Slow und Open Source statt Plattform Kapitalismus

[Original English Blog Post]

Uber ist das neue Google (und das war davor das neue Microsoft, das war davor vielleicht das neue United Fruits oder das neue Standard Oil). “Software eats the world.” bekommen wir zu hören, während wir lernen müssen, wie wenig Kontrolle uns dabei bleibt. Wie Shopping-Malls schließen die Walled Gardens im Internet nach dem Prinzip von Facebook und Google Öffentlichkeit und das Politische aus.

Mit dem ‘Internet of Things’ laufen wir jetzt Gefahr, auch die ganz und gar nicht-virtuelle Realität durch das Geschäftsmodell, mit dem Nutzung von Technologie und Dienstleistungen in abgeschlossene Silos und geistiges Eigentum gezwungen werden, zu verseuchen. Wie Uber sich aggressiv über soziale Normen hinwegsetzt, ist zum Synonym geworden, für ein Phänomen, dass man als Plattform-Kapitalismus bezeichnet.

Zeitgenössische Sciencefiction erzählt uns oft von dieser Welt der “Winner takes it all”-Märkte. Vom DAEMON, der im hier und heute spielt, bis zu ‘Windup Girl’ in einer entfernteren Zukunft, in der alles pflanzliche Leben ausgerottet wurde, ausgenommen patentiertes Saatgut von amerikanischen Agrarkonzernen. Was aber die meisten dieser Schriftsteller nicht richtig abbilden, ist die Kontingenz der Rahmenbedingungen, die zu den beschriebenen Oligarchien führen. So wie die Kartelle in der Zeit vor 1945 ernähren sich Google, Uber oder Monsanto von Ineffizienten unseres nur langsam wandelbaren Rechtssystems. Nicht, dass nicht durch Wähler geändert werden könnte. Die andauernden Proteste gegen das US-Europäische Freihandelsabkommen TTIP zeigen, dass es tatsächlich eine Alternative gibt, den Status Quo klaglos zu akzeptieren.

Slow

José Bové, der französische Agrar-Revolutionär, wurde berühmt durch seine “Dekonstruktion” einer McDonalds Filiale, für die er zwar in Gefängnis ging, nicht ohne aber vom französischen Präsidenten mit dem Orden der Ehrenlegion ausgezeichnet zu werden, und zwar für seinen epischen Kampf gegen das Malbouffe, das Schlecht-Essen. “Le monde n’est pas une marchandise.” Und so sehr ich dieses Zitat liebe, greift es viel zu kurz. Es ist das gleiche Argument, mit dem Naomi Klein zur selben Zeit gegen die Marketing-getriebene Unternehmenskultur von Nike, Apple und deren gleichen anging – “No Logo”.

Slow Food, die italienische Antwort auf Malbouffe löst schließlich diese Dialektik von Wirtschaft versus Kultur, welche die Öko-Bewegung so abstoßend für den bürgerlichen Mainstream machte.
Slow Food ist eine Marke. Die Produkte unter diesem Label sind ebenfalls klar erkennbare Marken. Regionale Herkunft mit Zertifikat und Rohstoffe, deren Qualität auch durch Wirtschaftsprüfer gewährleistet wird, sind das Rückgrat von Slow Food. Der Produktionsprozess dagegen ist völlig transparent. Keine Geschäftsgeheimnisse – jeder kann lernen, selbst Slow Food zu machen; man muss sich ein Kochbuch dazu lesen.

Netzkultur?

Ich habe den Aufstieg und Fall der Piratenpartei gesehen. Ich hatte große Hoffnung auf die Piraten gesetzt, und auch persönliches Engagement, um die Politik durch unsere Netz-Erfahrung (um nicht zu sagen unsere Netz-Gewitztheit) zu erneuern. Wir sind gescheitert. In anderen Teilen der Welt war dieses Scheitern dramatischer. Der Arab Spring hatte die Macht, die autokratischen Regime zu stürzen, ohne eine Chance, die auch zu ersetzen. M5S, das Movimento Cinque Stelle in Italien versucht nicht einmal seinen rechtslastige, libertäre Ideologie zu verbrämen. Die deutsche Piratenpartei ist auf dem besten Weg, M5S auf diesem Pfad zu folgen (ohne allerdings viel Hoffnung auf Wahlerfolg). Ein Defizit sind fehlende Wurzeln des neu gedachten Systems in einer Kultur.

Make in Italy

Vor fünf Jahren haben wir das Slow Media Manifest geschrieben. Wir waren überzeugt, dass es eine Alternative zu Malbouffe auch für unsere Branche geben würde. Wie könnte eine slowe aber dennoch durch das Netz getriebene Kultur aussehen?

