Alles slow auf der Berlinale

Dieses BZ-Interview mit den Organisatoren der 60. Berlinale Dieter Kosslick, Christoph Terhechte und Wieland Speck ist schon etwas älter, der Absatz über Slow Media von Kosslick ist mir aber erst jetzt aufgefallen:

In zwanzig Jahren werden wir wahrscheinlich Overalls tragen wie die Leute von der BSR, weil wir dann nämlich die audiovisuelle Datenmüllabfuhr sind, als Kuratoren. Als Programmmacher. Wir brauchen nicht nur slow food, sondern auch slow life und slow see und alles slow. Die Maschinen bringen den Menschen in Situationen, wo sie nicht mehr reagieren können. Wir als Filmfestival sortieren gewissermaßen die Spams raus und versuchen, etwas anzubieten, was Sinn ergibt. Ich dachte immer, dass Filmfestivals auch wichtig wären, weil sie gesellschaftliche Treffpunkte sind. Aber diese Funktion gerät in den Hintergrund gegenüber der Aufgabe zu kuratieren, Programm zu machen.

Abgesehen von der spannenden Idee einer Berlinale, die sich ganz auf Slow Movies konzentriert, finde ich den letzten Punkt auch für die Debatte über Social Media wichtig: Man sollte Social Media nicht auf den Social-Aspekt reduzieren, sondern immer auch den Media-Aspekt beobachten. Denn es wird in Zukunft viel stärker um das Kuratieren von Inhalten, Gedanken und Erlebnissen gehen – eine Funktion, die von Menschen nach wie vor besser (anders?) geleistet werden kann als von Maschinen.

Obwohl der Kurator nah am Redakteur ist, finde ich den Begriff für die digitale Kultur passender. Der Kurator bewegt sich nicht innerhalb der starren Grenzen eines Mediums, sondern zu seinen Aufgaben gehört gerade auch das Entwerfen und Gestalten angemessener Ausstellungs- Wissens- oder Erfahrungsräume – real wie virtuell -, wofür dann wiederum eine Debatte über neue Medienkompetenz erforderlich wird. Außerdem eine Debatte über Medienverantwortung – weil man hier nicht nur Programmchef der eigenen Biographie wird, sondern – hier kommt dann der Social-Aspekt wieder hinein – auch der Medienrealität anderer Leute.