Das Internetphantom – oder: Für eine digitale Denkmalpflege

Seit einigen Tagen kursiert in den amerikanischen Politikblogs die sogenannte “Typographischen Verschwörungstheorie“. Auslöser war die Veränderung der Schriftart der aktuellen Kampagne von Barack Obama. Auf der jüngsten Tour durch den mittleren Westen wurde für den Slogan “Betting for America” eine eher nostalgische, verschnörkelte Schrift gewählt:

Ohio Bus Tour: Parma OH, 060512

Schnell haben Blogger recherchiert und herausgefunden, dass sehr ähnliche Schriften auf sozialistischen Propagandaplakaten in Kuba verwendet wurden. Bezeichnenderweise trägt die Schriftart, die dem neuen Obama-Font am nächsten kommt, den Namen “Revolution Gothic” – was gar nicht schlecht zu der neu entflammten Aggresivität des amtierenden Präsidenten passt.

Dass hierüber so intensiv diskutiert wird, verwundert in der hochgradig mediatisierten politischen Landschaft des US-Wahlkampfes nicht besonders. Die Gestaltung von Schrift ist ein wesentlicher Teil der Corporate Identiy von Parteien und Politikern geworden. Ob allerdings diese typographische Entscheidung tatsächlich auf eine sozialistische Wende des Präsidenten hinweist, ist kaum zu beurteilen.

Was an dieser Episode aber sehr deutlich wird, ist die Bedeutung von Archiven der Gegenwartskultur. Das Propagandamaterial der kubanischen Revolution ist sehr gut dokumentiert – zu diesem Thema gibt es Bücher, Ausstellungskataloge und Webseiten. Was aber wird passieren, wenn ein politischer Wahlkampf sich in 40 Jahren auf kulturelle Stile und Images der 2000er Jahre bezieht? Wo ist die visuelle Sprache der frühen Internetkultur dokumentiert?

Die traurige Antwort: Das Web der 1990er bis 2000er Jahre ist vermutlich zum größten Teil für immer verloren. Das sympathische Chaos der frühen Geocities-Webseiten, die hoch-individuellen CSS-Designs von MySpace-Künstlerseiten, das Webdesign der ersten Webpublikationen von Hotwired bis Konr@d oder der ASCII-Art-Schmuck von FTP-Servern existieren nur noch in der mündlichen Überlieferung der Digital Immigrants.

Für einen Vortrag zum Thema Measurement habe ich einmal versucht, den Webcounter-Wahn der 1990er Jahre zu recherchieren, den ich damals noch hautnah miterlebt hatte. Es gab Webangebote, die sich darauf spezialisiert haben, Zugriffszähler für Webseiten in den unterschiedlichsten Formen anzubieten. Keine dieser Seiten existiert mehr und Bilder oder Screenshots von diesen Countern findet man nur wenige und nur mit großem Aufwand.

In den Geschichtswissenschaften gab es in den 1990er Jahren die Theorie der “Phantomzeit“. Aus der Quellenknappheit zwischen dem 7. und 10. Jahrhundert haben einige Historiker darauf geschlossen, dass diese Zeit gar nicht existiert hat, sondern dass es von 614 gleich mit 911 weiterging und Personen wie Karl der Große nie gegeben hätte. Wenn wir nicht eine neue Kultur der Webarchive begründen, wirdman wahrscheinlich sehr viel plausibler argumentieren können, das Internet sei eine Erfindung der 2020er Jahre als damals Illig für das “Erfunde Mittelalter”.

Was wir brauchen, damit das Internet nicht noch einmal von unseren Historikern als “Phantom” diskutiert wird, ist eine “digitale Denkmalpflege”. Zeitungen und Zeitschriften werden sorgfältig in denStaats- und Landesbibliotheken gesammelt und archiviert. Aber schon,wenn es um die Alltagskultur im Fernsehen – geschweige denn im Internet geht – wird die Quellensuche sehr schwierig. Erst seit den letzten Jahren und Monaten tauchen immerhin nach und nach viele Werbeclips aus der Fernsehgeschichte auf Youtube auf. Ob Geocities-Webseiten, FTP-Server-Poesie oder die typischen Blinkebanner der 1990er Jahre jemals wieder auftauchen werden? Wahrscheinlich nicht.

Sturmgeschütze und vierte Gewalt

Am 20. November 1925 endete in München ein Gerichtsverfahren, das in die Geschichte als “Der Dolchstoßprozess” eingehen sollte. Anlass war eine Beleidigungsklage des sozialistisch gesinnten Verlegers Martin Gruber gegen den konservativen herausgeber der ‘Süddeutschen Monatshefte’ Paul Cossmann. Cossmann war einer der Meinungsführer einer Hetz-Kampagne, die sich während der Reichstagswahl 1924 auf den Reichspräsidenten Friedrich Ebert fokussierte. Inhalt der Hetze war die sogenannte ‘Dolchstoßlegende’, also die Behauptung, Deutschland sei im Ersten Weltkrieg nicht durch seine Kriegsgegner besiegt worden, sondern der Krieg sei durch die Revolution im eigenen Lande verloren gegangen. Diese Behauptung wurde bereits während des Prozesses in München durch zahlreiche Gutachter widerlegt und vom Gericht auch klar und unmissverständlich als Geschichtsfälschung beurteilt – was leider in der aufgebrachten Stimmung der Weimarer Republik wenig Beachtung fand.

