Kontra Internet

von Zach Blas1
übersetzt von Jörg Blumtritt

[Original Text in English]

1. Das Internet umbringen

Am 28. Januar 2011, nur wenige Tage nach dem Ausbruch der Proteste in Ägypten, die die Absetzung des damaligen Präsidenten Hosni Mubarak forderten, unterbrach die ägyptische Regierung landesweit den Zugang zum Internet. “Flipping the kill switch”, den Notschalter drücken, so wurde die Stillegung des Internets bald bezeichnet; während “Notaus” auf Deutsch nach einer notwendigen Sicherheitsmaßnahme klingt, schwingen im Englischen “Todesschalter” allerdings sehr viel krassere Assoziationen mit. Die Absicht war, das Internet in Ägypten zum Schweigen zu bringen – “zu killen” und dadurch die Demonstrierenden daran zu hindern, sich untereinander abzustimmen und die Streuung von Nachrichten über den Aufstand zu unterbinden, vor allem nach außerhalb des Landes. Bemerkenswerter Weise hielt der Tod des Internet nur fünf Tage lang und der Zugang wurde bald wieder hergestellt. Um es genauer zu sagen – der Internet-Notschalter hatte sich in Form einer Reihe politischer Ansuchen und technischer Abläufe manifestiert. Die ägyptischen Internet-Provider wie Telecom Egypt, Raya und Link Egypt waren angewiesen worden, ihre Durchleitungsdienste einzustellen, mit der Wirkung, dass die Verbindung zum Internet über diese großen Unternehmen lahm gelegt wurde. Die Glasfaserkabel waren ein weiteres Ziel, die, während sie Ägypten mit dem internationalen Datenverkehr des Internet verbinden, in ihrer geringen Zahl ohnehin im Eigentum der ägyptischen Regierung stehen. Als Folge waren 88% der Internetverbindungen in Ägypten innerhalb weniger Stunden unterbrochen worden. Noor Data Network, der Service Provider, den die Ägyptische Börse nutzt, war der einzige ISP, der während dieser Zeit aktiv blieb.

Was bedeutet es, das Internet “zu killen”? Wenn man versuchen wollte, zu verorten, wo das Internet in Ägypten gekillt wurde, könnte man nach Cairo in die Ramses-Straße 26 fahren, nur wenige Kilometer vom Tahir Square entfernt, zum Telekom Egypt Building, dem wichtigsten Verbindungspunkt für Glasfaserkabel von und nach Ägypten. Aber kann man technische Infrastruktur überhaupt umbringen? Oder kann technische Infrastruktur einen politischen Tod sterben, so wie die mehr als achthundert Menschen, die während des Aufstandes getötet wurden? Wenn das Internet wirklich gestorben war, dann ist es auch ebenso wiederauferstanden, anders als die Demonstranten, die tatsächlich ihr Leben verloren hatten. Ist das Internet also untot wie ein Zombie? Die Vorstellung, der Entzug des Internetzugangs sei ein Akt der Tötung, unterstreicht, dass dieser Verlust betrauernswert ist oder gleichwertig mit anderen internationalen Menschenrechtsverletzungen, wie dies auch die Vereinten Nationen einstufen. Das ist allerdings verwirrend. Wenn das Internet von der Ägyptischen Regierung getötet wurde, sollte man annehmen, das Internet stünde auf der Seite der Revolutionäre, während gleichzeitig aber die gesamte Infrastruktur unter Kontrolle der Regierung stand. Wenn also das Internet in Ägypten getötet wurde, war es gleichzeitig Mord und Selbstmord. Einfacher gesagt war die Absicht, die Revolution einzugrenzen, ohne dass die ägyptische Regierung das Potenzial zur politischen Auseinanderseztung erkannt hätte, die sich anlässlich des Internet-Todes bot, fast so, als könnte sich der Wunsch nach politischer Veränderung nur innerhalb von Telekommunikation manifestieren.

