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Ovid: Metamorphosen

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Es gibt Texte, von denen man sagt, sie hätten eine Generation geprägt. Bei manchen spricht man gar von “Jahrhundertwerken“. Aber die Inhalte zweier Bücher haben unsere sogenannte abendländische Kultur und insbesondere Kunst und Literatur über die letzten zwei Tausend Jahre durchzogen, wie keine anderen: das sind die Bibel und die Metamorphosen von Ovid.

Claude Lorrain: “Ariadne auf Naxos”.
 
„Kommt ein neuer Gott gegangen, hingegeben sind wir stumm!“ verspottet Zerbinetta im Libretto von Hugo von Hofmannsthal zu Richard Strauss’ Oper, als sich Ariadne von Bacchus trösten lässt – und Theseus offenbar schon wieder vergessen hat. Und Bacchus setzt die Krone Ariadnes als Sternbild an den Himmel und der treuen Spinnerin ein ewiges Denkmal:
desertae et multa querenti
amplexus et opem Liber tulit, utque perenni
sidere clara foret, sumptam de fronte coronam
inmisit caelo: tenues volat illa per auras
dumque volat, gemmae nitidos vertuntur in ignes
1606 malte Adam Elsheimer diese Illustration zu “Acis und Galatea”. Elsheimer übernimmt die große Perspektive der Landschaftsschilderung Ovids und verzichtet komplett auf die Darstellung der Personen.
 
Das Bild, oft auch unter dem Titel “Aurora” genannt, gilt als die erste reine Landschaftsmalerei – so modern, dass spätere Zeitgenossen doch noch Figuren an den linken Rand setzten.
Die alchimistische Prachthandschrift Splendor Solis aus dem 16. Jahrhundert – hier aus dem Berliner Kupferstichkabinett – zeigt den Weg zum Stein der Weisen in zweiundzwanzig Miniaturen, die als Pforten, wie von Mauerwerk umrahmt, den Blick auf den jeweils nächsten Raum chymischer Erleuchtung freigeben. Auch die Miniatur zur 11. Pforte, Läuterung im Kessel der Wiedergeburt, verweist direkt auf Ovid: das Relief in der Basis der Säule rechts zeigt Pygmalion bei der Schaffung seiner Traumfrau.
 
Im alchimistischen Text zu diesem Bild findet sich eine Umschreibung von ‘Medea und Pelias’:
 
“Das siebte Gleichnis: Ovidius der alte Römer hat dergleichen angezeigt: von dem weisen Alten der da wollte sich wiederum verjüngen. Er sollte sich lassen zerteilen und kochen, bis zu seiner vollkommenen Kochung und nicht mehr …”. Freilich erging es dem armen Pelias dabei nicht gut: die grausame Medea hatte statt ihres Zaubertrankes nur wirkungslose Käuter in den Kessel gegeben!
Nicolas Poussins “Midas und Bacchus” aus der Münchner Pinakothek sinkt in Reiner-Werner Fassbinders Kammerspiel “Die bitteren Tränen der Petra von Kant” zur Fototapete im Schlafzimmer der Protagonistin ab. Die reiche Modedesignerin Petra von kant kann man dadurch unschwer als moderne Variante des Königs sehen, der zwar alles zu Gold werden lässt, was er berührt, darob aber ums Haar verhungert und verdurstet.
Polyphem / Triumph der Galatea von Raffael und Schülern.
 
Agostino Chigi, der reichste Mann des 16. Jahrhunderts erbaute auf dem linken Tiberufer seine römische Residenz, die heute nach ihrem späteren Besitzer als “Villa Farnesina” benannt ist. Chigi hatte den Palast für sich und seine Geliebte, die Venezianerin Francesca Ordeaschi. Das bemerkenswerte an dieser Beziehung ist, dass es sich wohl tatsächlich um eine reine Liebesbeziehung gehandelt haben muss – vollkommen unstandesgemäß, die Braut im Rufe einer Kurtisane, wurde diese Liebe durch Papst Leo X. schließlich zur Ehe legitimiert.
 
Die Villa lies Chigi durch Raffael und dessen Schule mit Fresken zu Ovids Metamorphosen ausstatten. Das durchgehende Motiv: die Liebe. Mit am berühmtesten ist Raffaels “Triumph der Galatea”.
 
Ovids Episode ist auf der einen Seite – wie das Bild Elsheimers es gut umsetzt – voll luftiger Schönheit, auf der anderen Seite finden wir auch Momente von geradezu humoristischer Fallhöhe:
 
Der ungeschlachte Zyklop Polyphem nämlich versucht seine angebetete Galatea – die Milchweiße, wie sich der Name schließlich wörtlich liest – mit süßen Worten auf seine Seite zu bringen:
“Weißer als das Blatt des schneeweißen Ligusters, Galatea, blühender als Wiesen, schlanker als eine aufstrebende Erle, … , spielerischer als ein zartes Zicklein (!), glatter als beständig vom Meer gescheurte Muscheln, …, schimmernder als Eis, süßer als eine reife Traube, weicher als Schwanenflaum und weißer als Käse …” (deutsch von Michael von Albrecht)
 
“Candidior folio nivei Galatea ligustri,
floridior pratis, longa procerior alno,
…, tenero lascivior haedo,
levior adsiduo detritis aequore conchis,

lucidior glacie, matura dulcior uva,
mollior et cycni plumis et lacta coacto; …”
“Metamorphose in der Not”, die Paul Klee kurz vor seinem Tod 1939 zeichnete, verbildlicht die Hoffnung auf Befreiung vom unheilbar kranken Leib, von einer Umwandlung in ein anderes Wesen – durch das Mitleid der Götter, wie bei Ovid. Klee starb 1940 nach langem Leiden an einer unheilbaren Krankheit.

