Das Recht aller Menschen, durch das Internet jederlei Gedanken und Informationen zu suchen, zu erhalten und mitzuteilen.

“Internet should remain as open as possible”

“There should be as little restriction as possible to the flow of information via the Internet, except in a few, very exceptional, and limited circumstances prescribed by international human rights law”

Mein ganzes Leben lang bin ich immer wieder durch die Vereinten Nationen und ihre Agenturen beeindruckt worden.

Vor kurzem hat der UN Sonderberichterstatter zur Lage der Meinungsfreiheit Frank La Rue seinen Bericht zur Meinungsfreiheit im Internet an die UN Menschenrechtskomission abgegeben. Ich empfehle, den Bericht zu lesen. Darin finden sich unterschiedliche Positionen sorgfältig abgewogen, die Eigenverantwortung contra die kollektive Verantwortung durch Gesellschaft oder Verwaltung, politische und ökonimische Freiheit, Recht auf Eigentum contra Gewaltexzess.

Das Urteil ist klar: es gibt ein “Menschenrecht, durch das Internet jederlei Gedanken und Informationen zu suchen, zu erhalten und mitzuteilen.” Diese dreigeteilte Forderung (suchen, erhalten, senden) ist das fundamentalste ernstgemeinte Statement, dass ich bis jetzt in der Diskussion gelesen habe. Einschränkungen dürfen nur in engstem Rahmen und nur unter Angemessenheit der Mittel getroffen werden, ausschließlich und ohne Ausnahme nur auf gesetzlicher Grundlage, in Übereinstimmung der UN-Vorgaben und nur unter Wahrung vollständiger Transparenz.

Jedem, der einseitig Rechte einschrenken möchte, können wir von nun an diese Rahmenbedingungen entgegenhalten, die die Vereinten Nationen allen Staaten als Mindeststandards nennen. Jeden, der davon abweichende Regelungen einführen möchte, können wir nun zur Rechenschaft auffordern.

Das Internet als Menschenrecht ist die konsequente Fortsetzung der Idee der Meinungsfreiheit.

Links:
Der Bericht im Original (pdf): “Report of the Special Rapporteur on the
promotion and protection of the right to freedom
of opinion and expression, Frank La Rue”

Und die Pressemitteilung.

Weiter lesen:
Virtueller Rundfunk
Die Illusion vom freien Internet

“Den Schrott gibt es im Internet”? Eine kurze Replik

Gerade noch war ich in Strasbourg bei einer Journalismus-Konferenz im Europarat, den Assises du Journalisme. Gerade noch habe ich den über 200 französischen Teilnehmern der Debatte zur Rentabilität von “Slow Info” davon berichtet, wie die deutschen Diskurse zum Journalismus verlaufen. Davon, dass der Grabenkampf zwischen den Positionen “Nur Papier garantiert den Qualitätsjournalismus” und “Nur das Internet garantiert die Zukunft” der Auslöser für unser Slow Media Manifest und die Entwicklung medienübergreifender Qualitätskriterien war. Ich schaute in erstaunte französische Gesichter (nun ja, der französische Journalismus ist mit seinen eigenen Fronten beschäftigt, der “droite” und der “gauche”). Während ich das sagte, kam es mir selber absurd und überzogen vor. Hatte ich nicht doch in der Rückschau ein wenig übertrieben? Gibt es wirklich Menschen, die Medienqualität strikt nach der Mediendarreichungsform und nach nichts anderem beurteilen, nicht nach Sorgfalt der Recherche, Sprachstil, Themenauswahl, Inspiration, Haltung? Gibt es sie wirklich? Es schien mir plötzlich selbst fast karrikaturhaft.

Und heute lese ich die Worte von Michael Ringier, der auf den Zeitschriftentagen des VDZ tatsächlich genau das sagt, jetzt heute, nicht vor 10 oder 20 Jahren: “Den Schrott gibt es im Internet”, mithin: Die Qualität gibt es (nur) nur auf Papier.

Ganz ehrlich, ich bin diese Ignoranz allmählich leid. Lieber Herr Ringier, lassen Sie es mich noch einmal sagen, nur einmal noch: SCHROTT gibt es im Internet UND auf Papier, genauso wie es QUALITÄT auf Papier UND im Internet gibt. Kein klar denkender Mensch wird das im Ernst leugnen können.

