“How I Killed Pluto” von Mike Brown

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“Good science is a careful and deliberate process. […] The discovery itself contains little of scientific interest. Almost all of the science […] comes from studying the object in detail after discovery.”
Mike Brown

Die Objekte der Astronomie – Planeten, Sterne, Galaxien – mögen zwar mit unvorstellbarer Geschwindigkeit durchs Weltall rasen – von der Erde aus betrachtet sind ihre Bewegungen aber häufig sehr gemächlich. Als man Pluto 1930 entdeckte, wurde er sofort als neunter Planet den bisherigen acht hinzugefügt, auch wenn er nur etwa halb so groß wie unser Erdmond ist. Damit schien das Sonnensystem irgendwie abgeschlossen; hatte man ein Objekt jenseits des Neptun aus dessen Bahn vorhersagen können, was Anlass zur Suche nach dem neunten Planeten gegeben hatte, gab es für weiter entfernte Planeten keine Hinweise.

Der “zehnte Planet”, Eris, durch dessen Entdeckung 2005 Mike Brown zu einem der bekanntesten Astronomen der Welt wurde, ist doppelt so groß wie Pluto, mit einer noch stärker eliptischen Umlaufbahn als dieser. Zufällig befand er sich in den 30er Jahren aber ziemlich weit außen; zweihundert Jahre früher oder später – und er wäre mit Sicherheit vor Pluto oder zumindest gleichzeitig mit diesem entdeckt worden. Dann hätte es aber plötzlich nicht einen Trans-Neptun-Himmelskörper gegeben, sonder gleich zwei. Ob man diese kleinen Brocken, weit draußen, mit ihren gedehnten Umlaufbahnen dann überhaupt als Planeten klassifiziert hätte, oder gleich den Asteroiden zugerechnet hätte?

Diese Frage nach der Rolle von Zeit in der Wissenschaft, Timing, dem richtigen Zeitpunkt einerseits und der Geduld andererseits sind die eigentlichen Themen von “How I Killed Pluto and Why It Had It Coming”. Indem Mike Brown auf sehr amüsante Weise sein Privatleben berichtet, wir mehr als zehn Jahre seiner Biografie miterleben, die Anbahnung seiner Ehe, die Geburt seiner Tochter, deren erste Lebensjahre, wird auf subtile Weise deutlich, wie langsam und mühselig die parallel stattfindende wissenschaftliche Arbeit sich hinzieht. Ähnlich wie bei den Himmelskörpern, die beobachtet werden, bewegt sich ein Projekt wie das, von dem Mike Brown erzählt, mehr in Jahrzehnten als in Jahren. Unendliche Geduld bei nächtlicher Himmelsbeobachtung und bei der Auswertung der Bilder tagsüber. Jahrelange Routine, unterbrochen von den Vollmondnächten.

Der zweite Aspekt von Zeit – Timing, der richtige Zeitpunkt – macht das Buch extrem spannend. Während Brown die Veröffentlichung seiner Entdeckung von drei Trans-Pluto-Objekten vorbereitet, prescht ein spanisches Astronomen-Team mit der Veröffentlichung eines dieser Himmelskörper vor. Brown, der zunächst an Zufall glaubt, schießt kurz darauf seine verbliebenen zwei Objekte hinterher, stielt damit den Spaniern allerdings die Show, da unter diesen eben Eris ist, mit beachtlicher Größe und besonders extremer Entfernung. Doch dann kommt Stück für Stück heraus, dass es bei der spanischen Veröffentlichung Ungereimtheiten gibt, und auch wenn die Sache nicht letztlich geklärt werden kann, sieht es so aus, als wäre Brown Opfer von “Spionage” unter Kollegen geworden.

Was auch immer der Fall gewesen sein mag – die innere und äußere Auseinandersetzung um Wissenschaftsethik, um den richtigen Weg einer Veröffentlichung, um die Bedeutung von Review und die nötige Ruhe, sind in diesem Buch besonders lesenswert. Brown lässt dem Leser dabei genug Raum, sich über die Vorgänge ein eigenes Urteil zu bilden, auch wenn er bezüglich der spanischen Astronomen natürlich einen sehr persönlichen Standpunkt einnimmt.

Und zum Schluss kommt es zu einem wahrhaft epischen Show-Down, als innerhalb der IAU, der Internationalen Astronomischen Vereinigung, ein regelrechter Kampf entbrennt, was denn nun ein Planet sei – nur die acht bis zu Neptun oder am Ende eine unbekannte Anzahl von Objekten bis an den fernsten Rand des Sonnensystems. Hier geht es nicht mehr um Naturwissenschaft, sondern um Sprache und vor allem um die Macht von Begriffen. Wittgenstein hätte seine wahre Freude gehabt.

Mike Brown: “How I Killed Pluto and Why It Had It Coming”
New York (Spiegel & Grau) 2010, ca. 19,80 EUR
ISBN 978-0-385-53108-5

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