Slow Coding

von Regine Heidorn, Bit-Boutique®.

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Die atemberaubende Geschwindigkeit, in der manche Produkte des Programmierens wie Software oder Webseiten zu entstehen scheinen, mag darüber hinwegtäuschen, daß Programmieren keine schnelle Tätigkeit ist.

Code is poetry – der von WordPress okkupierte Slogan – steht für eine der vielen Bewegungen digitaler Poesie, die mit dem Erscheinen der Zuse-Großrechner seit Mitte der 1950er Jahre entstand. Künstliche Texte entstehen durch programmatisches Austauschen von Wörtern, etwa die Anweisung “Ersetze jedes n-te Substantiv eines Textes durch das an n-ter Stelle folgende Substantiv in einem bestimmten Wörterbuch“ – eines der Experimente der 1960 in Frankreich gegründeten Gruppe Oulipo (Ouvroir de Littérature Potentielle, Arbeitsgruppe für Potentielle Literatur), die Texte als Werkstoffe betrachtet und unter Labor-Bedingungen die Potentiale der Ästhetik künstlicher Texte auslotet.

Code is poetry – in Bezug auf die Produktion von Programmiercode verdichten sich Anforderungen an effiziente, weil dichte Textproduktion. Gekennzeichnet von möglichst wenigen Zeilen Code unter Verwendung möglichst weniger Zeichen in möglichst klarer Benennung sowohl der Elemente der zugrundeliegenden Programmiersprache als auch der vom Autor frei wählbaren Elemente wie Variablen und Funktionen. Je weniger Zeichen und Zeilen Code desto weniger Tipp-Arbeit bei der Text-Entstehung. Je sprechender die Bezeichnungen, je semantisch unmißverständlicher, desto leichter die Wartbarkeit. Zahlreiche Diskussionen über die Struktur einer optimalen Programmiersprache landen bei diesen Grundanforderungen.

Der Sinn von Programmierung besteht darin, ähnlich der Fließbandfertigung von Massengütern Abläufe in wiederkehrende Schritte zu unterteilen. Damit ist ein erstes Kriterium für den Einsatz von Programmierung definiert: der zu programmierende Prozess wird konzeptionell vorweggenommen und der Aufwand geschätzt. Wer hier zu viel Schnelligkeit antizipiert, riskiert aus dem Ruder laufende Budgets. Mithin, um im Bild zu bleiben, Projekte, die nicht mehr steuerbar sind. Damit offenbart sich ein weiteres Kriterium für den Einsatz von Programmierung: der Aufwand für die Programmierung bemißt sich nach dem definierten Ziel eines Arbeitsschrittes oder aus mehreren Arbeitsschritten bestehenden Arbeitsablaufs. Die Transformation in eine Programmierung lohnt sich, wenn der Aufwand für die Erstellung eines programmierten Produkts und dessen Integration in die bestehenden Arbeitsabläufe die Aufwände für die zu ersetzenden Abläufe unterschreitet.

Diese Vorgehensweise setzt voraus, daß der Aufwand für eine Programmierung im Voraus festgesetzt werden könnte. Dabei ist es selten möglich, auf bereits vorhandene Software oder eine Sammlung von Skripten zuzugreifen, ohne diese auf die tatsächliche Verwendbarkeit im spezifischen Fall zu prüfen. Programmierprozesse umfassen eine Vielzahl von Grundvoraussetzungen, die einem permanenten technischen Wandel unterliegen: die gewählte Programmiersprache selbst unterliegt genauso wie unsere Alltagssprache einem ständigen Wandel. Manche wohlvertrauten Script-Libraries oder Frameworks werden nicht mehr aktualisiert, (neue) Hardware ist inkompatibel zu etablierten Programmier-Gewohnheiten, die Nutzung veralteter Hard- und Software beim Auftraggeber verhindert die Anwendung bereits in den Programmierablauf übernommener Neuerungen, möglicherweise wurde die Hard- und Software-Umgebung, für die programmiert werden soll, bereits so oft spezifisch gepatcht, daß es schon gar nicht mehr möglich ist, diese überhaupt zu erweitern. Wenn dann noch unverständliche oder gar keine Dokumentation vorliegt, steigt der Aufwand ins Unermeßliche. Ständig werden Sicherheitslücken entdeckt, die die Verwendung bisher valider Script-Schnipsel obsolet machen. Performance-Einbußen durch eine bestimmte Art der Programmierung ab einer gewissen Projektgröße kann eine komplett ungewohnte Herangehensweise nötig machen.

