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Wir trauern um Hans Georg Stolz

Jörg Blumtritt, 31.03.2015.

Hans Georg Stolz (mit dem Rücken zu uns)Das Slow Media Manifest greift zu kurz. Es ist geschrieben aus der Perspektive der Medien, der Verlage, der Medienmacher. Wäre es nicht an der Zeit, die Lebenswirklichkeit der Menschen zu betrachten, zu erforschen, wie Menschen mit Medien umgehen, welche Bedeutung Medien für sie haben, und zwar nicht allgemein, sondern in unserem Sinne, als Slow Media? Statt im Esseyistischen zu verharren – sollten wir nicht lieber Werkzeuge entwickeln, um Slow Media praktisch umzusetzen?

Hans Georg Stolz, Professor für Publizistik in Mainz, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Mediaanalyse, Geschäftsführer der Organisation der Mediaagenturen, war auch Mitglied in unserem Slow Media Institut. Er hatte darauf bestanden, dass wir aus unserem Elfenbeinturm herabsteigen sollten, um uns dem Tagesgeschäft der Medien und Medienforschung zu stellen. Gemeinsam haben wir daran gearbeitet. Am vergangenen Donnerstag habe ich endlich unsere gemeinsame Forschungsstudie Slow Types auf dem Slow Media Symposium der Universität Bath Spa in Westengland zum ersten Mal öffentlich vorgestellt. Zwei Tage später ist Georg gestorben.

Seit seinen Tagen bei Sat.1 in den 90ern war Werbung, speziell Media sein Thema. Werbung war für ihn wesentlicher Teil der Publizistik. Als Geschäftsführer bei Carat in Wiesbaden baute er den Content-Monitor auf, ein durchdachtes Forschungskonzept, dass die Inhalte der Publikationen quantitativ auswertbar machte – lange bevor es Volltextsuche im Web gab. 2000, als er sich mit einer eigenen Agentur in Mainz selbständig gemacht hatte, wurde er der Vorseitzende der agma, damit sozusagen der “leitende Medienforscher” in Deutschland. Während der Verteilungskampf um die Aufmerksamkeit der Zuschauer und die damit verbundenen Werbebudgets keinen Platz für Zusammenarbeit zwischen den Mediengattungen lassen sollte, ist es Hans Georg Stolz dennoch gelungen, alle am Tisch zu behalten. Ich glaube, sein Trick war, den Unwillen der Kontrahenden schnell auf sich zu ziehen und die eigentlichen Konflikte dadurch zu entschärfen. Auf der 50-Jahr-Feier der agma in Dresden konnte er ankündigen, dass Online als weitere Mediengattung zur agma hinzustoßen würde. Beim Festakt auf der Bühne der Semper Oper blieb allerdings unsichtbar, was sich an Diplomatie, an Kabale und persönlichen Dramen hinter den Kulissen abgespielt hatte und auch zukünftig abspielen sollte. Und immer neue Gräben brachen auf. Mit jedem Prozentpunkt, den Print verlor, mit jedem Zuschauer, der von TV zu Online Video wechselte, wurde die Diskussion schwieriger, wurden die Gemeinsamkeiten, die die Mediengattungen zusammen an die agma banden, immer dünner. Georg nahm das stets mit Humor (was viele Leute in den Gremien umso mehr gegen ihn aufbringen konnte) und nahm die Gegner unermüdlich an der Hand, gerne in Form von “konspirativen Treffen” in Weinlokalen in Mainz oder Rheinhessen.

Sein Ziel, die agma zu reformieren, von den Silos der Mediengattungen zu befreien, die Medienforschung daran auszurichten, wie die Menschen ihre Medien rezipieren, statt wie sie produziert werden, hat Georg nicht mehr erreicht. Ich bin sehr skeptisch, ob es ohne ihn noch eine Chance zu dieser Reform gibt. Ich fürchte, dass der frühe Tod von Hans Georg Stolz ein gewaltiger Verlust für die deutsche Medienwirtschaft ist. Wie groß, werden wir erst in Jahren erkennen.

Jeder Besuch in Mainz war etwas ganz besonderes. Georg holte mich vom Bahnhof ab; wir fuhren zu seinem Büro, von wo wir meist schon nach kurzer Zeit wieder aufbrachen, in die portugisische Sportgaststätte neben an, irgendwo nach außerhalb, auf ein Weingut, oder einfach nur zum Café am Ballplatz. Mit Georg (ehemaliger Handballer, Mainz05-Fan) musste ich sogar Fußball ertragen. Bei der WM 2006 zum Beispiel saßen wir im Biergarten des Hofbräukellers in München, weil wir ein Spiel ansehen “wollten” (also er wollte, ich wäre auch einfach so irgendwo ein Bier trinken gegangen). Jetzt hatten sowohl Georg als auch ich schon damals nicht mehr sehr viel Haare auf dem Kopf, daher hatte er Sonnenmilch mitgebracht. Lichtschutzfaktor 50. Blau, damit man sieht, wo man die Kinder schon eingecremt hat. So saßen wir mit blau glänzenden Glatzen im Biergarten in der vollen Sonne, vom Spiel konnte man nichts erkennen, dafür war es viel zu hell, aber das Bier war kühl.

Georgs Art zu lachen war ganz bemerkenswert. Er lachte viel, laut, sehr tief, richtig “Hahahaha”. Ich glaube, ich habe nie mit einem Menschen mehr gelacht, als mit Georg.

Sabria, Benedikt und ich haben vor etwa einem Jahr angefangen, mit Georg gemeinsam ein Konzept zu entwickeln, um die Werte, Lebensstile, die Einstellungen, Markenpräferenzen und die Mediennutzung von Menschen im Hinblick auf Slow Media in Zusammenhang zu setzen. Unserer Modell aus psychographischen und soziokulturellen Merkmalen haben wir dann in Polaritäten und Fragen übersetzt. Daraus hat das münchner Marktforschungsinstitut d.core dann eine Studie entwickelt und mit 2.500 Teilnehmern und jeweils 450 Fragen tatsächlich durchgeführt. Die Ergebnisse sind vor wenigen Tagen fertig geworden. Auf der re:publica wollten wir darüber sprechen. Georg wird uns dabei fehlen. Er wird mir fehlen, weil er mein Antrieb war, überhaupt so weit zu gehen, Slow Media nicht einfach als Blog mit netten Texten stehen zu lassen, sondern weiter zu arbeiten, zu forschen und unser Manifest zu etwas weiter zu entwickeln, mit dem Medienschaffende tatsächlich arbeiten können. Georg wird mir fehlen, weil er mich so oft dazu ermutigt hat, Dinge zu tun, oder anders zu tun. Er wird mir fehlen, weil er mein Freund war.
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Slow Data

Jörg Blumtritt, 9.02.2015.

Data is the new media. Darüber habe ich auch schon geschrieben. Medien, nach dem althergebrachten Begriff, verschränken sich immer mehr mit Daten, unmittelbar mit Data Storytelling, Datenjournalismus und dergleichen mehr, mittelbar dadurch, dass Search, Werbe-Targeting, Filterung von Inhalten und andere Technologien auf Basis von Vorhersagemodellen, immer stärker beeinflussen, was wir als Medien-Inhalte präsentiert vorfinden.

Daher bin ich überzeugt, dass es sinnvoll ist, mit Slow Media anzufangen und zu dann fragen, wie es um Slow Data bestellt ist.

Sorgfältig gepflegte, kleine Datensätze

Das, was über alle Maßen nützlich ist, ist das richtige Verfahren.

Godfrey Harold Hardy

Datenbanken aus dem Direktmarketing tendieren dazu, nicht unbedingt Top Qualität zu bieten (sorry liebe CRM-Leute, aber ich weiß wovon ich da rede). Viele Datensätze sind nur teilweise qualifiziert, wenn überhaupt. Und dazu sind die Informationen, auf die das Targeting fußen soll häufig veraltet.

