken, so wurde die Stillegung des Internets bald bezeichnet; während “Notaus” auf Deutsch nach einer notwendigen Sicherheitsmaßnahme klingt, schwingen im Englischen “Todesschalter” allerdings sehr viel krassere Assoziationen mit. Die Absicht war, das Internet in Ägypten zum Schweigen zu bringen – “zu killen” und dadurch die Demonstrierenden daran zu hindern, sich untereinander abzustimmen und die Streuung von Nachrichten über den Aufstand zu unterbinden, vor allem nach außerhalb des Landes. Bemerkenswerter Weise hielt der Tod des Internet nur fünf Tage lang und der Zugang wurde bald wieder hergestellt. Um es genauer zu sagen – der Internet-Notschalter hatte sich in Form einer Reihe politischer Ansuchen und technischer Abläufe manifestiert. Die ägyptischen Internet-Provider wie Telecom Egypt, Raya und Link Egypt waren angewiesen worden, ihre Durchleitungsdienste einzustellen, mit der Wirkung, dass die Verbindung zum Internet über diese großen Unternehmen lahm gelegt wurde. Die Glasfaserkabel waren ein weiteres Ziel, die, während sie Ägypten mit dem internationalen Datenverkehr des Internet verbinden, in ihrer geringen Zahl ohnehin im Eigentum der ägyptischen Regierung stehen. Als Folge waren 88% der Internetverbindungen in Ägypten innerhalb weniger Stunden unterbrochen worden. Noor Data Network, der Service Provider, den die Ägyptische Börse nutzt, war der einzige ISP, der während dieser Zeit aktiv blieb.

Was bedeutet es, das Internet “zu killen”? Wenn man versuchen wollte, zu verorten, wo das Internet in Ägypten gekillt wurde, könnte man nach Cairo in die Ramses-Straße 26 fahren, nur wenige Kilometer vom Tahir Square entfernt, zum Telekom Egypt Building, dem wichtigsten Verbindungspunkt für Glasfaserkabel von und nach Ägypten. Aber kann man technische Infrastruktur überhaupt umbringen? Oder kann technische Infrastruktur einen politischen Tod sterben, so wie die mehr als achthundert Menschen, die während des Aufstandes getötet wurden? Wenn das Internet wirklich gestorben war, dann ist es auch ebenso wiederauferstanden, anders als die Demonstranten, die tatsächlich ihr Leben verloren hatten. Ist das Internet also untot wie ein Zombie? Die Vorstellung, der Entzug des Internetzugangs sei ein Akt der Tötung, unterstreicht, dass dieser Verlust betrauernswert ist oder gleichwertig mit anderen internationalen Menschenrechtsverletzungen, wie dies auch die Vereinten Nationen einstufen. Das ist allerdings verwirrend. Wenn das Internet von der Ägyptischen Regierung getötet wurde, sollte man annehmen, das Internet stünde auf der Seite der Revolutionäre, während gleichzeitig aber die gesamte Infrastruktur unter Kontrolle der Regierung stand. Wenn also das Internet in Ägypten getötet wurde, war es gleichzeitig Mord und Selbstmord. Einfacher gesagt war die Absicht, die Revolution einzugrenzen, ohne dass die ägyptische Regierung das Potenzial zur politischen Auseinanderseztung erkannt hätte, die sich anlässlich des Internet-Todes bot, fast so, als könnte sich der Wunsch nach politischer Veränderung nur innerhalb von Telekommunikation manifestieren.

Die Ereignisse in Ägypten stehen nicht alleine. Eine Alternativgeschichte harrt der Erzählung, die nicht davon handelt, wie das Internet wesentlich zum Projekt der Globalisierung Beitrag leistet, sondern eher von politischer Blockade und Behinderung erzählt. Keine Geschichte der Welt, die durch das Netz vollkommen flach wird, von den globalen Dörfern, die stets miteinander verbunden bleiben, sondern eine Geschichte der scharfen Kanten, der Sackgassen und Hintertüren: die Geschichte von Zeiten, in denen das Internet kaputt ist. Während der Safran-Revolution in Myranmar 2007 blieb der Internetzugang im ganzen Land gesperrt. In Folge der Gezi-Proteste in Istsnbul hatte der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan den Zugang zu Twitter blockiert. Der Iraq hat seit 2014 häufig das Internet abgeschaltet, so wie man es bereits seit 2005 in Nepal erleben konnte. Die Bürger Nord Koreas haben so gut wie gar keinen Zugang zum Internet und nutzen stattdessen ein lokales Netz, das den Namen Kwangmyong trägt. Websites werden nicht nur in China regelmäßig gefiltert und zensiert – was unter dem Spitznamen ‘Great Firewall’ bekannt ist – sondern auch in vielen europäischen Ländern, wie etwa Großbritannien. In den Vereinigten Staaten wurde das Netz nie abgeschaltet, sondern ist Kristallisationspunkt und ausführendes Organ eines extremistischen Überwachungsstaates geworden.

1994 hatte US Vizepräsident Al Gore prophezeit, wie sich partizipatorische Demokratie durch die heranwachsende Global Information Infrastructure über die ganze Welt ausbreiten würde. Man führe sich das heute vor Augen! Im November 2015 forderte der damalige Präsidentschaftskandidat der Republikaner Donald Trump während einer Wahlkampfveranstaltung in South Carolina “Sperrt das Internet zu!”, um ISIS daran zu hindern, Anhänger über das Netz anzuwerben. Trumps Forderung nach einer Internetabschaltung bestätigt, dass es nicht totalitaristischen Staaten vorbehalten ist, das Netz zu killen, sondern auch den Demokratien westlicher Prägung naheliegt. In den USA wird das Netz getötet, indem man es in das Gewand von Vermögensanhäufung und staatlicher Kontrolle umschneidert. Die Massen kampieren auf den städtischen Trottoirs, vor den Apple Stores und Walmarts, in manischer Erwartung der neusten, vernetzten Waren, deren glänzend schwarze Oberflächen über die staatliche List hinwegtäuschen. Online wird die von Trump gefürchtete Meinungsfreiheit von der Moralpolizei einer auswuchernden Brigade von Content Managern im Zaum gehalten, deren Kriterien uns als Geschäftsgeheimnisse gänzlich verborgen bleiben, und die uns durch das gelegentliche Löschen von Uploads vor Augen führen, dass YouTube und Facebook niemals ein wirkliches Forum der Meinungsfreiheit gewesen sind. Am Ruder steht sozusagen der Internetnutzer, das biopolitische Subjekt, das die Unternehmen geschickt steuern, betäubt seiner Sucht unterworfen, die es nach jenen Feeds hungern lässt, die niemals enden, nach Links, die es stets zu weiteren Clicks ködert, und nach Content-Generatoren, die ihm immer mehr Tabs im Browser öffnen, bis der Computer endlich abstürzt.

Was ist also die historische Leistung des Internet? Um diese Frage zu beantworten müssen wir zunächst eine grundsätzliche Beobachtung konstatieren: Im Gegensatz zu Marshall McLuhan, der darauf bestanden hatte, Medien seien stets eine Erweiterung des Menschen, scheint das Internet – ein Musterbeispiel für ein Medium – zur Erweiterung von Kontrolle geworden zu sein.

2. Das Internet verschwinden lassen

Auf dem Weltwirtschaftsforum 2015 hatte der Aufsichtsratsvorsitzende und ehemalige Vorstandsvorsitzende von Google Eric Schmidt versprochen, das Internet werde in unsere Umwelt “verschwinden”. Worin unterscheidet sich, das Internet zu “killen”, davon, es “verschwinden zu machen”? Schmidt führt aus: “Es wird so viele IP-Adressen geben … so viele Geräte, Sensoren, Dinge, die man am Leib tragen wird, Dinge, mit denen man interagieren wird, dass man es nichtmehr spüren wird. Es wird ständiger Teil unseres Daseins.” Hier wird das Verschwinden zum Gegenteil einer Internetabschaltung. Es ist die Auslöschung der Möglichkeit, das Netz abzuschalten, die Garantie totaler, nahtloser Einschließung und Ausbreitung. Indem es verschwindet löst das Internet in eben die materielle Basis der Welt und des alltäglichen Lebens sich auf. Internet = ein neues chemisches Element. Ein Auge, das stets Google Glass ist. Eine Oberfläche, deren Interaktivität niemals ins Wanken gerät. Eine transparente Stadt, in der unsere persönlichen Daten den Weg zu Kutur und Entertainment öffnen. Eine Wolke, die den Körper stützt, während er niemals innehält, Daten zu erzeugen, außer vielleicht im Tod. Das kann ich ihnen versichern: Der Untergang des Internet ist das Auftauchen des Internet-of-Things, das Versprechen, alle Dinge so umzugestalten, dass ihnen die Vernetzbarkeit wesentlich geworden ist.

Selbstverständlich bedeutet das eine Zuspitzung unserer neoliberalen Bedingungen. Das Rhizom der Herrschaft ist zu einer bösartigen Wucherung geworden, indem die scheinbar unsterblichen Netze eine Strutzflut entfesseln, die wild auf die protokolarische Steuerung und Führung einströmt, in der alle Lebensabläufe venetzt, verwaltet und einprogrammiert sind. Das Internet löst sich auf im Würgegriff von Silicon Valley, und übrig bleibt lediglich das Werkzeug unmittelbarer, weltweiter Überwachung, bezeugt durch die NSA in den USA und das GCHQ in Großbritannien. Und gerade so, wie das Internet sich davonmacht, auf schimmenden Rechenzentren, die vor der Küste Kaliforniens im Meer treiben, taucht es wieder auf, als Elektronikschrott, den der Westen über den globalen Süden abläd. Der Akt des Verschwindens, wie ihn Eric Schmidt vorhersagt, verharrt im lediglich Technischen und verfehlt den Punkt worin das Internet in uns verschwindet, indem es sich in einen Modus der Subjektivierung wandelt, ein Bündel aus Gefühlen, ein Verlangen, eine Human Condition, eine Metaerzählung.