All diese Bedingungen machen eine Fähigkeit des Programmierers zur Grundvoraussetzung: das Wiederlesen. Wiederlesen des eigenen Codes auf Aktualität und Kompatibilität. Wiederlesen des Codes Anderer, in den eigene Ergänzungen gepatcht werden. Wiederlesen der Programmiersprache(n), um zu überprüfen, welche Bestandteile zur Umsetzung des individuellen Projektziels geeignet sind. Wiederlesen des Codes im Hinblick auf die Kriterien Sicherheit und Kompatibilität. Daher leben Programmierer in dem Bewußtsein, daß ihre Arbeit zum Zeitpunkt der Auslieferung zwar auf dem neuesten Stand der Technik ist, jedoch trotzdem bereits veraltet.

“Wieder lesen, eine Verrichtung ganz gegen die kommerziellen und ideologischen Gewohnheiten unserer Gesellschaft, die uns die Geschichte ‘wegzuwerfen’ heisst, sobald sie einmal konsumiert ist (…) so daß wir dann zu einer anderen Geschichte weitergehen, ein anderes Buch kaufen können … Wieder lesen wird hier empfohlen, um anzufangen, denn es allein rettet den Text vor der Wiederholung (diejenigen, die es nicht schaffen, wieder zu lesen, sind genötigt, überall dieselbe Geschichte zu lesen).“

stellt Roland Barthes 1981 fest.

Das Wiederlesen rettet den Code davor, seine Geschichte zu wiederholen: Inkompatibilitäten und Sicherheitslücken zu reproduzieren. Umständliche Programmierung und unverständliche Benennungen durch nicht reflektierten Gebrauch von vorhandenem Code zu zementieren. Für das aktuelle Projekt unnötige Funktionen zu übernehmen, die sich zu unkalkulierbaren Fehlerquellen auswachsen können. Routinen weiter zu transportieren, die möglicherweise gar keine Funktion mehr haben, weil sie allein für eine bestimmte Bedingung im vorhergehenden Projekt nötig waren.

„Diejenigen, die es nicht schaffen, wieder zu lesen, sind genötigt, überall dieselbe Geschichte zu lesen“ – genau das passiert z B bei Webdesignern, die Anfang der 90er Jahre ihr Handwerk erlernt haben und seither ihre Code-Produktion nicht mehr geändert haben. Das Resultat sind Webseiten, deren Basis veralteter Code ist und die an neuere Entwicklungen, wie beispielsweise mobile Internetnutzung, nicht anschlußfähig sind. Überflüssig zu erwähnen, daß dieses Wiederlesen Zeit benötigt, genauso wie das Abklopfen der Bedingungen für die Programmierung, um ein realistisches Projekt-Budget und einen realistischen Zeit-Plan aufstellen zu können.

Code is poetry – im Gegensatz zur Prosa ist Poesie dicht – wenige Wörter transportieren verdichtete Bedeutungen. Die auch in Programmiersprachen permanentem Wandel unterzogen sind und gegebenenfalls triviale Redundanzen produzieren können. “For the master craftsperson, great code and great poetry are lean and trim, with no excess of words or other unnecessary elements.“ meint Matt Ward im Smashing Magazine. Programmieren ist ein kreativer Prozess, der Konzentration erfordert. Slow Coding ist daher kein sophistisches Postulat ästhetischer Polemik, sondern eine semantische Redundanz, ein Pleonasmus. Der als rhetorische Figur dennoch Aktualität besitzt, da die atemberaubende Geschwindigkeit, in der manche Produkte des Programmierens wie Software oder Webseiten zu entstehen scheinen, darüber hinwegtäuschen mag, daß Programmieren keine schnelle Tätigkeit ist.

“So literature collapses before our eyes” –
Non-Commodity Production

McLuhan’s tetrad-model: four aspects of the effect of media on culture and society. This example Print and the second one Xerox are quoted from “The Global Village” by McLuhan and Powers, Oxford University Press 1989.

The idea of copyright – the right to retain publication of one’s own words – is much younger than other forms of intellectual property laws. Patents to protect the economic exploitation of technological invention, for example, have been granted by the city’s sovereign since the times of ancient Greece. But not sooner than in the 18th century the perceived value added to a society and its economy by the written word would justify a legal concept to aliment writers. The first copyright law clearly formulates this goal in its title: “An Act for the Encouragement of Learning, by vesting the Copies of Printed Books in the Authors or purchasers of such Copies, during the Times therein mentioned“, also called the Statue of Anne.