Kleine Stichproben können große Datenhaufen verbessern

Ab 2006 war ich für eine der großen Marktforschungsstudien verantwortlich, die Typologie der Wünsche. Diese überaus teure Forschung wurde mit allergrößter Sorgfalt durchgeführt, ganz nach den Regeln der Sozialforschungskunst. Die Fragebögen durchliefen das strengste Lektorat, bevor auch nur in Erwägung gezogen wurde, sie an die Interviewer zu schicken. Die Umfrage wurde als persönliches Interview durchgeführt, die Stichprobe der jährlich 10.000 Befragten mit großer Genauigkeit aus der Bevölkerung gezogen. Eine ständige Qualitätskontrolle wurde über die Ergebnisse gelegt. Und um ganz sicher über die Qualität der Umfrage sein zu können, wurde die Befragung von drei unabhängigen Instituten durchgeführt. So konnten wir stets die Ergebnisse über Kreuz validieren.
Da mein damaliger Arbeitgeber auch im Direktmarketinggeschäft tätig war, mit großen Adressdatenbanken, mehreren Call-Centern und Logistik, hatten wir ein Verfahren entwickelt, die sorgfältig kuratierten Daten unserer Marktforschung mit ihrer (für Direktmarketing-Verhältnisse) kleinen Fallzahl, zur Kalibrierung der typisch “schmutzigen” Datensätze des CRM-Geschäfts einzusetzen. Dieser Ansatz hatte so gut funktioniert, dass wir eine Kooperation mit der Deutschen Post darauf aufsetzen konnten, diesmal in erheblich größerem Umfang. Unsere kleine, aber wertvollen Daten wurden auf alle 40 Millionen Adressen in Deutschland projiziert.

Als ich für die MediaCom arbeitete, war ich an einem ähnlichen Projekt beteiligt. Die Fernsehquoten werden in den meisten Märkten in teuren Zuschauerpanels gemessen, die üblicher Weise von Branchenverbänden bezahlt werden, wie etwa durch BARB in Großbritannien oder durch die AGF in Deutschland. Diese Panels bleiben verständlicher Weise auf wenige Tausend Haushalte beschränkt. Da es aber nur wenig mehr als zehn relevante TV-Kanäle gibt, ist diese Anzahl ausreichend für die Mediaplanung. Im Internet dagegen ist die Mediennutzung viel stärker fragmentiert, so dass ein Panel dieser Art kaum sinnvoll einzusetzen ist. Wir verwendeten daher die Daten, die wir über unser Web-Tracking gesammelt hatten, wieder etwa 40 Millionen Datensätze. Und wieder fanden wir einen Weg, die Daten aus dem Zuschauerpanel der Fernsehforschung in die Online-Daten einfließen zu lassen, so dass wir berechnen konnten, wie wahrscheinlich der Nutzer hinter einem bestimmten Cookie eine Werbekampagne bereits im Fernsehen gesehen haben könnte oder nicht. Wiederum wurde der Wert einer Big Data Datenbank durch kleine, aber sorgfältig kuratierte und hochspezialisierte Daten wesentlich gesteigert.

Wissenschaftliche Erkenntnisse in Big Data einbringen

Des Archimedes wird man sich noch erinnern, wenn Aeschylus längst vergessen ist, da die Sprachen sterben, nicht aber Mathematische Ideen.

Godfrey Harold Hardy

Weitere Beispiele, wie kleine, aber sorgfältig kuratierte Daten eine zentrale Rolle in der Data Science spielen, finden sich bei Daten, die wissenschaftliche Erkenntnisse liefern, die nicht schon an sich in unseren ursprünglichen Daten enthalten sind. Text-Mining funktioniert dann am besten, wenn man quantitative Verfahren einsetzen kann, ohne auf schwierige, kulturelle Konzepte wie “Bedeutung” oder “Semantik” Rücksicht nehmen zu müssen. Relevante Inhalte aus ngram-Rangreihen erkennen oder Textvergleiche mit Cosinus-Vektor-Abstand gehören zu den mächtigsten Werkzeugen, um Texte zu analysieren, selbst wenn diese in unbekannten Sprachen oder Alphabeten verfasst sind. Allerdings erfordern die quantitativen Text-Mining-Verfahren stets eine Vorverarbeitung des Textes: Alle Wörter, die nur einer grammatikalischen Funktion dienen, aber nicht direkt zum Inhalt beitragen müssen zunächst aus dem Text gestrichen werden. Es ist außerdem nützlich, die Wörter in ihre Stammformen zu setzen (was man sich als Infinitiv bei Verben oder Nominativ Singular bei Substantiven vorstellen kann). Diese unverzichtbare Arbeit wird mittels spezieller Corpora geleistet, Wörterbüchern, oder besser gesagt, Bibliotheken, die sämtliche notwendige Information dazu enthalten. Diese Corpora sind von Linguisten handgefertigt. Programmpakete wie das NLTK für Python haben diese Wörterbücher und Regeln auf handliche Weise eingebaut.

In seinem Vortrag “The Sidekick Pattern: Using Small Data to Increase the Value of Big Data” gibt Abe Gong, damals Data Scientist bei Jawbone, weitere Beispiele für Small Data, dass die bleiernen Big Data Haufen in Gold verwandelt. Seine alchimistische Data Science Präsentation sei wärmstens empfohlen.

Daten als Kunst

Mich interessiert Mathematik nur als kreative Kunst.

Godfrey Harold Hardy

Beautiful Evidence“, wunderschöne Anschauung, so nennt Edward Tufte gute Visualisierung. Information kann uns wahrhaft in wunderschöner Form dargebracht werden. Datenvisualisierung als Kunstform hatte es spätestens in das das Allerheiligste der Hoch-Kunst geschafft, als die Gruppe Asymptote im Jahr 2002 auf der Documenta 11 präsentiert wurde. Waren früher Zeichnungen, Kupfer- oder Stahlstiche wie dieser hier die Illustration zum Text, so sind Infografiken heute die Story selbst.

Generative art ist eine andere, datengetriebene Kunstform. Als ich gerade mit dem Studium begonnen hatte, war endlich Die fraktale Geometrie der Natur soweit abgesunken, dass sie auch in den Mathematikvorlesungen angelangt war. Mit meinem Atari Mega ST verschlang ich jede Zeile Code, die ich in die Finger bekommen konnte. Was mich vor allem beschäftigte waren weniger die (in der Regel ziemlich kitschigen) bunten Fraktalbilder. Ich wollte fraktale Musik machen, Generative Music, die aus meinem Code algorithmisch erstehen würde.
Fraktale als ein Kunst-Ding waren letztlich doch eher modischer Schnickschnack, nicht wirklich geeignet, als Rohstoff für echte Kunst. Im Gegensatz dazu ist die Generative Art insgesamt aber inzwischen zu einer festen Institution in den Künsten erwachsen. Ein Großteil der Musik von heute fußt weitgehend auf algorithmischen Mustern in vielen musikalischen Dimensionen – vom Rhythmus bis zur Melodie, bis zu den Obertonspektren. In der Videokunst ist es ähnlich; auch hier finden sich überall algorithmisch erzeugte Bilder.

Kunst aus Daten wird sich weiter entfalten. Ich bin überzeugt, dass Data Fiction zu einem eigenen Genre wachsen wird.

Data als Kritik

… es gibt keine tiefere oder besser gerechtfertigte Verachtung, als die Menschen die etwas erschaffen gegen die Menschen hegen, die etwas erklären. Darstellung, Kritik und Lob sind Tätigkeiten für Geister zweiter Klasse.

Godfrey Harold Hardy

Kritik bedeutet in Alternativen zu denken. Kritik bedeutet dem zu mistrauen, was uns als Wahrheit verkauft wird. Daten sind stets vieldeutig. Bedeutung wird in die Daten erst durch Interpretation gelegt. Kritik bedeutet, diese Interpretation zu dekonstruieren, um Platz für alternative Sichtweisen zu schaffen. Jene anderen Geschichten, die uns die Daten auch noch erzählen könnten, müssen nicht plausibel sein. Gerade das Absurde enthüllt uns oft die verdeckten Aspekte unserer Modelle. So lange unsere alternativen Interpretationen wenigstens theoretisch möglich sind, sollten wir auch diesen Pfaden folgen und sehen, wohin sie uns führen. Data Fiction bedeutet, Daten zum Werkzeug für Kritik zu machen.

Data Science hat unsere Vorstellung davon verändert, was wir als langlebige Ergebnisse betrachten. In Data Science ziehen wir in der Regel keine Schlüsse, die wir als wahr oder dauerhaft betrachten würden. Vielmehr hoffen wir, dass eine Korrelation oder ein Muster, das wir beobachtet haben wenigstens eine Zeit lang stabil bleiben. Es gibt auch keine Hypothesen mehr, die wir akzeptieren würden, die wir abhaken, nur weil unsere Teststatistik ein signifikantes Ergebnis liefert. Wir würden stets fortfahren, mit den a/b-Tests, um nach alternativen Modellen zu suchen, die den Gewinner der letzten Runde unseres Test-Spiels ersetzen können. In Data Science maximieren wir kritisches Denken, indem wir nicht einmal annehmen, etwas falsifizieren zu können, da wir schon von vornherein nicht davon ausgegangen sind, der bisherige Stand unseres Wissens sei wahr. Wahrheit im Sinne der Data Science bedeutet lediglich die wahrscheinlichste Interpretation zu einer bestimmten Zeit; nur flüchtig.