Pardon, meine Lieben. Ich habe ein wenig die Contenance verloren. Ich war wohl noch etwas aufgewühlt durch Herrn Döpfner im Handelsblatt. Dabei habe ich eigentlich alles andere zu tun als mich hier zu echauffieren. Zum Beispiel einen Bericht über meine schöne Konferenz in Strasbourg zu schreiben. Von dem Podium, auf dem ich saß, mit einem Journalisten, der ein Printmagazin produziert, einem Hörfunkredakteur und einem Betreiber eines Webportals. Und die alle ihren Hörern, Lesern, Zuschauern höchste und ausgesuchte Qualität bieten. Von den Journalisten und Journalistikstudenten, die zahlreich und mit sehnsüchtigen Augen im Publikum saßen und die alle danach lechzen, diese Qualität zu produzieren und aufwendige, hochwertige, hintergründige Arbeit machen wollen, keinen Schrott. Und die nach “modèles economiques” suchen, die es ihnen erlauben, davon zu leben. Während diese Studenten gierig danach sind, Qualität zu produzieren, reiben sich Verlagsleiter an Nebenkriegsschauplätzen ab, anstatt nach praktikablen neuen Modellen zu suchen. Darum sollten Sie sich kümmern, Herr Döpfner und Herr Ringier: Finden Sie Geschäftsmodelle, die es diesen zukünftigen Journalisten ermöglichen, Qualität zu machen! Oder finden Sie jemanden, der ihnen dabei hilft. Denn ja, es gibt Modelle und noch jede Menge unentdeckte und ungedachte Möglichkeiten. Aber diese Nischen findet nur, wer innehält und hinsieht. Das geht nicht mit business as usual und Pfeifen im Walde. Die Sache hier ist ernst, meine Herren. Es geht um die Zukunft des Journalismus. Das sollte ein bisschen Aufmerksamkeit und Neudenken wert sein.

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Einen kurzen Nachtrag gibt es hier.

Neues zum Grenzverlauf zwischen Papier + Pixel

“Wo verläuft die Grenze?”, fragte ich mich neulich auf diesem Blog und schaute mir die Front in der gesellschaftlichen Debatte zwischen Print und Online etwas näher an.  Für meinen Vortrag auf der Avantgarden-Tagung an der Universität in Lüttich habe ich das noch einmal genauer analysiert und mir überlegt, wer sich eigentlich genau wovon provoziert fühlt. Auf den ersten Blick scheint die (vermeintliche) digitale Avantgarde den Rest der Gesellschaft zu provozieren wie Pubertierende ihre Eltern, bei genauerer Betrachtung ist es aber komplexer und nicht auf eine Generationsfrage zu reduzieren. Was passiert da also?

Unter dem Titel “Avantgarden, Halbwertszeiten und eine hochgezogene Augenbraue” habe ich die Sprechfassung des Vortrags auf TEXT-RAUM online gestellt. Das hiesige Slow Media Manifest spielt als laufendes Experiment ebenfalls eine tragende Nebenrolle. Wer Interesse an dem Thema hat, möge dort weiterlesen und gerne Kommentare ergänzen.

Nachhaltiges Internet

Papier ist geduldig und kann sogar einen Beitrag zur ökologischen Nachhaltigkeit leisten. Aber wie sieht es mit dem Internet aus? Welche Bedeutung hat das Internet für eine nachhaltige Zukunft? Slow Media bedeutet schließlich nicht nur, inspirierende und mit Sorgfalt produzierte Inhalte, sondern auch Medien, die nicht auf Kosten unserer Umwelt oder unserer Nachfahren produziert sind.

Auf Slideshare habe ich eine interessante Präsentation von Jorge Zapico (Homepage) gefunden, der in zehn Punkten beschreibt, wie seiner Meinung nach ein nachhaltiges Internet aussehen sollte:

  1. Die Hardware sollte möglichst umweltschonend und langlebig produziert bzw. durch Entwicklungen wie Cloud Computing deutlich reduziert werden.
  2. Das Internet sollte als Aufklärungsmedium (“ökologischer Fußabdruck”) und als Aufruf zu einer umweltverträglichen Lebensweise verwendet werden, z.B. in Gestalt von Social-Media-Plattformen, die Mikrokredite vermitteln.
  3. Internetangebote sollten global ausgerichtet sein und sich nicht immer nur an westliche Industriegesellschaften wenden.
  4. Virtuelle Gemeinschaften können insbesondere zu lokalem Handeln aufrufen.
  5. Für gute Inhalte kann gutes Geld verlangt werden (“If something is valuable, let’s pay for it”) um qualitativ hochwertige Inhalte von der Werbeabhängigkeit zu lösen.
  6. Designer sind aufgefordert, den “Technostress” im Internet zu reduzieren.
  7. Verlangsamung und Slow Media als Alternative zu der Informations- und Kontaktüberflutung im Web.
  8. Open Source und Creative Commons sollen als Fundament für den kreativen Austausch weiter gefördert werden. Das gilt nicht nur in Bezug auf Texte und Bilder, sondern auch für Bau- und Schaltpläne.
  9. Anwendungen und Plattformen meiden, die eine nicht-nachhaltige Lebensweise fördern.
  10. Die Entwicklung des nachhaltigen Internet ist keine Angelegenheit einzelner Organisationen, sondern alle Nutzer sind aufgefordert, sich daran zu beteiligen.