Die Ereignisse in Ägypten stehen nicht alleine. Eine Alternativgeschichte harrt der Erzählung, die nicht davon handelt, wie das Internet wesentlich zum Projekt der Globalisierung Beitrag leistet, sondern eher von politischer Blockade und Behinderung erzählt. Keine Geschichte der Welt, die durch das Netz vollkommen flach wird, von den globalen Dörfern, die stets miteinander verbunden bleiben, sondern eine Geschichte der scharfen Kanten, der Sackgassen und Hintertüren: die Geschichte von Zeiten, in denen das Internet kaputt ist. Während der Safran-Revolution in Myranmar 2007 blieb der Internetzugang im ganzen Land gesperrt. In Folge der Gezi-Proteste in Istsnbul hatte der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan den Zugang zu Twitter blockiert. Der Iraq hat seit 2014 häufig das Internet abgeschaltet, so wie man es bereits seit 2005 in Nepal erleben konnte. Die Bürger Nord Koreas haben so gut wie gar keinen Zugang zum Internet und nutzen stattdessen ein lokales Netz, das den Namen Kwangmyong trägt. Websites werden nicht nur in China regelmäßig gefiltert und zensiert – was unter dem Spitznamen ‘Great Firewall’ bekannt ist – sondern auch in vielen europäischen Ländern, wie etwa Großbritannien. In den Vereinigten Staaten wurde das Netz nie abgeschaltet, sondern ist Kristallisationspunkt und ausführendes Organ eines extremistischen Überwachungsstaates geworden.

1994 hatte US Vizepräsident Al Gore prophezeit, wie sich partizipatorische Demokratie durch die heranwachsende Global Information Infrastructure über die ganze Welt ausbreiten würde. Man führe sich das heute vor Augen! Im November 2015 forderte der damalige Präsidentschaftskandidat der Republikaner Donald Trump während einer Wahlkampfveranstaltung in South Carolina “Sperrt das Internet zu!”, um ISIS daran zu hindern, Anhänger über das Netz anzuwerben. Trumps Forderung nach einer Internetabschaltung bestätigt, dass es nicht totalitaristischen Staaten vorbehalten ist, das Netz zu killen, sondern auch den Demokratien westlicher Prägung naheliegt. In den USA wird das Netz getötet, indem man es in das Gewand von Vermögensanhäufung und staatlicher Kontrolle umschneidert. Die Massen kampieren auf den städtischen Trottoirs, vor den Apple Stores und Walmarts, in manischer Erwartung der neusten, vernetzten Waren, deren glänzend schwarze Oberflächen über die staatliche List hinwegtäuschen. Online wird die von Trump gefürchtete Meinungsfreiheit von der Moralpolizei einer auswuchernden Brigade von Content Managern im Zaum gehalten, deren Kriterien uns als Geschäftsgeheimnisse gänzlich verborgen bleiben, und die uns durch das gelegentliche Löschen von Uploads vor Augen führen, dass YouTube und Facebook niemals ein wirkliches Forum der Meinungsfreiheit gewesen sind. Am Ruder steht sozusagen der Internetnutzer, das biopolitische Subjekt, das die Unternehmen geschickt steuern, betäubt seiner Sucht unterworfen, die es nach jenen Feeds hungern lässt, die niemals enden, nach Links, die es stets zu weiteren Clicks ködert, und nach Content-Generatoren, die ihm immer mehr Tabs im Browser öffnen, bis der Computer endlich abstürzt.

Was ist also die historische Leistung des Internet? Um diese Frage zu beantworten müssen wir zunächst eine grundsätzliche Beobachtung konstatieren: Im Gegensatz zu Marshall McLuhan, der darauf bestanden hatte, Medien seien stets eine Erweiterung des Menschen, scheint das Internet – ein Musterbeispiel für ein Medium – zur Erweiterung von Kontrolle geworden zu sein.