Slow Data bedeutet, mit Daten das Offensichtliche zu dekonstruieren und Alternativen aufzubauen.

Ethische Daten

Eine Wissenschaft gilt als nützlich, wenn ihre Ergebnisse dazu tendieren, die bestehenden Ungleichheiten in der Verteilung des Reichtums zu betonen oder wenn sie ganz direkt dazu dienen, menschliches Leben zu zerstören.

Godfrey Harold Hardy

Zwei Anwendungen dominieren die Big Data Diskussion, die das gerade Gegenteil von moralisch darstellen: Werbe-Targeting und Massenüberwachung. Wie Bruce Sterling betont, sind beide im Wesentlichen nur zwei Aspekte der selben Sache, die er “Surveillance Marketing” nennt. Es macht mich traurig, dass die prominentesten Anwendungen unserer Arbeit diese beiden sein sollen: Menschen Dinge zu verkaufen, die sie nicht haben wollen, und Menschen klein zu halten.

Ich bin allerdings zuversichtlich, dass der wohltätigen Nutzen von Big Data bald so lohnend erscheinen wird, dass wir aus unserem Albtraum des Military Marketing erwachen können. Mit Open Data errichten wir einen öffentlichen Datenraum. Sämtliche der äußerst nützlichen Big Data Werkzeuge sind ohnehin in der Public Domain: Hadoop, Mesos, R, Python, Gephy, u.s.w.

Ethische Daten sind Daten, die einen Unterschied machen, für die Gesellschaft. Ethische Daten sind relevant für das Leben der Menschen: Um den Verkehr zu steuern, die Landwirtschaft nachhaltiger zu machen, uns mit Energie zu versorgen, Städte zu planen und Staaten zu verwalten. Diese Daten spielen eine zentrale Rolle, das Zusammenleben von bald zehn Milliarden Menschen auf der Weld zu ermöglichen.

Slow Data sind Daten, die im Leben der Menschen etwas bedeuten.

Politische Daten

Es ist niemals der Zeit eines erstklassigen Mannes wert, eine Mehrheitsmeinung zu vertreten. Per Definition gibt es genug andere, die das schon tun.

Godfrey Harold Hardy

“Code is Law”; mit diesem Wortspiel betitelt Lawrence Lessig seinen berühmten Bestseller über die Zukunft der Demokratie. Vom Anbeginn der Internet Revolution wurde diskutiert, ob die neuen Medien- und Kommunikationsformen zu einer weiteren Revolution führen würden: Der politischen. Viele der Medien und Plattformen, die im letzten Jahrzehnt aufgestiegen sind, zeigen Eigenschaften gemeinschaftlicher oder gar gesellschaftlicher Systeme – und werden danach mit gutem Grund als “Social Media” bezeichnet. Es darf also nicht überraschen, dass wir die Entwicklung von Kommunikationsplattformen erleben, die auch eigentlich dazu gedacht sind, neue Formen der Partizipation zu unterstützen und gleichzeitig damit zu experimentieren. Proxy-Voting oder Liquid Democracy wären kaum vorstellbar, ohne die Infrastruktur des Web. Da diese neuen Formate um Politik darzustellen, zu debattieren und abzustimmen erst seit ganz kurzem auftreten, ist damit zu rechnen, dass weitere Varianten auftauchen werden, neue Konzepte, die das Internet-Paradigma auf gesellschaftliche Willensbildung übertragen. Nichtsdestotrotz, werden diese neuen Formen zu wählen auch funkionieren? Bilden sie tatsächlich den Volonté Generale in ihren Entscheidungen ab? Und wenn, werden sie über einen längeren Zeitraum nachhaltig, stabil und stetig weiterlaufen? Und wie können wir solche Systeme bewerten, eines mit dem anderen vergleichen? Ich arbeite augenblicklich in einem wissenschaftlichen Forschungsprojekt wie mit diesen Fragen umgegangen werden kann. Auch wenn ich heute noch keine Ergebnisse vorstellen kann, sehe ich dennoch schon jetzt, dass der Einsatz von Daten zur quantitativen Simulation ein guter Ansatz ist, die komplexe Dynamik zukünftiger, datengetriebener politischer Entscheidungssysteme anzunähern.

Politik bedeutet nach Aristoteles, den Freiraum zu haben, Entscheidungen ausschließlich auf Grund von Moral und Überzeugung treffen zu können, und sich nicht durch Nöte und Notwenigkeiten treiben zu lassen, welche er “die Ökonomie” nennt. Mit Gesetzen zu arbeiten ist in diesem Sinne vergleichbar zu meinem Beispiel über das Text-Mining oben. Sobald Gesetze kodifiziert sind, können sie quasi syntaktisch ausgeführt werden, in der Tat ziemlich ähnlich zu einem Computerprogramm. Was aber gerecht ist, was also in die Gesetze hineingelegt werden soll, ist ganz und gar nicht syntaktisch. Im Idealfall ist dieser Schritt ausschließlich der Politik vorbehalten. Ich glaube nicht, dass algorithmische Gesetzgebung wünschenswert ist, ich bezweifle aber auch, dass sie überhaupt möglich wäre.

Slow Data bedeutet, in aller Ruhe mit Daten neue Formen der politischen Partizipation zu testen.

Machinelles Denken

Schachprobleme sind die Choral-Klänge der Mathematik.

Godfrey Harold Hardy

“Können Maschinen denken?” Das ist die zentrale Frage der AI, der Forschung nach der künstlichen Intelligenz. Schon die Weise, wie wir darüber nachdenken, diese Frage zu beantworten führt uns augenblicklich aus der Informatik heraus: Was heißt es, zu denken? Was ist Bewusstsein? Seit den 1980ern gab es einen faszinierenden Austausch von Argumenten über die Möglichkeit von künstlicher Intelligenz, der im Streit um das Chinesische Zimmer zwischen John Searle und den Churchlands gipfelte. Searle und auf noch abstraktere Weise David Chalmers hatten gute Grüde vorgebracht, warum eine Simulation von Bewusstsein, selbst wenn diese den Turing-Test bestünde, doch nicht wirklich sich selbst bewusst werden würde. Ihre Gegenspieler, am bekanntesten Douglas Hofstadter, wiesen dagegen den Neo-Kantianismus von Chalmers als Metaphysik zurück.

Google hatte vor kurzem ein interessantes Paper über künstliche visuelle Intelligenz veröffenlticht. Dort waren mathematische Modelle mit zufällig aus Social Media Netzwerken ausgewählten Bildern trainiert worden. Und – Überraschung! – der Alorithmus kam mit dem Konzept “Was ist eine Katze?” um die Ecke. Der entscheidende Punkt ist, dass niemand dem Algorithmus gesagt hatte, nach katzenartigen Mustern zu suchen. Werden wir hier also Zeugen der Geburts von künstlicher Intelligenz? Auf der einen Seite leistet der Algorithmus genau, was Hofstadter vorhergesagt hatte. Er ist passt sich Umwelteinflüssen an und übersetzt Sinneswahrnehmung in etwas, dass wir als Bedeutung bezeichnen könnten. Auf der anderen Seite war der Trainingsdatensatz alles andere als zufällig. Die Bilder waren genau das, was Leute abgebildet hatten. Es war ein kollektiv kuratierter Satz mit ziemlich geringer Streuung. Die Muster, die der Algorithmus gefunden hatte, waren in der Tat vom “klassischen” Bewustsein aus den Köpfen ganz realer Leute in die Daten eingepflanzt worden.

Slow Data sind essentiell, um unsere Algorithmen intelligent zu machen.

Die Schönheit wissenschaftlicher Daten

Schönheit ist die erste Prüfung: Es gibt keinen dauerhaften Platz in der Welt für hässliche Mathematik.

Godfrey Harold Hardy

Nun kehren wir wieder zu Hardys Zitat vom Anfang zurück. Als ich Mathematik studierte, verwunderte mich der eigentümliche Ästhetizismus, den viele Mathematiker ihren Gedankengängen aufzwängten. Die Zeiten haben sich seit damals gewandelt. Heute haben wir viele Sätze bewiesen, die lange als schwere Probleme galten. Computergestützte Beweise haben eine feste Rolle in der mathematischen Epistemologie. Beweise, die tausende von Seiten füllen, sind keine Seltenheit mehr.