Geschrieben kurz nach der Zeitenwende, blieben Ovids “Fünfzehn Bücher der Verwandlung” mehr oder weniger durchgehend bis ins neunzehnte Jahrhundert der Grundstoff für Literatur, Theater, Bildhauerei und besonders die Malerei. Von Geoffrey ChaucerWilliam Shakespeare bis zu  Ted Hughes und den Simpsons, von Adam Elsheimer, Claude Lorrain, Peter Paul Rubens bis Ian Hamilton Finley; Tausende von Kunstwerken.

Bereits im 13. Jahrhundert in viele mittelalterliche Volkssprachen übertragen, sind es in Wahrheit meist Erzählungen aus den Metamorphosen, welche man so gemeinhin als die “Griechisch-Römische Mythologie” bezeichnet.

Es ist kein Wunder, dass gerade die Malerei so sehr von Ovid beeinflusst wurde. Die Geschichten sind so ungemein Bildhaft, ja geradezu ikonisch, wenn vom Beginn der Welt bis zum Tod Caesars mehr als zweihundertfünfzig Charaktere ihre Gestalt wandeln (oder in neue Gestalt verwandelt werden) – aus einem Menschen, einem Faun oder einer Nymphe werden Flüsse, Gebirge, alle möglichen Tiere. Aber die Qualität von Ovids Erzähl- und Dichtkunst ist nicht auf eingängige Schilderungen bekannter oder abseitiger Mythen beschränkt.

Die einzelnen Episoden der Verwandlungen beginnen typischer Weise in einer großartigen Totalen, in der unser Blick wie aus weiter Entfernung über die Landschaft gleitet, die sich in der Ferne im Dunst verliert. Wie zufällig entsteht am Bildrand der Ort der eigentlichen Handlung, die Helden tauchen auf, und wir kommen immer näher, bis wir vollständig teilhaben, an den Gedanken und Gefühlen der Handelnden. Und aus diesen Gefühlen motiviert sich dann das Verhalten der Personen, die in genau diesem Augenblick auf den Wendepunkt ihres Lebens zustreben. Fast in allen Geschichten ist die Antriebskraft der Handlung die Liebe. Unerfüllte Liebe, Eifersucht auf die glücklich Liebenden, oder auch Mutter- und Vaterliebe; das Ende meist tragisch und voll drastischer Grausamkeit – aber nicht selten werden die unglücklichen Helden von einer nachsichtigen Gottheit gerade durch die Verwandlung aus ihrer Not befreit.
***

Über dieser ersten, erzählerischen Ebene mit den drei Handlungsperspektiven – psychologisches Innenleben der Helden, äußere “Spiel-”Handlung und Schilderung des Ortes und der Landschaft – liegt eine zweite, metaphorische Schicht. Hier sehen wir im Seelenleben der handelnden Personen das allgemein Menschliche: Sehnsucht, Freude, Schmerz, Trauer und Trost. Gut und Böse sind selten klar, vielmehr können wir meist mit beide Seiten fühlen, da Ovid sein Handlungspersonal derart empatisch schildert und nicht selten sogar direkt im Text zu Mitgefühl aufruft.

Eine dritte Ebene kann man allegorisch lesen. Um unsere Umwelt zu begreifen, bedienen wir uns Bildern, da die “Dinge ansich” für uns gar nicht direkt fassbar sind. Nietzsche spricht von einer “Metamorphose der Welt in den Menschen” hinein. Fast alle Verwandlungsgeschichten bei Ovid erklären bildhaft geografische, biologische oder phyisikalische Phenomäne und machen abstrakte Vorstellungen und philosophische Begriffe sichtbar.

Die Verwandlung als Prinzip der Schöpfung wurde so schließlich ein Gerüst der Alchimie im Mittelalter und der frühen Neuzeit. Ovids Metamorphosen lasen die Adepten der chimischen Kunst als das ineinander Überführen von Materie, von einem Zustand zum Nächsten. Allegorische Schemata, nach denen wir die Welt erkennen können, bieten die fünfzehn Bücher der Verwandlung bis heute. Zum Beispiel unsere Vorstellung von “Chaos” als abstraktem Begriff leitet sich direkt aus dem eindrucksvollen Anfang des ersten Buches ab:

Ante mare et terras et quod tegit omnia caelum /
unus erat toto naturae vultus in orbe, /
quem dixere Chaos: rudis indigestaque moles, /
nec quicquam nisi pondus iners congestaque eodem /
non bene iunctarum discordia semina rerum.

Bevor es das Meer, das Land und den Himmel gab, der alles schützt, /
hatte die Natur überall ein einheitliches Gesicht, /
zu dem sagte man Chaos: eine rohe, ungeordnete Masse, /
nichts als träges Gewicht und auf einen Haufen /
die nicht gut zusammengefügten, widerstreitenden Samen der Dinge.
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Die zahlreichen literarischen Übersetzungen der Metamorphosen sind oft viel mehr in ihrer eigenen Zeit verhaftet, als das Original. Auf Deutsch ist das z. B. die viel zitierte Übertragung von Joh. Heinrich Voß, dessen Verse die dichte lateinische Grammatik mit betulichen Füllwörtern und Einschüben auffüllen, um das Versmaß wenigstens einigermaßen einhalten zu können. Das Ergebnis liest sich heute staubig und unfrisch.  Es ist doch bemerkenswert, wie die Jahrhunderte seit Ovids Zeit inzwischen veraltet und ins Geschichtliche abgesunken sind!

Besser sind moderne, texttreue Übersetzungen, schon alleine, weil dort die Möglichkeit besteht, auf dichterische Besonderheiten hinzuweisen, die bei einer literarischen Übertragung stets wegfallen müssen.