2. Das Internet verschwinden lassen

Auf dem Weltwirtschaftsforum 2015 hatte der Aufsichtsratsvorsitzende und ehemalige Vorstandsvorsitzende von Google Eric Schmidt versprochen, das Internet werde in unsere Umwelt “verschwinden”. Worin unterscheidet sich, das Internet zu “killen”, davon, es “verschwinden zu machen”? Schmidt führt aus: “Es wird so viele IP-Adressen geben … so viele Geräte, Sensoren, Dinge, die man am Leib tragen wird, Dinge, mit denen man interagieren wird, dass man es nichtmehr spüren wird. Es wird ständiger Teil unseres Daseins.” Hier wird das Verschwinden zum Gegenteil einer Internetabschaltung. Es ist die Auslöschung der Möglichkeit, das Netz abzuschalten, die Garantie totaler, nahtloser Einschließung und Ausbreitung. Indem es verschwindet löst das Internet in eben die materielle Basis der Welt und des alltäglichen Lebens sich auf. Internet = ein neues chemisches Element. Ein Auge, das stets Google Glass ist. Eine Oberfläche, deren Interaktivität niemals ins Wanken gerät. Eine transparente Stadt, in der unsere persönlichen Daten den Weg zu Kutur und Entertainment öffnen. Eine Wolke, die den Körper stützt, während er niemals innehält, Daten zu erzeugen, außer vielleicht im Tod. Das kann ich ihnen versichern: Der Untergang des Internet ist das Auftauchen des Internet-of-Things, das Versprechen, alle Dinge so umzugestalten, dass ihnen die Vernetzbarkeit wesentlich geworden ist.

Selbstverständlich bedeutet das eine Zuspitzung unserer neoliberalen Bedingungen. Das Rhizom der Herrschaft ist zu einer bösartigen Wucherung geworden, indem die scheinbar unsterblichen Netze eine Strutzflut entfesseln, die wild auf die protokolarische Steuerung und Führung einströmt, in der alle Lebensabläufe venetzt, verwaltet und einprogrammiert sind. Das Internet löst sich auf im Würgegriff von Silicon Valley, und übrig bleibt lediglich das Werkzeug unmittelbarer, weltweiter Überwachung, bezeugt durch die NSA in den USA und das GCHQ in Großbritannien. Und gerade so, wie das Internet sich davonmacht, auf schimmenden Rechenzentren, die vor der Küste Kaliforniens im Meer treiben, taucht es wieder auf, als Elektronikschrott, den der Westen über den globalen Süden abläd. Der Akt des Verschwindens, wie ihn Eric Schmidt vorhersagt, verharrt im lediglich Technischen und verfehlt den Punkt worin das Internet in uns verschwindet, indem es sich in einen Modus der Subjektivierung wandelt, ein Bündel aus Gefühlen, ein Verlangen, eine Human Condition, eine Metaerzählung.

Aus diesem Strudel von Tötungen und Verschwinden, erhebt sich ein Begriff eines Internet, der weit über dessen technische Infrastruktur hinausgeht: Das Internet als totalitäre sozio-kulturelle Bedingung. Vergleichbar zum Kapitalismus hat sich das Wesen des Internet in einer Totalität entfaltet, zu der es kein Außerhalb, keine Alternative, keine Grenze mehr gibt. Was eine Frage aufwirft, die Julian Assange einmal formiliert hat: Ist die Zukunft des Internet auch die Zukunft der Welt? Heißt das aber, dass wir, sobald das Internet in die Welt verschwunden und die Welt zum globalen Abbild des Internet geworden ist, wenn wir die unaufhaltsame Bahn verlassen wollen, außerhalb der Welt denken müssen? Wenn Eric Schmidt jenseits des Internet denken kann, warum sollte wir das nicht auch können?

Das ist die Aufgabe, die ich hier vorstelle: “Das Internet” diskursiv und praktisch zu transformieren, um Möglichkeiten einer militanten Alternative oder eines Außerhalb zur Totalität zu verorten, zu der das Internet sich entwickelt hat. Ich wende mich meinen Mentorinnen zu, Vordenkerinnen einer Politik der Minderheitspositionen, vor allem die Queers und Feministinnen, denn das Ringen um Alternativen zu Herrschaft und Kontrolle sind von allergrößter Wichtigkeit.