Naturwissenschaft und Physik im speziellen, wird durch akkurate Daten getrieben. Kepler konnte das einfache heliozentrische Modell widerlegen, weil Tycho Brahe die Bewegung der Planeten mit solcher Genauigkeit gemessen hatte, dass die Vorstellung von Kreisbahnen sich nicht länger aufrecht erhalten lies. Edwin Hubble entdeckte die Stuktur unseres expandierenden Universums, da Milton Humason und andere Astronomen am Mt. Wilson Observatorium spektroskopische Aufnahmen von tausenden von Galaxien angefertigt hatten, genau genug, um die Hubble-Konstante aus der Rotverschiebung der auffälligsten Fraunhofer-Linien abzuleiten. Einsteins Spezielle Relativitätstheorie basiert auf den Daten von Michelson und Morley, die gezeigt hatten, dass Licht sich stets mit konstanter Geschwindigkeit ausbreitet, egal in welchem Winkel zur Erdbahn um die Sonne man sie misst. Diese kompromisslos genauen Daten, in mühevollem Kampf gesammelt, ohne dass irgendein Erfolg garantiert gewesen wäre – diese Daten stehen wirklich hinter den großen wissenschaftichen Durchbrüchen.

Schließlich, während also die Mathematik langsam sich in Syntax verwandelt, entfaltet die Physik in ihrem Herzen die seltensten und überaus schönen Blüten, die man sich vorstellen kann. In der Schnittmenge von Kosmologie, die sich mit den größten überhaupt vorstellbaren Objekten beschäftigt, und der Quantenphysik, auf der allerkleinsten Skala, liegt die fremdartige Welt der Schwarzen Löcher, der Stringtheorie und der Quantengravitation. Der Maßstab dieser Phänomene, die Textur der Raum-Zeit selbst, definiert durch das Planck’sche Wirkungsquantum in Verbindung mit der Gravitationskonstante und der Lichtgeschwindigkeit, ist so unvorstellbar klein – etwa vierzig Größenklassen unterhalb der Größe eines Elektrons – dass wir kaum erwarten dürfen, irgendwelche Daten dazu in naher Zukunft tatsächlich zu messen. Wir können uns also nur auf unsere Logik verlassen und unseren Sinn für mathematische Schönheit und unseren kreativen Geist.

Slow Data

Slow Data – Für mich wird der Raum von Beautiful Data durch diese Aspekte aufgespannt. Ich bin zuversichtlich, dass wir keine neue Fassung unseres Manifests brauchen. Ich hoffe jedoch, dass wir viele Beispiele sehen werden, von wertvollen Daten, von Daten, die Menschen helfen, die ungesehene Erlebnisse erzeugen und die uns die Türen zu neuen Welten unseres Wissens und unserer Vorstellung öffnen.





Anhang: Slow Media

Die Slow Media Bewegung wurde durch das Slow Media Manifest gestartet, das Sabria David, Benedikt Köhler und ich am Neujahrstag 2010 geschrieben haben. Unmittelbar nach der Veröffentlichung des Manifests wurde es auf Russisch, Französisch und etwa zwanzig andere Sprachen übersetzt.

Auf unserem Slow Media Blog finden sich weitere Texte zur Slowness:
Auf Deutsch: slow-media.net
Auf Englisch: en.slow-media.net

außerdem: “Slow und Open Source als Alternative zum Plattformkapitalismus”

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Slow und Open Source statt Plattform Kapitalismus

Jörg Blumtritt, 18.01.2015.

[Original English Blog Post]

Uber ist das neue Google (und das war davor das neue Microsoft, das war davor vielleicht das neue United Fruits oder das neue Standard Oil). “Software eats the world.” bekommen wir zu hören, während wir lernen müssen, wie wenig Kontrolle uns dabei bleibt. Wie Shopping-Malls schließen die Walled Gardens im Internet nach dem Prinzip von Facebook und Google Öffentlichkeit und das Politische aus.

Mit dem ‘Internet of Things’ laufen wir jetzt Gefahr, auch die ganz und gar nicht-virtuelle Realität durch das Geschäftsmodell, mit dem Nutzung von Technologie und Dienstleistungen in abgeschlossene Silos und geistiges Eigentum gezwungen werden, zu verseuchen. Wie Uber sich aggressiv über soziale Normen hinwegsetzt, ist zum Synonym geworden, für ein Phänomen, dass man als Plattform-Kapitalismus bezeichnet.

Zeitgenössische Sciencefiction erzählt uns oft von dieser Welt der “Winner takes it all”-Märkte. Vom DAEMON, der im hier und heute spielt, bis zu ‘Windup Girl’ in einer entfernteren Zukunft, in der alles pflanzliche Leben ausgerottet wurde, ausgenommen patentiertes Saatgut von amerikanischen Agrarkonzernen. Was aber die meisten dieser Schriftsteller nicht richtig abbilden, ist die Kontingenz der Rahmenbedingungen, die zu den beschriebenen Oligarchien führen. So wie die Kartelle in der Zeit vor 1945 ernähren sich Google, Uber oder Monsanto von Ineffizienten unseres nur langsam wandelbaren Rechtssystems. Nicht, dass nicht durch Wähler geändert werden könnte. Die andauernden Proteste gegen das US-Europäische Freihandelsabkommen TTIP zeigen, dass es tatsächlich eine Alternative gibt, den Status Quo klaglos zu akzeptieren.

Slow

José Bové, der französische Agrar-Revolutionär, wurde berühmt durch seine “Dekonstruktion” einer McDonalds Filiale, für die er zwar in Gefängnis ging, nicht ohne aber vom französischen Präsidenten mit dem Orden der Ehrenlegion ausgezeichnet zu werden, und zwar für seinen epischen Kampf gegen das Malbouffe, das Schlecht-Essen. “Le monde n’est pas une marchandise.” Und so sehr ich dieses Zitat liebe, greift es viel zu kurz. Es ist das gleiche Argument, mit dem Naomi Klein zur selben Zeit gegen die Marketing-getriebene Unternehmenskultur von Nike, Apple und deren gleichen anging – “No Logo”.

Slow Food, die italienische Antwort auf Malbouffe löst schließlich diese Dialektik von Wirtschaft versus Kultur, welche die Öko-Bewegung so abstoßend für den bürgerlichen Mainstream machte.
Slow Food ist eine Marke. Die Produkte unter diesem Label sind ebenfalls klar erkennbare Marken. Regionale Herkunft mit Zertifikat und Rohstoffe, deren Qualität auch durch Wirtschaftsprüfer gewährleistet wird, sind das Rückgrat von Slow Food. Der Produktionsprozess dagegen ist völlig transparent. Keine Geschäftsgeheimnisse – jeder kann lernen, selbst Slow Food zu machen; man muss sich ein Kochbuch dazu lesen.

Netzkultur?

Ich habe den Aufstieg und Fall der Piratenpartei gesehen. Ich hatte große Hoffnung auf die Piraten gesetzt, und auch persönliches Engagement, um die Politik durch unsere Netz-Erfahrung (um nicht zu sagen unsere Netz-Gewitztheit) zu erneuern. Wir sind gescheitert. In anderen Teilen der Welt war dieses Scheitern dramatischer. Der Arab Spring hatte die Macht, die autokratischen Regime zu stürzen, ohne eine Chance, die auch zu ersetzen. M5S, das Movimento Cinque Stelle in Italien versucht nicht einmal seinen rechtslastige, libertäre Ideologie zu verbrämen. Die deutsche Piratenpartei ist auf dem besten Weg, M5S auf diesem Pfad zu folgen (ohne allerdings viel Hoffnung auf Wahlerfolg). Ein Defizit sind fehlende Wurzeln des neu gedachten Systems in einer Kultur.

Make in Italy

Vor fünf Jahren haben wir das Slow Media Manifest geschrieben. Wir waren überzeugt, dass es eine Alternative zu Malbouffe auch für unsere Branche geben würde. Wie könnte eine slowe aber dennoch durch das Netz getriebene Kultur aussehen?

Kano ist ein Computer für Kinder, der auf dem Raspberry Pi läuft. Kano wurde auf Kickstarter crowdgefundet. Obwohl darauf ein vollwertiges Debian Linux System läuft, ist die Benutzeroberfläche so für Kinder optimiert, dass es ihnen so leicht fällt, auf dem Kano programmieren zu lernen wie sie aus Lego Dinge bauen.

