Das postdigitale Zeitalter

The digital revolution is over.
Nicolas Negroponte

Slow Media, also der Fokus auf bewussten, nachhaltigen Mediengebrauch, ist nur eine Strömung inmitten einer sehr viel größeren Entwicklung. Man könnte es ungefähr so formulieren: Wir leben längst in einem postdigitalen Zeitalter. Aber was genau bedeutet postdigital? Der Begriff ist wie die meisten Post-Begriffe äußerst anfällig für Missverständnisse, ja scheint sie sogar herauszufordern. Postdigital heißt gerade nicht, dass digitale Technologien und digitale Medien heute keine Rolle mehr spielen. Genau das Gegenteil ist der Fall: Die tiefe und nachhaltige Durchsetzung der Digitalisierung ist eine notwendige Bedingung für den postdigitalen Zustand.

Darin unterscheidet sich “postdigital” nicht von ähnlich konstruierten Begriffen wie “postmateriell” oder “postkolonial”. Wer von Postmaterialismus oder postmaterialistischen Milieus spricht, meint ebenfalls nicht, dass sich hier bestimmte Bevölkerungsgruppen von ihren materiellen Lebensgrundlagen – ihrem Stoffwechsel mit der Natur – getrennt hätten und nun engelsgleich über den Dingen schwebten. Stattdessen geht es um Personen, deren materiellen Grundlagen nicht mehr im Mittelpunkt ihres Lebens stehen. Nicht die Trennung von den Dingen ist entscheidend, sondern vielmehr eine Art gesunde Langeweile oder Indifferenz ihnen gegenüber. Postmaterialismus heißt, sich nicht mehr von den Dingen gefangen nehmen zu lassen, sondern sie mit einer gleichgültigen Haltung zu gebrauchen.

Ganz ähnlich ist der Begriff “Postkolonialismus” gestrickt, der natürlich die Ära des Kolonialismus ebenso wie ihre oft gewaltsame Aufhebung voraussetzt. Auch hier ist nicht gemeint, dass sich die postkolonialen Subjekte nun völlig unabhängig von den jahrzehntelang etablierten kolonialen Verwaltungs- und Herrschaftsstrukturen lebten. Aber die ehemaligen kolonialen Strukturen und Verflechtungen sind jetzt nicht mehr der Feind, der auf jeden Fall bekämpft werden muss (“Antikolonialismus”), sondern ein Fundus an Techniken und Ideen, die instrumentalisiert werden können.

Wie lässt sich dieser Konzept auf das Digitale übertragen? Postdigitalismus beschreibt den Zustand der Gesellschaft nach der erfolgreichen Digitalisierung wesentlicher Lebensbereiche von der Wirtschaft über die Bildung und Kultur bis zur Politik. Die zentralen Informations- und Kommunikationsinfrastrukturen sind mittlerweile digitalisiert. Und dies nicht nur in den westlichen Industriegesellschaften, sondern zunehmend auch in sogenannten “Entwicklungsländern”, die häufig ohne den Zwischenschritt von Festnetzinfrastrukturen direkt in das mobile Zeitalter einsteigen. Postdigitalismus bezeichnet die wahrgenommene Selbstverständlichkeit dieser Technologien. Die sogenannten “digitalen Eingeborenen”, also die nach 1980 geborenen Alterskohorten, die keine Welt ohne PC, Mobiltelefon und Internet kennen, sind die erste postdigitale Generation.

Dass das Internet und darauf aufbauende Infrastrukturen höchst voraussetzungsvolle Errungenschaften sind, die darüber hinaus viel fragiler sind als es zunächst den Anschein hat – man denke nur an den Rootserver-Ausfall der Denic, durch den mit einem Schlag sämtliche .de-Domains nicht mehr direkt erreichbar waren -, ist der postdigitalen Generation nicht mehr bewusst. Sie sind gegen die neodigitalistischen Heilserwartungen des Internet als ewige Seeligkeit ebenso immun wie gegen den antidigitalistischen Gedanken, mit dem HTTP-Protokoll wäre der zivilisatorische Untergang nun eine beschlossene Sache. Sie sind, ebenso wie oben für den Postmaterialismus beschriebeen, leidenschaftslos. Postdigitalismus heißt, digitale Technologien und Medien nur als Werkzeuge zu benutzen, ja sie bei Bedarf sogar zu versklaven wie früher das Feuer und die Wasserkraft. Auch hier gilt also: Das Internet ist ein guter Diener, aber ein schlechter Herr.