Yesterday, Bruce Sterling cried out his concern about the future of literature in three Tweets:

“*Economic calamity that hammered music hits literature. The “solution” for writers? There isn’t one.
So literature collapses before our eyes, while the same fate awaits politics, law, medicine, manufacturing… finance and real estate…
Diplomacy, the military… we’re not gonna die of this, but man, the deeper 21st century looks like nothing anyone ever imagined.” (1,2,3)

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Non-Commodity Production”

Semaphore

Georg Scholz (1890-1945):
Kakteen und Semaphore, 1923.

LWL-Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster / Rudolf Wakonigg. Abbildung mit freundlicher Genehmigung.

Eh mon Dieu, oui, un télégraphe. J’ai vu parfois au bout d’un chemin, sur un tertre, par un beau soleil, se lever ces bras noirs et pliants pareils aux pattes d’un immense coléoptère, et jamais ce ne fut sans émotion, je vous jure, car je pensais que ces signes bizarres fendant l’air avec précision, et portant à trois cents lieues la volonté inconnue d’un homme assis devant une table, à un autre homme assis à l’extrémité de la ligne devant une autre table, se dessinaient sur le gris du nuage ou sur l’azur du ciel, par la seule force du vouloir de ce chef tout-puissant.
Dumas, Der Graf von Monte Christo

Der Chappe-Telegraf überträgt Nachrichten durch ein Alphabet, das mittels eines beweglich in der Mitte aufgehängten Balken mit je einem klappbaren Ausleger an jeder Seite durch die unterschiedlichen Stellungen dieser drei Bauteile kodiert ist. Balken senkrecht, beide Auleger rechts (vom Sender aus gesehen), bedeutet z. B. die Zahl “40”. Unter Napoleon wurden Telegrafenlinien in Form von Türmen mit solchen Semaphoren auf dem Dach quer durch Frankreich und die besetzten Gebiete angelegt, um schnellstens Nachrichten von einem Truppenteil zum anderen zu transportieren.

Im Frankreich, in das Edmond Dantes nach vierzehn Jahren Haft als Graf von Monte-Christo zurrück kehrt, spielen die Semaphore längst eine ganz andere Rolle: es sind die – wie man heute so schön sagt – Nervenstränge der Volkswirtschaft und es sind nicht mehr die Truppenbewegungen, für die sich die Empfänger interessieren, sondern Bewegungen an den Börsen.

Wie ein Astronom blickt der Mann, der den Telegraphen besetzt, tag ein tag aus in den Himmel – aber nicht um Sterne zu beobachten. In seinem Fernrohr sieht er “Ein Insekt mit einem weißen Bauch und schwarzen Krallen.”, so beschreibt der Graf von Monte-Christo seine Faszination über die Semaphore und erkennt: es ist zum ersten mal, dass indirekt und doch fast unmittelbar die Gedanken des einen Menschen in wenigen Augenblicken über eine Strecke von mehreren Tagesreisen zu einem anderen transportiert werden. Aber Edmont ist kein Kaspar Hauser, der nur über die technischen Neuheuten staunt; er erkennt sofort, wie er die Telegraphie für seine Zwecke – die Rache – dienstbar machen kann. In unseren Worten: er nutzt eine Sicherheitslücke im Protokoll und startet einen Man-in-the-Middle-Angriff. Er besticht den Telegraphen-Operator und lässt durch eine Falschmeldung eines Umsturtzes in Spanien in Paris die Börse baissieren um seinen Widersacher von einst, den Bankier Danglar zu ruinieren.

Tatsächlich beginnt mit den Semaphoren von Claude Chappe das Zeitalter der Telekommunikation. Zum ersten Mal ist es möglich, nicht nur einfache Ja/Nein-Meldungen zu vorher vereinbarten Fragen zu senden, wie dies durch Rauchzeichen oder das Schwenken von Fackeln seit dem Altertum gehandhabt worden war.