Open Source wird üblicherweise von den Apologeten der Kulturindustrie wie Jaron Lanier kritisiert, sie sei der Hebel, die Kreativklasse endgültig ihrer zu entrechten. José Bové sah das genau entgegengesetzt. Für ihn sind Patente und Urheberrecht eine der Hauptursachen für die Schwierigkeiten der Bauern in Europa, zusammen mit den staatlichen Subventionen, die (genau wie Patente) stets eher große Firmen unterstützen, ohne kleinen Produzenten zu helfen. Jeder Mensch kann versuchen Wein anzubauen oder versuchen Käse zu machen. Guter Wein und guter Käse werden nicht mit einem Preispremium verkauft, weil sie patentiert sind. Wir zahlen, nicht um etwas zu bekommen, das schwierig zu erfinden ist, sondern das schwierig herzustellen ist.

Raspberry Pi ist ein Open Source Computer aus England und Wales (je nachdem, wen man fragt, bekommt man die eine oder andere Antwort …). Der Pi ist ein überaus vielseitiges Werkzeug für alle möglichen Aufgaben, die Rechenleistung erfordern, so wie ein Media-Center für zu hause oder eben ein Kindercomputer. Mehr als zwei Millionen Pis wurden bereits verkauft. Der Arduino kommt aus dem Piemont. Er ist ein Platine mit Schaltkreisen. Wenn man wissen will, die was Internet of Things aussehen wird, muss man nur nach Arduino-Projekten suchen.

Pi und Arduino legen das Fundament für eine neue Form von Desing und Fertigungstechnik: Die Maker-Bewegung. Die Maker-Bewegung passt hervorragend zur kleinräumigen Kultur Italiens, die seit Jahrhunderten mehr durch Handwerk als durch Großindustrie geprägt war.

Open source luxury

Meine Prada-Tasche. Jeder Lederwarenhersteller kann selbstverständlich eine Tasche wie diese machen. Es ist nicht das Copyright-geschützte Design, dass dieses Originalprodukt wertvoll macht.

Bruce Sterling skizziert, wie “Make in Italy” die natürliche Fortsetzung von “Made in Italy” wird. Er argumentiert, dass die Leute stets für den Wert handwerklicher Fertigung bezahlen werden. Was Slow Food für Landwirtschaft und Gastronomie geleistet hat, kann die Maker-Bewegung für Design und Luxusgüter erreichen, die schließlich das wichtigste Kapital der italienischen Wirtschaft darstellen. ‘Open Source Luxury’ ist kein Widerspruch. Italienisches Essen ist nicht wertvoll, weil es nicht legal kopiert werden kann. Mode ist nicht außergewöhnlich, weil sie durch Copyright geschützt ist; tatsächlich kann man alle erdenklichen italienischen Modemarken als nachgemachte Fälschungen kaufen, ohne dass dies den Wert der Originale mindern würde. Die mögliche Zukunft von handwerklich hergestellten Open Source Haushaltsgütern, Möbeln und Accessoires, die Bruce Sterling uns beschreibt, ist wirklich wunderschön. Ich kann nur wärmsten empfehlen, sein Plädoyer in dem Video über die ‘Casa Jasmina’ anzusehen!

Bruce Sterlings Version einer wohlbringenden Open Source Wirtschaft sollte ebenso perfekt in die deutsche Fertigungskultur passen. Ich bin mir sicher, dass mein Freund Ibo Evsan richtig lag, mit seinem Plan, Maker-Spaces in das Herz des deutschen Manufacturing hineinzuheben, geprägt durch Mittelstand und unternehmergeführte Familienbetriebe.

Wir haben damals mit Slow Media angefangen, weil wir die Veränderung in den Rahmenbedingungen bereits erkennen konnten – Slow Fashion, Slow Furniture, ja eine ganze Slow Industrie haben wir uns erhofft. Fünf Jahre später bin ich mir sicher, dass wir recht hatten, der Idee der Slowness zu folgen.


Links:

Bruce Sterling: Casa Jasmina.
“So literature collapses before our eyes” – Non-Commodity Production

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Erinnerungen an Ulrich Beck

Benedikt Köhler, 4.01.2015.

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Wir hatten uns irgendwie aus den Augen verloren.

12 Jahre lang waren die Theorien und Ideen von Ulrich Beck eine Art Lebenspartner für mich gewesen. Überhaupt war Ulrich der Grund gewesen, dass ich 1997 mein Chemie-Studium aufgegeben und in die Soziologie gewechselt bin (kurioserweise von einem Beck zum anderen). Seine Vorlesung über die “Sozialstruktur der BRD” in der Großen Aula der LMU München war meine erste Begegnung mit der Soziologie. Was für eine furiose Begegnung!

Während andere Professoren ihre Vorlesungen mit den einfachsten Grundbegriffen und Statistiken begannen, die man auch aus der Tageszeitungslektüre kannte (und die auch nicht mehr Anregung lieferten), stieg Ulrich mit einer Beweisführung ein, warum die Grundbegriffe der Ersten Moderne – Nationalstaat, Sozialstruktur, sozialer Wandel – längst überkommen seien und nur noch als Zombiebegriffe durch die Gegenwart stolperten. Der ein oder andere Erstsemester verließ mit rauchendem Kopf die Vorlesung, aber für mich war das genau das, was ich brauchte. Und der maximale Kontrast zur Chemie.

Meine Diplomarbeit setzte sich dann auch mit seinem Konzept der “Inneren Globalisierung” auseinander. Kern war die These, dass unsere Welt im Inneren längst sehr viel globalisierter und hybrider ist, als es äußerlich den Anschein hatte. Um Ulrich Becks Vermutung zu belegen, dass Großkonzerne sich gerade einem intensiven Prozess der Inneren Globalisierung unterzogen, tippte ich Zeile um Zeile aus den statistischen Jahrbüchern der United Nations Conference on Trade and Development ab, um sie dann statistisch zu analysieren. Das Ergebnis schaffte es dann immerhin als fast ganzseitiges Fußnotenzitat in sein Buch “Macht und Gegenmacht im globalen Zeitalter”.

Die Theorie der Inneren Globalisierung verwandelte sich dann im Sonderforschungsbereich 536 “Reflexive Modernisierung” allmählich in die Theorie der Kosmopolitisierung. Dabei zeigte sich einmal mehr, wie schnell Ulrich sich und seine Ideen weiterentwickelte – während sein Umfeld allmählich die Globalisierungstheorie und Reflexive Modernisierung verstanden und akzeptiert hatte, war er schon wieder einen Schritt weiter und hatte längst eine neue Dimension der Gesellschaftstheorie entdeckt. Mit Ulrich zusammenzuarbeiten hieß immer auch: soziologische Theoriebildung auf der Überholspur. Aber wenn man sich darauf einließ, konnte das schnell zu einem beidseitigen Anfeuern und Antreiben werden.

Nach dem Ende des Sonderforschungsbereichs 2009 verließ ich (fürs erste) die Wissenschaft und wechselte in die Wirtschaft. Einen wirklichen Abschied hat es damals aber nicht gegeben. Fünf Jahre habe ich die Münchener Soziologie dann nur noch am Rande verfolgt. Bis im September 2014 dann die Einladung zu einem Treffen aller ehemaligen Assistenten und Mitarbeiter von Ulrich Beck per Mail kam.

Die Gruppe traf sich – aufgrund des Bahnstreiks etwas dezimiert – im Fakultätssaal der LMU. Ich erzählte Ulrich, dass ich zwar nicht mehr in der Wissenschaft arbeite, aber trotzdem immer wieder Theoriebausteine, insbesondere der Kosmopolitisierungstheorie, in meiner praktischen Arbeit verwende. Mein Eindruck war, er freute sich sehr darüber, dass das kosmopolitische Projekt immer stärker auch außerhalb der akademischen Welt zum Leben erwacht. Außerdem stellten wir fest, dass wir mittlerweile wieder ein gemeinsames Thema hatten: die Frage, welchen immensen Beitrag das Internet und soziale Medien zur Kosmopolitisierung der Welt haben.

Auf einmal waren wir wieder mitten in einem lebhaften und produktiven Austausch mit vielen Telefonaten, Mails und Diskussionen über Big Data, Twitter-Analysen und memetische Kommunikation in seinem neuen Büro in der Schellingstraße. Im Dezember trafen wir uns dann in Paris auf dem Workshop seines neuen EU-Forschungsprojekts in der Fondation Maison des sciences de l’homme. Die Teilnehmer kamen aus Brasilien, England, Frankreich, China, Südkorea, Kanada oder Dänemark. Es war begeisternd zu sehen, wie aus Ulrichs Ideen ein globales Forschungsvorhaben geworden war – und er in dieser kosmopolitischen Forschungsgemeinde zu Hause war.

