Pro Publica: Zweiter Pulitzer Preis für das philanthropische Modell

“We are allowed to spend 10 million dollars a year – just to make journalism in public interest.” Paul Steiger, ein zierlicher, schütter- grauhaariger freundlicher Mann und Chef vom Dienst des amerikanischen Rechercheportals ProPublica, sagte das im vergangenen November im Europarat in Strasbourg. Dort fanden die “Assises du Journalisme” statt, eine französische Konferenz über die Zukunft des Journalismus. Was für ein cooler Job, 10 Millionen Dollar jährlich im Jahr für guten Journalismus im öffentlichen Interesse ausgeben zu dürfen.

Als Vertreterin des “Mouvement Slow Media” war ich dort eingeladen, um über die Theorie medialer Qualität zu sprechen. Das Thema der Podiumsdiskussion lautete programmatisch: “Contre l’info low cost, vive la slow info!” Paul Steiger ist für mich ein Beispiel gelungener Praxis von “slow info contre l’info low cost”, von journalistischer und medialer Hochwertigkeit.

Die Frage ist natürlich, wer das zahlt. Oder auch: Wem das etwas wert ist. Es gibt verschiedene Modelle für die Rentabilität von Qualität. Pro Publica verkörpert eine davon, die Nonprofit-Variante: das philanthropische Modell. Das Geld für die aufwendigen Recherchen kommt von einer Stiftung. Denn Qualität von dieser Art kostet natürlich Geld. 10 Millionen jährlich, das ist viel Geld – vielleicht ist es eine Art Anschubfinanzierung. “Diversify the sources of funding” nannte Steiger als seine nächsten Ziele, und das scheint aufzugehen. Über 5 Millionen Dollar aus anderen Quellen kommen inzwischen hinzu und machen Pro Publica Schritt für Schritt unabhängiger vom Stiftungsehepaar. Paul Steiger sagt, das ist für ihn ein Zeichen, dass das Modell funktioniert.

Die Recherche-Ergebnisse teilt das Nachrichtenportal unter einer Creative Commons-Lizenz. Es fordert ausdrücklich dazu auf, das zu tun, was dem Journalismus sonst ein rotes Tuch ist: “Steal Our Stories, Please!”  Sie teilen gerne. Es ist ganz im public interest: “We want our stories to have impact, and when you share them, you’re helping us make sure they reach the people who need to see them.”

Nun hat Pro Publica, gegründet vor erst vier Jahren, zum zweiten Mal in Folge den Pulitzer Preis erhalten. Diesmal für eine Serie von Beiträgen, die ausschließlich online publiziert wurden. Das ist bedeutsam, weil es der erste Pulitzer Preis ist, der nicht an das Erscheinen in einem Print Medium geknüpft ist. Und es belegt die Grundannahme, auf der unser Slow Media Ansatz fußt: Dass mediale Qualität und das Gelingen von Kommunikation nicht an einen bestimmten Medienträger, sondern an medienübergreifende Qualitätskritrien gebunden sind.

Pro Publica ist mit seinen vielen fest angestellten und gut bezahlten Journalisten eine Art Gegenmodell zum unentgeltlich schreibenden Blogger. Aber es ist ebenso ein Gegenmodell zum festangestellten Print-Journalisten, der heute längst nicht mehr die Bedingungen und Ressourcen vorfindet, um fundierte, nachhaltige Recherchen zu betreiben und seinen eigenen Qualitätsansprüchen gerecht zu werden ohne sich selbst auszubeuten. Das alleine macht es interessant. Journalism made not for profitabilty, but for public interest.

Wir sind gespannt, wie sich Pro Publica weiter entwickelt und gratulieren herzlich zum Pulitzer Preis.

 

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Das Bild oben zeigt Paul Steiger im Europarat (vorne rechts auf dem Podium)

 

 

 

 

 

 

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