Aus diesem Strudel von Tötungen und Verschwinden, erhebt sich ein Begriff eines Internet, der weit über dessen technische Infrastruktur hinausgeht: Das Internet als totalitäre sozio-kulturelle Bedingung. Vergleichbar zum Kapitalismus hat sich das Wesen des Internet in einer Totalität entfaltet, zu der es kein Außerhalb, keine Alternative, keine Grenze mehr gibt. Was eine Frage aufwirft, die Julian Assange einmal formiliert hat: Ist die Zukunft des Internet auch die Zukunft der Welt? Heißt das aber, dass wir, sobald das Internet in die Welt verschwunden und die Welt zum globalen Abbild des Internet geworden ist, wenn wir die unaufhaltsame Bahn verlassen wollen, außerhalb der Welt denken müssen? Wenn Eric Schmidt jenseits des Internet denken kann, warum sollte wir das nicht auch können?

Das ist die Aufgabe, die ich hier vorstelle: “Das Internet” diskursiv und praktisch zu transformieren, um Möglichkeiten einer militanten Alternative oder eines Außerhalb zur Totalität zu verorten, zu der das Internet sich entwickelt hat. Ich wende mich meinen Mentorinnen zu, Vordenkerinnen einer Politik der Minderheitspositionen, vor allem die Queers und Feministinnen, denn das Ringen um Alternativen zu Herrschaft und Kontrolle sind von allergrößter Wichtigkeit.

Postkapitalistische Politik

1996 veröffentlichte(n) die Theoretikerin(nen) J. K. Gibson-Graham ihr Buch The End of Capitalism (As We Knew It), worin sie einen spezifisch feministischen Anlauf auf postkapitalistische Politik nehmen. In Teilen zielen Gibson-Graham mit ihrer Kritik auf marxistische Philosophen, hauptsächlich Männer, die argumentieren, es gäbe kein Außerhalb zum Kapitalismus. Gibson-Graham folgend macht dieses eigentümliche Argument jedes antikapitalistische Projekt ungültig, einschließlich des gepriesenen Projekts des Marxismus! Gegen eine derartig monolithische Sichtweise setzen Gibson-Graham Wirtschaftssysteme, die außerhalb des angeblich totalitären Rahmens des Kapitalismus blühen und gedeihen. Für Gibson-Graham bezeichnet “postkapitalistisch” nicht eine Zeit nach der Vollendung des Kapitalismus, sondern vielmehr ökonomische Alternativen, die mit dem Kapitalismus selbst spielen. Mit dem von ihnen geprägten Begriff “kapitalozentristisch” kritisieren sie eine Linke, die nicht in der Lage ist, außerhalb oder jenseits des Kapitalismus zu denken. Durch die Verschiebung vom Denken in Vollständigkeit, zu einem Denken in Möglichkeit führen Gibson-Graham einen dringend nötigen Eingriff in die antikapitalistische Politik durch.

Was könnte denkbar werden, wenn wir dem Internet mit postkapitalistischer Pollitik zu Leibe rücken? Was wird möglich, wenn wir die Kritik von Gibson-Graham auf das Internet lenken, als der totalitären und hegemonischen Form des alltäglichen Lebens? Auf jeden Fall taucht ein anderer Begriff des “Post-Interne” auf, der sich auf Alternativen wie Mesh-Networks und kryptografische Praktiken bezieht, die innerhalb des angeblich totalen Rahmens des Internet wurzeln. Ein neues Vokabular des Post-Internet ist die Folge, beginnend mit dem Wort “internetozentristisch”, der Unfähigkeit, jenseits oder außerhalb des Internet zu denken. Wir können dessen Klang testen, in einem Satz wie: “Zach ringt mit seinem Internetozentrismus, obwohl er sich nach einem politische Horizont jenseits des Internet sehnt.”

Contrasexualität

In seinem Manifesto Contrasexual (2001) führt Paul Preciado sein Konzept der “Kontrasexualität”. Als ausdrückliche Verweigerung sexueller Normen verbietet Kontrasexualität jeglichen Ausdruck von Sexualität als etabliert. Das Wort zu erwähnen zwingt uns tatsächlich, “gegen Sexualität” auszusprechen – das heißt gegen eine Sexualität wie sie durch die herrschende und vorherrschende Macht konstituiert wird. Körper und Sexualität sind Schlachtfelder des Kampfes um Macht und Politik. Kontrasexualität einzuführen heißt, performativ und pervers im Körper Gegen-Lüste zu erzeugen, die in Umkehr einen utopischen Horizont politischer Veränderung wachrufen. Kontrasexualität ist gleichzeitig Verweigerung und Begründung einer Alternative. Wie aber könnten wir eine Politik “Kontra-Internet” in die Tat umsetzen?

Dildotektonik Schema aus Paul Preciados Buch Manifesto Contrasexual (Madrid: Anagrama, 2011).
Dildotektonik Schema aus Paul Preciados Buch Manifesto Contrasexual (Madrid: Anagrama, 2011).

Nach Precisdo lässt sich Kontrasexualität mittels “Dildotektonik” ausführen, der “Kontra-Wissenschaft von den Dildos”. Der Dildo ist die kontrasexuelle Form der Wahl, da er die Annahme vom Körper als vollkommener, heterosexueller Einheit aufhebt. Tatsächlich behauptet Precaido, dass der Körper vollständig auf einen Dildo abgebildet werden kann, was naheliegt, dass der Körper sich in reine Kontrasexualität umformen lässt. Der Körper als Dildo ist sexuell heimatlos, rekonfiguriert, zu einer übergreifende Prothese gemacht. Bezeichnender Weise reduziert der Dildo den Körper nicht zum Phallus, da er für Preciado kein Emblem des Patriarchats ist. Der Penis kann als Fleisch-Dildo dafürhalten, ein Dildo aber kann niemals als Plastik-Penis gelten. Wie aus Preciados Zeichnungen offenbar wird, ist der kontrasexuelle Dildo ein Schema, das, wenn wir damit experimentieren, das Potenzial einer Sexualität jenseits der Heteronormativität und des Phallozentrismus enthüllt. Preciado geht so weit uns großzügig ein Set von “Dildotopie Übungen anzubieten, uns etwa einen Dildo auf den Arm zu zeichnen und damit zu masturbieren, als spielten wir auf einer Geige.

Was ist die Dildotektonik des Internet? Um es anders auszudrücken – wenn der Dildo eine angemessene Form ist, die Normen und Konstruktionen der Sexualität bloßzulegen, was ist dann die Form, die angemessen ist, das Internet in seiner Totalität zu enthüllen? Eine erste, allerdings ungenügende Antwort wäre: Das Netz. Mag das Internet auch aus einzelnen Netzen zusammengesetzt sein, so ist dennoch ein Netz nicht gleich das Internet. Das Netz verknüpft aber das Leben mit den heute vorherrschenden Strukturen von Macht und Kontrolle. Ebenso wie die Form des Dildo zum Körper außerhalb steht, müsste vielleicht ein Kontra-Internet außerhalb des Internet zu suchen sein – etwas anderes, als ein Netz. Was liegt außerhalb von Netzen?

5. Paranodes

Im Kapitel The Outside of Networks as a Method for Acting in the World aus seinem 2013 erschienenen Buch Off the Network führt Ulises Ali Majias den “Paranode” ein, einen Begriff der Jenes, das anders als – oder alternativ zu – einer Netzkonfiguration ist, entwirft. Der Paranode ist das Gegenmittel zum “Verknüpfungszentrismus”, der laut Mejias das vorherrschende Modell für Organisation und Aufbau des Sozialen darstellt. Aus der Neurowissenschaft abgeleitet bezeichnet der Paranode den Raum, den das Nezt auslässt, den negativen Raum der Netze, das Rauschen zwischen Knoten und Kanten. Es ist der Raum, “der jenseits der topologischen und konzeptuellen Grenzen der Verknüpfungen liegt”.

Verteiltes Netzwerk nach Paul Baran (1964) mit gekennzeichnetem Paranode.
Verteiltes Netzwerk nach Paul Baran (1964) mit gekennzeichnetem Paranode.

Wir wollen das grundlegende Netzwerk-Diagram des Ingenieurs Paul Baran betrachten. Im Diagram sehen wir ein verteiltes Netzwerk, wie es üblicher Weise verwendet wird, um die Funktionsweise des Internet zu erklären. Der Pfeil verweist auf den paranodalen Raum. Auch wenn dieser Raum durch Knoten und Kanten begrenzt wird, ist er nicht durch diese Architektur konstituiert. Innerhalb dieses scheinbar leeren, weißen Raumes müssen wir deutlich genauer hinschauen. Haben wir das getan, erkennen wir, dass der Paranode das bevor, nach und jenseits der Netzwerke positiv kennzeichnet. Da seine Gestalt aus vielen Ebenen zusammengesetzt ist, sollten wir ihn eher als eine Sammlung von Dildos für das Internet vorstellen, denn einen einzelnen Dildo.

Alexander R. Galloway trat kürzlich im Gespräch mit David M. Berry gegen die zermalmenden Totalität vernetzungszentrierten Deniens an, welches das Paranodale verdeckt:

Heutzutage sind wir in einem “vernetzten” oder “retikularen” Pessimismus gefangen … retikularer Pessimismus fordert im Wesentlichen, dass es aus den Fesseln des Netzes kein entkommen gibt. Es gibt keine Möglichkeit, in, durch oder jenseits des Netzwerks zu denken, als nach den Regeln der Netzwerke selbst. … Wir haben eine neue Metaerzählung, uns zu leiten … Indem der retikulare Pessimismus uns keine Alternative zur Struktur des Netzwerkes lässt, ist er zutiefst zynisch, da er von vornherein jede Form utopischen Denkens ausschließt, aus dem eine Alternative zu unseren vielen durch- und eindringlichen Netzwerken folgen könnte.

Galloways retikularer Pessimismus destabilisiert die Verknüpfungspunkte und Kanten der Netz-Gestalt. Sprünge und risse zeigen sich, wo ursprünglich gerade und feste Linien standen. Die Kraft des Außen wird spürbar, und eine Öffnung zu den Paranodes erscheint. Es ist die Bewegung auf eine solche Öffnung zu, die den Anfang aller Kontra-Internet Politik kennzeichnet.

