“Den Schrott gibt es im Internet”? Eine kurze Replik

Gerade noch war ich in Strasbourg bei einer Journalismus-Konferenz im Europarat, den Assises du Journalisme. Gerade noch habe ich den über 200 französischen Teilnehmern der Debatte zur Rentabilität von “Slow Info” davon berichtet, wie die deutschen Diskurse zum Journalismus verlaufen. Davon, dass der Grabenkampf zwischen den Positionen “Nur Papier garantiert den Qualitätsjournalismus” und “Nur das Internet garantiert die Zukunft” der Auslöser für unser Slow Media Manifest und die Entwicklung medienübergreifender Qualitätskriterien war. Ich schaute in erstaunte französische Gesichter (nun ja, der französische Journalismus ist mit seinen eigenen Fronten beschäftigt, der “droite” und der “gauche”). Während ich das sagte, kam es mir selber absurd und überzogen vor. Hatte ich nicht doch in der Rückschau ein wenig übertrieben? Gibt es wirklich Menschen, die Medienqualität strikt nach der Mediendarreichungsform und nach nichts anderem beurteilen, nicht nach Sorgfalt der Recherche, Sprachstil, Themenauswahl, Inspiration, Haltung? Gibt es sie wirklich? Es schien mir plötzlich selbst fast karrikaturhaft.

Und heute lese ich die Worte von Michael Ringier, der auf den Zeitschriftentagen des VDZ tatsächlich genau das sagt, jetzt heute, nicht vor 10 oder 20 Jahren: “Den Schrott gibt es im Internet”, mithin: Die Qualität gibt es (nur) nur auf Papier.

Ganz ehrlich, ich bin diese Ignoranz allmählich leid. Lieber Herr Ringier, lassen Sie es mich noch einmal sagen, nur einmal noch: SCHROTT gibt es im Internet UND auf Papier, genauso wie es QUALITÄT auf Papier UND im Internet gibt. Kein klar denkender Mensch wird das im Ernst leugnen können.

Pardon, meine Lieben. Ich habe ein wenig die Contenance verloren. Ich war wohl noch etwas aufgewühlt durch Herrn Döpfner im Handelsblatt. Dabei habe ich eigentlich alles andere zu tun als mich hier zu echauffieren. Zum Beispiel einen Bericht über meine schöne Konferenz in Strasbourg zu schreiben. Von dem Podium, auf dem ich saß, mit einem Journalisten, der ein Printmagazin produziert, einem Hörfunkredakteur und einem Betreiber eines Webportals. Und die alle ihren Hörern, Lesern, Zuschauern höchste und ausgesuchte Qualität bieten. Von den Journalisten und Journalistikstudenten, die zahlreich und mit sehnsüchtigen Augen im Publikum saßen und die alle danach lechzen, diese Qualität zu produzieren und aufwendige, hochwertige, hintergründige Arbeit machen wollen, keinen Schrott. Und die nach “modèles economiques” suchen, die es ihnen erlauben, davon zu leben. Während diese Studenten gierig danach sind, Qualität zu produzieren, reiben sich Verlagsleiter an Nebenkriegsschauplätzen ab, anstatt nach praktikablen neuen Modellen zu suchen. Darum sollten Sie sich kümmern, Herr Döpfner und Herr Ringier: Finden Sie Geschäftsmodelle, die es diesen zukünftigen Journalisten ermöglichen, Qualität zu machen! Oder finden Sie jemanden, der ihnen dabei hilft. Denn ja, es gibt Modelle und noch jede Menge unentdeckte und ungedachte Möglichkeiten. Aber diese Nischen findet nur, wer innehält und hinsieht. Das geht nicht mit business as usual und Pfeifen im Walde. Die Sache hier ist ernst, meine Herren. Es geht um die Zukunft des Journalismus. Das sollte ein bisschen Aufmerksamkeit und Neudenken wert sein.

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Einen kurzen Nachtrag gibt es hier.

Die “brand eins”

 

[read post in english]

“Slow Media,” sagt meine Freundin Anna, “das ist für mich die brand eins.” Immer, wenn sie bei ihrem Freund Peter – einem brand eins Abonnenten – zu Besuch ist und Zeit und Muße hat, nimmt sie sich eine Ausgabe des Wirtschaftsmagazins. Es ist jedesmal schön, darin zu lesen, sagt sie. “Ganz egal, ob es die aktuelle Ausgabe ist, oder eine aus dem letzten Jahr. Die brand eins ist immer lesenswert und gut gemacht, auch wenn mir nicht jeder Beitrag gefällt.” Das ist ziemlich genau auf den Punkt und beschreibt etwas, was ich mediale Nachhaltigkeit nennen möchte: Die souveräne Strahlkraft eines gut gemachten Print-Magazins über die Aktualität und den einzelnen Abonnenten hinaus. Eine brand eins bleibt über Monate und Jahre frisch. Und sie reicht für mehrere Leser.