Ovids Worte selbst aber sind nach mehr als zweitausend Jahren unverändert schön und berührend.

Wozu noch Verlage?

Was konnte er dafür, daß er in der Literatur sein ganzes Leben lang ›nur‹ Verleger gewesen war? Er hatte begriffen, daß die Literatur einen Verleger nötig hatte, und er hatte das sehr zur rechten Zeit begriffen; dafür sei ihm Ehre und Ruhm – natürlich von der Art, wie es einem Verleger zukommt.
(F.M. Dostojewski)

Online-Journalismus? Ich habe diese Bindestrich-Journalismen sowieso nie so richtig verstanden, aber mit Online-Journalismus (Wikipedia: “Aufbauprinzip ist der nicht-lineare Hypertext” tue ich mich besonders schwer. Geht es um Online als Werkzeug für die journalistische Recherche oder redaktionelle Abläufe oder um Online als Gattung? Auf dem 6. Frankfurter Tag des Online-Journalismus bin ich auf beide Strömungen gestoßen. Ich glaube, dass etwas mehr Klarheit in dieser Unterscheidung für den Online-Journalismus (wie auch immer gemeint) wichtig wäre.

So plätscherte das Abschlusspodium zwischen Jakob Augstein (Der Freitag), Mercedes Bunz (Guardian), Stephan Baumann (DFKI) und mir eher beschaulich vor sich hin, ohne dass das Diskussionspotential dieser Fragen genutzt wurde. Zum Beispiel für die Klärung der Frage, ob das Thema Blogger vs. Journalisten heute noch relevant sei. Hier wurde munter durcheinander und aneinander vorbei von Bloggern als Persönlichkeiten, Bloggen als Erwerbsquelle, Blogs als Publikationstechnologie und Blogposts als journalistische Form gesprochen.

Welche Funktion werden Verlage in Zukunft ausüben?

Für mich die spannendste Frage blieb leider unbeantwortet: Welche Funktion werden Verlage in Zukunft ausüben? Der klassische Verlagsbegriff sieht seit der frühen Neuzeit die Aufgabe des Verlegers darin, finanzielle Mittel und Rohstoffe wie Werkzeuge herbeizuschaffen (= “verlegen”), die für die Produktion einer Ware notwendig sind – ganz gleich ob es sich dabei um einen Teppich oder ein Buch handelt. Mit dem Aufkommen der industriellen Massengesellschaft bzw. Aufmerksamkeitsökonomie und der Zuspitzen des Verlagsbegriffs auf die Medienproduktion wurde dann der zweite Aspekt der Herstellung von Aufmerksamkeit für das Medium hinzu.

Wenn wir heute von digitalen Medien wie z.B. Blogs oder eBooks sprechen, passt die klassische Verlagsdefinition nicht mehr. Die Werkzeuge und Rohstoffe der Medienproduktion sind mittlerweile demokratisiert. WordPress und Mediawiki sind frei verfügbar. Jeder könnte also theoretisch publizistisch tätig werden. Viele tun genau dies. Auch für das Herstellen von Aufmerksamkeit kann die Verlagswelt kein Monopol mehr beanspruchen, da zunehmend die Empfehlung innerhalb sozialer Netzwerke bzw. einer themenbezogenen Community für die Rezeption eines Mediums wichtiger ist als klassische Marketingmaßnahmen. Buchbesprechungen in Zeitungen und das Auslegen von Flyern haben keinen nennenswerten Effekt auf den Absatz mehr, während Marketinginstrumente wie AdWords oder Suchmaschinenoptimierung Verlagen wie unabhängigen Publizisten gleichermaßen zur Verfügung stehen.


Wo also liegt heute noch die Aufgabe des Verlags? Auf dem Podium rückte ziemlich schnell der Aspekt der Finanzierung in den Mittelpunkt. So betonte Mercedes Bunz, dass guter Journalismus eben Geld koste und dafür brauche es einen Verlag. Ein Modell wie Wikipedia funktioniere nicht für den Journalismus. Diese Argumentation ist aus einer Slow-Media-Perspektive ebenso empirisch falsch wie politisch gefährlich.

Zum einen gibt es genügend Beispiele von Blogs, Foren oder Wikis, die außerhalb von Verlagen qualitativ hochwertigen Journalismus in Form von Kommentaren, Essays, Berichten etc. produzieren. Viel problematischer ist jedoch der andere Punkt. Wenn Verlage und Redakteure sich auf die Argumentation einlassen, dass die wichtigste Aufgabe des Verlags im digitalen Zeitalter in der Finanzierung von Journalismus liege, dann sehe ich keinen zwingenden Grund, warum die Medienlandschaft überhaupt noch Verlage braucht. Diese Aufgabe könnten auch Banken erledigen.


Wem daran liegt, dass Verlage auch in Zukunft noch eine Bedeutung haben sollen, der sollte sich nicht auf diese Argumentation einlassen und etwas mehr Phantasie bemühen, wenn es um die verlegerische Selbstbeschreibung geht. Wenn man gute, langsame Medien wie z.B. Wired, Brand eins oder Intelligent Life ansieht, dann machen die Verlage und Redakteure hier so unglaublich viel mehr als ihre Journalisten finanziell über Wasser zu halten. Sie diskutieren und setzen Themen, verbinden Design und Inhalt, arbeiten Ausgabe für Ausgabe am roten Faden ihres Mediums, garantieren ein hohes Qualitätsniveau und entwickeln ein Gespür für die Wünsche wie Erwartungen ihrer Leser. Dafür benötigt man Verlage heute wie in Zukunft und nicht allein für das regelmäßige Auszahlen des Taschengelds an ihre Mitarbeiter.