6. Antiweb

Ich möchte mit einem Beispiel schließen, das ein anderes Ende der Existens des Internets beschreibt. Während der pro-demokratischen Demonstrationen in Hong Kong 2014 suchten sich die Protestierenden, in Sorge davor, die chinesische Regierung könnte das Internet überwachen oder abschalten, eine alternative Plattform zur Vernetzung. Sie nutzten FireChat, ein Mesh-Netzwerk-Gerät für Smartphones, das unabhängige Vernetzung ermöglicht, ohne sich ins Mobilfunknetz oder ein Wifi zu verbinden. Die Protestierenden vernetzten sich also ohne mit dem Internet verbunden zu sein. Auch wenn FireChat nicht vom Netzwerk ins Paranodale sich freibricht, so baut es doch Antiwebs auf, Netzwerk-Alternativen zum untoten World Wide Web. Es ist beruhigend, dass diese Aktionen nicht einzeln dastehen: Mesh-Netzwerke kamen in New York während Occupy zum Einsatz, ebenso in Detroit, Taiwan und im Iraq. Diese Ereignisse stellen eine wachsende Netz-Militanz dar, deren Ziel es ist, die Unangemessenheit des Internet als politischen Horizont bloßzustellen und ebenfalls einen utopischen Schimmer einer anderen Art Netzwerke zu zeigen. Man könnte sagen, diese Aktionen präsentieren uns ziemlich überwältigend das Ende des Internet (wie wir es kannten).

Aber das Ende des Internets ist auch der Anfang der Paranodes. Der Paranode ist der Horizont, der Ort der Zukünftigkeit, auf den die Wege des Kontra-Internet zulaufen. Als Kontra-Infrastruktur und theoretisches Modell weckt der Paranode den Kampfgeist in zweifacher Weise: Ganz praktisch, als Suche nach Antiwebs, die das Netz nicht töten oder zum Verschwinden bringen, sondern zum Gemeingut machen; und als intellektuelle Herausforderung, dasjenige denkbar zu machen, das nicht nur außerhalb des Internet liegt, sondern jenseits der Netz-Gestalt selbst.

Wie die Zapatisten sagen würden: Lasst und das Internet angreifen, mit der Geschwindigkeit der Träume.


Zach Blas ist Künstler und Autor, dessen Arbeit sich mit Technik und mit Minderheitenpolitik auseinandersetzt. Er ist Dozent am Department of Visual Cultures der Goldsmiths University of London. An vielen Orten weltweit zeigt Zach seine Arbeiten und hält Vorträge. Darunter in der Whitechapel Gallery, London, ZKM Center for Art and Media, Karlsruhe, Institute of Contemporary Arts, London, e-flux, New York, Institute of Modern Art, Brisbane, New Museum, New York, Museo Universitario Arte Contemporáneo, Mexico City und auf der transmediale, Berlin.

Dieser Essay wurde ursprünglich von Rhizome als Vorlesungsperformance beauftragt, die als Teil der Ausstellung “Electronic Superhighway” 2016 in der Whitchapel Gallery in London erstmalig gezeigt wurde.

© 2016 e-flux und der Autor.

Die sieben Wege des IoWT

Fühlt ihr diesen Gender-Graben, so wie ich? Es fehlt mir nicht an Unterstützung fähiger, männlicher “Jasminer”, aber ich brauche Frauen, die zu mir kommen, mit mior sprechen.

Gastbeitrag von Jasmina Tešanović[1],
übersetzt von Joerg Blumtritt. [Original Blog Post]


Es war meine Idee, ein “Open Source Connected Home der Zukunft” zu bauen. Mein Plot wurde von den Geeks unserer schönen neuen Welt angenommen, von brillianten Leuten, die aber fast alles Männer sind. Sie nannten das Haus “Casa Jasmina”, nach meinem Namen: Ich bin dankbar dafür, aber das Haus ist alles andere als gemütlich.

Menschen sind unterschiedlich und leben in unterschiedlichen Blasen von begrenztem menschlichen Verstand. Männer und Frauen, Dichter, Philosophen, Musiker, Architekten, Designer, Ingenieure – wir könnten sie versuchen in Idealisten und Realisten einzuteilen – die Menschen in den Wolken-Blasen und die Menschen in den Blasen des Erdreichs.

Ist nun ein Projekt wie Casa Jasmina “hands-on”, praktisch, ein Projekt der Maker, die ihren Idealen aufwärts entgegen streben, oder sind es ein paar Ideale, die nach Erdung streben, um zu zeigen, dass die hochfliegenden Konzepte tatsächlich möglichich sind?

Ist es ein Haus für die Wolken-Blasen-Leute, jene, die ihre Wolken-Welt erfinden, bevor sie am Boden aufschlagen (oder zumindest am Boden landen, um ab und zu Vorräte aufzunehmen)? Oder ist es eine erdverbundene Startrampe für die Sehnsucht, auf der die Erd-Blasen-Leute Werkzeuge bauen, um den Himmen zu erreichen?

Wie kann eine Traumblase ein wirkliches Haus werden? Wie kann eine Wolke ein Fundament bilden? Spielt der Kronleuchter, das Lieblingsstück deiner Großmutter, eine Rolle in einer Raumstation? Welche Objekte gehören – nicht zu der Welt wie sie ist, sondern in die Welt, wie sie sein sollte?

Wenn Designer davon sprechen, dass sie “Out of the box” denken – welche Box stellen sie sich unbewußt dabei vor? Eine antike, geschnitzte, altbackene Holztruhe, oder irgendeine durchscheinende, minimalistische Schachtel aus durchscheinendem Plastik? Wir haben alle unsere Seifenblasen und Gehäuse, aber auf welche Art ist die Kiste einer Frau die einer Frau?

Das “Internet of Things” ist eine Wolkenplattform, und gleichzeitig ein konzeptuelles Gehäuse. Dies ist das Wesen des “IoT”: Es ist eine digitale Plattform für Software, wireless, mit Rechenleistung und daten-zentriert. Ebenso ist es ein Paradigma.

So erschien mir auf meiner Suche nach einer Art drittem Weg zwischen Feminismus und Design, ein “Internet of Women Things” – das Internet der Frauen-Dinge. Könnte dieses “IoWT” großzügig Raum schaffen für konzeptuelle Projekte, für Ideen und Rat, für den Sinn nach Schönheit und erfülltem Leben? Solche Konzepte geben nicht häufig ersten Anstoß für Technolgie-Projekte, aber sie halten gemeinhin am längsten.

Das IoWT ist etwas, dass ich im Nebel erkannte, als eine “Wolke”, dennoch bodenständig. Die IoWT-Wolke mag auf ihre Weise sogar ein Stück weit unter die Erde reichen, geprägt nicht nur von luftigen Idealen, sondern auch von unterdrückter, weiblicher Energie.

Das “Internet of Things” kann nicht einfach nur von und für Web-Technologen bestehen, da es nicht nur die Dinge umfasst und sich darauf erstreckt, sondern auch auf Frauen und Kinder oder Tiere, oder Pflanzen, oder Roboter … Im Augenblick sehe ich das IoT in gefährlicher Weise außerhalb der Weltsicht der Frauen. Das IoT ist so entfremdend und so eng begrenzt auf die heutigen technischen und wirtschaftlichen Erfordernisse, dass es sehr wohl ganz und gar scheitern kann. Es wäre ein Jammer, wenn seine weitreichenden Fähigkeiten für diese Generation verloren gingen, unter einem Haufen von gescheiterten, über-ambitionierten Spielzeugs begraben, wie es ähnlichen technologischen Visionen erging, wie etwa Virtueller Realtät oder Künstlicher Intelligenz.

Frauen sind ebenso verantwortlich für Technologie, wie Männer, und in der Internet Revolution spielten wir die tragende Rolle – im Guten wie im Bösen. Nur durch Verweis auf unsere Chromosomen können Frauen nicht von der Moderne ausgeschlossen bleiben.

Selbst unter der Bedingung eines Entscheidungskampfes um das Internet of Things – und sei es um gerechter und hoher Gründe willen – sollten wir nicht dulden, dass Missbrauch, Verbrechen und Unfälle die Regeln setzen. “Dinge” waren immer mühsam, während das “Neuland Internet” des zwanzigsten Jahrhundert seine häßliche Seite zeigt, in schäbigen Geschäftspraktiken, Cyberwar und repressiven Verhalten.

Ja, Frauen wissen, wie man überlebt, und – zumindest nach meinem dafürhalten – auch, wie man bestehen bleibt. Ich habe erlebt, wie Frauen mit Kriegen, humanitären Notlagen und mit politischen und wirtschaftlichen Katastrophen zurecht gekommen sind. Ich selbst habe das Atom- wie das Weltraumzeitalter durchlebt, also werden mich digitale Maschen und Moden nicht aus der Ruhe bringen. Das Internet of Things, diese Schublade, diese Wolke, diese Plattform, liegt nicht außerhalb meiner Auffassungsgabe. Im Gegenteil; ich habe daran Hand angelegt und habe dafür sogar so etwas ähnliches wie Prinzipien zu bieten.

Und hier kommen ein paar davon …

1. Kritisches Denken

Wenn Frauen schon aktiv in einer Männerwelt leben, wird eine kritische Revision der bereits bestehenden Verhältnisse notwendig, um das IoT zum IoWT aufzuwerten. Wann immer Menschen mit Werkzeug zusammenstoßen, das für die Ambitionen von weißen, jungen, männlichen Hight-Tech-Kommerz-Unternehmern aus Silicon Valley entwickelt wurde, ist das Ergebnis oft klobig, unschön, tragisch oder grotesk.

Frauen sollten nicht fehlerhaftes Design mit Gender-Problemen verwechseln. Frauen werden immer als “schlechte Autofahrer” abgekanzelt werden, solange sie übergroße und übermotorisierte Panzer und Traktoren fahren müssen, und genau diese ungleichheit umangelhafte Anpassung ist in Heerscharen von historischen Objekten und Diensten eingebacken, die lediglich nicht frauenfreundlich sind. Der Teufel sitzt in den Details, aber kritisches Bewusstsein über die Werke des Teufels zu besitzen, ist ein Kunststück, dessen nur wenige Teufel fähig sind.