Während die Kunsttheorie in den USA schon seit 10 Jahren über den Begriff diskutiert, scheint Postdigitalismus in Deutschland noch nicht nennenswert vorzukommen. Stephan Baumann hat sich kürzlich in einem Interview kurz darauf bezogen – bezeichnenderweise in Verbindung mit Slow Media. In den USA wird zum Beispiel “Glitch“, eine in den 1990ern entstandene Richtung der elektronischen Musik aber auch Medienkunst, als Paradebeispiel für Postdigitalismus betrachtet. Glitch ist durch und durch digital von der Klangerzeugung bis zur Distribution. Gleichzeitig wird das Digitale in der Musik, das mittlerweile in nahezu jeder modernen Musikproduktion eine Rolle spielt, hier radikal zu Ende gedacht. Das charakteristische Erkennungszeichen von Glitch ist das Provozieren und Betonen von digitalen Fehlern. Während sonst Fehlstellen, an denen zum Beispiel eine 1 steht, wo eine 0 stehen sollte, sorgfältig herausgefiltert werden, verwenden Künstler wie Kim Cascone genau solche Fehler, um das digitale Medium selbst sowie die digitalisierten Produktionsverhältnisse sichtbar zu machen.

Meine Hoffnung liegt darin, dass sich der Umgang mit digitalen Technologien im postdigitalen Zeitalter gleichermaßen entspannt, instrumentell und kritisch sein wird. Entspannt, weil wir allmählich merken, dass es nicht entscheidend ist, welche Plattform oder welches Medium wir verwenden, sondern die Frage ob die vermittelten Inhalte uns inspirieren. Instrumentell, weil wir lernen, dass Algorithmen und digitale Infrastrukturen keine Menschenrechte besitzen. Kritisch, und hier sehe ich die postdigitale Kunst als überlebensnotwendig an, weil wir immer stärker ein Gefühl für die Brüche und Machtstrukturen entwickeln, die sich hinter scheinbar neutralen und unausweichlichen Strukturen verbergen.

5 thoughts on “Das postdigitale Zeitalter”

  1. Danke für den Gedankenanstoss, Benedikt. Habe mir den Post auf Wochenend-Wiedervorlage gelegt.

  2. wann bringt Tocotronic das Lied “Postdigital ist besser” raus?

    Jens,
    danke, habe nun “Wochenend-Wiedervorlage” in meinen SlowMedia Wortschatz neu aufgenommen

    Benedikt,
    auch wenn ich in der Beschreibung des Postdigitalismus und der Digitalen Nativen wenig Unterschied sehe, finde ich Deine Gedankenanstöße elementar wichtig.
    Nach Jahrelanger Produktfiiertheit mit seinen Grabenkämpfen und Kriegen (vor allem zwischen Apple, Microsoft und Google) gehört die Frage wieder ins Bewusstsein: wie inspiert uns Technik bessef und vor allem zu was? Den teleologische Aspekt vermisse ich meist: wozu soll uns Internetbasierte Technik unterstüzen und helfen?

