Luhmanns Zettelkasten

Niklas Luhmann hat seine abertausend Seiten über das Verhältnis von Systemen, Kommunikationen und Semantiken gar nicht alleine geschrieben. Die in poppigen Suhrkampfarben beschrifteten Buchrücken mögen zwar alle nur von “Luhmann” sprechen, aber in Wirklichkeit waren es zwei Personen, die die soziologische Systemtheorie gemeinsam erfunden haben. Die gemeinsam jedes erdenkliche soziologische Thema – sprichwörtlich Gott und die Welt (und den Teufel) – zerlegt, neu zusammengesetzt und in die jeweils passende Schubladen eingeordnet haben. Die gemeinsam ein feines Gespür für das Verlangen vieler Soziologen, Pädagogen und Philosophen für durchgehaltene Ironie ohne Brechung oder Auflösung entwickelt haben und diesen Markt grandios gesättigt haben. Die gemeinsam immer abseitigere Schriften skandinavischer Soziognostiker ausgegraben haben und durch ausgiebiges Referenzieren in den Fußnoten (hierzu bitte diesen Text lesen) zu veritablen Grundlagentheoretikern noch gar nicht existierenderer Wissenschaften gemacht haben. Man sagt, hinter jedem erfolgreichen Mann stehe eine starke Frau. Hinter Luhmann stand sein Zettelkasten.

Ich vermute, jeder angehende Soziologe hatte einmal eine Phase, in der er versucht hat, sich ebenfalls aus Karteikarten, Holzkästen und Miniaturschrift einen Zettelkasten als Gesprächspartner heranzuzüchten. Die Aussichten, die Luhmann in seinen wenigen Zettelkasten-Gebrauchsanleitungen malte, klingen auch zu verlockend:

Meine Produktivität ist im wesentlichen aus dem Zettelkastensystem zu erklären.

Was für eine Vorstellung! Man muss sich nie wieder durch lange Bücher wälzen. Einfach ein paar Zettel aus dem Kasten ziehen und der Text schreibt sich von allein. Das Schöne: Es funktioniert nicht; diese Schreibmethode ist nicht reproduzierbar. Und so verwandeln sich die meisten Zettelkasten nach kurzer reger Betriebsamkeit wieder in wunderbar langsame Medien, die ab und zu einen entscheidenden Funken Inspiration abgeben können. Aber der Zettelkasten kann keine Bücher schreiben und auch keine Gespräche bei einem guten Glas Rotwein führen. Wie schön!

Sehr zu empfehlen ist jedenfalls die Lektüre von Markus Krajewskis Zettelwirtschaft: Die Geburt der Kartei aus dem Geiste der Bibliothek, in dem es nicht nur um Niklas Luhmann, sondern auch Arno Schmidt. Außerdem hat Krajewski mit synapsen auch eine digitale Version des Zettelkastens entwickelt wie auch Daniel Lüdecke (zkm3).

Dank an Christoph Bieber, Jan Passoth und Cornelius Puschmann für die Idee zu diesem Blogbeitrag.