2. Positive Inklusion

Das Internet of Things ist das Unternehmen einer technischen Elite, das Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt; daher sollte das Projekt eine wesentlich breitere Vielfalt von Menschen als Teilhaber einbeziehen, statt nur als Kunden. Frauen müssen präsent und sichtbar sein, wobei die jüngste Geschichte die durchaus gemischte politsche und soziale Wirkung des Internet auf Sprachkulturen, Nationalitäten, ethnische Gruppen, Regionen und Völker gezeigt hat.

Die Welt in diesem Jahrzehnt wimmelt von angsterfüllten Flüchtlingen, denen wohl das Internet, aber kaum noch irgendwelche “Dinge” geblieben sind. Flüchtlinge brauchen zu allererst Brot und eine Unterkunft, aber diese elementaren Bedürfnisse, die es auch für uns alle nach Flutkatastrophen oder Erdbeben zu befriedigen gälte, scheinen kaum je von größerer Bedeutung für diejenigen zu sein, die an einer einträglichen IoT-Zukunft arbeiten, inklusive geschlossener Tech-Ökosysteme und marketing-getriebener Ausspähung der Kunden, sogenannter Marketing Surveillance.

Im Gegenteil konzentriert sich ein Großteil der Arbeit am IoT intensiv auf Sicherheit, feindselige Exklusion und Communities, die mit physischen wie psychologischen Zäunen abgegrenzt werden – Strukturen und Systeme, die entwickelt werden, um all die Unerwünschten, die Ausländer, die Vertriebenen und Entwurzelten schön ausßerhalb der IoT-Schranken zu halten.

Menschen brauchen mehr als Dach und Brot, mehr als Clicks und Sammelpunkte, um nicht nur gesund, sondern auch munter zu bleiben. Wo sind die IoT-Formate, die Menschen positiv einschließen, die ein schreiendes zweijähriges Mädchen und ihre Mutter auf einer kaputten Straße vor Schaden bewahren? Tatsächlich “Out of the Box” leben Frauen, deren “Boxen” ausgebombt wurden. Wie können deren Stimmen hörbar werden, und wie ihre Vorstellungen zur Umsetzung kommen?

3. Positive Abgrenzung

Das IoWT braucht einen Freiraum, wo sich Frauen treffen und voneinander lernen können. Frauen können nicht alles, was es über ihre eigenen Interessensgebiete zu wissen gibt in Hörsälen der Ingenieursdisziplinen lernen, wo schon so lange die Regeln der männlichen Welt vorgeherrscht haben.

Wenn Frauen sich ohne männliche Aufsicht treffen, haben sie ihr Coming-Out. Die Regeln ändern sich, ihr Verhalten ändert sich; Frauen finden sich in der veränderten Anmuting wieder wieder, in moralischen Regeln, die in Jahrhunderten weiblichen Überlebens überliefert wurden, die davon handeln, für Nahrung zu sorgen, Kinder zu kleiden, gegen Krankheiten zu kämpfen, das Heim vor Verall und Zerstörung zu bewahren. Viel davon entfaltet sich nicht in Lehrbüchern und Algorithmen, sondern eher in Sticheleien, in Witzen, im Sermon; häufig im Ratschen – denn die Gemeinschaftlichkeit der Frau-zu-Frau-Welt ist nicht politisch korrekt, nicht mal notwendiger Weise gut.

Es gibt keine Parlamente, die der Begegnung von Frauen vorbehalten wären. A-historische Versammlungen, um es kurz zu sagen. Wann immer in den historischen Archiven von Staatsaffären und Politik zu lesen ist, können wir grundsätzlich davon ausgehen, dass es darum geht zu beschreiben und zu erklären, was alles nicht von Frauen getan wurde. Aber Aufzeichnungen, was Frauen taten, haben wir nicht!

Sogar die Frauen, die als Expertinnen in der Kreativwirtschaft bekannt sind, werden in der Regel nur in Zusammenhang mit Männern aus dem selben Fach genannt. Unsere Vorgängerinnen in der Geschichte sind meist Töchter, Ehefrauen oder Mütter von irgendeinem berühmten Kerl, nur en passant von dessen Prominenz gestreift, wenn sie für ein gemeinsames Werk bekannt sind. Aber diese Geschichten sind nicht die weibliche Geschichte der weiblichen Schöpferkraft, es ist mehr eine geräumige Leere, in der Frauen für ewig Gefangene bleiben, stets als unerwartete Eindringlinge in den offiziellen Affären der Welt, Dissidenten, oft sogar Hexen.

Diese Kategorien verschwinden allerdings, sobald nur Frauen im Raum sind. Ich habe die Kraft und den Reiz dessen erfahren, in mir selbst und bei anderen Frauen in kleinen Gruppen, in denen ich aktiv wurde, manchmal sogar aktiv gegen meinen eigenen Willen. Gruppen wie “Die Mütter von Srebrenica”, die Überlebenden eines Völkermordes, die einen alternativen Strafgerichtshof der Frauen geschaffen hatten. Frauen, die im Jugoslawienkrieg vergewaltigt worden waren, die durch ihre tapfere Aussage Vergewaltigung im Krieg zu einem weltweit geächteten Kriegsverbrechen machten, statt Vergewaltigung dabei zu belassen, wie sie in der Kriegsgeschichte bislang betrachtet worden war, bestenfalls als eine Fußnote, eine “natürliche Folge”, selbstverständlich wohl bekannt und gefürchtet von allen Frauen im Krieg, vom Gesetz und den Männern ignoriert.

Das Internet of Things hat viele Aspekte, die Frauen betreffen, die nie explizit gemacht werden – einige davon werden grauenvoll werden, andere vielleicht wunderbar. Ethik ist Ästhetik, Inhalt ist die Form, daher ist “positive Abgrenzung” nicht nur ein Experiment, sie bringt schon gute Ergebnisse hervor.

4. Politik und Strategie

Frauen, das Mehrheits-Geschlecht, stellen die größte unterdrückte Menschengruppe der Welt. Sie haben viele und unterschiedlichste Systeme der Unterdrückung erlebt, und sie wissen, dass das Internet of Things schlicht ein weiteres davon sein könnte.

Frauen haben im Internet seit langem Erfahrung mit Stalking, aufdringlicher Beobachtung, Ausspähung, Doxxing, organisierter Schikane und andere Übergriffe in die Privatsphäre mit technischen Hilfsmitteln. Die unsichere Position derer, die sich online öffentlich zu Wort melden oder sich einsetzen, ist ihnen sehr genau bewusst, und somit sind Privatsphäre und Sicherheit grundlegende Themen für das IoWT, nicht nur als Funktionen der Hardware, sondern als ein Recht an sich: Das Menschen Recht für Frauen.

Das Internet of Things breitet sich in einer politischen Ära aus, die einen Edward Snowden, Advanced Persistent Threat Hacking aus China, geleakte Offshore Banken, Terror Militias, Geheimdienste und die gigantische, weltumspannende Marketing-Überwachungsmaschinerie von Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft einschließt. Wenn wir also über “Connected Things” im IoT sprechen, meint dies notwendiger Weise, Dinge, die mit diesen Gebilden verbunden sind und nicht nur mit irgend einer idealisierten und abstrakten IoT “Cloud”.

Frauen sind einigen Formen von Überwachung unterworfen, weil sie Frauen sind, zum Beispiel an der Tür zu einer Abtreibungsklinik oder weil sie es wagen, unverschleidert auszugehen. Sie müssen für die Kontrolle über ihren eigenen Körper kämpfen: Unserer Körper. Für eine weibliche Prominente kann selbst eine neue Frisur oder die Wahl des Lippenstifts einen viralen Aufruhr provozieren, eine zunehmend verbreitete Situation, da jedes kleine Detail in irgend einem Selfie teil einer permanenten Datenbank werden kann.

Orwell hatte uns schon vor der herabwürdigenden Sprache und dem Abrutschen in eine Dystopie des Verfalls gewarnt. Totalitarismus is eine lebendige Erinnerung, und wir alle sind uns paranoisch bewusst, wie schlecht die Dinge möglicherweise werden können. Die Hände zum Himmel zu strecken ist nicht genug. Wie kann das Internet of Things das Privatleben von Frauen wirklich verbessern und als Frauen in mehr Sicherheit erleben lassen, statt weniger?

5. Just do it

Es gibt Zeiten, die nach Wagnis und Tollkühnheit verlangen. Frauen haben nicht immer schon nach Prinzipien der Vorbeuge gelebt; anderenfalls gäbe es keine Anti-Baby-Pille.

IN Zeiten des Tumult sind die letzten vielleicht die ersten. Meine Mutter war als Teenager ein antifaschistischer Partisan im von den Achsenmächten besetzten Jugoslawien. Sie prahlte stets damit, dass Frauen in der Kriegszeit nicht empfindliche Püppchen waren, sondern zu allererst Revolutionskämpfer. Warum, so hätte sie argumentiert, sollte eine Frau, die sich selbst ins Bein schießt, dabei voller Selbstzweifel lamentieren, während Nazis gleichzeitig versuchen sie umzubringen? Selbstverständlich kannst du als Kämpferin im Feuer versehrt werden, aber der Feind kann genauso gut daneben schießen. Und die Befreiung wird nicht von selbst kommen.

Frauen treten nicht aus dem Mutterleib heraus, und beginnen Befreiung einzufordern. Sie werden Feministinnen, nach erlebter Frustration und Diskriminierung. Eine Frau muss nicht um Sorgen bitten, um viel davon serviert zu bekommen, aber dasselbe gilt für die Chancen.

Wir leben tatsächlich in einem Zeitalter der Technologie, in dem Frauen nicht länger zu Hofstatt, Küche, Kirche und ewigen Schwangerschaften verdammt sind. Technologie und die Gleichberechtigung der Frauen sind nicht dasselbe, aber sie sind auch nicht ihr gerades Gegenteil. Technologie und Empfängnisverhügung stehen hinter der revolutionären Emanzipation der Frau im zwanzigsten Jahrhundert. Körperkraft legt nicht länger die Rollenteilung fest, und der “Naturzustand” der Frau ist nicht mehr die Schwangerschaft während ihres ganzen, mittlerweise verlängerten Lebens.

Das Internet of Things schmeckt nach den Internet-Konzernen die heutzutage tonangebend sind, aber dar Geist des älteren Internet ist nicht vergessen. Die Wurzeln des IoT sind so alt, wie die Netze von Stromversorgung und Telefon, in denen Frauen stets Nutzer und Teilnehmer waren. Telefonistinnen sind heute überflüssig, aber es gab Heerscharen davon.