Besonders spannend wäre hier eine Gegenüberstellung unterschiedlicher Mediengattungen und ihres jeweiligen ökologischen Fußabdrucks. Welche Medien sind besonders umweltschonend und warum?

Hier die Präsentation:

Wo verläuft die Grenze?

Der Netzwerk-Forscher Peter Kruse hat auf der re:publica 2010 einen Vortrag unter dem Titel “What’s Next?” gehalten. Die Fülle frischer Daten und Erkenntnisse mochte kaum in die gesetzten 30 min passen, weshalb der Vortrag zeitweise etwas atemlos geriet. Peter Kruse stellte die Auswertung von Wertemustern von knapp 200 “heavy usern”* des Internets vor. Erstes Ergebnis: Innerhalb der Internetnutzer gibt es eine starke Zweiteilung in den Werte- und Bewertungsmustern, die ein Verstehen zwischen beiden Hemisphären geradezu unmöglich macht.

Diese Ergebnisse bestätigen meine These über den Verlauf der Grenze zwischen den um das Internet streitenden Lagern. Peter Kruse nennt es einen “Disput pro und contra Internet”, aber ist es das wirklich? Ein Kampf zwischen Internetbefürwortern und Gegnern des Internet? Nein. Das Internet hat den Alltag durchdrungen, wirklich offline sind nur noch wenige (und diese, interessanterweise, fühlen sich auch nicht weiter vom digitalen Wandel bedroht). Auch Frank Schirrmacher lässt keine Gelegenheit aus, zu betonen, dass er kein Internetgegner ist.

Nein. Bei genauerer Betrachtung verläuft die Grenzlinie tatsächlich innerhalb der Internetnutzer, und zwar zwischen denjenigen, die das Internet rein rezipierend wie einen Fernseher oder wie ein Telefonbuch benutzen (bzw. denjenigen, es sinnvoll finden, wenn Nutzer es dabei belassen) – und jenen, die das Internet auch zur Produktion nutzen und dort selbst Spuren hinterlassen. Das würde bedeuten, dass nicht das Internet selbst die eigentliche Provokation ist, sondern das durch das Internet ermöglichte Zusammenkommen von Rezeption und Produktion. Etwas in das Internet reinzuschreiben und auch noch zu glauben, das würde andere interessieren (“Wer will denn so was wissen?!”), das ist demzufolge der eigentliche Skandal, eine Anmaßung.

Wer aber selbst nie etwas ins Internet beitragen würde und auch nicht daran interessiert ist, was andere dort einbringen, der empfindet das Netz nicht als eigenen Schaffensraum – kann also auch nichts Inspirierendes daran finden. Ihnen fehlt damit ein wesenlicher positiver Verstärker, der die Netzaffinität der Gegenseite bestärkt: Sie empfindet das Netz als Resonanz- und Schaffensraum, in welchem sie Gespräche führen kann.

Der Aspekt der Inspiration spielt auch in unserem Slow Media Ansatz eine zentrale Rolle – hier geht es um das Motiviertwerden zu eigener Handlung durch die Rezeption von etwas, das einen berührt. Die neuen Technologien ermöglichen die Durchdringung von Rezeption und Produktion in besonderem Maße, sie lässt sich aber hervorragend auch auf alle anderen Mediendarreichungsformen zurückbeziehen, auf die Salonkultur, auf Zeitschriften, Bücher und auf vieles mehr.

Was ist also zu tun? Ich denke folgendes: Die Grenzverläufe genauer lokalisieren, die Hemisphären identifizieren und vor allem: Das verbindende Corpus callosum orten, dass irgendwo zwischen diesen Hemisphären liegen muss und darauf wartet, ordentlich gefüttert zu werden.

+ + + +

* Ich habe bisher keine genauere Definition des Kriteriums “heavy using” finden können: Es handeln sich um Menschen, “die regelmäßig im Internet aktiv sind”.

Das Ende der Geschichte – für Kreativ-Berufe.