An diesen Stellen entsteht auch der Mehrwert zwischen den Gedanken im Kopf eines Autors und dem fertigen Produkt. Verlage, die ihrem Publikum nicht glaubhaft demonstrieren können, dass sie mehrwertfähig sind, haben nicht nur ein Kommunikationsproblem, sondern sind früher oder später in ihrer Existenz bedroht. Und das zu Recht.

Links zum Thema:

Was vom Druck übrig blieb

Gestern war Sperrmüll bei der Druckerei nebenan. Nachdem ich gestern schon ein großes O und drei Schubladen mit zu mir nach Hause genommen habe, bin ich heute morgen noch einmal an derselben Stelle vorbeigekommen. Der Sperrmüllwagen mit der großen Müllpresse hatte schon die sperrigen Müllberge in seinem Inneren verdaut und war weitergefahren. Die städtischen Angestellten hatten die kleinteiligen Reste in vorbildlicher Weise auf dem Bürgersteig zusammengekehrt. Trotzdem fand ich in den Winkeln des Kopfsteinpflasters noch winzige Lettern, winzig, zu klein für den Kehrbesen.

Und beim Anblick dieser winzigen ös und is und einem zierlichen c mit mikroskopischem Cedille kommt mir ein Gedanke: Wie unglaublich mühselig es war, etwas mit diesen winzigen Lettern aufs Papier zu bringen. Fingergeschick, Augenmaß, Laufweite, Winkelhaken, krummer Rücken. Und heute klickt man auf “publish” und fertig.

Slow Media und die knappe Zeit

Hat einer dreißig erst vorüber,
so ist er schon so gut wie tot.

Goethe, Faust II

“Warum Slow Media?” Die Frage bekommen wir auf unseren Veranstaltungen und in vielen Gesprächen immer wieder gestellt. “Was hat euch dazu gebracht, für mehr Langsamkeit im Mediengebrauch einzutreten?” Für mich ist Hippokrates vielzitierter Aphorismus Ὁ μὲν βίος βραχύς, ἡ δὲ τέχνη μακρά (bzw. Senecas noch prägnantere Form vita brevis, ars longa) das Fundament von Slow Media – ja, überhaupt von allen Strömungen der Slow-Bewegung.

Das Leben ist schlicht zu kurz, um sich mit schlechten Dingen zu umgeben, von schlechtem Essen zu ernähren oder eben schlechte Zeitschriften, Internetseiten oder Bücher zu lesen. Gerade in der Mitte des Leben rückt die letzte deadline (was für ein passender Begriff) unaufhaltsam näher und lässt sich nicht mehr aufhalten. So mäht der Tod von Altötting die Sekunden der verbleibenden Zeit mit der Sense.

Die entscheidende Frage, die in der Geistesgeschichte zu unterschiedlichen Antworten geführt hat, lautet: Wie umgehen mit diesem Missverhältnis zwischen Begrenztheit des Lebens und Unbegrenztheit der Künste? Wie umgehen mit dem Bewusstsein, sich allenfalls mit einem winzigen Bruchteil aller Bücher, Filme, Zeitschriften, Menschen näher auseinandersetzen zu können? Ganz grob skizziert, gibt es einen quantitativen und einen qualitativen Weg durch diese Zwickmühle.

Der quantitative oder auch protestantische Weg sieht vor, mit Hilfe eines strikten Plans, einer timetable, möglichst viel von dem Potential auszuschöpfen. Benjamin Franklins Losung “Zeit ist Geld” ist der deutlichste Ausdruck dieser Philosophie, bei der es darum geht, jede Sekunde des Tages in Wert zu setzen und nichts von dieser kostbaren Ressource durch Faulenzen oder gar Genuss zu vergeuden. Sparsamkeit ist das Ideal, nach dem die kurze verbleibende Lebenszeit ausgerichtet werden soll.

Ganz anders sieht der andere Weg aus, in dem es um die Qualität der kurzen Zeit geht. Hier ist es nicht das Ziel, möglichst viel Geschäfte in die begrenzte Zeit hineinzupressen – junge Erwachsene in den USA schaffen es zum Beispiel durch Parallelnutzung unterschiedlicher Medien 10:45 Stunden Medienzeit in nur 7:38 Stunden Lebenszeit zu stopfen, so dass Franklin angesichts dieser Effizienz sicher Beifall klatschen würde  -, sondern die Zeit möglichst gut zu verbringen. Unser Slow-Media-Manifest könnte man auch in einem Satz zusammenfassen: Die Zeit ist zu knapp für schlechte Medien.

Der Collège de France-Romanist Harald Weinrich beschreibt in seinem Buch “Knappe Zeit”, das ich an dieser Stelle wärmstens empfehlen kann, alle denkbaren Facetten dieses Phänomens. Im Mittelpunkt steht dabei der Dualismus zwischen dem greisen Chronos, der wie der Tod z’Eding unerbittlich mit hohem Tempo dem Ende entgegenrast, und dem jugendlichen Kairos, der auch optisch den weisen Gebrauch der Zeit beschreibt:

[A]ls auffälligstes Merkmal trägt er den Kopf fast kahl geschoren. Nur an der Stirnseite ist ein Haarschopf stehengeblieben. Will ein Irdischer diesen behenden Gott fassen und festhalten, so muß er ihn frontal annehmen und versuchen, ihn beim Schopf zu ergreifen. Wenn dieser Zugriff mißlingt, dann findet die Hand an dem glatten Schädel keinen Halt, und schon ist die rechte Zeit verpaßt und entglitten.

Auf für Medien gibt es einen rechten Zeitpunkt. Nicht jedes langsame oder schnelle Medium ist für jeden, immer und überall das richtige. Aber in vielen Fällen ist die langsame, inspirierende und nachhaltige Option die angenehmere Wahl, die das Gefühl vermittelt, die knappe verbleibende Zeit des Lebens gut erfüllt zu haben.