Das Internet of Things wird eines Tages ebenfalls vergehen. Neue Kulturräume können niemals vollständig alte Benachteiligung reproduzieren; wenn wir “aus der Box” treten, bauen wir uns vielleicht eine neue, niemals aber wieder dieselbe alte Box.

Warum wollen wir uns nicht einfach in kleinen Gruppen treffen und mutig tausend kleine Schachteln bauen und uns ansehen, was passiert? Ein attraktiver Ansatz!

6. Design Fiction

Wir können uns Dinge vorstellen, die wir noch nicht verwirklichen können. Auch wenn es zum Beispiel den Weltfrieden miot Sicherheit nicht gibt, können Frauen pazifistische Bewegungen ins Leben rufen und anführen und die ersten sein, die die Trümmer wegräumen, wenn jemals der Krieg enden sollte. Sie tun das nicht nach dem männlichen Lehrbuch-Stil abstrakter Effizienz, aber Männer haben auch schon oft ihren Hintern dadurch gerettet, auf Frauen zu hören und ihnen zu folgen.

Die Gleichheit der Geschlächter und allgemeine Gerechtigkeit sind ebenfalls Visionen, aber das gilt auch für ein reibungsloses Internet und perfekt designte und funktionale Dinge. Jeder Ingenieur kennt die Unterscheidung “AM/FM”, “Actual Machines”, die man wirklich gebaut hat, und “Fantastic Magic”; das sollte also auch für schöpferische Erlaubnis für Frauen auf technologische Träume ausreichen.

Warum also nicht spekulative und konzeptuelle Objekte aus einer Frauen-Perspektive erfinden? Stellt euch Dinge und ihre Verbindungen vor, die es noch nie gegeben hat und beschreibt sie. Mögen sie seltsam sein, oder hübsch, nützlich oder nutzlos, Luxus der zum Gebrauchsgut wird, oder umgekehrt.

Design fiction, ‘fantasia al potere’, hebt Ungläubigkeit auf und holt das Unglaubwürdige zurück ins Mögliche. Selbst traditionelle Künstler und Kunsthandwerker können ihre Arbeit wiederbeleben, indem sie sich neue Rollen für ihre Werke in vermuteten Welten ausdenken.

Meine Lieblingsform von Design Fiction ist nicht das Ausdenken völlig neuer Dinge – nur sehr wenige wirkliche Dinge entbehren der Vorläufer – sondern im Neuentwurf der Objekte, die wir bereits in unserem Erbe mitführen. Ich liebe alte Sachen aus der Vergangenheit, da ich empfänglich für ihre emotionalen und ästhetischen Werte jenseits der Ladenregale und Webseiten von heute bin.

“Dinge” sind nur Sachen, vor allem, wenn es zu viele sind, zu alte, kaputte, eine nutzlose Last, überflüssig, gefährlich, dysfunktional und teuer. Aber diejenigen, die ihre Sachen kennen und lieben sollten die Macht haben, sie zu erhalten.

Eine Lampe ist ein Ding für das Stromnetz, aber es ist ebenso die Lampe meiner Großmama, die sie leuchten hatte, während sie meiner Mutter die Brust gab. Die Wanduhr meines Großvatersist eine genaue, schwerkraftgetriebene Maschine, aber es ist auch ihre Gegenwart im Hause, die alle fünfzehn Minuten eine Melodie in meines Vaters Kindheit spielen lies.

Wiedergefunden auf dem Dachboden, wiederverwendet mit etwas Hilfe der freundlichen Geeks. Frauen denken unterschiedlich, und wann immer die Box der Technologie bröckelt und bricht, tröpfeln Märchen von Zauberstöcken, selbstfahrenden Kürbiskutschen und gläsernen Schuhen heraus. Warum sollten wir die Asche fegen, warum auf den fernen Prinzen der Technologie warten, der diesen Apparat deinem zierliches Füschen anzieht?

Design Fiction Workshops können den Standpunkt einer Frau sichtbar machen: Warum in der Asche am schmutzigen Herd warten, statt Liebe zu finden und ein Königreich zu erobern. Freude und Hoffnung bringt es uns, Träume besser zu machen.

Die Atombombe war eine Ausgeburt der Märchenwelt – ein Monster, “der Tot, der Weltenzerstörer” – aber auch wenn wir unter der Wirklichkeit unserer eigenen Erfindungen leiden, so träumen wir doch. “Technolgie ist neutral”, das sagen sie, als ob Technologie unabhängig von unserer Vorstellung davon wäre, von unseren Modellen davon, unseren Wolken und Schachteln. Aber Technolgie ist niemals neutral, da Technolgie – anders als die menschliche Natur aus dem Stoff der Träume sich erhebt, und es gibt keine neutralen Träume.

7. Vielfalt

Ein Haus ist ein Habitat, ein Heim, eine kleine Welt, ein Element im gesellschaftlichen Kosmos, eine Krippe und eine Zufluchtsstätte. Ein Haus ist zu allererst die Zufluchtsstätte von Frauen mit kleinen Kindern, und der Greise. Diejenigen, die das Haus am meisten nutzen und des Hauses am stärksten bedürfen, sollten eine Rolle spielen, es zu gestalten und zu unterhalten.

Haushaltstechnik, “Domotik”, soll die Selbstbestimmtheit der Menschen erweitern, die in dem Haus wohnen, und nicht im Namen von lockenden Profiten ihre Schöpferkraft beschneiden. Senioren stellen eine ständig wachsenden Teil der weltweiten Zivilisation, eine Entwicklung, die keine Anzeichen von Schwäche zeigt, während die Armen wie üblich überall zu finden sind, oder besser gesagt, die Armen sind überall zu finden, wo sie hingehen dürfen. Kinder, die große, neue Minderheit der Welt, sind weniger in der Zahl, ausgegrenzt von den Machtressourcen der Erwachsenen, oder sogar missbraucht in den lieblosen, befehlsgesteuerten Systemen.

Das sind die Bedürftigen des IoWT: Deren Würde und Fähigkeit müssen wir schützen, sie ermächtigen, und ihnen Anteil verschaffen, während sie zu ihrem verlängerten Erwachsenenleben heranwachsen. Die Wirtschaftskrise hat die alten Modelle von Immobilien und Behausung in Gefahr gebracht und die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft, die zuvor ihre verborgenen Überlebensnischen besetzen konnten, sehen diese Orte zunehmend vollständig auf den Markt geworfen und globalisiert.

Wir sollten die extremistischen Geschäftsmodelle nicht gewähren lassen, den Charakter der Viertel und Städte niederzureißen. Das ist der Lauf in Entfremdung und ein Weg ins Nirgends, während es Not täte, den Umgang gesitteter zu gestalten und die Lebensqualität zu verbessern. Kulturelle Stärken und Unterschiede werden die zukünftige Überlebensfähigkeit der Städte festlegen, und nicht abgehobene Vektoren von Geld und Macht, diej gelegentlich an die Oberfläche zucken und wieder versinken.

Städte rund um den Erdball unterscheiden sich grundlegend, und auch ein standardisiertes elektronisches Daten-Protokoll wird die Welt nicht zu einer Scheibe machen. Die Art und Weise, auf die ein Italiener seinen Kaffe macht, ist ein geheiligtes Ritual, das bekräftigt werden sollte, statt es weg zu optimieren; und wir sollten die Unterschiede Loben und Preisen, in denen die Briten ihren Tee bereiten. Wie eine Serbin ihr Brot eigenhändig backt, vermittelt einen Stolz, den eine Desktop-basierte Brotbackmaschine ihr niemals schenken könnte.

Home Automation ist Jahrzehnte alt und oftmals gescheitert, oft genug, ein Science-Fiction Museum mit archaischen, stromlinienförmigen Druckknöpfen zu füllen. Aber ein Mangel an Engagement ist keine Bequemlichkeit und Trägheit kein Wohlstand, und zu viele Mouse-Klicks, genauso wie zu viele Diener, können das Leben seiner Intimität und Würde berauben. Netze und Systeme, die in undurchsichtiger Weise verbunden sind, welche die digitalen Entscheidungen tarnen, können auf spektakuläre Weise ausbrennen. tausend vernetzte Computer, die sich in einander verworren in den Absturz ziehen, während sie wie kletten aneinander hängen, wie kein einzelstehender Computer es jemals tun würde. Wenn jedes Ding ungeordnet and hundert anderen hängt, wie werden wir aufhalten, was unsere Fehler verursachen, wie werden wir unser Bedauern zum Ausdruck bringen und Verbesserungen vorsehen? Wenn wir uns vor unseren Bedürfnissen und Wünschen hinter Ketten aus Software verstecken, wie können wir dann überhaupt wissen, ob wir erfolgreich waren?

Und jetzt habe ich eine letzte Frage, eine offene Frage, die ewige Frage, keine Frage für eine einzelne Antwort, für mein Casa Jasmina Brainstorming.

Fühlt ihr diesen Gender-Graben, so wie ich? Es fehlt mir nicht an Unterstützung fähiger, männlicher “Jasminer”, aber ich brauche Frauen, die zu mir kommen, mit mior sprechen. Danke!

Jasmina Tesanovic in der CasaJasmina
Torino im April 2016


[1] Jasmina Tešanović ist Feministin und politische Aktivistin (Women in Black; CodePink). Sie ist Schriftstellerin, Journalistin, Musikerin, Übersetzerin und Regiseurin. 1978 brachte sie die erste feministische Konferenz in Osteuropa nach vorne, “Drug-ca Zena” (in Belgrad). Gemeinsam mit Slavica Stojanovic entwickelte und entwarf sie das erste feministische öffentliche Haus auf dem Balkan, “Femeinist 94”, das zehn Jahre bestehen blieb. Sie verfasste das “Diary of a Political Idiot”, das in zwölf Sprachen übersetzt wurde: Ein Kriegstagebuch in Echtzeit, dass sie während der Kosovo-Krise 1999 niederschrieb. Seit dieser Zeit veröffentlicht sie ihre Arbeiten auf Blogs und anderen Medien, stets verbunden mit dem Internet.