Telekommunikation vermittelt etwas konkretes über eine Distanz hinweg; das Original der Botschaft – der denkende, fühlende, sprechende Mensch, der sie sendet – bleibt im Moment des Empfangens unerreichbar, wie die Sterne, die der Astronom am Himmel beobachtet, um im Bild aus dem Graf von Monte-Christo zu bleiben. Wie die Fotografie, die etwa zeitgleich aufkommt, verändert die Telegrafie die Aura, jenes Gefühl von Unmittelbarkeit oder Unnahbarkeit, durch das wir von den Objekten unserer Wahrnehmung manchmal uns wie von einem Hauch berührt finden, das früher eng verbunden war, mit dem Numinosen, dem Charismatischen und schließlich noch dem originalen Kunstwerk.

Es ist genau dieses Gefühl, das Georg Scholz in seinem Gemälde einfängt: Im Vordergrund liegen Glühbirnen, die Leitfossilien der futuristischen Bewegung, die nicht zuletzt die Semaphore in ihrem letzten Rückzugsgebiet verdrängen, den Formsignalen der Eisenbahn, wie sie heute nur noch gelegentlich in den Gärten der Bahnfreunde zu sehen sind. Die Semaphore stehen rätselhaft hinter einer dichten, grünen Hecke vor einem abendroten Himmel, der zum Zenith hin bereits in nächtliches Dunkel fällt. In Ruhestellung. Rätselhaft auch das helle, weiße Licht, dass von einem, für den betrachter unsichtbaren Sprossenfenster von hinten in den Raum strahlt, sich in den Glühbirnen spiegelt und die Kakteen scharf beleuchtet. Ein Vorhang, wie ein Schleier, weht links vor dem Fenster; fällt er ganz darüber, droht er, den Blick auf die Signale gänzlich zu verschleiern.

Mit den Semaphoren war die Verschlüsselung von Zeichen in maschinell übertragbaren Code geboren. Eine Vielzahl von Erfindern entwickelten daraus und mit der kurz zuvor entdeckten Elektrizität in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unterschiedliche Technologien zur Signalübertragung über weite Strecken – perfektioniert durch den Morse-Telegraf und schließlich durch die kabellose Telegrafie, Anfang des 20. Jahrhunderts durch Marconi und Braun eingeführt wurde. Damit waren die Semaphore, die optischen Telegrafen, überflüssig geworden.

Schreiben mit Maschinen

“Wer Dichtung will, muss auch die Schreibmaschine wollen.” (?)
Arno Schmidt, “Zettels Traum”

Man greift zum Pinsel oder zur Feder (diesem natürlichen Pinsel), um federnd, beflügelt, wie im Flug zu schreiben. Dann dreht man die Feder um und schreibt mit der Federspitze, um noch schneller zu schreiben.
Vilém Flusser, “Die Schrift”

Füllfederhalter heißt auf russisch Авторучка (Awtorutschka, wörtl.: Auto-Händchen), das bedeutet soviel wie “die selbsttätige schreibende Hand”. Die Feder aus Stahl, letzte Verzeichnung des Gänsekiels, saugt sich die Tinte aus dem Tank, so dass problemlos einige Seiten in Kurrentschrift mit Text aus endlosen blauen Linien gefüllt werden, die sich wie Fäden über das Papier ziehen. Anfangs gibt es kaum Widerstand, die Feder gleitet mühelos übers Papier; dann fängt der Auftrag an, heller zu werden, bis die Bewegung der Feder schließlich auf dem Papier zu kratzen beginnen. Jetzt muss man wieder nachfüllen – per Patrone oder aus dem Tintenglas. Der Schreibfluss wird unterbrochen, man kann genauso gut aufstehen und zum Kühlschrank gehen, sich einen Kaffee kochen oder ein Glas Wein nachschenken. Es werden nie mehr als ein paar Seiten. Das ist der Schritt, den der Füller als Werkzeug uns beim Schreiben gibt.

Meine ersten beiden Schreibmaschinen: der billige Füller der Schulzeit; das bessere Modell fürs Studium.

“- aso wenn die Schreibmaschine sorichtich im System rappelt : 10 Daktylen, 2 Cheir -”
Arno Schmidt, “Zettels Traum”

… auf der Maschine verklemmen die Lettern, wenn man die Tasten nicht richtig trifft. Anfängerfehler. Dafür trifft man ü und ß viel leichter, als auf der, mit Sonderzeichen vollgemüllten, engen Laptop-Tastatur.