  3. Ähem, ehrlich gesagt, entschuldige bitte vielmals, … das kommt mir jetzt vor wie Unfug.
    Die These ist: “Wir leben längst in einem postdigitalen Zeitalter”.
    Abgesehen davon, dass in dem “wir” eine Totalität bzw. Pauschalität eingebaut ist, die sicherlich nur eine Chimäre ist, ist “längst” zumindest fragwürdig und “postdigital” ein Begriff, den du dir erst mühseligst übers Knie brechen musst, damit du etwas hast, was gemeint sein könnte. Und “Zeitalter” dürfte auch ein Wort sein, das für den kurzen Erfahrungshorizont um mehrere Jahrzehnte zu hoch hochgegriffen ist.
    Noch mal zum “wir”: Die Menschen in Deutschland (wenn wir den Rahmen mal so abstecken wollen) sind unterschiedlich tief in die digitale Welt involviert. Generell ist z.B. die Internet-Affinität bei den höher Gebildeten und finanziell besser Situierten höher. Der Nutzungsgrad von Internet und Smartphones korreliert außerdem stark mit Beruf, Lebensphase und vermutlich gibt es auch ein Stadt-Land-Gefälle (gibt ja auch Gegenden, die sich noch gar nicht breitbandig erschlossen). Und 90% der Weltbevölkerung sind NICHT Mitglied bei Facebook, auch wenn Facebook immer so auftritt, als wären alle Menschen verfacebookt. Demgegenüber soll es (ich kenne solche Leute allerdings nicht persönlich) Menschen geben, die vom Internet als ihrem “Lebensraum” sprechen. Das wären dann die “Digitalisten”. Dass einzelne der Digitalisten nach einigen Jahren aus diesem Lebensraum zurückprallen und eventuell das schöne Gesumme der Bienen um die Beerensträucher auf einer Waldlichtung wiederentdecken, würde mich wenig wundern, denn als “Lebensraum” sind die digitalen Welten vor allem ein körperloser und erfahrungsloser Illusionsraum. Als Digitalist lebt man nun einmal in einer Wahrnehmungswüste – der Spaß ist begrenzt und scheint vor allem darauf zu beruhen, ständig von irgendwem gefavt zu werden, “but you never get your lips wet, no you don’t”. Die Digital-Junkies werden – IMHO – unvermeidlich früher oder später zu Rückkehrern bzw. sie beginnen wenigstens zu versuchen, Leben und Digitalsucht auszubalancieren.
    Nun meinst du: “Postdigitalismus bezeichnet die wahrgenommene Selbstverständlichkeit dieser Technologien.” Das verstehe ich gar nicht, auch nicht als sprachlichen Parallelfall zu anderen Post-Päckchen. Wir leben doch nicht – z.B. – in einer Welt der “Post-Medizin”, nur weil uns das moderne Gesundheitssystem selbstverständlich geworden ist. Der Post-Kolonialismus meint auch nichts in dieser Richtung, sondern einfach das Zeitalter nach Ende der Kolonialstrategien.
    Alle diese Post-Begriffe sind ja meistens nur der Versuch, einer Veränderung einen Namen zu geben, ohne dass man diese Veränderung eben klar definieren und bezeichnen könnte. Ein Begriff fehlt – dann nennt man es eben “Das-was-danach-kam”. Solche Nebelbänke sind meistens eine gute Nahrungsgrundlage für das feuilletonistische Schaffen und das Hypostasieren “gefühlter” Bewusstseinslagen – es hat etwas von Stochern im Nebel, diese Nachzeiten-Begriffe. (Ich glaube in der Kunst sind wir schon bei der Post-Postmoderne angelangt.)
    Was mich aber noch mehr stört, ist der Gedanke, die Digitalisierung würde bereits im Wesentlichen abgeschlossen sein. Da sind noch unzählige Innovationen und mittelschwere Revolutionen in der Pipeline, während andererseits die Folgen der Digitalisierung sich gar nicht voll entfaltet haben. Die heute Dreißigjährigen werden eines Tages auch alt aussehen und nur noch mit Mühe das Innovationstempo mitgehen können. Und noch leben wir ja in einer Welt, wo es z.B. noch Tageszeitungen gibt und die TV-Stationen klassische Programmabläufe bedienen. Ich würde nicht darauf schwören, dass das so bleibt, und entsprechend tiefgreifend wird sich noch einiges in unserem Leben auf dem Weg in die durchdigitalisierte Gesellschaft ändern.
    Langer Rede, kurzer Sinn: “Postdigitalismus” ist ein Begriff, der wenig mit der Gegenwart und vermutlich nicht mit dem zu tun hat, was noch auf uns zu kommt. Ich würde den Begriff an deiner Stelle schnell wieder einrollen. Der Erkenntniswert liegt nahe bei Null. Scheint mir. Mit gleicher Berechtigung könnte man davon reden, dass wir noch mitten im prädigitalen Zeitalter leben (augmentierte Wahrnehmungen, Illusions-Sex, Auto mit Gedanken steuern etc. pp).