Mehr dazu: ‘Casa Jasmina‘.

Kollabierende Momente
– Fehler getriebenes Debugging von Intuition

von Regine Heidorn, Bit-Boutique®.

[Read this post in English]

In unserem Alltagsbewusstsein sind wir uns meistens im Klaren über unsere Gedanken, Gefühle und Handlungen für den Moment oder über eine längere Zeitspanne. Wir versuchen, das Richtige™ zur Richtigen Zeit™ zu tun und in einem Flow zu bleiben, um unsere Ziele zu erreichen. Reflektionen durch das bewusste Ich über dieses Alltagsbewusstsein ermöglichen uns, zu beurteilen, ob wir richtig handeln oder gehandelt haben.

Ich verwende die Begriffe richtig oder gut obwohl sie nicht leicht zu definieren sind ohne in ein Gewirr philosophischer Ethik und Moral zu geraten. Da ich über Intuition und Scheitern in unseren Biographien spreche, möchte ich gerne auf einer subjektiven Ebene bleiben. Füllt Gut und Richtig mit Euren eigenen Inhalten. Für diejenigen, die ohnehin nicht an diese Kategorien glauben oder für die sie keinen Wert darstellen: sie spielen keine wirklich wichtige Rolle in diesem Post.

Die Reflektionen unseres Selbst können über Intuition in unsere Alltagsroutinen integriert werden, sie helfen uns, besser im Flow zu bleiben, zu kommunizieren und zu kollaborieren. Intuitive Prozesse als kreative Pause des Innehaltens können ausgelöst werden durch den Willen, etwas zu verbessern, durch Zweifel oder – im schlimmsten Fall – durch ein Scheitern. Der Auslöser kann eine Diskrepanz in der Wahrnehmung sein – etwas bringt uns aus dem Flow, eine Millisekunde der Unsicherheit, Angst, das Gefühl, etwas läuft aus unerfindlichen Gründen schief.

Intuition selbst ist ein Prozess der Schwingung, der Resonanz im kreativen musikalischen Sinn des Worts. Es ist ein Feedback mit einem offenen Ende, vielleicht sogar ohne Rhythmus. Wir wissen nicht, wohin uns der Prozess bringen wird – eine schwingende Absichtslosigkeit. In diesem Sinn wird Intuition Teil des Flows. Flow beinhaltet nicht nur schöne oder positive Erlebnisse. Flow ist kein Werkzeug, um uns glücklich zu machen. Flow ist der Fluß, der münden will, die Kraft des Stroms, die uns unserem eigenen Entwurf unserer Zukunft näher bringt.

Flow verbindet uns mit uns selbst und anderen. Balance hilft uns, zu gehen, uns gehen zu lassen. Jeder Schritt ist ein Akt der Balance auf einem Bein. Resonanz, Oszillation wird zum Rhythmus, in dem wir Angst verlieren können und uns vertraut machen können mit den kollabierenden Momenten von Krisen. Ausatmen, Einatmen – die Gezeiten der Seele.

Die Absichtslosigkeit von Intuition entzieht sich jeglicher Kontrolle. In dieser Absichtslosigkeit ist sie ein Verstoß gegen den Verstand, gegen rationale Entscheidungen und gegen Algorithmen. Intuition kann zeitlich nicht begrenzt werden. Es ist ein Prozess des ahnenden Erfassens, der Vorwegnahme komplexer Verhältnisse. Intuition braucht Distanz, Austausch, Verbalisierung und Schlaf als Raum für das Unbewusste. Am Ende kann die richtige Bauchentscheidung stehen. Es kann aber auch eine falsche Entscheidung sein, oder gar ein Scheitern.

Denken wir das Scheitern als eine starke Kraft, die uns auf Unstimmigkeiten in unserer Wahrnehmung oder kognitive Dissonanzen hinweisen kann. So lange alles läuft wie erwartet, gemäß unserer Muster und Gewohnheiten – wie sollen wir darauf aufmerksam werden, wo wir uns verbessern könnten? Selbstverständlich muss nicht alles permanent verbessert oder geändert werden. Aber wir können uns darauf verlassen, dass Zweifel, Enttäuschung und Scheitern starke Kräfte sind, die uns zeigen, wo Veränderungen nötig sind.

Wie kann Scheitern helfen, in kollabierenden Momenten Intuition zu debuggen? Fehlergetriebenes Debugging basiert auf der Bereitschaft, sich in die Komplexität des Moments fallen zu lassen. Ohne Sicherungsnetz oder Backup, mit dem Risiko kollabierender Momente und allem, was sie enthalten können: vergangene Erinnerungen, Zukunftsaussichten, Gefühle, Träume, Wissen, Gelerntes, Gedanken, geliebte Menschen, Sehnsüchte, Bewegung, Erfahrungen, Verwundungen, Brüche, Einsamkeit, Tränen, Wahrnehmungen, Ängste, Narben, Reflektionen, Muster und Gewohnheiten. Mit offenen Sinnen, um größtmögliche Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Debugging selbst, wie ich es als Programmiererin sehe, ist die Provokation eines Systems nach Bugs, Fehlern, Grenzen. Im Zustand größtmöglicher Aufmerksamkeit für den Moment können die Umstände auf ein Scheitern provoziert werden. Vertraue den Fakten, die Du selbst provoziert hast. Finde heraus, wo Du stehst und womit Du es zu tun hast: hinderliche Muster aus der Vergangenheit? Sehnsucht nach Neuem? Nicht genug Information, um eine Entscheidung zu treffen? Zu viele Tränen, zu viel Angst, um weitergehen zu können? Braucht es mehr Zeit, um Gefühl und Verstand in einen gemeinsamen Rhythmus zu bringen?

Intuition selbst basiert ebenfalls auf Mustern, die sich in den Entscheidungen zeigen, die wir innerhalb des Prozesses treffen – der Verstand sucht nach Sicherheit. Die in die Irre führen kann, wenn Enttäuschung, Wut, Ängste oder Tränen nicht ihr volles Potential entfalten können. Im Durchleben all dieser Zustände besteht die beste Chance, ein klares Verständnis für die Situation zu gewinnen. Es geht darum, die Reflexe zu schärfen und Scheitern als Teil des Flows zu ertragen.

Nicht nur Intuition, auch das Scheitern entzieht sich jeglicher Kontrolle – wie können wir Bedingungen schaffen, um fehlergetriebenes Debugging von Intuition zu ermöglichen? Was wir nicht kontrollieren können, bringt uns zu Vertrauen. Vertrauen in uns selbst, Krisen durchleben zu können, selbst wenn sie in einem Scheitern enden. Vertrauen, uns anderen in Transparenz öffnen zu können, mit der Gefahr von Missverständnissen und Vorurteilen. Aber auch auf die Gefahr hin, verstanden zu werden und eine emphatische Antwort zu bekommen.

Empathie ist ein Schlüsselfaktor für Verständnis und Vertrauen. Empathie, Einfühlungsvermögen, ist das Vermögen, die Stimmung und die Gefühle anderer zu erfassen. In den Neurowissenschaften wird Empathie mit den Spiegelneuronen erklärt. Diese Neuronen werden aktiv, wenn wir die Handlungen anderer beobachten oder selbst etwas tun – beispielsweise fühlen wir uns sportlich, wenn wir die Olympischen Spiele im Fernsehen sehen.

Unser Gehirn ermöglicht es uns, mit anderen emphatisch zu interagieren indem wir einfach das imitieren, was um uns herum passiert. Das bedeutet noch nicht, dass wir es verstehen oder damit einverstanden sind. Aber es bedeutet, dass wir interaktiv verbunden sind, ob uns das passt oder nicht. Bezogen auf transparentes Scheitern kann emphatische Interaktion darauf basieren, dass wir als Menschen durch unser Vermögen zum Scheitern verbunden sind.

Scheitern kann eine Möglichkeit sein, Grenzen zu entdecken und blinde Flecken zu sehen. Scheitern kann helfen, kollabierende Momente durch ein Provozieren der Verhältnisse zu debuggen. Und wir sind dazu in der Lage, das so generierte Wissen zu teilen.

In unserem Alltagsbewusstsein sind wir uns meistens im Klaren über unsere Gedanken, Gefühle und Handlungen für den Moment oder über eine längere Zeitspanne. Das reflektierte Bewusstsein ist ein stabiles Werkzeug, auf das wir uns verlassen können. Es basiert auf Kontrolle und wird brechen, sobald es mit Zweifel, Fehlern oder Scheitern konfrontiert wird. Kontrolle ist ein Werkzeug, das nicht skaliert, es passt nur auf bestimmte Umstände, die durch die vermeintliche Sicherheit von Rationalität konstruiert werden. Um Kontrollsysteme aufrecht zu erhalten, ist viel Energie nötig, unter anderem das Verdrängen der Potentiale von Zweifel, Fehlern und Scheitern.

Zweifel, Fehler und Scheitern sind ein Verstoß gegen Kontrolle, genauso wie Intuition, Vertrauen und Einfühlungsvermögen. In ihrer Absichtslosigkeit werden sie zu flexiblen Werkzeugen, die nicht brechen, sondern die Fähigkeit stärken, kollabierende Momente auszuhalten. Ihre Flexibilität macht sie skalierbar: wir können Intuition nutzen, um vertrauensvolle Umgebungen zu schaffen. Diese Umgebungen sind temporär und komplex, also lassen wir unsere Spiegelneuronen für uns arbeiten. Einfühlungsvermögen zeigt sich darin, nicht zu nah zu kommen, aber auch nicht zu fern zu bleiben. Vertrauen kann sich in längerfristigen Beziehungen entwickeln.

Je mehr wir dazu in der Lage sind, kollabierende Momente auszuhalten, desto weniger müssen wir andere kontrollieren. Kontrolle kann auf eine hinterhältige Weise als schädlich angesehen werden, da sie eine Sicherheit vorgibt, die mit hohen Verdrängungskosten verbunden ist. Ganz zu schweigen von dem Verhalten, das nötig ist, um die Illusion von Kontrolle aufrecht zu erhalten: passiv-agressive und hegemoniale Kommunikation, skrupellose Lügen zur Vergrößerung des Egos, das Sammeln von Daten, die aus dem Kontext gerissen sind und lediglich Momentaufnahmen von sich schnell verändernden Identitäten darstellen. Die Erfahrung lehrt, dass wir genau so viel Offenheit vertragen, wie wir den Preis für ihre Verdrängung kennen. Den Preis erfahren wir durch Zweifel, Fehler und Scheitern.

