Let it slow: Weihnachtsempfehlungen Teil III

Und nun auch von mir zwei Empfehlungen für Weihnachten. Sie sind beide sowohl zum Schenken geeignet wie auch dazu, sich ausgiebig mit ihnen zwischen den Jahren zu beschäftigen. Das ist ein Faktor, den man beim Schenken – und erst recht beim slowen also nachhaltigen Weihnachts-Beschenken – nicht unterschätzen sollte. Denn zwischen den Jahren haben wir Z e i t. Und vielleicht haben wir auch Kinder, die bekanntermaßen nach Heiligabend zur Erfüllungsdepression neigen und gehegt werden wollen.

Kommen wir zur ersten Empfehlung:

1. Filme von Jacques Tati.

Jacques Tati ist – wie auch sein berühmterer Kollege Charly Chaplin – ein Perfektionist gewesen, der seine Filmszenen akribisch choreographiert und minutiös durchkomponiert hat. Am Ende des Boulevard Saint Michel, dort wo er auf die Seine stößt, gab es früher in Paris ein Kino, in dem nur Tatifilme liefen.

Einer meiner Lieblingsfilme (die es auch auf DVD gibt, sonst könnte man sie ja nicht verschenken) ist „Die Ferien des Monsieur Hulot“ (“Les Vacances de Monsieur Hulot”). Es passiert: eigentlich nichts. Außer Ferien am Meer, um genau zu sein in der Bretagne. Das bedeutet: Es gibt dort Ebbe und Flut. Und das ist es,was auch in dem Film passiert: das Meer kommt und geht. Es kommt wieder und geht wieder und dazwischen passieren Dinge. Man geht an den Strand, zum Mittagessen und wieder zurück. Es wird Tag und Nacht. Die Feriengäste kommen an und am Ende des Filmes gehen sie wieder.

Auch als Zuschauer kommt man immer wieder zu den Filmen zurück. Es macht also Sinn, die Filme auch zu besitzen. Jedesmal wird der aufmerksame Zuschauer neue Neben- und Hintergrundszenen entdecken und sich an ihnen erfreuen. Ich empfehle ausdrücklich, einzelne Szenen zurückzuspulen und nochmals (gegebenenfalls in slow motion) mit der Familie genauer anzusehen und sich an der Präzision der Abläufe zu erfreuen: Die Eingangsszene am Bahnhof oder das Kartenspiel im Hotel de la Plage. Das wird mit jedem Hinschauen schöner.

Auch und immer wieder sehenswert ist „Jour de Fête“: Das Erstlingswerk des Regisseurs und Schauspielers Jacques Tati. Er ist – wie ich soeben beeindruckt bei Wikipedia nachgelesen habe – „französisch-russisch-holländisch-italienischer Herkunft“, eine wilde Mischung. Ein Postbote (gespielt von Tati selbst) versucht, inmitten von Tradition und Moderne, mit der Technik Schritt zu halten. „Rapidité! Rapidité!“ Schon 1953 gab dieser Ruf unerbittlich den Takt an. Ein schöner Film, um über Langsamkeit, Schnelligkeit und über die Zeit nachzudenken. Wer übrigens meint, Kinder hätten nur Sinn für schnelle Schnitte, kann sich mit Tati-Filmen eines Besseren belehren lassen.

2. Die zweite Empfehlung: das Buch „Die dampfenden Hälse der Pferde im Turm von Babel“ von Franz Fühmann.

Ein sperriger Titel, ein großartiges Buch. Und das für jede Phase im Leben, also für Kinder und Erwachsene gleichermaßen geeignet. Das Sprachspielbuch mit Illustrationen von Egbert Herfurth erschien zuerst 1978 im Kinderbuchverlag in Ostberlin und ist inzwischen in einem schönen gebundenen Nachdruck im Hinstorff-Verlag neu aufgelegt worden.

Es beginnt alles mit Langeweile, diesem Zustand, den zu verhindern man heute den Kindern allerlei an die Hand gibt. Dabei kann Langeweile durchaus fruchtbar sein. Wer weiß schon, was einem einfallen würde, wenn man sich ihr eine Weile lang aussetzen würde? Wie in diesem Buch: Große Ferien, endloser Regen und fünf Kinder, die aus Langeweile mit Sprachspielen beginnen. Heraus kommt ein Buch über die deutsche Sprache, antike Philosophen und türkische Umlaute.

