Das Ende der Geschichte – für Kreativ-Berufe.

Félicien Rops: Pornocrates[Read Post in English]

Eternal must that progress be
Which Nature through futurity
Decrees the human soul;
Capacious still, it still improves
As through the abyss of time it moves,
Or endless ages roll

Its knowledge grows by every change;
Through science vast we see it range
That none may here acquire;
The pause of death must come between
And Nature gives another scene
More brilliant, to admire.

Philip Freneau

Heute Morgen habe ich mir aus der IMSLP ein Lied von Schubert ausgedruckt.

Bevor ich daran gedacht hatte, auch nur einen Ton daraus am Klavier zu spielen, habe ich mir in Youtube nacheinander sieben verschiedene Versionen dieses Liedes angehört – aus allen Jahrzehnten von 1930 bis heute. Warum? Weil ich daraus meine eigene Interpretation des Stückes zusammenkomplieren wollte.

Einmal davon abgesehen, dass ich die Notenblätter einfach in genau dem Moment aus dem Netz gezogen habe, in dem mir in den Sinn kam, das Stück zu spielen, greife ich also jetzt in meiner Interpretation nicht nur auf meine eigenen Lehrer zurück oder auf den Stil meiner Zeitgenossen, den ich übernehmen oder mich davon abgrenzen kann, sondern es stehen mir zahllose Varianten aus 100 Jahren Musikaufzeichnung zur Verfügung!

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Kunst schien stets von Fortschritt geprägt, weil die Künstler immer einen Lehrer hatten, einer Schule angehörten, deren Stil und Theorie für sie das Fundament ihres eigenen Schaffens wurde, Generation nach Generation. Gerade aus der Abgrenzung zum Stil des Lehrers, aus dem Wunsch, etwas besser machen zu wollen, entstand diese Schrittweise Entwicklung der Kunst, die in der Rückschau nicht selten eine Weiterentwicklung gewesen zu sein schien.

Auch wenn die Maler sich in der Regel in den landesfürstlichen Kunstsammlungen auch ein Bild von der Kunst vergangener Epochen machen konnten, blieben diese Werke doch anachronistisch, Relikte aus einer Vergangenheit, zu der nur noch indirekt ein Bezug herzustellen war.

Noch drastischer war die Situation in der Musik – vor Erfindung der Schallplatte war die Interpretation der vergangenen Zeiten verloren, greifbar blieb nur, was live gehört werden konnte.

Mein Musik-Beispiel oben soll illustrieren, wie fundamental sich die Bedingungen der Stilbildung geändert haben, dadurch, dass schier das gesamte bisherige Schaffen der Menschheit wohlgeordnet und durch Suchmaschinen bestens indiziert für jedermann zur Verfügung steht.

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Auf der diesjährigen Transmediale hat Bruce Sterling einen bemerkenswerten Vortrag gehalten: “Atemporality for Creative Artists” – Das Ende der Geschichte – für Kreativ-Berufe, sinngemäß übersetzt.

Stirling nimmt das Wort Atemporality, zeitlich Autonom, als einen Begriff für die Verfügbarkeit allen Wissens und aller Werke unabhängig von ihrer Entstehungszeit. Ein Phänomen, das – wie oben geschildert – unsere Zeit charakterisiert.

Den Punkt, an dem die Menschen geistig vollkommen Unabhängig von Zeit und Raum werden, hat der französische Anthropologe und Philosoph Pierre Teilhard de Chardin SJ den Omega Punkt genannt. Angelehnt an die biblische Eschatologie “Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende.” (Apo 22,13) markiert dieser Punkt der menschlichen Evolution das Ende der Geschichte und den Eintritt der Menschheit in eine Zeit in der die Vorstellung von Fortschritt überflüssig geworden ist.