Ich verabschiedete mich von Ulrich mit dem guten Gefühl, dass dies der Anfang einer aufregenden neuen Phase der Zusammenarbeit sei. Gleich Anfang Januar wollten wir uns wieder treffen, um weiter an den “kosmopolitischen Daten” zu arbeiten. Dass mit einem Schlag aus der neuen Phase dann leider doch nur ein letztes Aufflammen geworden ist, tut sehr weh. Gleichzeitig bin ich aber unendlich dankbar für die letzten zweieinhalb Monate.

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Geister

Benedikt Köhler, 3.08.2014.

I-I-I’ll Be back to haunt you
The Dylans, 1994

Her voice lives on the breeze
Her spirit comes at will
And from sleep when I arise
Her bright smile haunts me still
And from sleep when I arise
Her bright smile haunts me still
JE Carpenter / WT Wrighton, 1864

Die Gespenster sind zurück. Jacques Derrida beschrieb die Rückkehr der Spektren oder Geisterwesen der Vergangenheit in “Marx’s Ghosts” aus einer visionär-prophetischen Haltung. Heute sind die Gespenster mitten unter uns, ein fester Bestandteil des Alltags geworden. Überall stößt man auf Phänomene, die so aussehen oder sich so anhören, als wären sie ein unmittelbarer Import aus der Vergangenheit: Instagramfilter, mit denen jedes Bild auf dem iPhone so wirkt, als wäre es direkt aus einem Kindheits-Fotoalbum aus den 1970er Jahren auf dem Smartphone-Display gelandet; Musikrichtungen wie Dubstep (allen voran der Künstler Burial), bei denen das Knistern der Vinylspuren eine gespenstische Brücke in alte, längst ausgestorbene (bzw. in die nostalgische Liebhabersphäre hinaufgehobene) Technologien schlägt; Orte wie das Tempelhofer Feld, die niemals wirklich gestorben sind, allenfalls “stillgelegt” oder “aufgelassen”, und suggerieren, sie könnten jeden Tag plötzlich wieder in hektische Betriebsamkeit aufwachen (die passenden Flugzeuglackierungen dazu sind mittlerweile auch wieder im Regelbetrieb der Lufthansa).

03.08.14 - 1

Derrida beschrieb mit “Hauntologie” eine Wissenschaft, die sich um die Gespenster kümmert, die sich in unseren Alltag eingeschlichen haben (der definierende Text dazu neben Derrida ist Lisa Gyes Webprojekt Halflives). Bei Bruce Sterling ist es die “Atemporalität”, die einen Zustand beschreibt, in dem es gar keine Gegenwart mehr gibt, sondern nur noch ein Neben- und Gegeneinander von Zeiten, Stilen, Moden und Trends – so treffend beschrieben mit dem Schlagwort “Retrofuturismus” (siehe dazu auch das Interview mit dem Kulturtheoretiker und Hauntolgen Mark Fisher).

Spätestens seit den 2010er Jahren ist die Postmoderne endgültig vorbei, und an ihre Stelle tritt eine Welt der Abandoned Places, von verlorenen Orten wie geschlossenen pyschiatrischen Anstalten, Parkhäusern, Kinos, U-Bahnhöfen und Bunkern, in denen die Vergangenheit so konzentriert ist, dass man die Geister der Vergangenheit hier spüren – ja, hören kann. Bei oberflächlicher Betrachtung meint man noch, diese Orte wären deshalb verlassene oder lost places, weil sie ihre Funktion mittlerweile verloren haben. Aber das Gegenteil ist der Fall! Sie hatten noch nie eine so wichtige Rolle als kulturelle Signifikanten gespielt wie gerade in diesem Moment.

Die Verwandlung von ehemaligen Funktionsbauten in Abandoned Places bedeutet – in Anlehnung an Pierre Bourdieu – eine Umwandlung von Funktionskapital in Bedeutungskapital. Eine Folge der Digitalisierung fast aller Industrien ist die massenhafte Entwertung von Funktionskapital. Das Bedeutungskapital und seine Leitwährung Aura erlebt derzeit an der Börse der Erinnerungen eine nie zuvor dagewesene Hausse. Investieren in die Vergangenheit – was für eine perverse Reprise von Benjamin Franklins “Zeit ist Geld“! Und vor diesem Hintergrund ist mit Instagram dann auch so etwas wie “Trauerarbeit für Phantomschmerzen” möglich.

Immer schwieriger wird dabei die zuverlässige Unterscheidung zwischen “Vintage-” oder “Stil-Geistern” und den echten Spektren der Vergangenheit. Vor allem auch deshalb, weil Atemporalität an dieser Stelle auch bedeutet, dass die klaren Grenzen unscharf werden und das was früher einmal eine Lüge der Kulturindustrie gewesen ist, in seinem Nachleben als Geist trotzdem so etwas wie eine auratische Qualität erhalten kann: Die Faszination mit gespenstischen Relikten von Vergnügungsparks und Shopping Malls zeigt das eindringlich. Auch die neo-toskanische Pappmachée-Dekoration in den Thermen und Spaßbädern der 2000er Jahre verwandelt sich, wenn sie erst einmal 10 Jahre sich selbst überlassen ist, von einer Unwahrheit zumindest in eine Halbwahrheit.

Atemporalität klingt aber viel zu distanziert und neutral. Die Wirklichkeit ist viel unheimlicher. Die Gespenster der Vergangenheit umgeben uns mittlerweile lückenlos  – sogar diejenigen, die erst nach dem Ende der Sowjetunion und dem Mauerfall auf die Welt gekommen sind, können die geisterhaften Erscheinungen wahrnehmen. Es mag sein, dass sie die Spektren gar nicht als solche erkennen und lost places sind für diese Generation genauso gegenwärtig wie Avincii und Cupcakes. Womöglich sind sie gerade damit beschäftigt, ihre eigenen Geisterheere oder Geisterstädte zu erschaffen, die sie dann in den kommenden Dekaden verfolgen werden. Every Generation has its own Ghosts.

herbrightsmile

Wahrscheinlicher aber ist, dass die Mechanismen der Erinnerungen so raffiniert sind, dass sie imstande sind, Nostalgie-Gespenster zu schaffen, ganz unabhängig davon, ob diese Zeit tatsächlich erfahren wurde oder nur in Überlieferungen, Filmen oder Büchern erlebt wurde. Meistens reicht die minimale Spur einer Erinnerung, um daraus einen Geist zu beschwören, der einen dann nicht mehr loslässt.

I years had been from home,
And now, before the door,
I dared not open, lest a face
I never saw before

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Digitaler Arbeitsschutz: Slow Media Institut und TÜV Rheinland starten Kooperation

Sabria David, 8.04.2014.

Eine kurze Meldung in eigener Sache:

Unser Slow Media Institut (dessen Website sich hier befindet) und TÜV Rheinland bieten ein gemeinsames Konzept zum Digitalen Arbeitsschutz an.

Ziel ist es, Rahmenbedingungen für ein kooperatives mediales Arbeitsklima und ein respektvolles, positives Leistungsumfeld zu schaffen.

Wissenschaftliche Basis für den Standard zum Digitalen Arbeitsschutz ist das “Interaktionsmodell Digitaler Arbeitschutz“.

Hier ist der Wortlaut unserer Pressemeldung:

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SLOWLOGO

Digitaler Arbeitsschutz“: Positives Arbeitsumfeld schaffen

TÜV Rheinland und Slow Media Institut entwickeln Verfahren zum Schutz vor digitaler Informationsflut / Moderner Arbeitnehmerschutz / Prüfverfahren ist Bestandteil des Standards „Ausgezeichneter Arbeitgeber“

Köln, 02. April 2014. Permanente Erreichbarkeit via Handy und E-Mail, zeitgleiches Reagieren auf eingehende Anfragen führen bei vielen Arbeitnehmern zu Stress. In ständiger digitaler Alarmbereitschaft ist für sie ein eigenverantwortliches Filtern, Priorisieren und Bearbeiten der vielen Informationen kaum noch möglich. Überforderung, Stress und damit einhergehende Krankheitssymptome sind oftmals die Folge. In den vergangenen zehn Jahren verzeichnete die AOK einen Anstieg der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen um zwei Drittel.[1] TÜV Rheinland und das Slow Media Institut haben mit dem neuen Verfahren „Digitaler Arbeitsschutz“ eine Basis geschaffen, den angemessenen Medienumgang im Unternehmen zu fördern und ein kooperatives, positives Leistungsklima im digitalen Arbeitsumfeld zu etablieren.