Paradoxerweise ist dies häufig auch die kostengünstigere Option. So wie der Kauf eines sehr guten, nie benutzten Teeservices aus Porzellan von 1957 auf dem Flohmarkt viel günstiger kommt als der Einkauf von namenloser Industrieware bei schwedischen Einrichtungshäusern oder von wie-alt-produzierter Ware in Nostalgiesupermärkten, ist der Genuss sehr gut hergestellter Bücher, die bereits eine Patina besitzen, günstiger als das Sammeln von Billig-Editionen der Tageszeitungsverlage. Slow Media ist aber nicht als Plädoyer für etwas, was man in Anlehnung an Stilmöbel als Stilmedien bezeichnen könnte, zu verstehen, sondern für authentische Medien, seien es neu am Zeitschriftenstand gekaufte (Wired, Intelligent Life, Make, Brand eins) oder eben Erbstücke. Für alles andere ist die Zeit zu schade.

Alte Geschichte

Der Geschichtsschreiber wirkt langsam,
und mehr auf die Nachwelt (Heinrich Döring, 1835)

“Soziologie ist aber keine richtige Wissenschaft,” hatte der Althistoriker immer wieder zu mir gesagt. Klar, wer ständig einen zeitlichen Horizont von 2000 Jahren vor der Nase hat, dem kommt die industriegesellschaftliche Moderne winzig und vielleicht sogar irrelevant vor. Auf die hat sich die Soziologie nun aber einmal spezialisiert. Leider. Denn deswegen spielt diese Disziplin heute, nach dem Ende der Industriegesellschaft, auch keine besonders herausragende Rolle mehr in der öffentlichen Meinung.

Für den Althistoriker ist an der Moderne nur das wichtig und interessant, was über sie hinausweist, beziehungsweise, was sie von anderen Epochen wie zum Beispiel dem römischen Kaiserreich abhebt. Das alles wird er aber in 200 Jahren ebenso gut an den schriftlichen und steinernen Zeugen ablesen können. Es eilt nicht. Die Gegenwart der Gegenwart ist aus dieser langsamen Perspektive sowieso nur die Vergangenheit von Morgen.

Althistoriker haben Zeit. Sie zitieren nicht das Gerede ihrer Kollegen, sondern greifen in ihren Referenzen gerne weit zurück in die Welt der bleibenden Werke. Wer mit bloßer Hand canabae legionis unter der dalmatinischen Sonne ausgegraben hat, lebt zur Hälfte sowieso in der römischen Kaiserzeit. Und die andere Hälfte stört es auch nicht, wenn sie sich auf Literatur beruft, die geschrieben wurde, als noch niemand absehen konnte, dass der Bundespräsident einmal in einem verregneten Frühsommer beleidigt hinwerfen würde, ja nicht einmal, dass es einmal so etwas wie einen Bundespräsidenten geben würde. Der Althistoriker hat übrigens noch bis in die 70er Jahre hinein auf Latein publiziert. Heute findet man auch in der historischen Fachliteratur zunehmend Übersetzungen lateinischer oder griechischer Zitate.

Die Bücher, die er mir vererbt hat, vielleicht unter missionarischen Hintergedanken, sind teilweise ziemlich alt. Aber nicht manufactum-alt wie die technisch perfekte Nachdruckmassenware, sondern Patina-alt, wie es nur Bücher sein können, die Generationen von Wissenschaftlern zum Nachschlagen aus den Regalen gezogen haben. Leider fehlt der zweite Band des Ur-Paulys von 1835, der Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, in dem die historischen Schlagwörter zwischen By und E ausgebreitet werden. Damals haben die biedermeierlichen Historiker ihre Bücher bei einem Buchbinder in Auftrag gegeben, bevor sie in die Bibliothek kamen. Deshalb lässt sich diese Lücke nicht nachkaufen, ja nicht einmal nachsammeln. Die Kombination von the medium und the message ist hier ein Unikat, ganz zu schweigen von der Patina, die sich wie ein Kopierschutz über Einband und Seiten gelegt hat.

Ich habe aus einem dieser alten Bücher in meiner Doktorarbeit zitiert. Leider konnte der Historiker das nicht mehr erleben. Wahrscheinlich hätte es ihm gefallen, als ein nur für Eingeweihte wahrnehmbares Zugeständnis, dass die schnelle Wissenschaft der Soziologie ohne das langsame zeitliche Gerüst der Geschichte nicht tragfähig ist.

De mémoire, de réflexion
et pas simplement d’informations.

Jaques Delors über Slow Media

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“Lord Weidenfeld peut opposer à ces violentes critiques [des médias; e.g. Lazarsfeld "The rape of crowds by political propaganda"], d’une part la dette de la démocratie envers les médias, dits lents, que sont le journal et le livre. Ils ont beaucoup contribué à l’éveil et au développement de la démocratie. Et il peut aussi mieux que tout autre, par son action pendant la guerre, indiquer la dette que nous avons envers les libertés lorsque, comme lui, on tentait de diffuser au-delà du terrain de la guerre et des atrocités une vision du monde plus acceptable et un avenir que l’on pouvait croire meilleur. Mais puisque j’ai évoqué les médias lents par opposition aux médias courts, je ne peux m’empêcher de plaider pour la vigilance à l’égard de ces médias courts. Vigilance ne veut pas dire procès. Nous avons besoin de mémoire, de réflexion et pas simplement d’informations. Cette réflexion me vient tout naturellement à l’esprit en pensant aux types d’informations qui concernent la construction européenne.”