Die Idee, dass der Fortschritt irgendwann zu Ende geht, ist vermutlich so alt, wie der Begriff Fortschritt selbst. Das Konzept Fort=Schritt, dass also der Weltgeist sich langsam und schrittweise zur Vollendung bewegt (wie in Frenaus Gedicht oben), ist Grundüberzeugung vieler Religionen und Ideologien. Auflösung im Nirvana wie im Buddhismus, Eintritt in die klassenlose Gesellschaft wie im dialektischen Materialismus oder Endsieg des Marktes wie bei Fukuyama – am Ende steht ein Zustand der Bewegungslosigkeit, das Ende der Räusche und Geräusche.

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Ohne gleich zu sinnieren, wie eine Rückkehr des Messias oder das Ende des Klassenkampfes uns bevorstehen könnte – stellt Bruce Stirling ganz pragmatisch die Frage, welche Wirkung diese Unabhängigkeit des Künstlers von Zeit und Raum nach sich zieht.

Die Welt wird – anders als Fukuyama oder Marx uns hoffen machen – keineswegs einfacher: “The situation now is one of growing disorder. A failed state, a potentially failed globe, a collapsed WTO, a collapsed Copenhagen, financial collapses, lifeboat economics.” “Aber”, tröstet er uns, “ich glaube nicht, dass wir deshalb in Hexenwahn verfallen müssen. Ich denke es könnte mehr damit verglichen werden, in eine neue Stadt zu ziehen”.

Und damit uns die Panik vor dem Neuen nicht blind macht, empfiehlt uns Bruce Stirling, uns einen distanzierten Standpunkt zu suchen. Wenn wir nach der Avantgarde von heute suchen, sollten wir dies aus der Perspektive von zwanzig Jahren später tun, “entblättert von allem Chrom und allen Mirakeln: lassen Sie sich nicht länger vom Eindruck technischer Neuartigkeit blenden. Gehen Sie nicht mit. Nehmen Sie an, dass alles schon vergangen wäre und entwickeln Sie [ihre Perspektive] von diesem Standpunkt aus.” – If it works, it’s obsolete.

Der köstliche-Leichnam-trinkt-den-neuen-Wein

Wie macht man Kunst in einer post-historischen Zeit, wenn also ein Fortschritt so gut wie unmöglich scheint? Kunst nach dem Ende der Kunst? Bruce Stirling öffnet in Ansätzen zwei Wege, in welchen – nicht alternativ sondern komplementär – sich Kunst heute entwickeln kann: Favela Chic und Gothic High-Tech. Die dekadente Ruine einer Burg, dem Zerfall geweiht, steht hocherhoben über dem Wirrwar eines Slums, kein angenehmer Ort, aber immerhin noch lebendig.

Gothic High-Tech lebt vom Glanz der Vergangenheit, von der Sehnsucht nach einer alternativen Gegenwart.

Punk ist die naheliegende Reaktion auf unsere Epoche ohne Zukunftsperspektive: “You have taken my future now I Kill somebody, kill myself, throw bricks to policemen” – eine primitive Anti-Haltung wäre heute allerdings genauso sinnlos, wie die anderen ideologischen Posen des 20. Jahrhunderts. Aber Punk bedeutet auch, sich etwa seine Kleider und Accessoires selber zu fertigen – die Bricolage – die Bastelei, wie man das wohl am besten übersetzt, die Verweigerung von Massenkultur und Pop durch eigene Kreativität.

Das Frankenstein Mashup ist die logische Folge, der Eklektizismus aus zusammengeklebten Fundstücken wie in der DJ-Musik und der postmodernen Architektur. Und aus den verlorenen Utopien der Vergangenheit werden schließlich sehnsüchtige Lost Futures collagiert: where is my space age? Steampunk, Atompunk, Dieselpunk.

Favela Chic liefert keine große Inszenierung mehr, keine geniale Schöpfung eines Jahrhundert-Künstlers, sondern lebt vom Gewimmel, welches sich im Netz gelegentlich locker organisiert findet.

Daraus entwickeln sich zwei ganz neue Ansätze. Generative Art wird durch Software geschaffen, ist streng genommen nur noch indirekt Kunst, weil die sichtbare oder hörbare Erscheinung technisches Produkt eines Algorithmus ist. Collaborative Art macht sich die Möglichkeit zum gemeinsamen Schaffen im Netz zu Nutze, nur locker organisiert als Wiki-Art, als Art-Mob.