Erstes ist dieses Buch wahnsinnig gelehrt, und zwar auf ganz leichtfüßige Weise. Zweitens befasst es sich mit dem, woraus unsere Kommunikation besteht, mit der Sprache, ihren Philosophen, ihren Regeln, ihren Sonderheiten und mit dem Material, aus welchem die Sprache gewebt wird, mit Vokalen, Konsonanten, Umlauten. Es ist drittens wunderbar typografisch gesetzt und illustriert und fühlt sich – viertens – gut an. Außerdem und fünftens: Es ist ein unschätzbares Zeitzeugnis. Wie Franz Fühmann (der fünf Jahre vor dem Fall der Mauer 1984 verbittert über seinen Staat starb) inmitten des sozialistischen Realismus darlegt, welche Wahrheit in biblischen Texten steckt – das ist ein großer Moment. Eine Gratwanderung, die heute kaum mehr nachvollziehbar ist. Es ist wieder die Sprache, die einen Alltag abbildet, in dem eine Einstufungskommision darüber befand, ob man Kultur machte, und der in Begriffen wie “Staatsapparat” (Wort mit fünf A) und “Kulturbundschulung” (Wort mit fünf u) wieder aufscheint. Ein historisches Glossar gibt im Anhang Aufschluss über diese inzwischen fremden Alltagsvokabeln. Es gehört also einfach – sechstens – in jeden Haushalt.

Weiterlesen:
Langsame Weihnachten (Weihnachtsempfehlungen, Teil I)
Slow-Media Weihnachtsgeschenke von jbenno (Teil II)

Michael Ende: Momo

Momo“Eines Tages stand Herr Fusi, der Friseur, vor seinem Laden. Er sah zu, wie der Regen auf die Straße platschte, es war ein grauer Tag, und auch in Herrn Fusis Seele war trübes Wetter. ‘Mein Leben geht so dahin’, dachte er, ‘mit Scherengeklapper und Geschwätz und Seifenschaum. Was habe ich eigentlich von meinem Dasein? Und wenn ich einmal tot bin, wird es sein, als hätte es mich nie gegeben'”.
In seinem zweiten großen Kinderroman ‘Momo. Oder die seltsame Geschichte von den Zeitdieben und dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte’ entfaltet uns Michael Ende ein fast nihilistisches Konzept von der Zeit. Diese Zeit ist rein subjektiv, verfliest linear und stetig: wir erfahren sie ausschließlich im Augenblick, und der ist vergangen, im Moment, da wir seiner gewahr werden: “Es gibt die Gegenwart nur, weil sich die Zukunft zur Vergangenheit wandelt.”, stellt Momo fest. Nur diesen Augenblick erleben wir, versäumen wir ihn, ist er nicht gespart, er ist uns für immer verloren, von den Zeitdieben, den ‘Grauen Herren’ gestohlen.

Die Zeit und damit sein Leben fühlt man im vergehen. Mit dem Wort aus dem 90. Psalm sieht Herr Fusi sein Leben höchstens siebzig oder achzig Jahre währen und bestenfalls Mühe und Arbeit mag er darin finden. Die Furcht vor dieser scheinbar sinnlosen Vergänglichkeit treibt ihn und viele andere Menschen in die Hände der Zeitdiebe, die ihnen einreden, man könne Zeit sparen. Die Menschen beginnen, ihr Leben zu führen, als könnten sie die so gesparte Zeit später nachholen. Das Leben verliert an Intensität, die Leere in ihrem Leben versuchen die Opfer der Grauen Herren durch den Konsum von Surrogaten zu kompensieren.

Die Herrschaft der Grauen Herren zeigt sich an vielen alltäglichen Beispielen: Schnellgastronomie, bei der Gäste nur noch Optimierungsmasse des Customer Value darstellen oder pädagogisch wertvolles Spielzeug, mit dem Eltern in eine effiziente Zukunft ihrer Kinder investieren.

Auch das Alter-Ego des Autors, ‘Gigi Frendenführer’ fällt den Zeitdieben anheim. Resignierend und von seinen erfüllten Träumen enttäuscht, gibt er sich der kreativen Korruption der Kulturindustrie hin.
Sucht man nach Allegorie oder literarischer Umschreibung dessen, was wir hier mit Slow Media versuchen zu kritisieren, findet man diese im optimierten Produktionsprozess, den Gigi anwendet, um die wachsenden Nachfrage der Medien zu befriedigen; einem Ekklektizismus, in dem aus den Einzelteilen seiner Erzähl-Welt immer neue, sentimental auf das jeweilige Publikum angepasste Episoden gepresst werden. Und dadurch hilft Gigi letztlich mit, seinen Zuhören die Zeit zu stehlen.

Die Schönheit der Zeit aber erkennt Momo gerade in ihrem Vorübergehen: “Vielleicht ist sie so was wie ein Duft? Aber sie ist auch etwas, dass immerzu vorbeigeht. Also muss sie auch irgendwo herkommen. Vieleicht ist sie so eine Art Musik, die man bloß nicht hört, weil sie immer da ist.”