Kano ist ein Computer für Kinder, der auf dem Raspberry Pi läuft. Kano wurde auf Kickstarter crowdgefundet. Obwohl darauf ein vollwertiges Debian Linux System läuft, ist die Benutzeroberfläche so für Kinder optimiert, dass es ihnen so leicht fällt, auf dem Kano programmieren zu lernen wie sie aus Lego Dinge bauen.

Open Source wird üblicherweise von den Apologeten der Kulturindustrie wie Jaron Lanier kritisiert, sie sei der Hebel, die Kreativklasse endgültig ihrer zu entrechten. José Bové sah das genau entgegengesetzt. Für ihn sind Patente und Urheberrecht eine der Hauptursachen für die Schwierigkeiten der Bauern in Europa, zusammen mit den staatlichen Subventionen, die (genau wie Patente) stets eher große Firmen unterstützen, ohne kleinen Produzenten zu helfen. Jeder Mensch kann versuchen Wein anzubauen oder versuchen Käse zu machen. Guter Wein und guter Käse werden nicht mit einem Preispremium verkauft, weil sie patentiert sind. Wir zahlen, nicht um etwas zu bekommen, das schwierig zu erfinden ist, sondern das schwierig herzustellen ist.

Raspberry Pi ist ein Open Source Computer aus England und Wales (je nachdem, wen man fragt, bekommt man die eine oder andere Antwort …). Der Pi ist ein überaus vielseitiges Werkzeug für alle möglichen Aufgaben, die Rechenleistung erfordern, so wie ein Media-Center für zu hause oder eben ein Kindercomputer. Mehr als zwei Millionen Pis wurden bereits verkauft. Der Arduino kommt aus dem Piemont. Er ist ein Platine mit Schaltkreisen. Wenn man wissen will, die was Internet of Things aussehen wird, muss man nur nach Arduino-Projekten suchen.

Pi und Arduino legen das Fundament für eine neue Form von Desing und Fertigungstechnik: Die Maker-Bewegung. Die Maker-Bewegung passt hervorragend zur kleinräumigen Kultur Italiens, die seit Jahrhunderten mehr durch Handwerk als durch Großindustrie geprägt war.

Open source luxury

Meine Prada-Tasche. Jeder Lederwarenhersteller kann selbstverständlich eine Tasche wie diese machen. Es ist nicht das Copyright-geschützte Design, dass dieses Originalprodukt wertvoll macht.

Bruce Sterling skizziert, wie “Make in Italy” die natürliche Fortsetzung von “Made in Italy” wird. Er argumentiert, dass die Leute stets für den Wert handwerklicher Fertigung bezahlen werden. Was Slow Food für Landwirtschaft und Gastronomie geleistet hat, kann die Maker-Bewegung für Design und Luxusgüter erreichen, die schließlich das wichtigste Kapital der italienischen Wirtschaft darstellen. ‘Open Source Luxury’ ist kein Widerspruch. Italienisches Essen ist nicht wertvoll, weil es nicht legal kopiert werden kann. Mode ist nicht außergewöhnlich, weil sie durch Copyright geschützt ist; tatsächlich kann man alle erdenklichen italienischen Modemarken als nachgemachte Fälschungen kaufen, ohne dass dies den Wert der Originale mindern würde. Die mögliche Zukunft von handwerklich hergestellten Open Source Haushaltsgütern, Möbeln und Accessoires, die Bruce Sterling uns beschreibt, ist wirklich wunderschön. Ich kann nur wärmsten empfehlen, sein Plädoyer in dem Video über die ‘Casa Jasmina’ anzusehen!

Bruce Sterlings Version einer wohlbringenden Open Source Wirtschaft sollte ebenso perfekt in die deutsche Fertigungskultur passen. Ich bin mir sicher, dass mein Freund Ibo Evsan richtig lag, mit seinem Plan, Maker-Spaces in das Herz des deutschen Manufacturing hineinzuheben, geprägt durch Mittelstand und unternehmergeführte Familienbetriebe.

Wir haben damals mit Slow Media angefangen, weil wir die Veränderung in den Rahmenbedingungen bereits erkennen konnten – Slow Fashion, Slow Furniture, ja eine ganze Slow Industrie haben wir uns erhofft. Fünf Jahre später bin ich mir sicher, dass wir recht hatten, der Idee der Slowness zu folgen.


Links:

Bruce Sterling: Casa Jasmina.
“So literature collapses before our eyes” – Non-Commodity Production

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