Digital literacy oder: wann das Internet uns nicht einsam macht.

Today many young people, stunned by the infinite possibilities offered by computer networks or by other forms of technology, establish methods of communication that do not contribute to their growth in humanity. Rather they risk increasing their sense of loneliness and disorientation. In the face of these phenomena I have spoken on various occasions of an educational emergency, a challenge to which one can and should respond with creative intelligence, committing oneself to promote a humanizing communication which stimulates a critical eye and the capacity to evaluate and discern.
Benedikt XVI. in seiner Ansprache vor dem Päpstlichen Kulturrat am 13.11.2010

Eine der Zahlen, die mich in meiner Zeit in der Fernsehforschung immer erschreckt haben, ist die Verweildauer, das ist die Zeit, die ein Zuschauer im Durchscnhitt täglich fernsieht. Sie lag 2009 bei 309 Minuten täglich und damit neunzig Minuten höher, als vor zwanzig Jahren. Das sind mehr als fünf Stunden passiver Berieselung, jeden Tag.

Für das Internet gibt es keine vergleichbaren Zahlen. Im Oktober verbrachte der Durchschnitts-Nutzer in Deutschland lediglich zweiundzwanzig Stunden im Netz – das klingt wirklich nicht bedrohlich. Die Nutzung verteilit sich – ähnlich wie im Fernsehen – aber keineswegs gleichmäßig. Viele Menschen – und wahrscheinlich die meisten, die diesen Blog lesen – besuchen viele unterschiedliche Seiten und sind in einem oder mehreren Social Networks aktiv. Fast alle Menschgen, mit denen ich täglich zu tun habe, twittern oder sind auf Facebook, oder wenigstens auf Xing.

Dieser Eindruck von Aktivität und Gemeinschaftlichkeit darf uns aber nicht täuschen, dass es unverändert viele Menschen gibt, die das Netz in ganz anderer Weise für sich entdecken. Ich hatte in diesem Jahr zwei Erlebnisse, die mich über das Internet ähnlich nachdenklich stimmen, wie meine TV-Nutzungsforschung einst über das Fernsehen: die internen Zahlen eines Veranstalters von Browser-Games und eine Online-Poker-Plattform. Nutzungsdauer und Nutzungsintensität der Mitglieder auf diesen Seiten stellen alles in den Schatten, was ich bei klassischen Medien je an “Missbrauch” gesehen habe.

Die vielen tausend Menschen, die für diese Entertainment-Angebote die wesentliche wirtschaftliche Basis stellen, haben sich – anders wären die Nutzungszahlen nicht möglich – aus dem gesellschaftlichen Leben zurückgezogen. Die Kommunikation während der Games bleibt, wenn sie überhaupt stattfindet – abgehackt und anonym. Besonders perfide empfinde ich dabei die Mechanismen, mit denen die Anbieter solcher Games die Nutzer am Ball halten. Um ins nächste Level zu kommen oder eine stärkere Bewaffnung für das Raumschiff zu ergattern, muss man häufig nicht einfach nur erfolgreich im Spiel agieren, sondern schlicht warten, Zeit im Spiel verbringen. Und wenn man sich losreisst, wird man mit dem Verlust des mühsam ergatterten Ranges bedroht.

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Digital Literacy – Medienkompetenz – bedeutet, sich selbst eine Kultur der “intelligenten Kommunikation” zu schaffen. Das Internet und ganz besonders Social Media bieten dazu Möglichkeiten, wie es sie nie zuvor gegeben hat. Ich bin glücklich darüber, mit wievielen Menschen ich über Social Networks eng verbunden bleiben kann. Auch die Autoren dieses Blogs haben sich schließlich über Twitter kennengelernt. Ähnlich, wie verantwortungsvolle Eltern ihre Kinder nicht unkontrolliert stundenlang fernsehen lassen, ist es auch im Internet wichtig, diese pädagogische Verantwortung zu übernehmen.

Digital Literacy ist vor allem die Fähigkeit zu selbstbestimmtem sozialen Umgang – “menschliche Kommunikation und kreative Intelligenz.”, wie es im Eingangszitat beschrieben ist.

Mehr zum Thema:
“Medienkompetenz – unser Umgang mit den Apparaten”
“Über das Fasten”

Medienkompetenz: unser Umgang mit den Apparaten. Ohne Google, Tag 4

[Read this post in English]

“Ask any kid what Facebook is for and he’ll tell you it’s there to help him make friends. […] He has no idea the real purpose of the software, and the people coding it, is to monetize his relationships. He isn’t even aware of those people, the program, or their purpose. […]
The kids I celebrated in my early books as “digital natives” capable of seeing through all efforts of big media and marketing have actually proven *less* capable of discerning the integrity of the sources they read and the intentions of the programs they use.”

