Instagram – die digitale Avantgarde entdeckt den Shabby chic

Digital Photography Never Looked So Analog
Claim der iPhone-App Hipstamatic

Ich habe in den 1980er Jahren hin und wieder mit einer Kleinbildkamera fotografiert. Die Bilder die ich damals aufgenommen hatte, waren nichts besonderes, sondern Häuser, Straßenzüge, Bäume, Menschen und so weiter. Wenn man sich diese Bilder heute ansieht, wird sofort klar, dass dies Bilder aus der Vergangenheit sind. Auf den Bildern sieht man Autos der 1980er, Mode der 1980er und zahlreiche Häuser, die mittlerweile schon längst abgerissen wurden.

Das Postamt Forchheim in 1930er-Jahre-Farben aufgenommen. Mit Instagram braucht man dafür nur das passende Wetter und ein paar Klicks.
Das Postamt Forchheim in 1930er-Jahre-Farben aufgenommen. Mit Instagram braucht man dafür nur das passende Wetter und ein paar Klicks.

Aber nicht nur die Bildinhalte erinnern an die Vergangenheit, sondern auch die Farben, Texturen und Formate. Viele Fotos sind mittlerweile etwas ausgeblichen, und Bildformate wie das nahezu quadratische Polaroid-Bild sieht man heute auch nicht mehr so häufig. Kurz: Man erkennt die Zeit, die seit den Bildern meiner Kindheit und Jugend vergangen ist, sowohl an den Inhalten als auch an den Oberflächen ihrer Bilder.

Wahrscheinlich ist das auch die Faszination von Anwendungen wie Hipstamatic oder Instagram – die Möglichkeit, hier auf die eigenen Handyfotos eine falsche Patina aufzutragen, durch die diese Bilder dann so wirken, als ob sie in den 1960ern, 1970ern oder 1980ern fotografiert wurden. Es ist tatsächlich ein seltsames Gefühl, auf einmal per Facebook und Twitter mit lauter Shabby-chic-Fotos aus dem Leben meiner Freunde und Bekannten überschüttet zu werden, die so aussehen als würden sie in einer Parallelwelt leben (manche geben sich besondere Mühe und verwenden z.B. für die Fotografie eines Ford Granada den passenden Zeitfilter).

Ein Bahngebäude in der Nähe von Erlangen, nicht in den 1970er Jahren fotografiert, sondern 2010.

Hier entsteht en passant ein digitales Niemandsland, eine im wahrsten Sinne nostalgisch eingefärbte Utopie. Denn diese Welt hat es nie gegeben. Meine Jugend war genauso wenig verblichen oder knallbunt wie der Alltag meiner Großeltern schwarz-weiß. Hier lässt sich der Gedanke der Atemporalität noch eine Windung weiterdrehen: Nicht nur die Allgegenwart des Vergangen, sondern zugleich auch die wohlfeile Simulation einer Vergangenheit, die in Wirklichkeit nie stattgefunden hat, sich aber “einfach nur gut anfühlt”.

Dieser Wohlfühlkonservativismus, so meine Vermutung, kommt gerade in der digitalen Avantgarde besonders gut an. Ein bisschen erinnern mich diese visuell von Nostalgie triefenden Medienproduktionen immer an die Straßennamen der in Bayern überall anzutreffenden Vertriebenensiedlungen, die, wenn schon ihre alte Welt nicht mehr existiert, wenigstens die Möglichkeit bieten, auf dem Stadtplan noch in der Vergangenheit zu leben. Sind Apps wie Instagram die Graslitzer Straße oder der Egerlandplatz der heute 30-40-jährigen digitalen Immigranten?

Spätestens seit der ikonischen Wende ist klar geworden, dass Bilder immer auch eine politische Aussage in sich tragen. Barack Obama hat die Wahl mit einem an Warhol erinnernden Wahlplakat gewonnen. Gerade für neu- wie altkonservative Politiker müsste so etwas wie Instagram doch sehr attraktiv erscheinen: Die Möglichkeit, sich selbst in einer Welt präsentieren, die so aussieht wie die gute alte Zeit, in der Volksparteien noch Volksparteien waren und langhaarige Chaoten noch langhaarige Chaoten.