Postkapitalistische Politik

1996 veröffentlichte(n) die Theoretikerin(nen) J. K. Gibson-Graham ihr Buch The End of Capitalism (As We Knew It), worin sie einen spezifisch feministischen Anlauf auf postkapitalistische Politik nehmen. In Teilen zielen Gibson-Graham mit ihrer Kritik auf marxistische Philosophen, hauptsächlich Männer, die argumentieren, es gäbe kein Außerhalb zum Kapitalismus. Gibson-Graham folgend macht dieses eigentümliche Argument jedes antikapitalistische Projekt ungültig, einschließlich des gepriesenen Projekts des Marxismus! Gegen eine derartig monolithische Sichtweise setzen Gibson-Graham Wirtschaftssysteme, die außerhalb des angeblich totalitären Rahmens des Kapitalismus blühen und gedeihen. Für Gibson-Graham bezeichnet “postkapitalistisch” nicht eine Zeit nach der Vollendung des Kapitalismus, sondern vielmehr ökonomische Alternativen, die mit dem Kapitalismus selbst spielen. Mit dem von ihnen geprägten Begriff “kapitalozentristisch” kritisieren sie eine Linke, die nicht in der Lage ist, außerhalb oder jenseits des Kapitalismus zu denken. Durch die Verschiebung vom Denken in Vollständigkeit, zu einem Denken in Möglichkeit führen Gibson-Graham einen dringend nötigen Eingriff in die antikapitalistische Politik durch.

Was könnte denkbar werden, wenn wir dem Internet mit postkapitalistischer Pollitik zu Leibe rücken? Was wird möglich, wenn wir die Kritik von Gibson-Graham auf das Internet lenken, als der totalitären und hegemonischen Form des alltäglichen Lebens? Auf jeden Fall taucht ein anderer Begriff des “Post-Interne” auf, der sich auf Alternativen wie Mesh-Networks und kryptografische Praktiken bezieht, die innerhalb des angeblich totalen Rahmens des Internet wurzeln. Ein neues Vokabular des Post-Internet ist die Folge, beginnend mit dem Wort “internetozentristisch”, der Unfähigkeit, jenseits oder außerhalb des Internet zu denken. Wir können dessen Klang testen, in einem Satz wie: “Zach ringt mit seinem Internetozentrismus, obwohl er sich nach einem politische Horizont jenseits des Internet sehnt.”

Contrasexualität

In seinem Manifesto Contrasexual (2001) führt Paul Preciado sein Konzept der “Kontrasexualität”. Als ausdrückliche Verweigerung sexueller Normen verbietet Kontrasexualität jeglichen Ausdruck von Sexualität als etabliert. Das Wort zu erwähnen zwingt uns tatsächlich, “gegen Sexualität” auszusprechen – das heißt gegen eine Sexualität wie sie durch die herrschende und vorherrschende Macht konstituiert wird. Körper und Sexualität sind Schlachtfelder des Kampfes um Macht und Politik. Kontrasexualität einzuführen heißt, performativ und pervers im Körper Gegen-Lüste zu erzeugen, die in Umkehr einen utopischen Horizont politischer Veränderung wachrufen. Kontrasexualität ist gleichzeitig Verweigerung und Begründung einer Alternative. Wie aber könnten wir eine Politik “Kontra-Internet” in die Tat umsetzen?

Dildotektonik Schema aus Paul Preciados Buch Manifesto Contrasexual (Madrid: Anagrama, 2011).
Dildotektonik Schema aus Paul Preciados Buch Manifesto Contrasexual (Madrid: Anagrama, 2011).