Das Eigentümliche der Schreibmaschine ist die Rhythmik, deren Schläge – die Anschläge der Tasten – und Takte – der Zeilenvorschub – das Schreiben viel kleinteiliger gliedert, als das Umblättern des Papiers oder das Nachfüllen der Tinte beim Schreiben von Hand. Der Stil des Maschineschreibens wird von selbst knapper. Man gewöhnt sich an, das Klingeln vor dem Zeilenende vorwegzuspüren, die Sätze danach zu bemessen, einen schönen Abschluss zu finden, bevor die rechte Hand von der Tastatur genommen werden muss, um den Vorschub zu betätigen. Ausladende Haupt-Nebensatzkonstruktionen machen auf der Schreibmaschine keinen Spass. Ähnlich wie beim Schreiben mit der Hand, muss man auch beim Maschineschreiben den Satz zuende denken – ein Umkehren und Löschen des bereits getippten kostet die Ästhetik der beinahe druckreifen Typografie. Aber mit der Maschine kommen die Wörter viel schneller, als mit der Hand. Es bleibt viel weniger Zeit, den Satz in Gedanken zu formulieren. Also: kurze Sätze, die in der Silbenfolge das Metrum des Tastengeklappers behalten.

Drückt man die Tasten nicht exakt von oben, verklemmen die Lettern und man rutscht mit den Fingern in die Zwischenräume – und an der Unterseite sind die Tasten gar nicht so gefällig glatt, sondern scharfkantig und das Abrutschen ist schmerzhaft.

Nach langem Schreiben fühlt man auch im Bett liegend noch das rythmische Spiel der Finger, die sich von der physischen Anstrengung des Tastendrückens erholen.

” – der Klang Deiner Schreibmaschine gab Mein’n Träumen eine wunderliche Form.-
Arno Schmidt, “Zettels Traum”

‘sich mit den Fingern dran=spieln’; wär also eine, für die DamenWelt=typische, Ersatzhandlung. “(wie auch Klavier / Schreibmaschine:’tipp=tipp=tipp die kleine Erica’; (all diese virtuosn fingerspielerinn’: Klavier,Schreibmaschine,ZupfGeigen im puzzycato;(sogar übertriebene Maniküre)))”
Arno Schmidt, “Zettels Traum”

Selbst bei der Schreibmaschine ist von Zeit zu Zeit ein Farbbandwechsel nötig. kein noch so entwickelter Tintenstrom ist unversiegbar. Erst wenn die Aufschrift vom Teletype ersetzt ist, wird es technisch möglich sein, in einem ununterbrochenen Schreibschwall zu schreiben.
Vilém Flusser, “Die Schrift”

Der Atari MegaST war 1986 der erste Computer, auf dem ich geschrieben habe. Ältere Computer wie der C64 hätten der Schreibmaschine nicht das Wasser reichen können. Aber auf dem Atari liefen TEX und Signum und andere hervorragende Schreibprogramme. Mit dem Computer war das Schreiben ganz anders, als auf der Maschine. Zum einen ging es unendlich weiter. Kein Umschalten von Klein- auf Großbuchstaben; das Anheben des Wagens mit den kleinen Fingern war ja eine echte Kraftanstrengung! Kein Klingeln und Anhalten durch den Zeilenvorschub, kein Papiernachlegen, kein Farbbandauswechseln.

Der zweite, ebenso wesentliche Unterschied besteht in der aufdringlichen Präsenz des gerade getippten Textes, der einem jetzt frontal ins Gesicht leuchtet. WYSIWYG – bereits formatiert mit Überschriften, Font, Absatzparametern besitzt der Text vor Augen sofort etwas endgültiges; aber: wie schnell hat man andererseits ganze Passagen gelöscht! Das druckreife Äußere des Textes auf dem Bildschirm ist weniger eine Anmaßung, als vielmehr eine Irreführung, die uns etwas als fertiges Produkt verspricht, was schon beim nächsten Absturz unwiederbringlich verloren gehen kann. Dazu hat sich auch Günter Grass jüngst im Spiegel-Interview geäußert:

“Ich würde diese Entwicklung hin zum Lesen auf Computern gern aufhalten, aber das kann offenbar niemand. Dabei werden die Mängel des elektronischen Verfahrens bereits beim Erstellen des Manuskripts offenkundig. Die meisten jungen Autoren schreiben direkt in den Computer, verändern und arbeiten in ihren Dateien. In meinem Fall dagegen existieren zahlreiche Vorstufen: eine handschriftliche Fassung, zwei, die ich selbst mit meiner Olivetti-Schreibmaschine getippt habe, und schließlich mehrere Ausdrucke von Fassungen, die meine Sekretärin in den Computer eingegeben und ausgedruckt hat und in die ich jeweils zahlreiche handschriftliche Korrekturen eingearbeitet habe. Solche Arbeitsgänge gehen verloren, wenn man gleich am Computer schreibt. […] Im Computer sieht ein Text immer irgendwie fertig aus, auch wenn er es längst nicht ist. Das verführt.”