Douglas Rushkoff

Vilém Flusser hätte Google einen Apparat genannt, der funktional sehr einfach aber strukturell hoch komplex ist. Vor solchen Apparaten hatte uns Flusser stets gewarnt: sie zu beherrschen ist fast unmöglich – zuviel Spezialwissen aus unterschiedlichen Disziplinen ist dazu nötig; sich von ihnen beherrschen zu lassen dagegen ist ganz einfach: sie sind uns nützlich und für jeden leicht zugänglich – auch ohne Expertise.

Was für die Nutzung des Internets generell gilt, sollte uns für Google besonders wichtig sein. Im September haben laut ComScore knapp fünfzig Millionen Deutsche auf Google zugegriffen, das sind etwa 90 % der Online-Bevölkerung; jeder dieser fünfzig Millionen Besucher war dabei im Schnitt vierzig Mal auf den Google-Seiten. Und während die meisten Nutzer auf die Frage nach dem Existenz-Grund für Google wohl ähnlich auf den Nutzen beziehen würden, die sie sich selbst durch die Suchmaschine versprechen, wird doch spätestens bei der Veröffentlichung der Quartalsergebnisse deutlich, dass Google unter allen Medien inzwischen wahrscheinlich der effizienteste Werbeträger ist – zumindest was Performance-Werbung betrifft.

Die Menschen hinter SEO und SEM haben Google genau in diesem Sinne verstehen gelernt. Und damit auch klar ist, worum es sich bei den Search-Experten handelt, gibt es eine schöne, bildhafte Einteilung in zwei Lager:
die Black Hats – die Bösewichte aus dem Western, die systematisch die Schwächen der Such-Algorithmen ausnutzen, die bei so komplexen Systemen unvermeidbar sind, und die White Hats, als die man in der IT-Praxis die Sicherheitsexperten, die “Guten” Hacker bezeichnet, die mit ihrem Wissen helfen sollen, Systeme zu stabilisieren.

Für uns Nutzer ist es aber tatsächlich egal, ob wir von einem düsteren Black Hat auf eine Seite gelotst werden, auf die wir gar nicht wollten, oder ob uns ein White Head, ein Angestellter einer “seriösen Search-Agentur” ein Suchergebnis nach oben optimiert wurde, das wir auch nicht bekommen wollten. Aber im Englischen kommt bei beiden Begriffen eine schöne Doppeldeutigkeit zum tragen: Blackhead und Whitehead – beides bedeutet Mitesser. Das heißt, auch bei den SEO-Profis, die sich vielleicht selbst als die Helden mit den weißen Hüten sehen möchten, kommt unweigerlich die Assoziazion von lästigen Hautunreinheiten.

“When human beings acquired language, we learned not just how to listen but how to speak. When we gained literacy, we learned not just how to read but how to write. And as we move into an increasingly digital reality, we must learn not just how to use programs but how to make them.

Digital tools are not like rakes, steam engines, or even automobiles that we can drive with little understanding of how they work. Digital technology doesn’t merely convey our bodies, but ourselves.

At the very least we must come to recognize the biases – the tendencies- of the technologies we are using.”

schreibt Douglas Rushkoff weiter.

Digital Literacy – Medienkompetenz für Online-Medien – besteht nicht nur darin, zu Wissen wo und wie man relevante Informationen findet, es geht nicht nur darum, die Qualität von Quellen kritisch beurteilen zu können und auch nicht nur darum, mit persönlichen Daten sorgfältig umzugehen. Digital Literacy bedeutet zu allererst zu erkennen, welche Interessen im Netz wirken, auf welche Absichten verfolgen, bestimmte Dienste anzubieten und die technologischen Grundlagen dafür zu begreifen.

Und genaus, wie wir nicht nur hören sondern auch sprechen lernen, nicht nur lesen, sondern auch schreiben, wird das, was uns im Umgang mit Medien wirklich kompetent macht, erst erreicht, wenn wir nicht nur passive Nutzer sind, sondern aktiv eingreifen. Wir sollten alle – wenigstens in Grundzügen – die Fähigkeit besitzen, SEO zu machen. Wir sollten die Funktionsweise der Apparate für unsere Zwecke einsetzen, genau so, wie die Suchmaschinen-Optimierer dies tun, und zwar so gut wir können, unseren Teil vom Profit aus diesen Strukturen holen.

Oder wie Benedikt Köhler bemerkt: “Maschinen sind dazu da, uns zu dienen. Aus der Kultur der Hacker können die Medienmacher lernen: sich nicht den Maschinen unterordnen, sich genausowenig verweigern, sondern die Maschinen ausnutzen, ja regelrecht ausbeuten, versklaven!”

Gerade sitze ich in Schwechat. Es ist ein wunderschöner Herbsttag und auch gestern ist es mir wiedermal nicht besonders schwer gefallen, auf Suchmaschinen zu verzichten. Alles, was ich an Links gebraucht habe, um etwa diese Reise vorzubereiten, habe ich auf Wikipedia gefunden oder von Freunden empfohlen bekommen.

Weiterlesen:
“Das Heer der technischen Sklaven”

und die bisherigen Posts zum Experiment “Ohne Google”:
Die bisherigen Posts zum Experiment “Ohne Google”: