Überflüssiges Lesen – Leben im Überfluss

Ein Gastbeitrag von Claas Triebel

Man sagt es würde weniger gelesen als früher. Das ist falsch. Niemals wurde so viel gelesen wie heute. Niemals war die Alphabetisierung so weit fortgeschritten. Niemals war die Welt so vollgestopft mit Buchstaben wie heute.

Man sagt es würden weniger Bücher gelesen als früher. Das glaube ich nicht. Verzeichnete der Buchhandel nicht sogar in den Krisenzeiten der letzten 18 Monate steigende Umsätze? Ertrinken die Buchmessen nicht geradezu in Neuerscheinungen? Ist es nicht seit langem Koketterie zu sagen: “Hach, ich habe so viel zu tun. Ich möchte endlich mal wieder ein gutes Buch lesen”?

Aber wenigstens die Klassiker würden nicht mehr gelesen, mag man rufen. Nun ja, vielleicht fühlt sich mancher Literaturwissenschaftler auf den gestrickten Schlips getreten, wenn der Klassiker, über den er in den 1980er Jahren habilitiert hat, inzwischen nicht mehr verkauft. Aber – ist das schade? An sich nicht. Und selbst die Klage, dass niemand mehr dicke Schwarten, sondern alle nur quasischnipselartige Texte konsumierten und Literatur zu Twitteratur und Klitteratur zu verkommen drohe , lässt unberücksichtigt, dass sich in den vergangenen 10 Jahren eine ganze Generation von Jugendlichen durch tausende von Seiten Harry Potter gefressen haben. Und es ist nicht nur die Blockbuster-Literatur, die zuweilen 800-Seiten Marke knackt: Roberto Bolano, David Foster Wallace, Peter Sloterdijk, Uwe Tellkamp – sind das nicht lauter Schreiber, die nicht der leichten Muse zugerechnet werden, die dicke Schinken verfasst haben und damit auch noch erfolgreich sind?

What now, my Kulturpessimist?

Bleibt nur noch ein Feld, das mir in den vergangenen Jahren an Bedeutung verloren zu haben scheint: der unwahrscheinliche Luxus der mehrmaligen Lektüre des selben Buches. Womöglich auch die mehrmalige Lektüre eines belletristischen Werkes. Nicht, um es beim dritten Lesen endlich zu verstehen, nicht um sich auf ein Wiedererkennen zu freuen, wie es die TV-Serien-Junkies zelebrieren, nein – das mehrmalige Lesen, um bei jedem Lesen das selbe Buch als ein anderes kennenzulernen. Das mehrmalige Lesen von Büchern widerspricht so ganz der bulimischen Anhäufung von Information, wie sie an den öffentlichen Hochschulen seit den Bologna-Reformen als Bildungsideal umgesetzt wird. Das mehrmalige Lesen ist nicht an einen äußeren Zweck gebunden. Das mehrfache Lesen desselben Buches reiht nicht Buchrücken an Buchrücken, sondernzerfleddert dieselben.

Das Lebensbuch hat in den vergangenen Jahren ausgedient. An die Stelle der vertieften Erfahrung des Leseerlebnisses ist der Kanon getreten, ob dieser nun von Marcel Reich-Ranicki oder einer der Tages- oder Wochenzeitungen des Landes definiert wird. Nicht ein Buch soll man auf die einsame Insel mitnehmen, sondern einen E-Reader mit hunderten von Büchern. Nicht nutzlos soll man lesen, sondern kanonisierte Klassiker und zwar in Massen und am besten noch solche mit massenhaft vielen Seiten. Pessimist ist, wer denKanon fordert. Denn der Kanon ist immer eine Klage darüber, was leider nicht gelesen wird und doch unbedingt gelesen werden müsste. DemKanon wohnt eine per se defizitorientierte Haltung inne: “Sieh, was Du alles lesen solltest! Sieh her, wie wenig Leseleistung Du erbracht hast. All diese Werke fehlen Dir.”

Lebenszugewandter Optimist ist, wer die Beschränkung empfiehlt. Wer der Verlangsamung frönt. Wer das Lesen als Luxus begreift. Wer dasLesen als Leben erlebt.

Leseempfehlungen auszusprechen ist eine zweischneidige Sache: man gerät leicht in den Ruch sich in die Reihe der imperativen Kanoniker zu gesellen, die da vorzugeben versuchen, aus welchen Zutaten die Lesediät zusammengesetzt sein muss und welche Seitenzahlenkontingente dabei zu berücksichtigen sind.

Guten Gewissens kann man jedoch folgendes empfehlen: nimm Dir mal wieder ein Buch zur Hand, das Du lange nicht gelesen hast und lies es erneut. Und wenn Du Lust hast, dann lies es anschließend gleich noch einmal von vorne. Und falls Dir danach kein besseres Buch zwischen die Finger kommt: dann ließ es doch einfach noch einmal.

Denn: Das ist Langsamkeit. Das ist Luxus. Das ist das Leben.

Pessimismus scheint mir angesichts dieser Möglichkeiten, die im Bücherregal eines jeden schlummern, keinesfalls angemessen zu sein.

P.S.: Welche Bücher ich schon oft und jede Mal wieder mit Gewinn gelesen habe? “Der Maler” von dem australischen Schriftsteller Patrick White und “Weltlicht” von dem isländischen Schriftsteller Halldór Laxness.

Claas Triebel ist Autor und Psychologe. Am 15. Februar ist sein neues Buch “Mobil, flexibel, immer erreichbar – Wenn Freiheit zum Albtraum wird” im Verlag Artemis & Winkler erschienen.

3 thoughts on “Überflüssiges Lesen – Leben im Überfluss”

  1. Ja, wieder mal ein Text in diesem Blog, dem ich einfach nur zupflichten kann.

    Doch eine Lese-Empfehlung sei ausgesprochen, wenn auch sicher vielen in dem Kreis dieses Blogs bekannt:

    http://www.theamericanscholar.org/reading-in-a-digital-age/

    Für die, die gerade in Eile sind, seien zwei Textstellen erwähnt:

    “The reader who reads without directed concentration, who skims, or even just steps hurriedly across the surface, is missing much of the real point of the work; he is gobbling his foie gras.”

    und

    “What does the novel leave us after it has concluded, resolved its tensions, given us its particular exercise? I always liked Ortega y Gasset’s epigram that “culture is what remains after we’ve forgotten everything we’ve read.” We shouldn’t let the epigrammatical neatness obscure the deeper truth: that there is something over and above the so-called contents of a work that is not only of some value, but that may constitute culture itself.”

  2. Als großer Freund der Verlangsamung und mußevollen Lektüre kann ich da größtenteils zustimmen. Und doch muss bei dieser Auseinandersetzung und auch bei der, ich sag mal Belächlung der Kulturpessimisten berücksichtigt werden, dass bei den Jüngsten unserer “Bildungsgesellschaft” einiges im Argen liegt. Immer mehr Kinder sind zum Zeitpunkt ihrer Einschulung nicht in der Lage, in ganzen Sätzen zu sprechen (was nachgewiesenermaßen nicht nur mit Migrationshintergründen sondern generell mit Vernachlässigung zu tun hat). Und der nächste Schritt, den viele nicht schaffen, ist das Gelesene in den eigenen Lebenskontext einzubinden. Ich möchte den Rahmen eines Kommentars an dieser Stelle nicht sprengen 🙂
    Nur mal so als Anregung, sich darüber vielleicht auch noch Gedanken zu machen…

  3. @Katharina Das stimmt. Zwischen denjenigen, die es gelernt haben, sich das Gelesene in das eigene Leben einzubauen, und denen, die diese Erfahrung fehlt, liegen sprichwörtlich Welten.

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