Die Medien als Mittel der Stabilisierung von Demokratie und als Waffe gegen Willkür und Grausamkeit verteidigt Jacques Delors in seiner Rede anlässlich der Verleihung der Karlsmedallie an George Weidenfeld gegen die ideologischen Kritiker: Poison à ne pas avaler – die Medien sind viel mehr, als Vergewaltigung der Massen durch politische Propaganda. Und dabei nimmt Delors bereits vor zehn Jahren eine Differenzierung vor, die in wenigen Worten unsere Gedanken des Slow Media Manifest vorwegnimmt: “… ich komme nicht umhin, die Wachsamkeit gegenüber diesen Kurzfrist-Medien zu beschwören.” Besonders der heikle, oft von der nationalen Mythisierung vergiftete Prozess der friedlichen Einigung Europas ist anfällig gegenüber verkürzter Darstellung und kaum auf die Schlagworte der Médias Courts zu reduzieren.

“Gedächtnis, Reflektion und nicht nur Information” machen nach Jacques Delors im Gegensatz dazu die Medias Lents aus, die Slow Media. Und entsprechend endet seine Laudatio auf den wahrhaft kosmopoliten Verleger Weidenfeld mit einem Zitat des UNESCO-Generalsekretärs Federico Mayor über das Fortbestehen des Buches:

“Das Buch ist das unersetzbare Transportmittel, ungleich weiter, als der Rundfunkt reicht es in in die Welt der Information und des Wissens, der Träume und der Erlösung, und es gibt nichts, das uns das Recht gibt, sein anstehendes Verschwinden vorherzusagen.

Und in was Nachhaltigkeit und Dauer von Medien betrifft, davon sprach der Vorsitzende des UNESCO-Aufsichtsrats Golan Ali Raadi anlässlich der Einweihung des Hauptquartiers in Paris mit den Worten Firdausis:

Die fest-gefügtesten Gebäude zerfallen unter dem Einfluss von Regen und der brennenden Sonne,
Aber weder Wind noch Regen wird dem Denkmal etwas anhaben, das meine Verse errichtet haben.

Papier und ökologische Nachhaltigkeit

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Traunsteiner Salzmeierzyklus “Nachhaltigkeit”, sagt der Mann in dem Video auf der Leinwand, “das ist für mich wenn man immer dasselbe macht. Das Gegenteil von flexibel”.
- Für mich einer der stärksten Momente auf dem Mediamundo Kongress zur nachhaltigen Medienproduktion, der dieser Tage in Berlin stattfand.

Für die einen ist der Begriff schon zum Marketing-Buzzword verkommen, während er für die meisten Menschen schlicht missverstanden wird. Gute Voraussetzungen, eine leere Hülse zu werden, ein toter Begriff.

Der Term Nachhaltigkeit stammt aus der Forstwirtschaft. Den Waldbauern ist bereits seit Jahrhunderten klar, dass man nur soviel abholzen darf, wie nachwachsen kann – da in dieser Industrie oft zwei oder mehr Generationen zwischen Saat und Ernte vergehen, ist es nicht verwunderlich, dass spätestens mit Aufkommen sehr holzintensiver Produkte am Ende des Mittelalters, wie den wachsenden Flotten immer größerer Segelschiffe oder den Salinen mit stark zunehmendem Bedarf an Brennstoff zum Verdampfen der Sole, die nachhaltige Wirtschaft explizit in die Ökonomie Eingang gefunden hatte. Erst im Zeitalter des Stahl und der Steinkohle – später des Erdöls – wurde das Konzept Nachhaltigkeit zunächst scheinbar überflüssig.

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Von den etwa 390 Millionen Tonnen Papier, die jährlich produziert werden, verbrauchen Europa und die USA alleine knapp die Hälfte. Deutschland, mit einem pro-Kopf-Verbrauch von 256 kg pro Jahr (1950 waren es gerade einmal 40 kg), liegt dabei nur knapp hinter den USA und weit über dem europäischen Durchschnitt. Alleine der Anteil von 7,4 Millionen Tonnen Papier in Deutschland, die aus frisch geschlagenem Holz und nicht aus Altpapier hergestellt werden, entspricht etwa der Menge die Afrika als Ganzes verbraucht. Zunächst sind es die gewaltigen Waldflächen – 20% der globalen Holzernte werden für Papier verwendet; mehr als 50 Millionen Kubikmeter alleine in Deutschland. Daneben schlägt vor allem der Wasserverbrauch bei der Papierherstellung zu Buche. 7 Liter Wasser werden für ein Kilogramm Papier verbraucht, der größte Teil davon bleibt als giftiges Abwasser zurück.

Bis Druckerzeugnis nachhaltig produziert werden, scheint es also noch ein weiter Weg. Zwar werden Tageszeitungen heute vollständig aus Altpapier hergestellt, bei allen anderen Drucksachen ist der Altpapieranteil aber seit Jahren rückläufig. Es gilt drei Ziele zu verfolgen, sollen Printmedien ökologisch nachhaltig werden:

1) Vermeiden
Insbesondere bei Werbedrucksachen bleibt es unverständlich, wie selbst grundsätzlich wertvolle Marken ungeniert Spam-Mailings an nahezu ungefilterte Verteiler schicken. Auch die Katalogversender schaffen es so gut wie nie, sich auf Kunden einzustellen, die das Altpapier leid sind, das regelmäßig Briefkasten und Papiertonne verstopft. Von den Schweinebauchanzeigen und Beilegern, die die meisten Zeitungsleser ohnehin aus der Zeitung direkt in die Tonne schütteln (“de-bonning” – ja, das hat sogar einen Namen!). Dann das Ausdrucken von Mails und anderem Büro-Kram. Und schließlich auch ein Appell an die Drucker-Hersteller: solange es selbst technisch geschultes Personal nicht schafft, auf Anhieb zweiseitig Auszudrucken, bleibt die Rückseite eben ungenutzt.