Slow Coding

von Regine Heidorn, Bit-Boutique®.

[Read this post in English]

Die atemberaubende Geschwindigkeit, in der manche Produkte des Programmierens wie Software oder Webseiten zu entstehen scheinen, mag darüber hinwegtäuschen, daß Programmieren keine schnelle Tätigkeit ist.

Code is poetry – der von WordPress okkupierte Slogan – steht für eine der vielen Bewegungen digitaler Poesie, die mit dem Erscheinen der Zuse-Großrechner seit Mitte der 1950er Jahre entstand. Künstliche Texte entstehen durch programmatisches Austauschen von Wörtern, etwa die Anweisung “Ersetze jedes n-te Substantiv eines Textes durch das an n-ter Stelle folgende Substantiv in einem bestimmten Wörterbuch“ – eines der Experimente der 1960 in Frankreich gegründeten Gruppe Oulipo (Ouvroir de Littérature Potentielle, Arbeitsgruppe für Potentielle Literatur), die Texte als Werkstoffe betrachtet und unter Labor-Bedingungen die Potentiale der Ästhetik künstlicher Texte auslotet.

Code is poetry – in Bezug auf die Produktion von Programmiercode verdichten sich Anforderungen an effiziente, weil dichte Textproduktion. Gekennzeichnet von möglichst wenigen Zeilen Code unter Verwendung möglichst weniger Zeichen in möglichst klarer Benennung sowohl der Elemente der zugrundeliegenden Programmiersprache als auch der vom Autor frei wählbaren Elemente wie Variablen und Funktionen. Je weniger Zeichen und Zeilen Code desto weniger Tipp-Arbeit bei der Text-Entstehung. Je sprechender die Bezeichnungen, je semantisch unmißverständlicher, desto leichter die Wartbarkeit. Zahlreiche Diskussionen über die Struktur einer optimalen Programmiersprache landen bei diesen Grundanforderungen.

Der Sinn von Programmierung besteht darin, ähnlich der Fließbandfertigung von Massengütern Abläufe in wiederkehrende Schritte zu unterteilen. Damit ist ein erstes Kriterium für den Einsatz von Programmierung definiert: der zu programmierende Prozess wird konzeptionell vorweggenommen und der Aufwand geschätzt. Wer hier zu viel Schnelligkeit antizipiert, riskiert aus dem Ruder laufende Budgets. Mithin, um im Bild zu bleiben, Projekte, die nicht mehr steuerbar sind. Damit offenbart sich ein weiteres Kriterium für den Einsatz von Programmierung: der Aufwand für die Programmierung bemißt sich nach dem definierten Ziel eines Arbeitsschrittes oder aus mehreren Arbeitsschritten bestehenden Arbeitsablaufs. Die Transformation in eine Programmierung lohnt sich, wenn der Aufwand für die Erstellung eines programmierten Produkts und dessen Integration in die bestehenden Arbeitsabläufe die Aufwände für die zu ersetzenden Abläufe unterschreitet.

Diese Vorgehensweise setzt voraus, daß der Aufwand für eine Programmierung im Voraus festgesetzt werden könnte. Dabei ist es selten möglich, auf bereits vorhandene Software oder eine Sammlung von Skripten zuzugreifen, ohne diese auf die tatsächliche Verwendbarkeit im spezifischen Fall zu prüfen. Programmierprozesse umfassen eine Vielzahl von Grundvoraussetzungen, die einem permanenten technischen Wandel unterliegen: die gewählte Programmiersprache selbst unterliegt genauso wie unsere Alltagssprache einem ständigen Wandel. Manche wohlvertrauten Script-Libraries oder Frameworks werden nicht mehr aktualisiert, (neue) Hardware ist inkompatibel zu etablierten Programmier-Gewohnheiten, die Nutzung veralteter Hard- und Software beim Auftraggeber verhindert die Anwendung bereits in den Programmierablauf übernommener Neuerungen, möglicherweise wurde die Hard- und Software-Umgebung, für die programmiert werden soll, bereits so oft spezifisch gepatcht, daß es schon gar nicht mehr möglich ist, diese überhaupt zu erweitern. Wenn dann noch unverständliche oder gar keine Dokumentation vorliegt, steigt der Aufwand ins Unermeßliche. Ständig werden Sicherheitslücken entdeckt, die die Verwendung bisher valider Script-Schnipsel obsolet machen. Performance-Einbußen durch eine bestimmte Art der Programmierung ab einer gewissen Projektgröße kann eine komplett ungewohnte Herangehensweise nötig machen.

All diese Bedingungen machen eine Fähigkeit des Programmierers zur Grundvoraussetzung: das Wiederlesen. Wiederlesen des eigenen Codes auf Aktualität und Kompatibilität. Wiederlesen des Codes Anderer, in den eigene Ergänzungen gepatcht werden. Wiederlesen der Programmiersprache(n), um zu überprüfen, welche Bestandteile zur Umsetzung des individuellen Projektziels geeignet sind. Wiederlesen des Codes im Hinblick auf die Kriterien Sicherheit und Kompatibilität. Daher leben Programmierer in dem Bewußtsein, daß ihre Arbeit zum Zeitpunkt der Auslieferung zwar auf dem neuesten Stand der Technik ist, jedoch trotzdem bereits veraltet.

“Wieder lesen, eine Verrichtung ganz gegen die kommerziellen und ideologischen Gewohnheiten unserer Gesellschaft, die uns die Geschichte ‘wegzuwerfen’ heisst, sobald sie einmal konsumiert ist (…) so daß wir dann zu einer anderen Geschichte weitergehen, ein anderes Buch kaufen können … Wieder lesen wird hier empfohlen, um anzufangen, denn es allein rettet den Text vor der Wiederholung (diejenigen, die es nicht schaffen, wieder zu lesen, sind genötigt, überall dieselbe Geschichte zu lesen).“

stellt Roland Barthes 1981 fest.

Das Wiederlesen rettet den Code davor, seine Geschichte zu wiederholen: Inkompatibilitäten und Sicherheitslücken zu reproduzieren. Umständliche Programmierung und unverständliche Benennungen durch nicht reflektierten Gebrauch von vorhandenem Code zu zementieren. Für das aktuelle Projekt unnötige Funktionen zu übernehmen, die sich zu unkalkulierbaren Fehlerquellen auswachsen können. Routinen weiter zu transportieren, die möglicherweise gar keine Funktion mehr haben, weil sie allein für eine bestimmte Bedingung im vorhergehenden Projekt nötig waren.

„Diejenigen, die es nicht schaffen, wieder zu lesen, sind genötigt, überall dieselbe Geschichte zu lesen“ – genau das passiert z B bei Webdesignern, die Anfang der 90er Jahre ihr Handwerk erlernt haben und seither ihre Code-Produktion nicht mehr geändert haben. Das Resultat sind Webseiten, deren Basis veralteter Code ist und die an neuere Entwicklungen, wie beispielsweise mobile Internetnutzung, nicht anschlußfähig sind. Überflüssig zu erwähnen, daß dieses Wiederlesen Zeit benötigt, genauso wie das Abklopfen der Bedingungen für die Programmierung, um ein realistisches Projekt-Budget und einen realistischen Zeit-Plan aufstellen zu können.

Code is poetry – im Gegensatz zur Prosa ist Poesie dicht – wenige Wörter transportieren verdichtete Bedeutungen. Die auch in Programmiersprachen permanentem Wandel unterzogen sind und gegebenenfalls triviale Redundanzen produzieren können. “For the master craftsperson, great code and great poetry are lean and trim, with no excess of words or other unnecessary elements.“ meint Matt Ward im Smashing Magazine. Programmieren ist ein kreativer Prozess, der Konzentration erfordert. Slow Coding ist daher kein sophistisches Postulat ästhetischer Polemik, sondern eine semantische Redundanz, ein Pleonasmus. Der als rhetorische Figur dennoch Aktualität besitzt, da die atemberaubende Geschwindigkeit, in der manche Produkte des Programmierens wie Software oder Webseiten zu entstehen scheinen, darüber hinwegtäuschen mag, daß Programmieren keine schnelle Tätigkeit ist.

Ewigkeitssuppe reloaded

Über Nichts und dessen Wiederholung

Vortrag von Inga Persson, gehalten auf dem Symposium Wertvolle Kommunikation in Gmund, 12.10.2010.

„So hob der Sonntag sich ab. Sein Nachmittag war überdies gekennzeichnet durch Wagenfahrten, die von verschiedenen Gästegruppen unternommen wurden: mehrere Zweispänner schleppten sich nach dem Tee die Wegschleife herauf und hielten vorm Hauptportal, um ihre Besteller aufzunehmen, Russen hauptsächlich, und zwar russische Damen. (…) Der Rest des Sonntags bot nichts Außerordentliches, abgesehen vielleicht von den Mahlzeiten, die, da sie reicher als gewöhnlich nicht wohl gestaltet werden konnten, wenigstens eine erhöhte Feinheit der Gerichte aufwiesen. (…) Allein schon der folgende Tag, der erste Montag also, den der Hospitant hier oben verlebte, brachte eine weitere regelmäßig wiederkehrende Abwandlung des Tageslaufes: nämlich einen jener Vorträge, die Dr. Krokowski vierzehntägig im Speisesaal vor dem gesamten volljährigen, der deutschen Sprache kundigen und nicht moribunden Publikum des »Berghofes« hielt.“1

Der Zauberberg steht auf der Leseliste jedes Literatur-schülers, so auch auf meiner. Zugegebenermaßen, ich quälte mich hindurch. Seite um Seite zog sich der Roman, allerdings wurde auch mir trotz meines frühen Semesters bald klar, dass die lähmende Langeweile, die ewigen Wiederholungen, die monotone Einförmigkeit, von Thomas Mann Ewigkeitssuppe genannt, auf dem Zauberberg Sinn stiftete.

