Ein Fall für “slow”: die Disziplin des Übersetzens

Übersetzungen sind ein anschauliches Beispiel für “slowness”. Eine gute Übersetzung braucht all das, was der Slow-Ansatz fordert: Aufmerksamkeit, Konzentration auf des Wesentliche und die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit einem anderen Medium, einem anderen Menschen, dessen Sprache und Schreiben.

“Uebersetzen – das bedeutet einen langen Umgang mit dem zu Uebersetzenden, mit dessen Sprache überhaupt und mit dessen Sprache im besonderen […]”, schreibt Paul Celan (nicht nur Dichter, sondern auch hingebungsvoller Übersetzer zahlreicher Werke aus sieben Sprachen) 1960 in einem Brief an Adolph Hofmann (s.u. Fremde Nähe, S. 517). Er ist der Prototyp eines “slowen” Übersetzers, der “dem deutschen Leser eine dem Original möglichst adäquate Übersetzung” vorlegen möchte (ebd., S. 509). Um etwas Adäquates wiederzuerschaffen, muss der Übersetzende zunächst das Wesen des zu Übersetzenden erfassen, sich selbst zurücknehmen und zugleich einbringen, dann Sinn und Nebensinn, Rhythmik und Klang abwägen und in entsprechender Gewichtung in der neuen Sprache wieder Gestalt annehmen lassen.

“Slow” bedeutet hier das Ringen um den richtigen Ausdruck, der eben nicht immer auf der Hand liegt. Hier ein konkretes Beispiel:

Für den S. Fischer Verlag übersetzte Celan mit seinem Koübersetzer Kurt Leonhard Werke des Franzosen Henri Michaux. Die letzte Zeile des Textes “Hospitalité” (“Gastfreundlichkeit”) lautet im Französischen: “et cet homme avait un air mauvais…”. Avoir l’air gehört zu den französischen Wendungen, die im Deutschen kein Äquivalent haben. Es wird damit ein unkonkreter Eindruck beschrieben: “den Eindruck machen”, “den Anschein haben”, “so wirken als”. Eine weitere Schwierigkeit stellt für das Übersetzen der unbestimmte Artikel “un” dar, denn so kann “air” auch als “Miene”, “Ansehen” gelesen werden. Das Typoskript der Übersetzung, das im Marbacher Literaturarchiv verwahrt wird, zeigt diese Schwierigkeit bereits in Leonhards Übersetzungsentwurf und in der Überarbeitung mit Celan. Er versucht es mit verschiedenen Varianten, die er nach und nach mit der Schreibmaschine durch-x-t und mit Stift durchstreicht (das Typoskript ist ein Durchschlag mit handschriftlichen Korrekturen Leonhards und Celans, der auf herrlich analoge Weise den Prozess der Textgenese noch nachvollziehen lässt):

…und dieser Mann sah irgendwie böse aus… schien böse zu sein… hatte einen bösen Zug… machte eine böse Miene… sah böse aus. [Die letzte Korrektur von Celans Hand dann:] es lag etwas Böses im Ausdruck dieses Mannes.

Das ist der Weg, den eine Übersetzung manchmal gehen muss. Fehlt diese Haltung, aus Unaufmerksamkeit oder aus Zeitmangel, wirkt sich das direkt auf die Übersetzung aus.

Was ist nun eine Übersetzung, die nicht “slow” ist? Die merken Sie daran, dass Sie sie merken. Sie spüren, dass es eine Übersetzung ist, sie hat keinen eigenen Körper. Während Sie einen Krimi lesen, irritiert Sie etwas, Ihre Aufmerksamkeit ist abgelenkt und Sie überlegen, wie die Stelle wohl im Original hieß. Manchmal wissen Sie es auch sofort und lesen durch die deutschen Worte hindurch die englische Wendung.

Wieviele Arten und Haltungen es gibt, sich einer Übersetzung anzunehmen, und wieviel Stoff Übersetzungen für Auseinandersetzungen geben, zeigt die Geschichte der deutschen Übersetzungen von Mevilles “Moby Dick“: Auslassungen, Entwertungen, Umdichtungen und Beschönigungen streiten da bis heute um ihr Recht, das Original adäquat wiederzugeben.

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Die Bände 4 und 5 der Gesammelten Werke von Paul Celan enthalten seine Übertragungen aus sieben Sprachen – darunter Shakespeares Sonette, die “Junge Parze” von Paul Valéry, Lyrik von Rimbaud, Ossip Mandelstamm und französischen Zeitgenossen. Die frühere 5-bändige Ausgabe der Gesammelten Werke ist auch über das ZVAB (Zentrales Verzeichnis Antiquarischer Bücher) erhältlich.

Quelle: “Fremde Nähe: Celan als Übersetzer.” Eine Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs in Verbindung mit dem Präsidialdepartement der Stadt Zürich im Schiller-Nationalmuseum Marbach am Neckar und im Stadthaus Zürich (= Marbacher Kataloge 50. Hrsg. von Ulrich Ott und Friedrich Pfäfflin), Ausstellung und Katalog Axel Gellhaus und Rolf Bücher, Sabria Filali, Peter Goßens, Ute Harbusch, Thomas Heck, Christine Ivanović, Andreas Lohr, Barbara Wiedemann, Marbach am Neckar 1997.

3 thoughts on “Ein Fall für “slow”: die Disziplin des Übersetzens”

  1. Meistern des Fachs gelingt das Übertragen von (gesprochener) Sprache mit sehr viel Kraft, Aufmerksamkeit und Konzentration auch simultan, d.h. sie hören und übersetzen nahezu gleichzeitig (http://de.wikipedia.org/wiki/Simultandolmetschen).
    Eine solche Meisterleistung vollbrachte offensichtlich der Simultan-Übersetzer Christoph Schlingensiefs gerade auf der DLD-conference (http://tinyurl.com/yhc4xdz). Ich wäre geneigt, eine solche Leistung wegen der erforderlichen extremen Konzentration und Aufmerksamkeit auch “slow” zu nennen.
    Wieviel mentale Kraft das kostet, vor allem wenn es im Originalvortrag an Kohärenz fehlt, sehen wir an folgendem Beispiel: “Ich kann nicht mehr!” rief der Übersetzer von Gaddafis Rede aus, bevor er vor der UN-Vollversammlung erschöpft zusammenbrach (http://www.sueddeutsche.de/politik/649/489040/text/).

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