Die Position des Bundespräsidenten wurde im Grundgesetz ganz bewusst viel schwächer gesetzt, als es in der Weimarer Verfassung der Fall war. Dennoch sah sich der Bundestag bereits 1950 gezwungen, den ständigen Attacken gegen den jungen Staat, die sich in Person häufig direkt gegen Bundespräsident Heuss richteten, den eigenen Straftatbestand der “Verunglimpfung des Bundespräsidenten” im §90 StGB entgegen zu setzen.

Es ist viel einfacher, eine Person durch eben persönliche Angriffe zu vernichten, als abstrakte Gebilde wie Verfassungen oder Staatsverträge zu kritisieren. Jede abstrakte Funktion einer repräsentativen Demokratie wird am Ende doch von Menschen ausgeführt, willkommene Opfer. Während also am Anfang der Bundesrepublik das Verhältnis der demokratisch Gesinnten zur Presse noch ambivalent war – zu frisch die Erinnerung an die Verfemungen und die Hetze der Meinungskartelle der Weimarer Zeit – ist diese Skepsis in den Sechziger Jahren einer bewunderndend Verehrung gewichen. Auch wenn 1967 die protestierenden Studenten noch gerufen “Presse – Ne pas avaler!” und die Medien als Gift dargestellt hatten, das man besser nicht schlucken sollte, war durch Enthüllungen wie die Spiegel-Affäre oder den Profumo-Skandal die Presse für die bürgerliche Mehrheit längst mit kritischer Öffentlichkeit gleichgesetzt.

Öffentlichkeit ist nicht dasselbe wie Medien-Öffentlichkeit. Auch wenn Freiheit der Presse im Artikel 5 des Grundgesetzes neben der Freiheit der Meinung, Kunst und Wissenschaft aufgeführt ist, gibt es keine, den Medien von der Verfassung zugewiesene Funktion in der Willensbildung der Demokratie – anders etwa als bei den Parteien. Umso befremdlicher erscheint mir das Selbstverständnis der Verlage, die sich als vierte Gewalt im Staat gleichwertig neben Parlament, Regierung und Gerichten sehen, was tatsächlich jeder Legitimation entbert.

Aus dieser, sich selbst gesetzten Position als quasi konstitutionieller Teil der Demokratie wird auch sofort klar, dass die Presse gegen Angriffe zu schützen ist. In der goldenen Zeit der Printwerbung musste sich dieser Schutz sich im Wesentlichen nur gegen Übergriffe der Staatsmacht richten – der Presseausweis erinnert als Relikt noch heute an dieses Schutzbedürfnis. Aber heute sehen sich die Verleger von ganz anderen Mächten bedroht: da im Internet schließlich jeder zum Publisher werden kann, ist das Meinungsmonopol der Presse ins Wanken geraten. Die Arbeit der Redaktionen wird zunehmend von Algorithmen in Suchmaschinen übernommen – oder noch effektiver, durch Auswahl und Empfehlung der eigenen Freunde in den Social Networks. Die Folgen sind bekannt: enormer Reichweitenverlust und schwindende Relevanz – und damit nicht zuletzt sinkende Werbeeinnahmen.

Als vierte Gewalt fordern die Medien nun einen Bestandsschutz ein. Leistungsschutzrecht, ACTA, SOPA – wie auch immer die Zensurgesetze genannt werden, die die Lobbyisten der Verlage in Brüssel, Berlin oder Washington D.C. auf den Weg gebracht haben, alle dienen demselben Zweck, das Meinungsmonopol der Presse abzusichern, indem Konkurrenz und Kritik aus dem Netz gleichermaßen mundtot gemacht werden soll. Die ““Sturmgeschütze der Demokratie” – das ist der mustergültige Jargon der Eigentlichkeit – es geht um Angriff, um Krieg, um Kampagne. Vor Medien, die sich selbst auf solche Weise zu Freicorps hochstilisieren, wird mir himmelangst.

Ich wünsche mir, dass wir, die Nutzer der Social Networks, die Blogger, Twitterer, die Online Video Community, dass wir diese Presse nicht wieder so mächtig werden lassen, dass sie nach ihrem dafürhalten Oppositionelle verfehmt, Präsidenten zu Fall bringt und Regierungen stürtzt. Dafür müssen wir sorgen. Nicht jeden Artikel eines großen Medienhauses einfach zu verlinken und mit den Freunden zu teilen, wäre ein Anfang.

