Geister

I-I-I’ll Be back to haunt you
The Dylans, 1994

Her voice lives on the breeze
Her spirit comes at will
And from sleep when I arise
Her bright smile haunts me still
And from sleep when I arise
Her bright smile haunts me still
JE Carpenter / WT Wrighton, 1864

Die Gespenster sind zurück. Jacques Derrida beschrieb die Rückkehr der Spektren oder Geisterwesen der Vergangenheit in “Marx’s Ghosts” aus einer visionär-prophetischen Haltung. Heute sind die Gespenster mitten unter uns, ein fester Bestandteil des Alltags geworden. Überall stößt man auf Phänomene, die so aussehen oder sich so anhören, als wären sie ein unmittelbarer Import aus der Vergangenheit: Instagramfilter, mit denen jedes Bild auf dem iPhone so wirkt, als wäre es direkt aus einem Kindheits-Fotoalbum aus den 1970er Jahren auf dem Smartphone-Display gelandet; Musikrichtungen wie Dubstep (allen voran der Künstler Burial), bei denen das Knistern der Vinylspuren eine gespenstische Brücke in alte, längst ausgestorbene (bzw. in die nostalgische Liebhabersphäre hinaufgehobene) Technologien schlägt; Orte wie das Tempelhofer Feld, die niemals wirklich gestorben sind, allenfalls “stillgelegt” oder “aufgelassen”, und suggerieren, sie könnten jeden Tag plötzlich wieder in hektische Betriebsamkeit aufwachen (die passenden Flugzeuglackierungen dazu sind mittlerweile auch wieder im Regelbetrieb der Lufthansa).

03.08.14 - 1

Derrida beschrieb mit “Hauntologie” eine Wissenschaft, die sich um die Gespenster kümmert, die sich in unseren Alltag eingeschlichen haben (der definierende Text dazu neben Derrida ist Lisa Gyes Webprojekt Halflives). Bei Bruce Sterling ist es die “Atemporalität”, die einen Zustand beschreibt, in dem es gar keine Gegenwart mehr gibt, sondern nur noch ein Neben- und Gegeneinander von Zeiten, Stilen, Moden und Trends – so treffend beschrieben mit dem Schlagwort “Retrofuturismus” (siehe dazu auch das Interview mit dem Kulturtheoretiker und Hauntolgen Mark Fisher).

Spätestens seit den 2010er Jahren ist die Postmoderne endgültig vorbei, und an ihre Stelle tritt eine Welt der Abandoned Places, von verlorenen Orten wie geschlossenen pyschiatrischen Anstalten, Parkhäusern, Kinos, U-Bahnhöfen und Bunkern, in denen die Vergangenheit so konzentriert ist, dass man die Geister der Vergangenheit hier spüren – ja, hören kann. Bei oberflächlicher Betrachtung meint man noch, diese Orte wären deshalb verlassene oder lost places, weil sie ihre Funktion mittlerweile verloren haben. Aber das Gegenteil ist der Fall! Sie hatten noch nie eine so wichtige Rolle als kulturelle Signifikanten gespielt wie gerade in diesem Moment.

Die Verwandlung von ehemaligen Funktionsbauten in Abandoned Places bedeutet – in Anlehnung an Pierre Bourdieu – eine Umwandlung von Funktionskapital in Bedeutungskapital. Eine Folge der Digitalisierung fast aller Industrien ist die massenhafte Entwertung von Funktionskapital. Das Bedeutungskapital und seine Leitwährung Aura erlebt derzeit an der Börse der Erinnerungen eine nie zuvor dagewesene Hausse. Investieren in die Vergangenheit – was für eine perverse Reprise von Benjamin Franklins “Zeit ist Geld“! Und vor diesem Hintergrund ist mit Instagram dann auch so etwas wie “Trauerarbeit für Phantomschmerzen” möglich.

Immer schwieriger wird dabei die zuverlässige Unterscheidung zwischen “Vintage-” oder “Stil-Geistern” und den echten Spektren der Vergangenheit. Vor allem auch deshalb, weil Atemporalität an dieser Stelle auch bedeutet, dass die klaren Grenzen unscharf werden und das was früher einmal eine Lüge der Kulturindustrie gewesen ist, in seinem Nachleben als Geist trotzdem so etwas wie eine auratische Qualität erhalten kann: Die Faszination mit gespenstischen Relikten von Vergnügungsparks und Shopping Malls zeigt das eindringlich. Auch die neo-toskanische Pappmachée-Dekoration in den Thermen und Spaßbädern der 2000er Jahre verwandelt sich, wenn sie erst einmal 10 Jahre sich selbst überlassen ist, von einer Unwahrheit zumindest in eine Halbwahrheit.

Atemporalität klingt aber viel zu distanziert und neutral. Die Wirklichkeit ist viel unheimlicher. Die Gespenster der Vergangenheit umgeben uns mittlerweile lückenlos  – sogar diejenigen, die erst nach dem Ende der Sowjetunion und dem Mauerfall auf die Welt gekommen sind, können die geisterhaften Erscheinungen wahrnehmen. Es mag sein, dass sie die Spektren gar nicht als solche erkennen und lost places sind für diese Generation genauso gegenwärtig wie Avincii und Cupcakes. Womöglich sind sie gerade damit beschäftigt, ihre eigenen Geisterheere oder Geisterstädte zu erschaffen, die sie dann in den kommenden Dekaden verfolgen werden. Every Generation has its own Ghosts.

herbrightsmile

Wahrscheinlicher aber ist, dass die Mechanismen der Erinnerungen so raffiniert sind, dass sie imstande sind, Nostalgie-Gespenster zu schaffen, ganz unabhängig davon, ob diese Zeit tatsächlich erfahren wurde oder nur in Überlieferungen, Filmen oder Büchern erlebt wurde. Meistens reicht die minimale Spur einer Erinnerung, um daraus einen Geist zu beschwören, der einen dann nicht mehr loslässt.

I years had been from home,
And now, before the door,
I dared not open, lest a face
I never saw before

3 thoughts on “Geister”

  1. dass die klaren Grenzen unscharf werden und das was früher einmal eine Lüge der Kulturindustrie gewesen ist, in seinem Nachleben als Geist trotzdem so etwas wie eine auratische Qualität erhalten kann

    .

    Ja, genau das ist das Gespenst: eine nahe Erscheinung, die von der Ferne (eben der Vergangenheit) kündet und damit zugleich dessen historische Existenzbedingungen offenlegt. Gegen den Willen des Gespenstes – das ja selbst nicht trauert, sondern als melancholische Existenz von anderen erlöst werden muss.

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