Félicien Rops: Pornocrates[Read Post in English]

Eternal must that progress be
Which Nature through futurity
Decrees the human soul;
Capacious still, it still improves
As through the abyss of time it moves,
Or endless ages roll

Its knowledge grows by every change;
Through science vast we see it range
That none may here acquire;
The pause of death must come between
And Nature gives another scene
More brilliant, to admire.

Philip Freneau

Heute Morgen habe ich mir aus der IMSLP ein Lied von Schubert ausgedruckt.

Bevor ich daran gedacht hatte, auch nur einen Ton daraus am Klavier zu spielen, habe ich mir in Youtube nacheinander sieben verschiedene Versionen dieses Liedes angehört – aus allen Jahrzehnten von 1930 bis heute. Warum? Weil ich daraus meine eigene Interpretation des Stückes zusammenkomplieren wollte.

Einmal davon abgesehen, dass ich die Notenblätter einfach in genau dem Moment aus dem Netz gezogen habe, in dem mir in den Sinn kam, das Stück zu spielen, greife ich also jetzt in meiner Interpretation nicht nur auf meine eigenen Lehrer zurück oder auf den Stil meiner Zeitgenossen, den ich übernehmen oder mich davon abgrenzen kann, sondern es stehen mir zahllose Varianten aus 100 Jahren Musikaufzeichnung zur Verfügung!

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Kunst schien stets von Fortschritt geprägt, weil die Künstler immer einen Lehrer hatten, einer Schule angehörten, deren Stil und Theorie für sie das Fundament ihres eigenen Schaffens wurde, Generation nach Generation. Gerade aus der Abgrenzung zum Stil des Lehrers, aus dem Wunsch, etwas besser machen zu wollen, entstand diese Schrittweise Entwicklung der Kunst, die in der Rückschau nicht selten eine Weiterentwicklung gewesen zu sein schien.

Auch wenn die Maler sich in der Regel in den landesfürstlichen Kunstsammlungen auch ein Bild von der Kunst vergangener Epochen machen konnten, blieben diese Werke doch anachronistisch, Relikte aus einer Vergangenheit, zu der nur noch indirekt ein Bezug herzustellen war.

Noch drastischer war die Situation in der Musik – vor Erfindung der Schallplatte war die Interpretation der vergangenen Zeiten verloren, greifbar blieb nur, was live gehört werden konnte.

Mein Musik-Beispiel oben soll illustrieren, wie fundamental sich die Bedingungen der Stilbildung geändert haben, dadurch, dass schier das gesamte bisherige Schaffen der Menschheit wohlgeordnet und durch Suchmaschinen bestens indiziert für jedermann zur Verfügung steht.

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Auf der diesjährigen Transmediale hat Bruce Sterling einen bemerkenswerten Vortrag gehalten: “Atemporality for Creative Artists” – Das Ende der Geschichte – für Kreativ-Berufe, sinngemäß übersetzt.

Stirling nimmt das Wort Atemporality, zeitlich Autonom, als einen Begriff für die Verfügbarkeit allen Wissens und aller Werke unabhängig von ihrer Entstehungszeit. Ein Phänomen, das – wie oben geschildert – unsere Zeit charakterisiert.

Den Punkt, an dem die Menschen geistig vollkommen Unabhängig von Zeit und Raum werden, hat der französische Anthropologe und Philosoph Pierre Teilhard de Chardin SJ den Omega Punkt genannt. Angelehnt an die biblische Eschatologie “Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende.” (Apo 22,13) markiert dieser Punkt der menschlichen Evolution das Ende der Geschichte und den Eintritt der Menschheit in eine Zeit in der die Vorstellung von Fortschritt überflüssig geworden ist.

Die Idee, dass der Fortschritt irgendwann zu Ende geht, ist vermutlich so alt, wie der Begriff Fortschritt selbst. Das Konzept Fort=Schritt, dass also der Weltgeist sich langsam und schrittweise zur Vollendung bewegt (wie in Frenaus Gedicht oben), ist Grundüberzeugung vieler Religionen und Ideologien. Auflösung im Nirvana wie im Buddhismus, Eintritt in die klassenlose Gesellschaft wie im dialektischen Materialismus oder Endsieg des Marktes wie bei Fukuyama – am Ende steht ein Zustand der Bewegungslosigkeit, das Ende der Räusche und Geräusche.

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Ohne gleich zu sinnieren, wie eine Rückkehr des Messias oder das Ende des Klassenkampfes uns bevorstehen könnte – stellt Bruce Stirling ganz pragmatisch die Frage, welche Wirkung diese Unabhängigkeit des Künstlers von Zeit und Raum nach sich zieht.