***

Durch den Papierhandlungen und Schreibtische zusammenfassenden Blick wird jedes politische engagement des Schreibers als lächerlicher Irrtum erkannt. Es ist darum den meisten gegenwärtig Schreibenden nicht zu empfehlen, diesen Blick zu wagen. Während der ganzen Schreibkultur waren die Mittel klein und verächtlich, die Ziele waren großartig und nobel. Es ist doch lächerlich, bei der Beurteilung des erreichten Zwecis “Göttliche Komödie” an Dantes Gänsekiel zu denken. Das ist jetzt anders geworden. Das angebotene [Schreibwerk-]Zeug ist großartiger als die zu schreibenden Notizen, denen es vorgeblich dient: wieviel mehr Intelligenz steckt in solchem Zeug als dem dan ihm erzeugten Geschreibsel.
Vilém Flusser, “Die Schrift”

Seit 1992 schreibe ich auf Laptops. Es ist wieder einfacher, den Bildschirm beim tippen zu ignorieren, erst recht in den Eingabemasken von WordPress oder einem Wiki, die selbst nur noch einen Teil des ohnehin kleinen Bildschirms beanspruchen. War ich früher alle paar Minuten aufgestanden, um etwas nachzulesen, ist dafür jetzt die Verlockung groß, einfach ein neues Tab im Browser zu öffnen und im Netz zu suchen, ob es nicht doch jemand gab, der meinen Gedanken vor mir schon einmal formuliert hatte (und vielleicht sogar treffender, als ich es mir zutraute). Einmal vom rechten Pfad abgewichen, gibt es kaum noch Rettung: jetzt muss einfach noch ein Blick in die Twitter-Timeline drinn sein und – ach, warum nicht – auch noch gleich das Email checken.
Deshalb arbeite ich gerne im Zug; und da ist es der Ladestandanzeiger des Akku, der den Takt klopft: ist er auf unter 30% gefallen, heisst es: schnell noch zuende bringen, was ich mir vorgenommen habe, bevor mein Schreibapparat mir die Zwangspause verordnet.

Triumph Matura Atari MegaST Compaq

Weitere Beiträge zum Thema Druck:

Das große Fressen auf dem Lande

Quanto sarà beatissimo lo starsi in villa: felicità non conosciuta.
Leon Battista Alberti, I Libri della Familglia

Die Kroaten, die lassen sich wirklich nicht anschauen, wenn es ums Essen geht. Man merkt auch auf einem 10tägigen Kurzbesuch mit intensiven Wirtshauserkundungen, dass es gegen den persönlichen Stolz der Wirtsleute zu gehen scheint, wenn der Grill einmal ausgehen sollte, bevor nicht jeder Gast mindestens drei unterschiedliche Fleischsorten verzehrt hat. Manche mögen es Völlerei nennen – für mich fängt Erholung mit dem Magen an.

Vor der Fahrt habe ich mir eine Essliste geschrieben, die ich hier gerne veröffentlichen möchte. Schließlich gehört es mittlerweile fast schon zum guten Ton, seinen Konsum zu veröffentlichen, sei es um anderen das Wasser im Munde zusammenlaufen zu lassen, sei es um diesen ganzen riesenhaften, algorithmischen Datenkraken zuvorzukommen, die eigenen Neigungen schlicht zu kalkulieren.

Meine Planung für den Istrien-Urlaub sah ungefähr so aus:

  • Frische Fuži oder Gnocchi mit Wildragout
  • Filet oder Steak vom Istrischen Ochsen (Boškarin)
  • Unter der Tonhaube pod pekom gegartes Fleisch
  • Trüffel mit frischer Pasta (etwas vegetarisches muss auch hin und wieder sein)
  • Trüffel mit Rinderfilet
  • Trüffel mit Rührei
  • Pršut (istrischer Schinken)
  • Kiloweise Scampi – zum Frühstück, Mittagessen und Abendessen

Auf den ersten Blick ziemlich viel, aber in 10 Tagen bei einer strategisch günstigen Wahl des Ausgangspunktes mit zahlreichen Bauernhöfen und Konobas (der kroatischen Version des bäuerlichen Wirtshauses) durchaus zu schaffen.

