Slow Media und die knappe Zeit

Hat einer dreißig erst vorüber,
so ist er schon so gut wie tot.

Goethe, Faust II

“Warum Slow Media?” Die Frage bekommen wir auf unseren Veranstaltungen und in vielen Gesprächen immer wieder gestellt. “Was hat euch dazu gebracht, für mehr Langsamkeit im Mediengebrauch einzutreten?” Für mich ist Hippokrates vielzitierter Aphorismus Ὁ μὲν βίος βραχύς, ἡ δὲ τέχνη μακρά (bzw. Senecas noch prägnantere Form vita brevis, ars longa) das Fundament von Slow Media – ja, überhaupt von allen Strömungen der Slow-Bewegung.

Das Leben ist schlicht zu kurz, um sich mit schlechten Dingen zu umgeben, von schlechtem Essen zu ernähren oder eben schlechte Zeitschriften, Internetseiten oder Bücher zu lesen. Gerade in der Mitte des Leben rückt die letzte deadline (was für ein passender Begriff) unaufhaltsam näher und lässt sich nicht mehr aufhalten. So mäht der Tod von Altötting die Sekunden der verbleibenden Zeit mit der Sense.

Die entscheidende Frage, die in der Geistesgeschichte zu unterschiedlichen Antworten geführt hat, lautet: Wie umgehen mit diesem Missverhältnis zwischen Begrenztheit des Lebens und Unbegrenztheit der Künste? Wie umgehen mit dem Bewusstsein, sich allenfalls mit einem winzigen Bruchteil aller Bücher, Filme, Zeitschriften, Menschen näher auseinandersetzen zu können? Ganz grob skizziert, gibt es einen quantitativen und einen qualitativen Weg durch diese Zwickmühle.

Der quantitative oder auch protestantische Weg sieht vor, mit Hilfe eines strikten Plans, einer timetable, möglichst viel von dem Potential auszuschöpfen. Benjamin Franklins Losung “Zeit ist Geld” ist der deutlichste Ausdruck dieser Philosophie, bei der es darum geht, jede Sekunde des Tages in Wert zu setzen und nichts von dieser kostbaren Ressource durch Faulenzen oder gar Genuss zu vergeuden. Sparsamkeit ist das Ideal, nach dem die kurze verbleibende Lebenszeit ausgerichtet werden soll.

Ganz anders sieht der andere Weg aus, in dem es um die Qualität der kurzen Zeit geht. Hier ist es nicht das Ziel, möglichst viel Geschäfte in die begrenzte Zeit hineinzupressen – junge Erwachsene in den USA schaffen es zum Beispiel durch Parallelnutzung unterschiedlicher Medien 10:45 Stunden Medienzeit in nur 7:38 Stunden Lebenszeit zu stopfen, so dass Franklin angesichts dieser Effizienz sicher Beifall klatschen würde  -, sondern die Zeit möglichst gut zu verbringen. Unser Slow-Media-Manifest könnte man auch in einem Satz zusammenfassen: Die Zeit ist zu knapp für schlechte Medien.

Der Collège de France-Romanist Harald Weinrich beschreibt in seinem Buch “Knappe Zeit”, das ich an dieser Stelle wärmstens empfehlen kann, alle denkbaren Facetten dieses Phänomens. Im Mittelpunkt steht dabei der Dualismus zwischen dem greisen Chronos, der wie der Tod z’Eding unerbittlich mit hohem Tempo dem Ende entgegenrast, und dem jugendlichen Kairos, der auch optisch den weisen Gebrauch der Zeit beschreibt:

[A]ls auffälligstes Merkmal trägt er den Kopf fast kahl geschoren. Nur an der Stirnseite ist ein Haarschopf stehengeblieben. Will ein Irdischer diesen behenden Gott fassen und festhalten, so muß er ihn frontal annehmen und versuchen, ihn beim Schopf zu ergreifen. Wenn dieser Zugriff mißlingt, dann findet die Hand an dem glatten Schädel keinen Halt, und schon ist die rechte Zeit verpaßt und entglitten.

Auf für Medien gibt es einen rechten Zeitpunkt. Nicht jedes langsame oder schnelle Medium ist für jeden, immer und überall das richtige. Aber in vielen Fällen ist die langsame, inspirierende und nachhaltige Option die angenehmere Wahl, die das Gefühl vermittelt, die knappe verbleibende Zeit des Lebens gut erfüllt zu haben.

Paradoxerweise ist dies häufig auch die kostengünstigere Option. So wie der Kauf eines sehr guten, nie benutzten Teeservices aus Porzellan von 1957 auf dem Flohmarkt viel günstiger kommt als der Einkauf von namenloser Industrieware bei schwedischen Einrichtungshäusern oder von wie-alt-produzierter Ware in Nostalgiesupermärkten, ist der Genuss sehr gut hergestellter Bücher, die bereits eine Patina besitzen, günstiger als das Sammeln von Billig-Editionen der Tageszeitungsverlage. Slow Media ist aber nicht als Plädoyer für etwas, was man in Anlehnung an Stilmöbel als Stilmedien bezeichnen könnte, zu verstehen, sondern für authentische Medien, seien es neu am Zeitschriftenstand gekaufte (Wired, Intelligent Life, Make, Brand eins) oder eben Erbstücke. Für alles andere ist die Zeit zu schade.