Diese Ansätze zur Kunst nach dem Ende des Fortschritts sind genauso auf andere Bereiche der Kultur zu übertragen: auf Publizistik, Filmproduktion, Küche, aber sogar die Gesetzgebung, die kollaborativ ausgehandelt werden könnte.

Thus decomposed, or recombined,
To slow perfection moves the mind
And may at last attain
A nearer rank with that first cause
Which distant, though it ever draws,
Unequalled must remain.

Weiterlesen: Die rote Liste der bedrohten Medien

13 thoughts on “Das Ende der Geschichte – für Kreativ-Berufe.”

  1. Sehr schön. Sehr treffend. Ich habe mal einen Aufsatz von Igor Stravinsky aus den zwanziger Jahren gelesen. Es war von phänomenaler Klarheit, wie präzise er die Auswirkungen der Verfügbarkeit aller von diesem Zeitpunkt entstehenden Interpretationen prognostiziert hat: Der naturgemäße Untergang der so genannten klassischen Musik als Leitkultur, die Rückkehr zum Live-Erlebnis, weil unveräußerlich und die Rückwirkung auf die Entstehung neuer Werke bzw. auf die Rolle des Künstlers dabei. Umdefinition auf vielen Ebenen, deshalb aber ja keinesfalls ein Untergang.

  2. Spannende Gedanken. Eine Ergänzung: Die Vorstellung, dass Kultur Fortschritt bedeutet, ist gar nicht so alt. Die Blüte der Kultur lag vielmehr in der Vergangenheit, in der Antike, die das Ideal vermeintlich bereits erreicht hatte. Diese nachzuahmen galt lange Zeit als der einzige Weg für einen Künstler, in der Gegenwart Erhabenes zu schaffen. Erste Risse bekommt dieses Weltbild erst im 17. Jh durch die amüsante “Querelle des Anciens et des Modernes” (http://de.wikipedia.org/wiki/Querelle_des_Anciens_et_des_Modernes), zu deren Beginn ein Akademiemitglied nach der unerhörten Behauptung, die Gegenwart könne der Vergangenheit ebenbürtig sein, unter Protest den Saal verließ.

  3. Der mos maiores war in der Antike den Sitten der Gegenwart weit überlegen.

    Auch das Bild vom “goldenen Zeitalter” hat sich bis heute gehalten. Der Prophet Daniel schildert den Abstieg mit einem Eindrucksvollen Bild (2,32-45): “Des Bildes Haupt war von feinem Golde, seine Brust und Arme waren von Silber, sein Bauch und seine Lenden waren von Erz, seine Schenkel waren Eisen, seine Füße waren eines Teils Eisen und eines Teils Ton.

    Mit der Säkularisierung wurde auch der Glaube an die Erlösung durch einen Messias verweltlicht – an die Stelle einer mystischen Heilsgeschichte tritt jetzt eben der technisch-wirtschaftlich-wissenschaftliche Fortschritt der Menschheit.

    Interessant finde ich, wie Teilhard oder Frank Tipler versuchen, diese sekularisierte Eschatologie wieder mystisch umzudeuten.

  4. Hier ein ganz wunderbares Zitat Strawinskys zu einem anderen Thema als dem von mir oben angesprochenen, dennoch zum Thema passend: “Der Ausdruck ist nie eine immanente Eigenschaft der Musik gewesen, und auf keine Weise ist ihre Daseinsberechtigung vom “Ausdruck” abhängig. Wenn […] die Musik etwas auszudrücken schein, so ist das Illusion und nicht Wirklichkeit. […]
    Das Phänomen der Musik ist uns zu dem einzigen Zweck gegeben, eine Ordnung zwischen den Dingen herzustellen und hierbei vor allem eine Ordnung zu setzen zwischen dem Menschen und der Zeit.”