Konzept für den gesunden Medieneinsatz

Das Verfahren ist Bestandteil des Prüfzeichens „Ausgezeichneter Arbeitgeber“ von TÜV Rheinland. Neben einem obligatorischen Grundmodul können Unternehmen zusätzlich ihren digitalen Arbeitsschutz prüfen und zertifizieren lassen. Vor Ort prüfen TÜV Rheinland-Auditoren, inwiefern Unternehmen ein Konzept zum digitalen Arbeitsschutz etabliert haben und dieses von allen gelebt wird. Beispielsweise sollte es unter anderem klare und dokumentierte Regelungen zur Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeit geben, die eine ausgewogene Work-Life-Balance fördern. Ein Unternehmen kann zum Beispiel festlegen, dass die Erreichbarkeit via Handy oder E-Mails außerhalb der Arbeitszeit und an Wochenenden untersagt wird, für welche Fälle es Ausnahmeregelungen gibt und wie ein entsprechender Zeitausgleich für die betroffenen Personen aussieht.

Systematische Einbindung von Führung und Mitarbeitern

In systematischer Weise werden Mitarbeiter-, Team- und Führungsebene in ein Unternehmenskonzept eingebunden. „Für den Erfolg des digitalen Arbeitsschutzes ist es wichtig, dass diese drei Ebenen kooperieren. Das ermöglicht eine langfristige positive Veränderung, denn ein leistungsstarkes, verantwortliches mediales Umfeld wirkt sich positiv auf Unternehmenskultur und Produktivität aus“, erklärt Sabria David vom Slow Media Institut.

Bessere Chancen für Arbeitgeber

Unternehmen, die erfolgreich die Prüfung durchlaufen haben, erhalten ein Prüfzeichen und ein entsprechendes Zertifikat von TÜV Rheinland. Mit einem Prüfzeichen verdeutlichen Unternehmen nach außen, dass sie für einen verantwortungsvollen, fortschrittlichen und den Mitarbeitern zuträglichen Einsatz digitaler Medien stehen. Das Prüfzeichen kann so die Entscheidung für einen Arbeitgeber positiv beeinflussen. „Arbeitnehmer achten zusehends auf diese weichen Faktoren. Unternehmen, die hier aktiv sind, verbessern ihre Chancen, Mitarbeiter und besonders Fachkräfte zu finden“, erklärt Arne Spiegelhoff, Projektleiter bei TÜV Rheinland.

Weitere Informationen unter www.tuv.com/ausgezeichneter-arbeitgeber sowie unter www.slow-media-institut.net/digitaler-arbeitsschutz im Internet.

Eine Langfassung der Presseinformation unter http://bit.ly/Ph2fh7 im Internet.

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TÜV Rheinland ist ein weltweit führender unabhängiger Prüfdienstleister mit über 140 Jahren Tradition. Im Konzern arbeiten 18.000 Menschen in 65 Ländern weltweit. Sie erwirtschaften einen Jahresumsatz von über 1,6 Milliarden Euro. Die unabhängigen Fachleute stehen für Qualität, Effizienz und Sicherheit von Mensch, Technik und Umwelt in fast allen Lebensbereichen. TÜV Rheinland prüft technische Anlagen, Produkte und Dienstleistungen, begleitet Projekte und gestaltet Prozesse für Unternehmen. Die Experten trainieren Menschen in zahlreichen Berufen und Branchen. Dazu verfügt TÜV Rheinland über ein globales Netz anerkannter Labore, Prüf- und Ausbildungszentren. Seit 2006 ist TÜV Rheinland Mitglied im Global Compact der Vereinten Nationen für mehr Nachhaltigkeit und gegen Korruption. www.tuv.com im Internet.

Das Slow Media Institut ist ein Forschungsinstitut, das zu den Auswirkungen und Potentialen des digitalen Wandels interdisziplinär forscht und berät. Das von Sabria David auf Basis des Slow Media Ansatzes entwickelte Interaktionsmodell Digitaler Arbeitsschutz (IDA) bezieht als systematischer Beratungsansatz unternehmensinterne Dynamiken und Wechselwirkungen ein. Es definiert Rahmenbedingungen für betriebliche Gesundheitsförderung und ist wissenschaftliche Basis für den in Kooperation mit TÜV Rheinland entwickelten Standard zum Digitalen Arbeitsschutz.

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Kontakt: http://slow-media-institut.net/kontakt


[1] Quelle: AOK-Bundesverband, Fehlzeiten-Report 2013, S. 8
http://www.aok-bv.de/imperia/md/aokbv/presse/medienservice/thema/ams-p_t_fzr_web.pdf

 

 

 

 

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Hoodies, Pixel und Blätterrauschen

Sabria David, 25.03.2014.

Am Wochenende entspann sich im deutschen Blätter- und Pixelwald ein Aufruhr, der sich um den Hashtag #hoodiejournalismus herum bewegt. Ich wunderte mich zwar sonntags, warum meine Twitter-Timeline sich selbst so häufig in Kapuzenshirts ablichtete, ging der Sache aber zunächst nicht auf den Grund (man muss ja nicht jedes Mem und jedes Gate mitnehmen, außerdem sonntags, digitaler Arbeitsschutz…). Schließlich erreichte mich die Sache mit dem Hoodiejournalismus doch noch.

Die Kurzzusammenfassung lautet: Die Süddeutsche Zeitung erwägt Stefan Plöchinger, den Leiter der SZ.de in den Kreis der Chefredaktion aufzunehmen. Die ZEIT berichtet am Donnerstag über SZ-interne Widerstände, die es dagegen gäbe. Die FAS veröffentlicht am Sonntag einen Kommentar dazu. Er endet mit den Sätzen: “Wobei ja vielleicht wirklich nichts dagegen spricht, einen Internetexperten in die Führungsriege der Zeitung zu holen. Wäre es aber dann nicht sinnvoll, auch einen Journalisten in die Chefredaktion von “Süddeutsche.de” zu holen?”. Womit die Begriffe “Internetexperte” und “Journalist” als sich gegenseitig ausschließende Bezeichungen verwendet werden. Da der internetaffine Journalist Plöchinger im ZEIT-Beitrag als Kapuzenpulliträger dargestellt wurde, erhebt sich im digitalen Kulturraum von Twitter ausgehend ein Solidaritätsrauschen. Mit dem Stichwort #hoodiejournalismus posten Journalisten, Redakteure, Radiomoderatoren, Blogger und sonstige sich selbst im Selfie mit Kapuzenpulli.

Bei näherem Hinsehen entpuppt sich also der #Hoodiejournalismus tatsächlich als sehr interessantes Phänomen – das vor allem eines zeigt:

Die Gräben zwischen Print- und Online-Journalismus sind noch längst nicht zu. Im Gegenteil: Sie klaffen noch sperrangelweit auf.

Eigentlich überrascht mich das. Unser Slow Media Manifest – die Schaffung medienübergreifender Kriterien, der Entwurf eines dritten Weges jenseits von Alarmismus und Apologetik im Mediendiskurs – haben wir aus Unwillen über die unkonstruktiven Grabenkämpfe zwischen Pixel und Papier geschrieben. Das war 2010. Das ist eine Weile her.

Und doch scheint noch alles beim Alten zu sein. Der Kampf zwischen Print und Online, den manche als Generationskampf missverstehen, ist nach wie vor ein Kampf zwischen alten und neuen Ansätzen. Die Ritualisierung dieses Kampfes verhindert, dass sich etwas verändert. Bei differenzierter und unideologischer Betrachtung würde man festellen, dass keineswegs alles an bisherigen Konzepten überholt ist, noch dass alles am Neuen Segen bringt.

Fließt alles oder gelingt es uns, dass alles beim Alten bleibt? Auch dies eine Grundfrage der Debatte.

Jörg Hoodie    Benedikt Hoodie

Die Kollegen Blumtritt und Köhler mit Hoodie

In diesem Blog haben wir uns viel mit dem Selbstverständnis des Journalismus und dem Print/Online-Diskus befasst.

Da sie offenbar nach wie vor aktuell sind, hier eine kleine Parade unserer Beiträge zum Thema:

 

Benedikt Köhler: Der umgekehrte Turing-Test (16.3.2010)

Benedikt Köhler: Es gibt kein digitales Altpapier, oder: Die große Chance der Verlage im Web (14.1.2012)

Jörg Blumtritt: Das letzte Aufgebot

Sabria David: Wo verläuft die Grenze? (26.4.2010)

Sabria David: Tatorte, Gräben und drei Fragezeichen (2.4.2012)

Sabria David: “Jenseits der Grabenkämpfe. Eine Gesellschaft im Wandel.” In: “Öffentlichkeit  im Wandel. Medien, Internet, Journalismus”. S. 9-12. Herausgegeben von Heinrich Böll Stiftung. Mai 2012.
https://www.boell.de/sites/default/files/Endf_Oeffentlichkeit_im_Wandel_kommentierbar.pdf

Sabria David: Avantgarden, Halbwertszeiten und eine hochgezogene Augenbraue (14.5.2010)

 

 

 

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Von Plätzen, Bäumen und sozialen Räumen

Sabria David, 3.06.2013.