Slow Media, sagen wir, sind von Menschen gemacht und das merkt man. Und so spürt man hinter der brand eins auch immer die Menschen, die sie machen und die immer schon, auch nach dem Scheitern des Vorgängers Econy, an dieses Wirtschaftsmagazin geglaubt haben. Daran, dass Wirtschaft und Ethik zusammenzudenken sind. Daran, dass Wirtschaftsthemen und hochwertiges Editorial Design (nach wie vor in der Verantwortung von Mike Meiré) zusammengehören. Nicht dass die Chefredakteurin Gabriele Fischer und ihr Team alle Beiträge selbst schrieben. Aber die Haltung, mit der sie der Welt und ihren Lesern gegenübertreten, und die Werte, nach denen sie ihr Magazin realisieren, schwingen bei allem wie ein durchgehender Grundton mit.

Alles Show? Nein. Diese Werte finden sich – ohne ins Detail gehen zu wollen – konsequenterweise auch in den Autorenverträgen wieder. Autoren geben hier in dem selbem Umfang Nutzungsrechte ab wie bei anderen Zeitschriften, aber sie tun es hier als geschätztes und respektiertes Gegenüber. Hinter den Kulissen wird Praktikanten vermittelt, dass ein Beitrag auch nach einem Jahr noch mit Gewinn zu lesen sein muss. Die Wirkung der brand eins auf meine Freundin Anna ist also kein Zufall, sondern erklärtes Ziel. Ein Qualitäts-Luxus, bei dem es eben nicht nur um das Abverkaufen geht, sondern auch um das Nachwirken.

Das Aprilheft 2000 der brandeins

Diese Haltung macht mutige Entscheidungen möglich. Wie das Aprilheft des Jahres 2000 (Nachhaltigkeit: bisher 10 Jahre). Es ist ein Sonderheft. Die ersten 30 Seiten sind dem damals noch weitgehend unbekannten Cluetrain-Manifest und seinen 95 Thesen zum Wandel der Märkte durch das Internet gewidmet (heute ist es längst ein visionärer Klassiker mit ungebrochener Aktualität). Es hat die Menschen, die brand eins machen, damals bewegt. Und sie haben sich von ihrer Inspiration leiten lassen, mitten im Aktienrausch, der gerade Mitte März 2000 seinen Höhepunkt hatte. “Hatten wir uns bei aller Begeisterung für den Gründer-Boom von der Neuen Wirtschaft nicht mehr erhofft als immer neue Millionäre?”, fragt Gabriele Fischer im Editorial dieser Ausgabe. Konzern-Manager und Politiker wollten zu dieser Frage keine Stellung nehmen, sie “ließen sich durch ihre Pressesprecher mit Zeitmangel entschuldigen.” Sie aber fanden es wichtig.

Wann entstand das Aprilheft? Vor dem Absturz? Im Moment der Wende? Wie es auch war. Es war mutig, in diesem Moment so deutlich auf einen krassen Gegenentwurf zu setzen. Wenn es einem nur ums Verkaufen geht, macht man sowas nicht.

Die gute Nachricht also für alle, die die Kategorie “Slow” für realitätsfern halten, lautet: Mediennutzer merken, mit welcher Haltung und welchem Anspruch ein Medium produziert wird. Sie sind bereit, dafür zu bezahlen. Slow Media können gut und erfolgreich sein.

Nun mag man einwenden, dass Anna die brand eins, die sie so schätzt, nicht selbst gekauft hat – dass Inspiration schön und gut ist, dem Verlag aber kein Geld bringt. Eine Antwort darauf gibt Annas Freund Peter: Loyalität. Der treue brand eins Abonnent gestand mir neulich, dass er selbst in den letzten Monaten gar keine Zeit mehr findet, das Magazin zu lesen. Aber dass er trotzdem nie im Leben auf die Idee käme, deswegen sein brand eins Abo zu kündigen.  Dass sie für ihn einfach dazugehört, egal wieviel Zeit er grade zum Lesen hat. Das ist Bindung zwischen einem Medium und seiner Leserschaft.

Cluetrain-These 2 in der brandeins 3/2000

Nachtrag:

Die Frage “Wann entstand das Aprilheft?” hat Gabriele Fischer soeben per Mail beantwortet: Die Dotcom-Blase blähte sich tatsächlich noch auf, als die April-Ausgabe in der ersten Märzwoche 2000 produziert wurde. Als sie nach dem 13. März platzte, war das Cluetrain-Sonderheft der brand eins schon in Druck. Auch Ulf J. Froitzheim bestätigt dies später in seinem Kommentar (s.u.).

 

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