9 thoughts on “Slow Media und die knappe Zeit”

  1. Was ist unsere Zeit wert? Also: Was ist es wert, dass wir unsere Zeit und Aufmerksamkeit dafür einsetzen? Eine gute Frage, die ja auch wieder die Verantwortung des Einzelnen für sein Handeln/Nichhandeln einfordert. Vielleicht geht es tatsächlich darum, sich ohne Umschweife mit dem Wesen der Dinge zu befassen – und das führt mich zu einem Gedanken, den ich seit einigen Tagen hege: Ob der Kern unseres “Slow”-Ansatzes vielleicht der ist: Es geht nicht um das, was außen draufsteht, sondern um das, was drin ist.

  2. Erfahrungsgemäß lernt man den Wert der Zeit oft erst im Alter zu schätzen. Wenn man seine KInder ansieht, überrascht, wie schnell sie “alt geworden” sind, vielleicht traurig, dass sie nicht mehr “Kind” sind, und womöglich wehmütig, dass die Zeit ihrer Kindheit so rasch vorbeiging.

    Sich das vor Augen führend, sollte man den Computer zuklappen, das Telefon beiseite legen, wenn die Kinder ankommen und spielen möchten.

  3. “Die Zeit ist der einzige echte Besitz, den wir haben”, habe ich mal bei Juli Zeh gelesen und das ist nur zu wahr. Allerdings ist auch dieser einzige echte Besitz letztlich wenig wert und läuft bekanntlich allmählich gegen Null.
    Eure Debatte um “Fast-Food”-Media oder “Slow-Food”-Media lässt sich, glaube ich, als Sinn-Debatte nicht führen, weil das Leben ohnehin nicht mehr ist als eine Spanne, die man zur Verfügung hat, und es letztendlich keine Rolle für irgendetwas spielt, ob man hektisch in sich hineinschlingt oder langsam genießt. Aber bitte beachten: Es gibt auch die Option, sich komplett des Medienkonsums zu enthalten und sich stattdessen auf das Leben selbst zu konzentrieren und so souverän wie möglich sein Dasein in der Welt zu genießen. Abends Arte gucken, “ein gutes Buch” lesen, mit Freunden reden über nichts Wichtiges, das Kind zu Bett bringen, etwas basteln oder malen, den Hof fegen, jemanden lieben, vor dem Haus sitzen und dem Wind in den Bäumen beim Spielen zusehen – what’s better? Vielleicht ist die Zeit, die man hat, auch zu schade für große Kunst und “gute” Medien?
    Das Problem mit dem vollgestopften Zeitplan und der Parallelnutzung von TV, Musik, RSS-Feed und Computerspiel ist in meinen Augen noch nicht einmal, dass sich dabei der Junk/”Zeitvertreib” aufeinandertürmt. Es ist der Verlust an Leben an die Zweite Welt.
    Man wird aber lebenskrank, sobald man anfängt darüber nachzudenken, womit man denn seine “knappe Zeit” füllen will. Das ist der Beginn von Hektik und blödsinniger Vergnügungssucht. Und gerade die Falle, in die man nicht laufen darf, weil man dann die Zeit dem vermeintlichen Nutzen unterwirft – “der protestantische Weg”.
    Ich glaube, es ist sowohl egal, was drauf steht, alsauch egal, was drin ist. Es kommt nur daruf an, sich nicht an die Ungeduld zu verlieren und bei dem, was man tut, möglichst bei sich zu beiben.
    Der souveräne Umgang mit der Zeit bedeutet, dass nichts wichtig ist, außer das, warüber man selbst entschieden hat. Also beginnt “slow media” damit, dass man den “Wichtigmachern” widersteht. All diesen Leuten, die mit einer höllischen Permananz – in den Medien – daran arbeiten, einem alles mögliche als “empfehlenswert” und “musst du erleben” aufzudrängen, von Junk bis Kunst.
    Die Medien, ob fast oder slow, sind ja vor allem ein System, dass ständig irgendetwas in den Rang der allgemeinen Wichtigkeit erhebt – Paradebeispiele sind die Promis, die für nichts bekannt sind außer dafür, dass sie prominent sind. Und so verlieren die Menschen immer mehr die Entscheidungsfähigkeit darüber, was ihnen selbst wichtig ist und was nicht.
    “Der Himmel ist das täglich Brot der Augen.” Und kein Photo und kein Michelangelo.
    Habe ich mich klar ausgedrückt? Würde mich wundern 😉

  4. … und hier kommt noch McLuhan:

    “At the very high speed of living, everybody needs a new career and a new job and a totally new personality every ten years.”

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