Nach Precisdo lässt sich Kontrasexualität mittels “Dildotektonik” ausführen, der “Kontra-Wissenschaft von den Dildos”. Der Dildo ist die kontrasexuelle Form der Wahl, da er die Annahme vom Körper als vollkommener, heterosexueller Einheit aufhebt. Tatsächlich behauptet Precaido, dass der Körper vollständig auf einen Dildo abgebildet werden kann, was naheliegt, dass der Körper sich in reine Kontrasexualität umformen lässt. Der Körper als Dildo ist sexuell heimatlos, rekonfiguriert, zu einer übergreifende Prothese gemacht. Bezeichnender Weise reduziert der Dildo den Körper nicht zum Phallus, da er für Preciado kein Emblem des Patriarchats ist. Der Penis kann als Fleisch-Dildo dafürhalten, ein Dildo aber kann niemals als Plastik-Penis gelten. Wie aus Preciados Zeichnungen offenbar wird, ist der kontrasexuelle Dildo ein Schema, das, wenn wir damit experimentieren, das Potenzial einer Sexualität jenseits der Heteronormativität und des Phallozentrismus enthüllt. Preciado geht so weit uns großzügig ein Set von “Dildotopie Übungen anzubieten, uns etwa einen Dildo auf den Arm zu zeichnen und damit zu masturbieren, als spielten wir auf einer Geige.

Was ist die Dildotektonik des Internet? Um es anders auszudrücken – wenn der Dildo eine angemessene Form ist, die Normen und Konstruktionen der Sexualität bloßzulegen, was ist dann die Form, die angemessen ist, das Internet in seiner Totalität zu enthüllen? Eine erste, allerdings ungenügende Antwort wäre: Das Netz. Mag das Internet auch aus einzelnen Netzen zusammengesetzt sein, so ist dennoch ein Netz nicht gleich das Internet. Das Netz verknüpft aber das Leben mit den heute vorherrschenden Strukturen von Macht und Kontrolle. Ebenso wie die Form des Dildo zum Körper außerhalb steht, müsste vielleicht ein Kontra-Internet außerhalb des Internet zu suchen sein – etwas anderes, als ein Netz. Was liegt außerhalb von Netzen?

5. Paranodes

Im Kapitel The Outside of Networks as a Method for Acting in the World aus seinem 2013 erschienenen Buch Off the Network führt Ulises Ali Majias den “Paranode” ein, einen Begriff der Jenes, das anders als – oder alternativ zu – einer Netzkonfiguration ist, entwirft. Der Paranode ist das Gegenmittel zum “Verknüpfungszentrismus”, der laut Mejias das vorherrschende Modell für Organisation und Aufbau des Sozialen darstellt. Aus der Neurowissenschaft abgeleitet bezeichnet der Paranode den Raum, den das Nezt auslässt, den negativen Raum der Netze, das Rauschen zwischen Knoten und Kanten. Es ist der Raum, “der jenseits der topologischen und konzeptuellen Grenzen der Verknüpfungen liegt”.

Verteiltes Netzwerk nach Paul Baran (1964) mit gekennzeichnetem Paranode.
Verteiltes Netzwerk nach Paul Baran (1964) mit gekennzeichnetem Paranode.

Wir wollen das grundlegende Netzwerk-Diagram des Ingenieurs Paul Baran betrachten. Im Diagram sehen wir ein verteiltes Netzwerk, wie es üblicher Weise verwendet wird, um die Funktionsweise des Internet zu erklären. Der Pfeil verweist auf den paranodalen Raum. Auch wenn dieser Raum durch Knoten und Kanten begrenzt wird, ist er nicht durch diese Architektur konstituiert. Innerhalb dieses scheinbar leeren, weißen Raumes müssen wir deutlich genauer hinschauen. Haben wir das getan, erkennen wir, dass der Paranode das bevor, nach und jenseits der Netzwerke positiv kennzeichnet. Da seine Gestalt aus vielen Ebenen zusammengesetzt ist, sollten wir ihn eher als eine Sammlung von Dildos für das Internet vorstellen, denn einen einzelnen Dildo.

