Erinnerungen an Ulrich Beck

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Wir hatten uns irgendwie aus den Augen verloren.

12 Jahre lang waren die Theorien und Ideen von Ulrich Beck eine Art Lebenspartner für mich gewesen. Überhaupt war Ulrich der Grund gewesen, dass ich 1997 mein Chemie-Studium aufgegeben und in die Soziologie gewechselt bin (kurioserweise von einem Beck zum anderen). Seine Vorlesung über die “Sozialstruktur der BRD” in der Großen Aula der LMU München war meine erste Begegnung mit der Soziologie. Was für eine furiose Begegnung!

Während andere Professoren ihre Vorlesungen mit den einfachsten Grundbegriffen und Statistiken begannen, die man auch aus der Tageszeitungslektüre kannte (und die auch nicht mehr Anregung lieferten), stieg Ulrich mit einer Beweisführung ein, warum die Grundbegriffe der Ersten Moderne – Nationalstaat, Sozialstruktur, sozialer Wandel – längst überkommen seien und nur noch als Zombiebegriffe durch die Gegenwart stolperten. Der ein oder andere Erstsemester verließ mit rauchendem Kopf die Vorlesung, aber für mich war das genau das, was ich brauchte. Und der maximale Kontrast zur Chemie.

Meine Diplomarbeit setzte sich dann auch mit seinem Konzept der “Inneren Globalisierung” auseinander. Kern war die These, dass unsere Welt im Inneren längst sehr viel globalisierter und hybrider ist, als es äußerlich den Anschein hatte. Um Ulrich Becks Vermutung zu belegen, dass Großkonzerne sich gerade einem intensiven Prozess der Inneren Globalisierung unterzogen, tippte ich Zeile um Zeile aus den statistischen Jahrbüchern der United Nations Conference on Trade and Development ab, um sie dann statistisch zu analysieren. Das Ergebnis schaffte es dann immerhin als fast ganzseitiges Fußnotenzitat in sein Buch “Macht und Gegenmacht im globalen Zeitalter”.

Die Theorie der Inneren Globalisierung verwandelte sich dann im Sonderforschungsbereich 536 “Reflexive Modernisierung” allmählich in die Theorie der Kosmopolitisierung. Dabei zeigte sich einmal mehr, wie schnell Ulrich sich und seine Ideen weiterentwickelte – während sein Umfeld allmählich die Globalisierungstheorie und Reflexive Modernisierung verstanden und akzeptiert hatte, war er schon wieder einen Schritt weiter und hatte längst eine neue Dimension der Gesellschaftstheorie entdeckt. Mit Ulrich zusammenzuarbeiten hieß immer auch: soziologische Theoriebildung auf der Überholspur. Aber wenn man sich darauf einließ, konnte das schnell zu einem beidseitigen Anfeuern und Antreiben werden.

Nach dem Ende des Sonderforschungsbereichs 2009 verließ ich (fürs erste) die Wissenschaft und wechselte in die Wirtschaft. Einen wirklichen Abschied hat es damals aber nicht gegeben. Fünf Jahre habe ich die Münchener Soziologie dann nur noch am Rande verfolgt. Bis im September 2014 dann die Einladung zu einem Treffen aller ehemaligen Assistenten und Mitarbeiter von Ulrich Beck per Mail kam.

Die Gruppe traf sich – aufgrund des Bahnstreiks etwas dezimiert – im Fakultätssaal der LMU. Ich erzählte Ulrich, dass ich zwar nicht mehr in der Wissenschaft arbeite, aber trotzdem immer wieder Theoriebausteine, insbesondere der Kosmopolitisierungstheorie, in meiner praktischen Arbeit verwende. Mein Eindruck war, er freute sich sehr darüber, dass das kosmopolitische Projekt immer stärker auch außerhalb der akademischen Welt zum Leben erwacht. Außerdem stellten wir fest, dass wir mittlerweile wieder ein gemeinsames Thema hatten: die Frage, welchen immensen Beitrag das Internet und soziale Medien zur Kosmopolitisierung der Welt haben.

Auf einmal waren wir wieder mitten in einem lebhaften und produktiven Austausch mit vielen Telefonaten, Mails und Diskussionen über Big Data, Twitter-Analysen und memetische Kommunikation in seinem neuen Büro in der Schellingstraße. Im Dezember trafen wir uns dann in Paris auf dem Workshop seines neuen EU-Forschungsprojekts in der Fondation Maison des sciences de l’homme. Die Teilnehmer kamen aus Brasilien, England, Frankreich, China, Südkorea, Kanada oder Dänemark. Es war begeisternd zu sehen, wie aus Ulrichs Ideen ein globales Forschungsvorhaben geworden war – und er in dieser kosmopolitischen Forschungsgemeinde zu Hause war.

Ich verabschiedete mich von Ulrich mit dem guten Gefühl, dass dies der Anfang einer aufregenden neuen Phase der Zusammenarbeit sei. Gleich Anfang Januar wollten wir uns wieder treffen, um weiter an den “kosmopolitischen Daten” zu arbeiten. Dass mit einem Schlag aus der neuen Phase dann leider doch nur ein letztes Aufflammen geworden ist, tut sehr weh. Gleichzeitig bin ich aber unendlich dankbar für die letzten zweieinhalb Monate.

-.-

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