    Warum passt das nun zum Thema? Weil hier eine Standpunkt deutlich wird, der bar jeder Beliebigkeit für einen erweiterten Kunstbegriff plädiert. Was Strawinsky sagt ist ja beileibe nicht auf die Musik beschränkt, sondern lässt sich auf die klassischen Kunstformen ebenso übertragen wie auf ganz andere Elaborate kreativer Geister. Und schnell wird klar, dass der Künstler in den herkömmlichen Kunstformen ein Auslaufmodell ist. Kunst gestaltet willentlich Raum, Zeit und Denkmuster. Das geschieht nicht mehr im Museum, nicht im Konzertsaal und auch zwischen Buchdeckeln ist die Tendenz abnehmend. Das bedeutet jedoch nicht, dass eine solche willentliche Gestaltung nicht stattfände. Sie vollzieht sich eben nur mit anderen Mitteln. Und auch nicht zum Zwecke des Ausdrucks von Befindlichkeiten. Die Geschichte zeigt wohl, dass Befindlichkeitskunst die am wenigsten beständige ist.
    @jbenno Und ganz richtig – das Individuum tritt dabei als Gestalter zunehmend in den Hintergrund. Ich denke Strawinsky würde jubeln!

  5. Es gibt auch viele gelehrte Buecher ueber die menschliche Liebe zum Apokalyptischen Denken, dass sich in immer aehnlichen Mustern wiederholt. Frank Kermode ein guter Anfang fuer research hier. Es gibt so eine Aufregung, bei dem Sinn, der letzte zu sein, und eine Befreiung von Verantwortung fuer einen selbst, dem gerade Kreative oft nicht widerstehen koennen und konnten. cf Derrida’s Aufsatz. Vieles davon sehe ich hier wieder – ist es wirklich moeglich, ALLES menschliche Wissen herunterzuladen? Was habt ihr denn fuer ein Internet? Auf meinem sind jedenfalls die tausenden von Glanzperformances, die niemals aufgezeichnet wurden, nicht drin. Und doch hatten die auch einen Einfluss, vielleicht hat jemand fantastisch drueber geschrieben, und die naechste Virtuosin liebt das Buch und spielt so, und findet man das auch mit so ein paar Fingertips? Mal grobgeschnitzt. Was ist slow an dieser Art des Forschens, wo man annimmt, dass so schnell alles gewusst werden kann? Waere es nicht slow, anzunehmen, hier gibts viel mehr zu erforschen, auf indirektem Wege, als nach ein paar Klicks zu entscheiden, alles Wissen der Menschheit ist jetzt hier?

    Fuer mich zumindest gibt es viel viel mehr, was wir noch nicht wissen- oder zumindest was ICH nicht weiss. Sicherheitshalber. Leider gibt es Wissensgebiete und Fakultaeten, die einen sehr beschraenkten Horizont haben, und deren Kleinheit durch das Internet vielleicht jetzt freigelegt wird, wo man wirklich ALLES wissen kann – glaube ich gerne. Ob das operieren in kleinem Horizont allerdings der beste Grund ist auf dem zu stehen, und sagen, wir wissen alles, oweh – da ist die Gefahr auf alte apoklyptische Denkmuster reinzufallen erhoeht. Reinfallen, weil man ein altes Maerchen als etwas ganz Neues sich verkaufen laesst; und weil auch eine Allmachtsfantasie da vorliegt, die man dann im Ablehnen verleugnet. Es ist nicht ehrlich, sich daran zu erfreuen, dass man ALLES weiss, und dann nicht mal zu dieser Freude zu stehen, sondern es als Leiden des postModernen darzustellen. Unehrlich macht Kunstmachen schwer! Aber sagen die Katastrophenleute ja auch immer, dass Kunstmachen wie Geschichtemachen nicht mehr geht, Verstummen als Zeitgemaesse Geste etc- warum sich sowas antun, wenn man kreativ sein will?? Warum alten Maennern glauben, die sagen, es gibt keine Zukunft?

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