Alexander R. Galloway trat kürzlich im Gespräch mit David M. Berry gegen die zermalmenden Totalität vernetzungszentrierten Deniens an, welches das Paranodale verdeckt:

Heutzutage sind wir in einem “vernetzten” oder “retikularen” Pessimismus gefangen … retikularer Pessimismus fordert im Wesentlichen, dass es aus den Fesseln des Netzes kein entkommen gibt. Es gibt keine Möglichkeit, in, durch oder jenseits des Netzwerks zu denken, als nach den Regeln der Netzwerke selbst. … Wir haben eine neue Metaerzählung, uns zu leiten … Indem der retikulare Pessimismus uns keine Alternative zur Struktur des Netzwerkes lässt, ist er zutiefst zynisch, da er von vornherein jede Form utopischen Denkens ausschließt, aus dem eine Alternative zu unseren vielen durch- und eindringlichen Netzwerken folgen könnte.

Galloways retikularer Pessimismus destabilisiert die Verknüpfungspunkte und Kanten der Netz-Gestalt. Sprünge und risse zeigen sich, wo ursprünglich gerade und feste Linien standen. Die Kraft des Außen wird spürbar, und eine Öffnung zu den Paranodes erscheint. Es ist die Bewegung auf eine solche Öffnung zu, die den Anfang aller Kontra-Internet Politik kennzeichnet.

6. Antiweb

Ich möchte mit einem Beispiel schließen, das ein anderes Ende der Existens des Internets beschreibt. Während der pro-demokratischen Demonstrationen in Hong Kong 2014 suchten sich die Protestierenden, in Sorge davor, die chinesische Regierung könnte das Internet überwachen oder abschalten, eine alternative Plattform zur Vernetzung. Sie nutzten FireChat, ein Mesh-Netzwerk-Gerät für Smartphones, das unabhängige Vernetzung ermöglicht, ohne sich ins Mobilfunknetz oder ein Wifi zu verbinden. Die Protestierenden vernetzten sich also ohne mit dem Internet verbunden zu sein. Auch wenn FireChat nicht vom Netzwerk ins Paranodale sich freibricht, so baut es doch Antiwebs auf, Netzwerk-Alternativen zum untoten World Wide Web. Es ist beruhigend, dass diese Aktionen nicht einzeln dastehen: Mesh-Netzwerke kamen in New York während Occupy zum Einsatz, ebenso in Detroit, Taiwan und im Iraq. Diese Ereignisse stellen eine wachsende Netz-Militanz dar, deren Ziel es ist, die Unangemessenheit des Internet als politischen Horizont bloßzustellen und ebenfalls einen utopischen Schimmer einer anderen Art Netzwerke zu zeigen. Man könnte sagen, diese Aktionen präsentieren uns ziemlich überwältigend das Ende des Internet (wie wir es kannten).

Aber das Ende des Internets ist auch der Anfang der Paranodes. Der Paranode ist der Horizont, der Ort der Zukünftigkeit, auf den die Wege des Kontra-Internet zulaufen. Als Kontra-Infrastruktur und theoretisches Modell weckt der Paranode den Kampfgeist in zweifacher Weise: Ganz praktisch, als Suche nach Antiwebs, die das Netz nicht töten oder zum Verschwinden bringen, sondern zum Gemeingut machen; und als intellektuelle Herausforderung, dasjenige denkbar zu machen, das nicht nur außerhalb des Internet liegt, sondern jenseits der Netz-Gestalt selbst.

Wie die Zapatisten sagen würden: Lasst und das Internet angreifen, mit der Geschwindigkeit der Träume.


Zach Blas ist Künstler und Autor, dessen Arbeit sich mit Technik und mit Minderheitenpolitik auseinandersetzt. Er ist Dozent am Department of Visual Cultures der Goldsmiths University of London. An vielen Orten weltweit zeigt Zach seine Arbeiten und hält Vorträge. Darunter in der Whitechapel Gallery, London, ZKM Center for Art and Media, Karlsruhe, Institute of Contemporary Arts, London, e-flux, New York, Institute of Modern Art, Brisbane, New Museum, New York, Museo Universitario Arte Contemporáneo, Mexico City und auf der transmediale, Berlin.

Dieser Essay wurde ursprünglich von Rhizome als Vorlesungsperformance beauftragt, die als Teil der Ausstellung “Electronic Superhighway” 2016 in der Whitchapel Gallery in London erstmalig gezeigt wurde.

© 2016 e-flux und der Autor.

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