In der Türkei entzündete sich ein zivilgesellschaftlicher Protest an einem öffentlichen Platz mit Bäumen, dem Gezi-Park. Er die letzte verbleibende öffentliche Grünfläche Istanbuls. Die Bäume sollen abgerissen, der Platz mit einem Einkaufszentrum bebaut werden. Bürger besetzen den Platz und verteidigen ihn wie ihr letztes Hemd.

Was hat das mit Slow Media zu tun? Unser theoretischer Ansatz führt den digitalen Wandel auf einige fundamentale gesellschaftlichen Veränderungen und Bedürfnisse zurück. Neben der Reoralisierung unserer Kultur und einer Kultur des Tauschens, Teilens und Austauschens benennen wir auch das Bedürfnis nach Kontaktaufnahme und der Schaffung von neuen Gemeinschaften als zentrale treibende Kraft. Hieran schließen sich die Phänomene an, die wir in diesem Blog bereits als “Memetic Turn” bezeichnet haben (z.B. hier, hier und hier). Es spricht daraus die Sehnsucht der Menschen nach Bindung und Bezug. Mit der FAZ kann man vielleicht sagen, dass wir damit an einer Bindungstheorie der postdigitalen Netzgesellschaft arbeiten.

Der Medientheoretiker Marshall McLuhan sprach schon in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts von der Retribalisierung als Kennzeichen des elektrischen Zeitalters. Die Menschen möchten sich zu Gemeinschaften zusammenfinden, die nicht durch Herkunft, Sprache oder Berufsgruppe definiert sind, sondern durch ein gemeinsamen Interesse, ein Anliegen oder eine gemeinsame Empörung (nicht zufällig fielen unsere Überlegungen zu dem Thema in die Zeit des arabischen Frühlings und der Spanischen Proteste). Digitale Infrastrukturen helfen den Menschen, dieses Bedürfnis in gelebte Realität umzusetzen.

Der arabische Frühling hat uns vor zwei Jahren einen Mechanismus vorgeführt, mit dem immer schon geschlossene, autoritäre Systeme ihr System stabilisieren. Machthaber, die ihre Macht behalten wollen, handeln nach der Devise: Kontrolliere die öffentlichen Plätze und das Internet – und die Macht wird auf deiner Seite sein. Was ist der gemeinsame Nenner von öffentlichen Plätzen und digitaler Infrastruktur? Beides sind soziale Interaktionsräume. Wer diese kontrolliert, kontrolliert die Kommunikation, unterbindet Gespräche, verhindert, dass die Menschen sich zusammenschließen können. Wer den Austausch zwischen den Bürgen verhindert, verhindert, dass aus vielen einzelnen Problemen ein großes Problem wird. Viele kleine Probleme lassen sich kontrollieren. Ein großes Problem nicht. Man muss gar nicht in die große Geopolitik gehen, auch kleine Institutionen wie Schulen und Vereine funktionieren so. Wird die Kommunikation untereinander gefördert oder verhindert? Das unterscheidet auf allen Ebenen offene von geschlossenen Systemen.

Allerdings – und das ist das Schöne an ihnen – lassen sich  digitale Infrastrukturen nicht so einfach kontrollieren, wie es für manche Machthaber wünschenswert wäre. Ein Tweet* von vorgestern illustriert das mit seinen 322 Retweets sehr gut:

Gezi-Parc

Die Hüter geschlossener Systeme wissen das, wie Seismographen reagieren sie darauf. China sperrte damals im arabischen Frühling sofort den Zugang zu den verdächtigen Memen wie #jan25.

Auch in der Türkei wiederholt sich das prompt. “As Anti-Government Protests Erupt in Istanbul, Facebook And Twitter Appear Suddenly Throttled” meldet TechCrunch vorgestern. Seit die Proteste um den Gezi-Platz zunehmen, häufen sich die Hinweise darauf, dass der Zugang zu sozialen Medien wie Twitter und Facebook erschwert ist. Jedes Smartphone auf dem Platz ist ein Zeuge, der via Internet dokumentieren kann, was dort passiert. Mein Kollege Benedikt Köhler hat eine schöne Visualisierung der Gezi-Park-assoziierten Tweets angelegt: Mapping a Revolution. Die letzte Karte zeigt genau, was öffentliche Plätze und Twitter gemeinsam haben: Das geographische und digitalkommunikative Zentrum des Protestes sind ein und dasselbe. Oder wie Benedikt sagt: “here’s a look at the tweet locations in Istanbul. The map is centered on Gezi Park – and the activity on Twitter as well.”

Das reale und das digitale Zentrum der Proteste fallen zusammen. Der Unterschied zwischen dem realen und dem digitalen sozialen Interaktionsraum schwindet. Öffentliche Räume und Plätze laden die Bürger ein, sich hier zu treffen und miteinander zu sprechen. Es ist gut, dass dies inzwischen auch in digitalen Räumen möglich ist.

Nein, es ist kein Zufall, dass sich die türkischen Proteste an dem Erhalt eines öffentlichen Platzes entzünden. Es ist ein Zeichen dafür, das die Zivilgesellschaft sich den öffentlichen Raum zurückerobern und verteidigen möchte. Die Bürger sagen damit ihren Machthabern: Der öffentliche Raum gehört uns und nicht euch. Wir sind der öffentliche Raum. Bei Aufständen stehen oft Plätze im Zentrum, Tahrir, der Platz des Himmlischen Friedens. Proteste brauchen einen Ort, an dem Menschen zusammenkommen und sich verabreden können. Mit “Der Platz gehört uns” wird einer der Demonstranten zitiert.

Und so ist es konsequent und vielsagend, was der türkische Ministerpräsident Erdogan, gegen dessen Regierung sich die Prosteste inzwischen richten, mit herablassendem Lächeln in seiner Rede am 1. Juni nach vorläufigem Abzug der Polizeieinheiten sagt: “Was wollen diese Leute denn? Wollen sie Bäume? Wenn ihr Bäume wollt, könnt ihr Bäume haben.” Und mit aufblitzendem süffisanten Lächeln sagt er: “Ihr bekommt Bäume von uns. Wir können euch auch welche für eure Gärten besorgen.” (ab min 2:30, heutejournal, 1. Juni 2013). Er strahlt bei dem Gedanken, der ihm da gekommen ist. Und tatsächlich hätte er ein großes Problem weniger, wenn alle seine Bürger einzeln zu Hause unter ihren privateigenen Bäumen sitzen würden, anstatt zu Zehntausenden gemeinsam in einem öffentlichen Park zusammenzufinden.

Es wird interessant sein, das weiter zu beobachten.

 

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Nachtrag 1 (5. Juni 2013)

Ja, es bleibt interessant, das weiter zu beobachten.

Der türkische Ministerpräsident schlägt seine Schlacht konsequent sowohl im Stadtraum wie auch im digitalen Raum weiter: “Es gibt etwas, was sich Twitter nennt – ein Plage. Die größten Lügen sind hier zu finden”, wird Erdoğan zititert. “Für mich sind die sozialen Medien die schlimmste Bedrohung von Gesellschaften.” Erste Meldungen dieser Aussage gehen bereits auf den 2. Juni zurück.

Nun sind 25 Menschen sind wegen der “Verbreitung beleidigender Informationen”, “Irreführung”, “Aufruf zum Protest” und “Aufstachelung” festgenommen worden (Quelle1, 2).  Das Vokabular ist irritierend für eine Demokratie, die auf Meinungsfreiheit basiert und sich zu Europa zählt.

Nachtrag 2

Die Macht der Meme nimmt auf der anderen Seite stetig zu.

Henry Farrell stellt am 3. Juni fest, dass bereits jetzt der Hashtag #direngezipark häufiger benutzt wird als #jan25 während der gesamten ägytischen Revolution:

“The hashtag #direngezipark is still the most popular and has been used in more than 1.8 million tweets as of this morning. In comparison, the hashtag #jan25 was used in less than one million tweets during the entire Egyptian revolution.”

 

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* Natürlich kann es sich bei uneindeutiger Quellenlage im Einzelfall bei solchen Fotos auch um Fälschungen handeln. Der zugrundliegende Mechanismus funktioniert trotzdem: Es können authentische Zeugen-Fotos per Smartphone vom Gezi-Platz aus an die Öffentlichkeit gelangen.

 

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