– und es ansonsten einfach mal mit Walter Kempowski halten: http://twitpic.com/kcfsw/full
(danke an @lorettalametta für diesen Link!).

weiter Lesen:

Das letzte Aufgebot
Höchste Zeit für verteilte Netze
Filter bubble
“Den Schrott gibt es im Internet”

Die “Welt am Sonntag” experimentiert mit These 9

Die Welt am Sonntag Nr. 46 vom 13. November 2011 wartet auf Seite 12 mit einer ganzseitigen Anzeige auf. Ganzseitige Copy-Texte fallen ohnehin auf. Diese Version irritiert zusätzlich. Sie ist nicht sofort einzuordnen, es braucht eine Weile, bis man sie als Anzeige in eigener Sache identifiziert hat. Sie adressiert nicht den Leser, sondern einen möglichen zukünftigen Leser – den Nachbarn , dem man als Leser seine Ausgabe weitergeben soll.

Das ist in mehrfacher Hinsicht interessant.

– Die Handlungsaufforderung, die unerwartet und deshalb komplex ist: Eine gängige werbliche Handlungsaufforderung würde lauten “Kauf mich!”. Hier aber lautet sie: “Verschenk mich, damit ich deinen Nachbarn davon überzeugen kann, mich in Zukunft auch zu kaufen!” Die eigentliche Aufforderung steht erst in einer winzigen Fußnote an der unteren Bildkante: “Lieber Nachbar, willst Du die besondere Zeitung jeden Sonntag bekommen? www.wams.de/praemien”

– Das hohe Maß an Aktivität, zu dem der Leser aufgefordert wird und das man ihm zutraut: Der WamS-Leser muss die Seite zuende lesen, mitdenken und die Aufforderung entschlüsseln. Dann muss er seine eigene Unterschrift daruntersetzen, die entsprechende Seite herausnehmen, um die Zeitung legen und sie zum Nachbarn tragen. Der Leser wird vom reinen Rezipienten zum Akteur, ja zum Komplizen seiner Wochenzeitung. Der Leser ist kein reiner Konsument mehr, er soll aktiv werden und handeln.

– Das Spiel mit der Materialität des Mediums:  Seinen Namen draufschreiben und das Produkt vor die Tür des Nachbarn legen – das geht nur mit Papier. Die Sharing-Kultur der digitalen Welt, das Empfehlen, Weiterleiten und Teilen, wird hier – das muss man sagen – gekonnt in das Medium Papier rückübersetzt.

– Höchst interessant auch der Hinweis, dass die Zeitung “zu schade fürs Altpapier” sei. Aus unserer Perspektive der medialen Nachhaltigkeit und Medienökologie betrachtet, ist die Mehrfachverwertung ja tatsächlich ein wichtiger Aspekt (auch wenn im vorliegenden Fall das Ziel natürlich die Abonnentengewinnung ist, nicht die reine Lesergewinnung).

Oliver Voss zeichnet für diese Kampagne verantwortlich, und er hat hier ein hübsches kleines Experiment vorgelegt. Er probiert neue Werbeformen mit dem neuen Leser aus. “Lies sie, genieß sie und gib sie weiter.” Fast könnte man meinen, er experimentiert mit der praktischen Anwendung unseres Slow Media Manifests im Werbe- und Medienalltag.

Die WamS-Anzeige propagiert These 9 des Slow Media Manifestes. Diese lautet in unserer Kurzfassung: “Slow Media werden empfohlen. Sie rufen danach, zitiert, weitererzählt, verschenkt, verteilt und mitgeteilt zu werden.” Und sie  kokettiert mit These 5,  “Slow Media fördern Prosumenten”: “An die Stelle des passiven Konsumenten tritt bei Slow Media der aktive Prosument”. Oder auch mit These 7 “Slow Media sind soziale Medien”, die die Bildung “aktiver Deutungsgemeinschaften” anregen – warum nicht auch die zwischennachbarliche Auseinandersetzung über eine Zeitung.

Ob das gelingt? Ob Leser und Nachbarn da mitspielen? Ob die Welt am Sonntag die richtige Zeitung dafür ist? Ich weiß es nicht. Es ist das Wesen des Experiments, dass man das vorher nicht sicher weiß.  Aber das ist ja das Schöne an dieser Phase, in der alte Mechanismen nicht mehr funktionieren und neue sich noch nicht etabliert haben: Man kann ganz neue Erzählformen entwickeln und neue Wege entdecken. Experimente wie diese sind erst der Anfang.

 

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Weitere Beiträge im Slow Media Blog über Zeitungen und Zeitschriften:

http://www.slow-media.net/zeitungen-lesen-lernen

http://www.slow-media.net/wired-oder-die-geheime-rache-der-mad-men

http://www.slow-media.net/die-brand-eins

http://www.slow-media.net/das-letzte-aufgebot

http://www.slow-media.net/den-schrott-gibt-es-im-interneteine-kurze-replik

http://www.slow-media.net/gratwanderung-im-offenen

http://www.slow-media.net/die-langsamste-zeitung-der-welt

http://www.slow-media.net/monocle-winter-series

http://www.slow-media.net/make-magazine

http://www.slow-media.net/spektrum-der-wissenschaft

http://www.slow-media.net/wired-magazine

http://www.slow-media.net/kunstforum-international-200-ausgaben

http://www.slow-media.net/widerspruch-munchner-zeitschrift-fur-philosophie