Semaphore

Georg Scholz (1890-1945):
Kakteen und Semaphore, 1923.

LWL-Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster / Rudolf Wakonigg. Abbildung mit freundlicher Genehmigung.

Eh mon Dieu, oui, un télégraphe. J’ai vu parfois au bout d’un chemin, sur un tertre, par un beau soleil, se lever ces bras noirs et pliants pareils aux pattes d’un immense coléoptère, et jamais ce ne fut sans émotion, je vous jure, car je pensais que ces signes bizarres fendant l’air avec précision, et portant à trois cents lieues la volonté inconnue d’un homme assis devant une table, à un autre homme assis à l’extrémité de la ligne devant une autre table, se dessinaient sur le gris du nuage ou sur l’azur du ciel, par la seule force du vouloir de ce chef tout-puissant.
Dumas, Der Graf von Monte Christo

Der Chappe-Telegraf überträgt Nachrichten durch ein Alphabet, das mittels eines beweglich in der Mitte aufgehängten Balken mit je einem klappbaren Ausleger an jeder Seite durch die unterschiedlichen Stellungen dieser drei Bauteile kodiert ist. Balken senkrecht, beide Auleger rechts (vom Sender aus gesehen), bedeutet z. B. die Zahl “40”. Unter Napoleon wurden Telegrafenlinien in Form von Türmen mit solchen Semaphoren auf dem Dach quer durch Frankreich und die besetzten Gebiete angelegt, um schnellstens Nachrichten von einem Truppenteil zum anderen zu transportieren.

Im Frankreich, in das Edmond Dantes nach vierzehn Jahren Haft als Graf von Monte-Christo zurrück kehrt, spielen die Semaphore längst eine ganz andere Rolle: es sind die – wie man heute so schön sagt – Nervenstränge der Volkswirtschaft und es sind nicht mehr die Truppenbewegungen, für die sich die Empfänger interessieren, sondern Bewegungen an den Börsen.

Wie ein Astronom blickt der Mann, der den Telegraphen besetzt, tag ein tag aus in den Himmel – aber nicht um Sterne zu beobachten. In seinem Fernrohr sieht er “Ein Insekt mit einem weißen Bauch und schwarzen Krallen.”, so beschreibt der Graf von Monte-Christo seine Faszination über die Semaphore und erkennt: es ist zum ersten mal, dass indirekt und doch fast unmittelbar die Gedanken des einen Menschen in wenigen Augenblicken über eine Strecke von mehreren Tagesreisen zu einem anderen transportiert werden. Aber Edmont ist kein Kaspar Hauser, der nur über die technischen Neuheuten staunt; er erkennt sofort, wie er die Telegraphie für seine Zwecke – die Rache – dienstbar machen kann. In unseren Worten: er nutzt eine Sicherheitslücke im Protokoll und startet einen Man-in-the-Middle-Angriff. Er besticht den Telegraphen-Operator und lässt durch eine Falschmeldung eines Umsturtzes in Spanien in Paris die Börse baissieren um seinen Widersacher von einst, den Bankier Danglar zu ruinieren.

Tatsächlich beginnt mit den Semaphoren von Claude Chappe das Zeitalter der Telekommunikation. Zum ersten Mal ist es möglich, nicht nur einfache Ja/Nein-Meldungen zu vorher vereinbarten Fragen zu senden, wie dies durch Rauchzeichen oder das Schwenken von Fackeln seit dem Altertum gehandhabt worden war.

Telekommunikation vermittelt etwas konkretes über eine Distanz hinweg; das Original der Botschaft – der denkende, fühlende, sprechende Mensch, der sie sendet – bleibt im Moment des Empfangens unerreichbar, wie die Sterne, die der Astronom am Himmel beobachtet, um im Bild aus dem Graf von Monte-Christo zu bleiben. Wie die Fotografie, die etwa zeitgleich aufkommt, verändert die Telegrafie die Aura, jenes Gefühl von Unmittelbarkeit oder Unnahbarkeit, durch das wir von den Objekten unserer Wahrnehmung manchmal uns wie von einem Hauch berührt finden, das früher eng verbunden war, mit dem Numinosen, dem Charismatischen und schließlich noch dem originalen Kunstwerk.

Es ist genau dieses Gefühl, das Georg Scholz in seinem Gemälde einfängt: Im Vordergrund liegen Glühbirnen, die Leitfossilien der futuristischen Bewegung, die nicht zuletzt die Semaphore in ihrem letzten Rückzugsgebiet verdrängen, den Formsignalen der Eisenbahn, wie sie heute nur noch gelegentlich in den Gärten der Bahnfreunde zu sehen sind. Die Semaphore stehen rätselhaft hinter einer dichten, grünen Hecke vor einem abendroten Himmel, der zum Zenith hin bereits in nächtliches Dunkel fällt. In Ruhestellung. Rätselhaft auch das helle, weiße Licht, dass von einem, für den betrachter unsichtbaren Sprossenfenster von hinten in den Raum strahlt, sich in den Glühbirnen spiegelt und die Kakteen scharf beleuchtet. Ein Vorhang, wie ein Schleier, weht links vor dem Fenster; fällt er ganz darüber, droht er, den Blick auf die Signale gänzlich zu verschleiern.

Mit den Semaphoren war die Verschlüsselung von Zeichen in maschinell übertragbaren Code geboren. Eine Vielzahl von Erfindern entwickelten daraus und mit der kurz zuvor entdeckten Elektrizität in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unterschiedliche Technologien zur Signalübertragung über weite Strecken – perfektioniert durch den Morse-Telegraf und schließlich durch die kabellose Telegrafie, Anfang des 20. Jahrhunderts durch Marconi und Braun eingeführt wurde. Damit waren die Semaphore, die optischen Telegrafen, überflüssig geworden.

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