Die Welt wird – anders als Fukuyama oder Marx uns hoffen machen – keineswegs einfacher: “The situation now is one of growing disorder. A failed state, a potentially failed globe, a collapsed WTO, a collapsed Copenhagen, financial collapses, lifeboat economics.” “Aber”, tröstet er uns, “ich glaube nicht, dass wir deshalb in Hexenwahn verfallen müssen. Ich denke es könnte mehr damit verglichen werden, in eine neue Stadt zu ziehen”.

Und damit uns die Panik vor dem Neuen nicht blind macht, empfiehlt uns Bruce Stirling, uns einen distanzierten Standpunkt zu suchen. Wenn wir nach der Avantgarde von heute suchen, sollten wir dies aus der Perspektive von zwanzig Jahren später tun, “entblättert von allem Chrom und allen Mirakeln: lassen Sie sich nicht länger vom Eindruck technischer Neuartigkeit blenden. Gehen Sie nicht mit. Nehmen Sie an, dass alles schon vergangen wäre und entwickeln Sie [ihre Perspektive] von diesem Standpunkt aus.” – If it works, it’s obsolete.

Der köstliche-Leichnam-trinkt-den-neuen-Wein

Wie macht man Kunst in einer post-historischen Zeit, wenn also ein Fortschritt so gut wie unmöglich scheint? Kunst nach dem Ende der Kunst? Bruce Stirling öffnet in Ansätzen zwei Wege, in welchen – nicht alternativ sondern komplementär – sich Kunst heute entwickeln kann: Favela Chic und Gothic High-Tech. Die dekadente Ruine einer Burg, dem Zerfall geweiht, steht hocherhoben über dem Wirrwar eines Slums, kein angenehmer Ort, aber immerhin noch lebendig.

Gothic High-Tech lebt vom Glanz der Vergangenheit, von der Sehnsucht nach einer alternativen Gegenwart.

Punk ist die naheliegende Reaktion auf unsere Epoche ohne Zukunftsperspektive: “You have taken my future now I Kill somebody, kill myself, throw bricks to policemen” – eine primitive Anti-Haltung wäre heute allerdings genauso sinnlos, wie die anderen ideologischen Posen des 20. Jahrhunderts. Aber Punk bedeutet auch, sich etwa seine Kleider und Accessoires selber zu fertigen – die Bricolage – die Bastelei, wie man das wohl am besten übersetzt, die Verweigerung von Massenkultur und Pop durch eigene Kreativität.

Das Frankenstein Mashup ist die logische Folge, der Eklektizismus aus zusammengeklebten Fundstücken wie in der DJ-Musik und der postmodernen Architektur. Und aus den verlorenen Utopien der Vergangenheit werden schließlich sehnsüchtige Lost Futures collagiert: where is my space age? Steampunk, Atompunk, Dieselpunk.

Favela Chic liefert keine große Inszenierung mehr, keine geniale Schöpfung eines Jahrhundert-Künstlers, sondern lebt vom Gewimmel, welches sich im Netz gelegentlich locker organisiert findet.

Daraus entwickeln sich zwei ganz neue Ansätze. Generative Art wird durch Software geschaffen, ist streng genommen nur noch indirekt Kunst, weil die sichtbare oder hörbare Erscheinung technisches Produkt eines Algorithmus ist. Collaborative Art macht sich die Möglichkeit zum gemeinsamen Schaffen im Netz zu Nutze, nur locker organisiert als Wiki-Art, als Art-Mob.

Diese Ansätze zur Kunst nach dem Ende des Fortschritts sind genauso auf andere Bereiche der Kultur zu übertragen: auf Publizistik, Filmproduktion, Küche, aber sogar die Gesetzgebung, die kollaborativ ausgehandelt werden könnte.

Thus decomposed, or recombined,
To slow perfection moves the mind
And may at last attain
A nearer rank with that first cause
Which distant, though it ever draws,
Unequalled must remain.

Weiterlesen: Die rote Liste der bedrohten Medien

Slow Mail

Auch der GNU-Vater und Free-Software-Visionär Richard Stallman geht mit diesem Statement als Slow-Media-Praktiker durch:

Most of the time I do not have an Internet connection. Once or twice or maybe three times a day I connect and transfer mail in and out. Before sending mail, I always review and revise the outgoing messages. That gives me a chance to catch mistakes and faux pas.

Dabei ist nicht so sehr der Verzicht auf das Always-On entscheidend, sondern die Art, wie man das Internet und damit verbundene Technologien wie Email nutzt – nämlich bewusst und mit einem kritischen Blick auf die Qualität.