Memetic Chic – Revolution und Struktur nach dem Ende der Moderne

Struktur1 – Anti-Struktur – Struktur2. So einfach klingt das gesellschaftliche Grundmuster bei Anthropologen wie Victor Turner. Am Anfang ist Struktur und am Ende wird wieder Struktur sein. Nur dazwischen gibt es ein liminales Stadium des Flusses. Aber ist das wirklich so? Oder ist das nur eine, naja, sagen wir einmal kryptostrukturkonservative Ideologie? Man braucht gar nicht so weit zu gucken, um alternativen Entwürfen zu begegnen, ganz gleich ob es die biblische Schöpfungsgeschichte ist oder die Thermodynamik. Dort ist Struktur nur ein relativ kurzer Zwischenstopp auf dem Weg.

Struktur war in der großen Erzählung der Moderne gleichbedeutend mit Gesellschaft. Der anti-strukturelle Zustand wurde im Verlauf der Menschengeschichte gezähmt und in einen mehr oder weniger wohlwollenden eisernen Käfig gesperrt. Ob man Max Weber oder Norbert Elias befragt, sie alle spielen dasselbe Lied von der allmählichen Zivilisierung. Einmal mit Blick auf die Ertrags-, einmal mit Blick auf die Kostenseite. Gesellschaft bedeutet: so viel Sicherheit, aber auch so viel Herrschaft wie nie zuvor.

Was wir in den letzten Jahrzehnten immer deutlicher gesehen haben, ist eine überwältigend starke Rückkehr der Gemeinschaft. Im Marketing spricht man längst nicht mehr von der Massenkommunikation, sondern von Brand Tribes, die sich um Marken scharen wie früher um Stammestotems. In der Soziologie betrachtet man verwundert die „Rückkehr“ von Religion, Ethnizität und Kommunalismus und die schleichende Transformation der massengesellschaftlichen Grundpfeiler der Gesellschaft in zombieartige Schwundstufen. Egal, ob es um Massenheere, Massendemokratie, Massenkonsum oder Massenbildung geht. Überall dasselbe Bild von hermetischen, von außen schwer durchschaubaren neotribalen Gemeinschaften mit ihren ganz eigenen Hierarchien, Riten, Werten, Dialekten und Ernährungsgewohnheiten.

Sabria nennt es in ihrem Blogbeitrag über die Spanische Revolution „Thixotropie“: „Sie lassen sich durch Bewegung in Bewegung bringen, sie verändern ihren Aggregatzustand, ihre Form und ihre Kontur.“ Man könnte aber auch Meme dazu sagen. Meme sind hochgradig thixotrop, sie bewegen sich durch Gemeinschaften, verändern dabei immer wieder ihre Form und Kontur und schaffen dabei genau das, worin Gesellschaft immer schlechter ist: sie binden Menschen zusammen. Allerdings nicht ohne die beunruhigende Nebenwirkung: Sie verändern den Aggregatzustand von Gesellschaft. Anders ausgedrückt: Meme zersetzen Gesellschaft.

Insofern bin ich auch skeptisch, inwiefern die stark von memetischen Kommunikationsmustern geprägte Spanische Revolution wieder in einen stabilen und kalten – kurz: gesellschaftlichen – Aggregatzustand zurückfinden kann. Übergang ist mir ein viel zu optimistisches Wort. Meme brauchen keine angemessenen Strukturen. Ihnen reicht es, wenn sie sich verbreiten. Notfalls werden die gesellschaftlichen Schwundstrukturen à la Favela Chic zusammengebastelt. Genau nach demselben Muster, nach dem in diesem Blog immer mal wieder Blutwunder und Ketchup aneinandergeheftet werden.

5 thoughts on “Memetic Chic – Revolution und Struktur nach dem Ende der Moderne”

  1. Mir leuchtet nicht ganz ein, weshalb Meme die Gesellschaft zersetzen sollten. Lege ich eine systemtheoretische Sichtweise auf die Gesellschaft, dann sind es gerade die Anschlusskommunikationen, die das soziale System Gesellschaft am Leben erhalten. Anschlusskommunikation ist die Grundeigenschaft von Memen. Meme können nichts anderes als anzuschließen und sich strukturell zu koppeln.

    Im eigenen Erleben nehme ich wahr, dass sich Meme (vor allem auf Twitter) gemeinschaftsbildend zeigen und Zusammenhalt stärken. Man könnte sie auch als “sozialer Kitt” (ebenso wie die “likes” auf Facebook) in den “Tribes” (Dank Dir für Deine ethnolog. Ausführungen!) bezeichnen.

    Auf der einen Seite stabilisieren Meme die Gemeinschaft, schaffen Inklusion und Eintritt in bestimmte Kreise sozialer Netzwerke. Sie können aber exklusiv wirken, zB durch Abgrenzung von Gruppen, die mit bestimmten Memen nichts anfangen können .

  2. @Ragnar: Ich glaube, wir sind hier gar nicht so weit auseinander. Meme sind hochgradig gesellschaftsbildend, tun dieses jedoch mit Hilfe von esoterischen Botschaften, die außerhalb der jeweiligen Gemeinschaften fast nicht anschlussfähig sind. Der Versuch, ein Mem von einer Gemeinschaft zur anderen zu transportieren, wirkt manchmal so, als würde man versuchen (Luhmannianisch gesprochen), Liebe und Wahrheit auf sein Bankkonto einzuzahlen.

    Ich denke, das Problem hier ist Luhmanns Gesellschaftsbegriff. Das zersetzend bezieht sich nicht auf Gesellschaft als Kommunikationssystem, sondern eher vulgärsoziologisch auf Gesellschaft als Institution oder politisches System. Die memetische Theorie unterscheidet dort, wo die Systemtheorie ein Kontinuum sieht, zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft. Meme stiften Gemeinschaft und zersetzen Gesellschaft, während Massenmedien Gesellschaft stiften und Gemeinschaften zersetzen.

  3. Jetzt verstehe ich Deinen Zersetzungsansatz, Benedikt. Du hast Gesellschaft nicht als Kommunikationssystem theoretisiert. Ich beobachte selbst bei mir mit großem Interesse, wie ich Meme nicht zwischen den Gemeinscbaften wandern lasse(n kann). Ein Gurkenwitz läuft noch auf Facebook, ein Gurkenfilm-Mem nur auf Twitter.

    Ich muss Dir in einem Punkt widersprechen: Massenmedien können (noch!) durch Meme und andere kommunikative Identifikationsfiguren Gemeinschaft stiften, bald werden es die Medien der Massen nur noch schaffen. Sozial-mediale Gemeinschaftsbildung wird exklusiver.

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