2) Wiederverwerten
Recycling-Papier muss wieder Standard werden. Die öffentlichen Verwaltungen in Deutschland berufen oft sich auf EU-Recht und sehen in der Einschränkung auf bestimmte Papiersorten eine Wettbewerbsverzerrung. Auch bei öffentlichen Ausschreibungen wird keine Recycling-Quote vorgegeben. Dass dies nur ein Vorwand ist, belegen die Niederlande mit ihrer Selbstverpflichtung zu ökologischem Papier in der Verwaltung. Aber auch hier sind die Hardware-Hersteller gefragt: solange unklar bleibt, inwieweit Recycling-Papier zu höherem Verschleiß und häufigerer Wartung der Geräte führt, bleibt beim Einsatz von Recycling-Papier zumindest Unsicherheit.

3) Zertifizieren
Auch eine strikt ökologisch Ausgerichtete Druckerei ist auf Papier mit Frischfasern angewiesen. Auf Bäume als Rohstoff ist nicht zu verzichten. Aber genau hier liegt ja eine der Stärken von Papier im Vergleich etwa zu elektronischen Medien: es ist nachwachsender Rohstoff, ja in gewissem Umfang wird sogar CO2 in Papier dauerhaft gebunden. Es ist Zeit für eine Rückbesinnung auf die Waldwirtschaft der Zeit vor der industriellen Revolution – das Holz, dass geschlagen wird, nachwachsen lassen.

International transparente Testate wie die Zertifizierung der Forest Stewardship Council geben den Papierverarbeitern die Sicherheit, tatsächlich nachhaltig produzierten Rohstoff zu kaufen und nicht nur Greenwashing zu betreiben. Erfreulicher Weise wird das FSC-Zertifikat bereits in weiten Teilen der Industrie anerkannt und eingesetzt. Die Nachfrage nach sauberem Holz ist allerdings so stark, dass es kaum möglich ist, den Bedarf mit FSC-Zertifiziertem Wald zu decken. Damit es nicht reine Utopie bleibt, muss ein Zertifikat Kompromisse eingehen, was natürlich auch nicht unproblematisch ist. “Während wir für die einen schon als unglaubwürdig gelten, sind unsere Kriterien für viele andere gleichzeitig immernoch unbezahlbar.”, beschreibt Uwe Sayer von FSC Deutschland die Zwickmühle zwischen Glaubwürdigkeit und Praxis.

***

Papier ist ein wunderbares Medium – es hält seinen Inhalt unter einigermaßen guten Bedingungen über Jahrhunderte lesbar. Keine Abspielgeräte sind notwendig, keine Stromversorgung. Unter diesem Aspekt ist Papier an sich schon immer nachhaltig. Umso wichtiger ist es, jetzt den Schritt zu gehen, auch der Papiererzeugung eine langfristige Perspektive für die Zukunft zu geben!

“Nein, das ist eine Überraschung! Und eine herrliche Überraschung!” sagte das Papier. “Nun bin ich feiner als zuvor, und nun werde ich beschrieben werden! Was kann nicht alles geschrieben werden! Das ist doch ein außerordentliches Glück!” Es wurden die allerschönsten Geschichten darauf geschrieben, und die Leute hörten, was darauf stand, und es war richtig und gut, es machte die Menschen weit klüger und besser, als sie bisher waren, es war ein wahrer Segen, der dem Papier in den Worten gegeben war. Hans Christian Andersen, Der Flachs.

This is the end of publishing

(auf us.penguingroup.com)

Die Wallfahrer

Von Tuntenhausen nach WeihenlindenWir haben wohl hienieden
Kein Haus an keinem Ort,
Es reisen die Gedanken
Zur Heimat ewig fort.

Allein die Zeitspanne, in der Carl Amery seine Romanfiguren auftreten lässt, ist unzweifelhaft slow. Am Anfang des Romans “Die Wallfahrer” steht das wundertätige Verlöbnis des Innsbrucker Einsiedlers Gropp zur Muttergottes von Tuntenhausen im Jahr 1641. Dann macht sich 1782 eine bunte Runde Wasserburger Laienschauspieler inklusive Freimaurer auf den Weg, um auf einer Wallfahrt nach Tuntenhausen die Große Nachricht von der nahenden Sintflut zu verkünden:

“Die Nachricht von der Universalen Wallfahrt, die allenthalben und aus allen Zeiten, aber möglichst sogleich aufzubrechen habe, wenn anders die krachenden Säume der Welt noch halten und die sieben Siegel des Gerichts nicht vollends aufgesprengt werden sollten.”

Mit dem dritten Pilger, dem Grafen Innozenz Maria I von Busselwang-T., wird das Wallfahren deutlich politischer. Nicht mehr die Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit oder die herannahende Katastrophe steht im Mittelpunkt des Gräflichen Planens und Organisierens, sondern die politische Mission eines bäuerlichen Reformprogrammes. Mit dem jüngsten Akteur Marco von B., der Mörder von Kurt Eisner, gerät in den Trubel gerät die Pilgerroute in das verhängnisvolle Spannungsfeld zwischen völkischen und katholischen Bewegungen im Bayern nach dem Ersten Weltkrieg. Am Science-Fiction-tauglichen Ende steht dann das “Tschiritt” des Roten Klammerhörnchens, das durch die Hochbaumetage des mittlerweile menschenleeren Chiemgaus des Jahres 50.000.868 springt.