Wenn ich mich heute in der Kommunikations- und Vermarktungswelt umschaue, meine ich, leise in einer ebensolchen Ewigkeitssuppe dahin zu treiben: Was wäre, wenn nicht nur der Rest des Sonntags, sondern offenbar Marketing- und Kommunikation „nichts Außerordentliches“ mehr bietet? Wenn ich die Frage, die sich mir beim täglichen Blick auf Google News, die Großflächen an der S-Bahnstrecke oder den abendlichen Werbeblock nachgerade aufdrängt, – worum es eigentlich geht -, im besten Fall mit „Nichts“ beantworten muss?
Continue reading “Ewigkeitssuppe reloaded”

Überflüssiges Lesen – Leben im Überfluss

Ein Gastbeitrag von Claas Triebel

Man sagt es würde weniger gelesen als früher. Das ist falsch. Niemals wurde so viel gelesen wie heute. Niemals war die Alphabetisierung so weit fortgeschritten. Niemals war die Welt so vollgestopft mit Buchstaben wie heute.

Man sagt es würden weniger Bücher gelesen als früher. Das glaube ich nicht. Verzeichnete der Buchhandel nicht sogar in den Krisenzeiten der letzten 18 Monate steigende Umsätze? Ertrinken die Buchmessen nicht geradezu in Neuerscheinungen? Ist es nicht seit langem Koketterie zu sagen: “Hach, ich habe so viel zu tun. Ich möchte endlich mal wieder ein gutes Buch lesen”?

Aber wenigstens die Klassiker würden nicht mehr gelesen, mag man rufen. Nun ja, vielleicht fühlt sich mancher Literaturwissenschaftler auf den gestrickten Schlips getreten, wenn der Klassiker, über den er in den 1980er Jahren habilitiert hat, inzwischen nicht mehr verkauft. Aber – ist das schade? An sich nicht. Und selbst die Klage, dass niemand mehr dicke Schwarten, sondern alle nur quasischnipselartige Texte konsumierten und Literatur zu Twitteratur und Klitteratur zu verkommen drohe , lässt unberücksichtigt, dass sich in den vergangenen 10 Jahren eine ganze Generation von Jugendlichen durch tausende von Seiten Harry Potter gefressen haben. Und es ist nicht nur die Blockbuster-Literatur, die zuweilen 800-Seiten Marke knackt: Roberto Bolano, David Foster Wallace, Peter Sloterdijk, Uwe Tellkamp – sind das nicht lauter Schreiber, die nicht der leichten Muse zugerechnet werden, die dicke Schinken verfasst haben und damit auch noch erfolgreich sind?

What now, my Kulturpessimist?

Bleibt nur noch ein Feld, das mir in den vergangenen Jahren an Bedeutung verloren zu haben scheint: der unwahrscheinliche Luxus der mehrmaligen Lektüre des selben Buches. Womöglich auch die mehrmalige Lektüre eines belletristischen Werkes. Nicht, um es beim dritten Lesen endlich zu verstehen, nicht um sich auf ein Wiedererkennen zu freuen, wie es die TV-Serien-Junkies zelebrieren, nein – das mehrmalige Lesen, um bei jedem Lesen das selbe Buch als ein anderes kennenzulernen. Das mehrmalige Lesen von Büchern widerspricht so ganz der bulimischen Anhäufung von Information, wie sie an den öffentlichen Hochschulen seit den Bologna-Reformen als Bildungsideal umgesetzt wird. Das mehrmalige Lesen ist nicht an einen äußeren Zweck gebunden. Das mehrfache Lesen desselben Buches reiht nicht Buchrücken an Buchrücken, sondernzerfleddert dieselben.

Das Lebensbuch hat in den vergangenen Jahren ausgedient. An die Stelle der vertieften Erfahrung des Leseerlebnisses ist der Kanon getreten, ob dieser nun von Marcel Reich-Ranicki oder einer der Tages- oder Wochenzeitungen des Landes definiert wird. Nicht ein Buch soll man auf die einsame Insel mitnehmen, sondern einen E-Reader mit hunderten von Büchern. Nicht nutzlos soll man lesen, sondern kanonisierte Klassiker und zwar in Massen und am besten noch solche mit massenhaft vielen Seiten. Pessimist ist, wer denKanon fordert. Denn der Kanon ist immer eine Klage darüber, was leider nicht gelesen wird und doch unbedingt gelesen werden müsste. DemKanon wohnt eine per se defizitorientierte Haltung inne: “Sieh, was Du alles lesen solltest! Sieh her, wie wenig Leseleistung Du erbracht hast. All diese Werke fehlen Dir.”

Lebenszugewandter Optimist ist, wer die Beschränkung empfiehlt. Wer der Verlangsamung frönt. Wer das Lesen als Luxus begreift. Wer dasLesen als Leben erlebt.

Leseempfehlungen auszusprechen ist eine zweischneidige Sache: man gerät leicht in den Ruch sich in die Reihe der imperativen Kanoniker zu gesellen, die da vorzugeben versuchen, aus welchen Zutaten die Lesediät zusammengesetzt sein muss und welche Seitenzahlenkontingente dabei zu berücksichtigen sind.

Guten Gewissens kann man jedoch folgendes empfehlen: nimm Dir mal wieder ein Buch zur Hand, das Du lange nicht gelesen hast und lies es erneut. Und wenn Du Lust hast, dann lies es anschließend gleich noch einmal von vorne. Und falls Dir danach kein besseres Buch zwischen die Finger kommt: dann ließ es doch einfach noch einmal.

Denn: Das ist Langsamkeit. Das ist Luxus. Das ist das Leben.

Pessimismus scheint mir angesichts dieser Möglichkeiten, die im Bücherregal eines jeden schlummern, keinesfalls angemessen zu sein.

P.S.: Welche Bücher ich schon oft und jede Mal wieder mit Gewinn gelesen habe? “Der Maler” von dem australischen Schriftsteller Patrick White und “Weltlicht” von dem isländischen Schriftsteller Halldór Laxness.

Claas Triebel ist Autor und Psychologe. Am 15. Februar ist sein neues Buch “Mobil, flexibel, immer erreichbar – Wenn Freiheit zum Albtraum wird” im Verlag Artemis & Winkler erschienen.

Die langsamste Zeitung der Welt

San Francisco PanoramaEin Gastbeitrag von Christoph Bieber

Gefühlte anderthalb Kilo wiegt das „SF Panorama” und dass diese „Zeitung” tatsächlich in Deutschland verfügbar ist, verwundert einen dann doch. Zu verdanken ist es Amazon, und eben nicht dem (ehemals) „gut sortierten Buchhandel” – die einmalige Ausgabe dieses bezaubernden Sonderdrucks müssen Liebhaber des gedruckten Wortes über das Internet bestellen. Im Look & Feel einer prall gefüllten Wochenendzeitung kommt die Ausgabe Nummer 33 des hierzulande kaum bekannten “McSweeney´s Quarterly Concern” daher. Die Vierteljahresschrift mit dem Retro-Namen ist eigentlich ein Literaturmagazin, bei dem jede neue Ausgabe in Inhalt und Form massiv von der Vorgängernummer abweicht.

Zudem ist das „Quartely Concern“ Teil eines unwahrscheinlichen Medienimperiums, das auch ein Monatsblatt (The Believer), ein DVD-Magazin (Wolphin) und einen eigenen Buchverlag unterhält – dahinter steht das Medienmultitalent Dave Eggers. Neben den subtilen Beiträgen zur klassischen Verlangsamung der Medienwelt ist McSweeney´s aber auch online sehr präsent, die Website McSweeney’s Internet Tendency wird mittlerweile flankiert von einen Twitter-Account und einer im Halbjahres-Abo verfügbaren iPhone-App.

Anfang Dezember ist nun das San Francisco Panorama erschienen, als Beitrag zur gerade in der Bay Area massiv geführten Debatte um die Zukunft der Printmedien. Lokales Zentrum der „Newspaper Angst“ ist das Schicksal des San Francisco Chronicle, denn das große Westküstenblatt steht am Abgrund – obwohl es täglich gut recherchierten Qualitätsjournalismus liefert, der auch den Blick auf das Weltgeschehen nicht verloren hat.

Der „Beipackzettel“ des SF Panorama, etwa im Format eines LP-Covers gehalten, versammelt Anmerkungen zum Entstehungsprozess (On Design, On Young Readers, On Definitiveness…) und schlüsselt den finanziellen Aufwand für die einzelnen Zeitungsbücher sowie die Druckkosten auf. Außerdem liest sich das „Information Pamphlet“ wie ein Hilfsrezept für die strauchelnden Zeitungsverlage im ganzen Land. Das Understatement dieser Kommentare ist dabei entwaffend – der Schlüssel zur Nachhaltigkeit des Projekts steckt im Angebot seiner Nachahmung.

Die Web-Version des SF Panorama kann die Opulenz des Projektes freilich nur andeuten – und genau das ist auch gewollt:

„We went into this knowing that print has to look different than the internet. (…) A big sheet of paper can give you the big picture and the details all at once.”

Das klingt zwar nach „leicht gesagt”, wird aber mit jedem Blick auf eine beliebige Seite der Einmal-Zeitung nachdrücklich bestätigt.

„Slow“ ist das Blatt nicht wegen des maximal seltenen Erscheinungstermins, die Leser erhalten ein in mehrfacher Hinsicht perfektes Medium. Das Layout ist präzise und verführend zugleich, Hauptteil und Beilagen bestechen durch extreme Schauwerte. Auratisch sind nicht nur die Comic-Seiten, Steven Kings Medititation über die vergangene World Series im angemessen langsamen Baseballsport ist es auch. Dialog und Diskurs hat das Projekt schon vor der Veröffentlichung gesucht – die Titelstory zur neuen Brückenverbindung zwischen Oakland und San Francisco wurde über Spenden an das Portal spot.us finanziert. Ein gutes Beispiel für hochwertige Arbeit, ermöglicht durch community funded journalism – eine hierzulande noch extrem seltene Ausprägung von Prosumenten-Aktivität.

Kurzum: Das San Francisco Panorama ist ein wunderschöner Kontrapunkt aus dem Herzen des globalen Beschleunigungszentrums und der Beweis dafür, dass an der Westküste nicht nur der Twitter-Takt die Medienzeit vorgibt.