Kents Materia Medica

Aconitum napellusCalcarea leads to little ideas … it compels the mind to littleness, to little ideas, or to dwell on little things, but his mind … is forced to dwell upon things that he cannot put aside.

Der amerikanische Homöopath James Tyler Kent bezeichnete seine über 1000 Seiten umfassende Materia Medica als Untersuchung nur einiger der wichtigsten Punkte, denn „a complete digest would be endless“. Das Ergebnis sind sehr dichte Beschreibungen von knapp 200 homöopathischen Arzneien. Damit stellt er sich in die Tradition der großen Homöopathen wie Constantin Hering oder Carroll Dunham, übertrifft diese aber in Tiefe und Schärfe. Allein der Eintrag über Sulphur umfasst 138 Seiten.

Das Buch lässt sich auf ganz unterschiedliche Weise lesen: als empirische Skizzen von Vergiftungserscheinungen (“a record of actual occurrences, of events that really took place”) hervorgerufen durch Giftplanzen. Aber gleichzeitig kann man die Kapitel über das Kraut der Hekate, den Eisenhut (Aconitum napellus), die Tollkirsche (Belladonna) – “dolo in terra et loco” – oder den Giftefeu (Rhus toxicodendron) auch als düstere Ausflüge an die Grenzen der menschlichen Vernunft sehen:

The patient feels the violence of his sickness, for he is under great nervous irritation and excitement … Many times he actually predicts the moment or the hour of his death. If a clock is in the room, he may say that when the hour hand reaches a certain point he will be a corpse.

Dieser Ausschnitt aus der Beschreibung des Eisenhutes zeigt für mich deutlich die faszinierende lovecraftsche Intensität der Sprache dieser Materia Medica. Was für ein kindlich-packendes Bild der Todesangst, der Blick auf die Uhr verbunden mit der Wahnvorstellung, an einem bestimmten Punkt ist es dann vorbei.

Besonders faszinierend sind Stellen, an denen man hinter der sehr präzisen und konkreten Beschreibung einen Rest Unübersetzbares spürt. Diesen Lost-in-Translation-Momenten begegnet man in der Traditionellen Chinesischen Medizin immer wieder, zum Beispiel in Beschreibungen wie den auf- und absteigenden Winden, die sich nicht in unsere (Wissenschafts-)sprache übersetzen lassen. Aber auch in den Aufzeichnungen des Amerikaners Kent gibt es solche Spuren, zum Beispiel in seiner Beschreibung des bittersüßen Nachtschattens, Dulcamara, einem homöopathischen Durchfallmittel:

One needs to be in the mountains at the close of the summer season to know what the condition is. If you go into the mountains at such a time, either in the North or the West, you will notice that the sun’s rays beat down during the day with great force, but along towards sunset if you walk out a draft of cold air comes down that will chill you to the bone. This will make the baby sick; it is too warm to take the child out in the middle of the day, and so he is taken out in his carriage in the evening; he has been overheated in the house during the day, and then catches this draft in the evening.

Schon aus diesem Absatz spricht deutlich der Unterschied zwischen der modernen westlichen Medizin und komplementären Systemen wie der Homöopathie – er steckt in der Sprache und der Rolle von Metaphern. So geht es in der Homöopathie immer wieder um Phänomene, die sich nicht aus ihrem jeweiligen Kontext loslösen und in eine objektive, neutrale Sprache übertragen lassen. Der partikulare Dulcamara-Zustand lässt sich nicht ohne große Verluste in universalistische Kategorien wie Frösteln, Fieber und Durchfall übertragen.

Die Materia Medica von James Tyler Kent wurde zuletzt von B. Jain Publishers in New Delhi aufgelegt und lässt sich am bequemsten direkt aus Indien, zum Beispiel bei Aggarwal Overseas bestellen. Preis ca. 13 EUR inkl. Porto (Luftpost).

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Abbildung aus der Flora von Deutschland Österreich und der Schweiz (1885) aus der Virtuellen Biologischen Bibliothek