Die am weitesten gereisten Lebensmittel kamen aus dem 80 Kilometer entfernten Pula, alles andere aus den benachbarten Dörfern, Wäldern und Weiden. In Nordwestistrien ist local food kein Problem. Dagegen wäre hier, an der Grenze zwischen der Münchener Schotterebene und dem Voralpenland, eine 50 Meilendiät eine vergleichsweise triste Angelegenheit. So richtig wohlschmeckend ist das Leben eigentlich nur in Regionen, in denen es Olivenbäume, Wein und Trüffel gibt. Raps, Bier und Kartoffel sind kein wirklich befriedigender Ersatz.

Wobei: Auch in München hat es dereinst Weinbau gegeben – noch im 19. Jahrhundert kannte man den Haidhauser Rachenputzer oder den Harlachinger Kindsmörder. Die Weinstadt München bekam aber längst nicht so viel Lob wie die Bierstadt. So urteilte Wiguläus von Kreittmayr: “O glückliches Land, wo der Essig, welcher anderswo mit großer Mühe bereitet werden muß, ganz von selbst wächst.”

Ein paar Kilometer südlich, zwischen Umag und Novigrad liegt die winzige Gemeinde Sveti Pelegrin, die im Wesentlichen aus einer dem Hl Pelegrin geweihten Kirche aus dem 15. Jahrhundert sowie etwa fünf Straßen mit schlichten bis protzigen Sommervillen besteht. Vor 1700 Jahren soll hier der Heilige direkt am Meer seinen Märtyrertod gefunden haben.

Die Literatur schweigt sich über diesen Lokalheiligen, der am 23. Mai verehrt wird, leider aus. Überhaupt ist die Lage bei den vielen heiligen Peregrini etwas unübersichtlich. Die Bezeichnung “fremd” und “zugewandert” passt einfach auf zu viele geistliche Einsiedler. Das Stadlersche Heiligenlexikon kennt über 30 Heilige mit diesem Namen. Der Umager ist nicht darunter.

Heute sieht man an den Autos vor den Häusern den Wohlstand dieses Ortes: SUVs (vor den eher protzigeren Villen) und Oberklassewagen (vor den eher schlichten Villen) ausschließlich mit slowenische Kennzeichen. Wenn man früh morgens durch die Straßen geht, sieht man dieselben Männer, die am Abend zuvor noch bis in die Nacht hinein mit der Familie am gemauerten Grill gesessen ist, in Anzug und Krawatte in ihr Auto hüpfen und nach Ljubljana fahren.

Bei Walter Benjamin blickt der Engel der Geschichte erschrocken in die Vergangenheit und hangelt sich so von Katastrophe zu Katastrophe, von Trümmerhaufen zu Trümmerhaufen. Der istrische Engel der Geschichte scheint dagegen einen eher entspannten Blick auf die Welt zu werfen. Er sieht nicht erschrocken in die Vergangenheit, sondern satt und freundlich, mit ein paar Trüffelkrümeln vom letzten Abend auf den Lippen.

Er blickt auf die Kontinuität zwischen dem römischen Leben in den villae rusticae und den heutigen Sommerhäusern der slowenischen Oberschicht (oder ist es die kroatische Oberschicht, die in Slowenien zugelassene Wagen fährt?)

Im 15. und 16. Jahrhundert entwickelte sich auf der anderen Seite der Adria, in Italien, eine eigene literarische Gattung der Villenliteratur, in denen die innige Verbindung von vita rustica und vita comtemplativa gelobt wurde. Diese Werke waren eine heute eigenartig anmutende Mischung aus philosophischen Betrachtungen und praktischen landwirtschaftlichen Anweisungen. Dabei wird die Landwirtschaft, die santa e pia rusticità sogar als höchste der Künste verehrt, weil sie zum einen die Erzeugnisse für das gesellige Zusammenleben, das gemeinsame Mahl liefert und zum anderen niemandem schadet (sogar den Gedanken der Nachhaltigkeit spürt man hier zwischen den Zeilen immer wieder).

