Bremsen können

Ich zitiere ein paar Sätze aus einem ansonsten recht trockenen Text über die Geschwindigkeit im Bahnverkehr der 1920er bis 1930er Jahre:

“Die Steigerung der Reisegeschwindigkeit wird in den letzten Jahren von allen Ländern, die auf einem hohen Stand technischer Entwicklung stehen, mit Eifer und Nachdruck betrieben. Es scheint, als ob ein Wettrennen eingesetzt hat, das in jedem Jahre von neuem gelaufen wird. Kaum hat ein Land einen neuen Geschwindigkeitsrekord aufgestellt, so kündigt schon ein anderes an, daß es diesen Rekord demnächst übertreffen wird.”

Die enge Verbindung von Geschwindigkeit und Nationalismus überrascht in diesem Text von 1935 nicht. Rekorde wurden von Ländern aufgestellt, nicht von Personen, Unternehmen oder gar Maschinen. Wie sehr der Faschismus die Geschwindigkeit verehrt hat, sieht man zu Genüge in den beschleunigungschauvinistischen Manifesten des Futurismus.

Spannend wird es aber weiter unten im Text, wo es um die Voraussetzungen für die Geschwindigkeitssteigerungen (genauer: Steigerungen der Reisegeschwindigkeit) zwischen 1929 und 1934 geht: Um einen höheren Geschwindigkeitsdurchschnitt fahren zu können, müssen nicht die Lokomotiven eine höhere Spitzengeschwindigkeit fahren können, sondern die Brems- und Signaltechnik muss auf die neuen Geschwindigkeiten abgestimmt werden. Es geht nicht so sehr um die Beschleunigungsleistung und Zugkraft, sondern um “Bremshundertstel”, “Bremswege” und “Vorsignalabstände”. Je schneller die Reisegeschwindigkeit des Zuges, desto größer zum Beispiel der Abstand zwischen den Signalen, damit der Bremsweg des tonnenschweren Geräts ausreicht.

Die wichtigste Grundlage für den Eintritt ins Hochgeschwindigkeitszeitalter war also die Fähigkeit des Sicher-Bremsen-Könnens. Gefordert war von den Ingenieuren eine Art neuartige “Bremskompetenz”, um auch bei höheren Geschwindigkeiten ein sicheres Reisen zu ermöglichen.

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