Ich bin dann mal verpixelt

Gerade eben habe ich die “Unkenntlichmachung” meines Hauses beantragt. Ich muss zugeben, dass die Frage, ob das Haus auf Streetview zu sehen ist oder nicht, mich nicht besonders leidenschaftlich bewegt. Da das Haus unter Denkmalschutz steht, wurde es schon oft genug fotografiert und taucht in entsprechenden behördlichen Publikationen auf. In Farbe und sogar mit der Rückseite, an der sich eine kleine Bühne für das Spiel mit Öffentlichkeit und Privatheit, vulgo: Balkon, befindet.

Auch die anmaßende Art der digitalen Avantgarde, die für mich immer mehr wie ein fader Abklatsch der Futuristen wirkt – dort kam direkt nach dem Lob der absoluten Geschwindigkeit (“Warum sollten wir zurückblicken, wenn wir die geheimnisvollen Tore des Unmöglichen aufbrechen wollen? Zeit und Raum sind gestern gestorben. Wir leben bereits im Absoluten, denn wir haben schon die ewige allgegenwärtige Geschwindigkeit erschaffen”) die Verherrlichung des Krieges (“die schönen Ideen, für die man stirbt”) – hat mich bislang trotz ihres unsympathischen Bekehrungszwangs nicht vom Hocker gerissen (Die Futuristen verstanden sich wenigstens noch als Elite und nicht als Blaupause für den Durchschnittsbürger.) Im Grunde genommen ist die Zukunft der Netzneutralität eine viel gravierendere Frage, für die leider nicht mehr viel Aufmerksamkeit übrig bleibt.

Was mich aber wirklich verblüfft ist, dass selbst Google nicht so richtig weiß, warum man sein Haus nicht verpixeln lassen sollte. Wenn man mit dem Prozess der “Unkenntlichmachung” beginnt (Behördendeutsch ist längst kein Monopol der Behörden mehr), versucht Google den Pixelkandidaten noch davon zu überzeugen, sein Haus doch noch drinnen zu lassen. Warum?

[D]iese Funktion kann für Sie und andere von vielfachem Nutzen sein: Zum Beispiel, wenn Sie sehen möchten, wo Ihre Familie und Freunde wohnen, egal, wie weit Sie voneinander entfernt sind oder wenn Sie Ihren nächsten Urlaubsort vorab schon einmal erkunden möchten. Unternehmen können für sich werben und Street View in ihre Website integrieren, um ihren Kunden ihr Schaufenster, Büro oder die nächste Verkaufsstelle zu zeigen und gleich eine Wegbeschreibung anzubieten.

Wenn das alles wirklich ein Dammbruch sein soll, dann ein Dammbruch der Hilflosigkeit.

Vielleicht das erste Mal in meinen 23 Onlinejahren spüre ich tatsächlich etwas wie Fremdheit, fühle mich tatsächlich wie ein digitaler Einwanderer. Ich weiß, wo meine Familie und meine Freunde wohnen. Wenn ich mich fest darauf konzentriere, kann ich die Geräusche der Stadtviertel hören, die Struktur des Putzes spüren, blind den Klingelknopf finden und rieche die Büsche und Blumenbeete neben den Hauseingängen. Ich brauche einfach keine ausfallsichere Serverfarm eines US-Unternehmens, um mir das zu sagen. Mein Springbrunnen ist auch keine Verkaufsstelle und mein Balkon kein Schaufenster. Und wenn ich in meiner Hängematte Urlaub machen möchte, kann ich das bequem von meinem Küchenfenster vorab schon einmal erkunden.

6 thoughts on “Ich bin dann mal verpixelt”

  1. Mein Haus steht in einer unbefestigten Privatstraße. Dort gilt in Deutschland die Panoramafreiheit ohnehin nicht, soweit ich das verstanden habe. Warte jetzt mal ab, ob Google den Weg hierher dennoch findet.

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