Von Tuntenhausen nach WeihenlindenDurch die zahlreichen Wallfahrten nach Tuntenhausen scheint kontinuierlich das Long Now der Religion. Die einzelnen Episoden finden zwar in großem zeitlichen Abstand zueinander statt, durchdringen sich aber immer wieder. In Anlehnung an Charles Taylor könnte man dies wie folgt ausdrücken: Die vertikale Dimension des Sakralen bricht in die empirisch-reale horizontale Lebenswelt hinein. Ein Beispiel dafür ist der Weg des Grafen Innozenz Maria I zu einer Wunderheilerin, auf dem auf einmal Elemente der 80er Jahre des 20. in die des 19. Jahrhunderts durchscheinen:

“Reiterhof Hechsenraith stand weiß auf blankem grünem Emailblech, ein schwarzer Roßkopf darüber, ein roter Pfeil darunter; [...] Es war ihm klar, daß mit dem Schild etwas nicht stimmte: solche Materialien, solche Farben waren nicht zu haben – oder zumindest hierorts nicht üblich.”

Aber diese Begleiterscheinungen der krachenden Säume der Welt irritieren die Menschen nicht allzu sehr. Sie nehmen diese umgekehrten Madeleine-Erlebnisse als Bestätigung ihres Tuns, ihrer Wallfahrt hin. Ganz anders als zum Beispiel die Kleinstadtbewohner in Philip K. Dicks “Time Out Of Joint“, für die das reflexartige Tasten nach einem Lichtschalter, den es gar nicht gibt und noch nie gab, zu einer tiefen psychologischen Krise führt. Der Menschen Pilgerschaft auf Erden, so könnte man das mit Bernhard Setzwein lesen, ist zu einem bloßen Feiertagsritual verkümmert. An dieser Stelle wird der Roman dann doch ganz modern: Da sie die Zeichen nicht erkennt, muss die Menschheit letzten Endes auch untergehen (anders als in dem zehn Jahre zuvor erschienenen “Untergang der Stadt Passau” gibt es hier kein Danach mehr). So endet der Roman des Grünen Vordenkers Amery mit einer Erde, die ganz bei sich sein kann.

Thesaurus proverbiorum medii aevi

Samuel Singer "Thesaurus proverbiorum medii aevi"Bei der Auswahl der praktischen Beispiele für Slow Media, die wir nach und nach auf diesem Blog zusammentragen, ist mir schon vor längerem aufgefallen: Unter den Büchern und Internetseiten, die mir einfallen, sind sehr viele Lexika, Enzyklopädien und Datenbanken. Dabei bin ich mir nicht ganz sicher, ob Lexika als solche schon eine besondere Qualität im Sinne der Slow Media besitzen. Oder ist es nur ein persönliches Faible für die darin im Idealfall anzutreffende gut kuratierte Auswahl an Wissenswertem zu einem mehr oder weniger breiten Thema? Sind Lexika slow oder ist es nur meine Art in ihnen querzulesen und mich mit dem Finger von Querverweis zu Querverweis vorzuarbeiten?

Ob objektive Eigenschaft des Mediums oder nur meine möglicherweise nicht repräsentative Art, mit ihnen umzugehen: Der “Thesaurus proverbiorum medii aevi” von Samuel Singer (1860-1948, diesem Rezensenten nach “nicht nur ein seriöser Gelehrter, sondern auch ein Geniesser, Freund von Volkstümlichem und Sinnlichem und Liebhaber von Frauen und Katzen“) ist für mich eines der langsamsten und zugleich auch unterhaltsamsten Bücher, denen ich begegnet bin. Hier stimmt alles – vom lateinischen Titel (“Thesaurus“, das ist fast so schön wie “Summa” oder “Codex“) über den Verlag (Weh-deh-geh) bis zu der langsamen Entstehungszeit (19. Jahrhunderts bis 2002). Aber dieses Buch ist wie fast noch keines der in diesem Blog präsentierten – Luxus. Wer sich alle 13 Bände von “A” bis “zwölf” für das Bücherregal im Arbeitszimmer zulegen möchte, ist mit guten 2.000 EUR dabei.

Aber dafür bekommt der Leser auch eine unendliche Vielfalt von Sprichwörtern aus dem romanischen und germanischen Mittelalter – von Französisch, Provenzalisch, Katalanisch, Spanisch, Portugiesisch, Altnordisch, Englisch, Niederländisch, Deutsch, Latein bis Griechisch reicht die sprachliche Welt, die hier in hunderttausenden Sprichwörtern aufgespannt wird. Dieser Blick auf das universalistische humanistische Erbe Europas ist so erfrischend weit entfernt von dem um die Jahrhundertwende so üblichen Nationalchauvinismus. Überhaupt sind hier so viele Anregungen verborgen, die unsere digitale Welt in einem neuen Licht erscheinen lassen, gerade durch die so fremdartigen Formulierungen. Zum Beispiel zum Thema Freundschaft:

“E cuia s’om aver amic Lai on no s’a ges amiguot” (Und man glaubt da einen Freund zu haben, wo man nicht einmal ein Freundchen hat).

Oder auf der anderen Seite:

“Esa es mi amigo, el que muele en mi molinillo” (Derjenige ist mein Freund, der in meiner Mühle mahlt)

Social Networks wie Facebook, Myspace oder StudiVZ als Mühlen, in denen gemeinschaftlich das Mehl für ein gutes Brot gemahlen wird. Schließlich noch:

“Entre deux amis n’a que deux paroles” (Zwischen zwei Freunden braucht es nur zwei Worte)

Was für ein schönes Plädoyer für das alltägliche Zusammenleben mit seinen Freunden auf Twitter.

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Wer keine 2.000 Euro für diese Reihe ausgeben möchte oder kann, dem ist zu empfehlen, einen Bibliothekslesesaal in der Nähe aufzusuchen und dort in Welt der mittelalterlichen Sprichwörter einzutauchen. Eine besonders passende Atmosphäre bietet hier der Handschriftenlesesaal der Bayerischen Staatsbibliothek in München.

In Auszügen lassen sich diese Bücher auch über die Google-Buchsuche lesen – zu Zufallsfunden kommt es dabei allerdings viel seltener.