Kein Bild aus einem verschollenen Nachlass, sondern der Rosenheimer Bahnhof vor ein paar Tagen

Was bedeutet das alles aus unserer Slow-Media-Perspektive? Die Simulation von Slow ist noch längst nicht Slow. Ansonsten kann man nur die Empfehlung aussprechen, die heutigen Handyfotos doch einfach in fünf Jahren noch einmal anzusehen. Dann werden sie nämlich wie durch Zauberhand ebenfalls altmodisch aussehen. Ob die Erinnerung an das Ende der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts dann einen ebenso wohlig-eskapistischen Geschmack hat, wie die Jugend- und Kinderjahre, ist allerdings zweifelhaft.

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Lesenswert ist auch die Kurzzusammenfassung dieser Debatte auf SAI: “Instagram backlash begins!

Nachtrag: Jetzt hat sich auch @bosch in seinem Blog der Frage, warum wir die ohnehin schon “unzulänglichen Handyaufnahmen” mit Hilfe von Appes noch weiter verschlechtern müssen.

5 thoughts on “Instagram – die digitale Avantgarde entdeckt den Shabby chic”

  1. danke! – mir aus dem herzen gesprochen. ich bin gerade dabei die “echte” polaroid-fotografie für mich zu entdecken und pflege die analoge s/w – fotografie! und bin begeisterter instagram-benutzer 😉

  2. Schade ist, dass den meisten Nutzern durch eine wie auch immer geartete App vorgegaukelt wird, sie seien kreativ. “Jeder ist ein Künstler” relativiert sich irgendwann, wenn man mit derartigem Kitsch überflutet wird. Wer ähnliche Effekte erzielt, weil er sie zum Beispiel in der Dunkelkammer selbst *herstellt*, weil er (s.o.) auf entsprechende Techniken zurückgreift oder von mir aus auch einen Farbfilm drei Wochen lang in die pralle Sonne legt, bevor er ihn mit der Kamera belichtet, um zu experimentieren, was dann dabei herauskommt – das kann ich ja noch nachvollziehen. Selbstverständlich auch eine eigene individuelle (!) Bildbearbeitung mit Photoshop oder was auch immer.
    Aber irgendwelche vom Programmierer vorgegebenen Looks zigtausendfach zu reproduzieren mit lediglich wechselnden Motiven, das ist reichlich banal. Passt aber insofern auch wieder sehr gut in unsere Zeit.

  3. Wenn man nur den Effekt um des Effektes Willen nutzt, dann experimentiert man auch – sieht nett aus, kann man machen, muss nicht in die Galerie.

    Aber warum nicht gezielt so einen Effekt kreativ einsetzen, wenn es Dich einem Ziel näher bringt. Beispielsweise dem Versuch, Erinnerungen aus alten Tagen zu bebildern. Der Effekt lädt ein zu einer kleinen Zeitreise und hat vielleicht genau dann seinen Zweck.

    Auch wenn so ein Filter vorprogrammiert ist, so ist er immer noch ein kreatives Werkzeug.

    Ich bin übrigens froh um die Digitalfotografie – ich habe es gehasst, ewig die Dose mit dem SW-Film in der Entwicklerlösung zu drehen und dem Geplantsche in der Dunkelkammer konnte ich auch nicht so richtig etwas abgewinnen – auch wenn ich das Wissen aus der Zeit nicht missen möchte. Meine Frau hat mich letzte Woche darauf angesprochen, dass noch ein Film im Kühlschrank liegt. Der ist gut abgehangen – falls jemand mag, bitte melden 😉

    Jetzt kann ich meine Fotografien schnell beurteilen und bearbeiten. Das “slow” bleibt dennoch erhalten, der Genuss, sich einem Motiv zu nähern, mit Licht zu arbeiten, Nuancen herauszuarbeiten.

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