  4. @Brett “Post-Begriffe sind ja meistens nur der Versuch, einer Veränderung einen Namen zu geben, ohne dass man diese Veränderung eben klar definieren und bezeichnen könnte”

    Gerade nicht, bzw. das kommt auf den jeweiligen Post-Begriff an. Postmaterialismus zum Beispiel lässt sich sehr klar definieren und sogar so operationalisieren, dass man damit Sozialforschung betreiben kann. Das wird auch schon seit mehreren Jahrzehnten erfolgreich getan.

    Postkolonialismus jedoch meint nicht das Ende der Kolonialstrategien, sondern neue Kolonial- und Antikolonialstrategien, die sich zum Teil auf die alten Strategien berufen, zum Teil aber auch nicht. Kurz: Postkolonialismus ist das Durcheinander, das entsteht, wenn die brutale Ordnungsmacht des Kolonialismus zusammenbricht.

    Was die Medizin betrifft, sehe ich schon zahlreiche Anzeichen für ein postmedizinisches Gesundheitssystem.

  5. Ja, stimmt: Postkolonialismus war oder ist auch eine bestimmte “geistige Strömung”, das war mir gar nicht bewusst: “Postkolonialismus bezeichnet zum einen die Zeit nach dem Kolonialismus, also nach der Erkämpfung der Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonien nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Darüber hinaus ist Postkolonialismus eine wissenschaftliche Strömung, die unter anderem in Geschichtswissenschaft, Literaturwissenschaft und der politischen Theorie beheimatet ist.”
    Das bringt mich aber nicht ab davon, dieses grassierende Präfix “post” für eine merkwürdige akademische Marotte zu halten, die immer ein Ersatz für das fehlende Wort ist, dass das Neue tatsächlich bezeichnen würde. Man sagt ja auch nicht Nach-Renaissance zum Barock oder Nach-Klassik zur Romantik.
    Beim “Postdigitalismus” – um beim Thema zu bleiben 😉 – stört mich zum einen, dass ich weiterhin eher epochale Anfänge sehe, als dass irgendetwas zum Ende gekommen wäre, zum anderen dass Vorgänge in einer sozialen Nischen gleich mit einem Begriff belegt werden, der so eine riesige Flügelspannweite hat.
    Aber ich gebe dir recht, dass der Übergang von der “revolutionären” Phase der Digitalisierung in die digitale Normalität ein interssanter Kipp-Punkt ist bzw. sein wird. Interessant z.B. die Zahlen zu “Foursquare”, die neulich der Webevangelist (glaube ich) recherchiert hatte. Foursquare scheint hierzulande außer die Ober-Digitalisten, vor allem die gewerblich mit Kommunikation zu tun haben, keinen Normal-Menschen zu interessieren (jedenfalls bislang).
    Das könnte ein Hinweis sein: Neue Funktionen könnten es zunehmend schwerer haben, auf einer Hypewelle nach oben zu reiten. Auch z.B. Google Wave wurde nicht mehr als der messianische Durchbruch aufgegriffen, der Wave gerne sein wollte. Dieses Schulterzucken gegenüber weiteren digitalen Neuerungen wird man vielleicht künftig öfter erleben und ist ein Zeichen dafür, dass die Menschen damit begonnen haben, sich einfach ihren jeweils persönlichen Gebrauch des Webs zurechtzuschnitzen. Aber diese Massennutzer des Internets, die ihre Postfächer bei t-online, gmx oder Web.de haben, die waren nie “Digitalisten” und können daher jetzt auch nicht als Postdigitalisten gelten. Um den Digitalismus hinter sich zu lassen, muss man ja erst mal Digitalist gewesen sein. Solche Leute gibt es sicherlich … das liegt in der Natur des Internets, dass vieles sich abnutzt und langweilig wird.

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