Vor allem wendet sich die Villenliteratur gegen den Handel, der zuvor neben der Landwirtschaft als zweites Standbein der Privatwirtschaft gelobt wurde, als viel zu risikoreich und städtisch. Müßiggang und Schmach, aber auch Risikofreude und Schulden erkennt man direkt am Zustand der Villa rustica: Wo zuvor Weinstöcke und Obstbäume wuchsen, sind nur noch Gebüsch und Dornen: “Perche si come l’otio impoverisse: cosi per l’opposito, l’essercitio in villa inricchisse.” Ich glaube, wir sollten uns diese Literaturgattung in der nächsten Zeit noch einmal ganz genau ansehen.

Literaturtipp: Der hinreißend sperrig übersetzte “Gourmet Führer Nordwest Istriens“, der zum “Umlautschutz” aufruft und mit Formulierungen wie “Dieses Fleisch ist naturell produziert und es stellt ein Ergebnis der Bauern und seine Muehe dar; jetzt wird dieses auch gastronomisch valorisiert” entzückt. Die Empfehlungen sind aber sicherer als die Fremdsprachenbeherrschung. Ebenfalls sehenswert ist die offizielle istrische Gourmet-Webseite, auf der es sogar eine kulinarische Hotline gibt.

Überflüssiges Lesen – Leben im Überfluss

Ein Gastbeitrag von Claas Triebel

Man sagt es würde weniger gelesen als früher. Das ist falsch. Niemals wurde so viel gelesen wie heute. Niemals war die Alphabetisierung so weit fortgeschritten. Niemals war die Welt so vollgestopft mit Buchstaben wie heute.

Man sagt es würden weniger Bücher gelesen als früher. Das glaube ich nicht. Verzeichnete der Buchhandel nicht sogar in den Krisenzeiten der letzten 18 Monate steigende Umsätze? Ertrinken die Buchmessen nicht geradezu in Neuerscheinungen? Ist es nicht seit langem Koketterie zu sagen: “Hach, ich habe so viel zu tun. Ich möchte endlich mal wieder ein gutes Buch lesen”?

Aber wenigstens die Klassiker würden nicht mehr gelesen, mag man rufen. Nun ja, vielleicht fühlt sich mancher Literaturwissenschaftler auf den gestrickten Schlips getreten, wenn der Klassiker, über den er in den 1980er Jahren habilitiert hat, inzwischen nicht mehr verkauft. Aber – ist das schade? An sich nicht. Und selbst die Klage, dass niemand mehr dicke Schwarten, sondern alle nur quasischnipselartige Texte konsumierten und Literatur zu Twitteratur und Klitteratur zu verkommen drohe , lässt unberücksichtigt, dass sich in den vergangenen 10 Jahren eine ganze Generation von Jugendlichen durch tausende von Seiten Harry Potter gefressen haben. Und es ist nicht nur die Blockbuster-Literatur, die zuweilen 800-Seiten Marke knackt: Roberto Bolano, David Foster Wallace, Peter Sloterdijk, Uwe Tellkamp – sind das nicht lauter Schreiber, die nicht der leichten Muse zugerechnet werden, die dicke Schinken verfasst haben und damit auch noch erfolgreich sind?

What now, my Kulturpessimist?

Bleibt nur noch ein Feld, das mir in den vergangenen Jahren an Bedeutung verloren zu haben scheint: der unwahrscheinliche Luxus der mehrmaligen Lektüre des selben Buches. Womöglich auch die mehrmalige Lektüre eines belletristischen Werkes. Nicht, um es beim dritten Lesen endlich zu verstehen, nicht um sich auf ein Wiedererkennen zu freuen, wie es die TV-Serien-Junkies zelebrieren, nein – das mehrmalige Lesen, um bei jedem Lesen das selbe Buch als ein anderes kennenzulernen. Das mehrmalige Lesen von Büchern widerspricht so ganz der bulimischen Anhäufung von Information, wie sie an den öffentlichen Hochschulen seit den Bologna-Reformen als Bildungsideal umgesetzt wird. Das mehrmalige Lesen ist nicht an einen äußeren Zweck gebunden. Das mehrfache Lesen desselben Buches reiht nicht Buchrücken an Buchrücken, sondernzerfleddert dieselben.

Das Lebensbuch hat in den vergangenen Jahren ausgedient. An die Stelle der vertieften Erfahrung des Leseerlebnisses ist der Kanon getreten, ob dieser nun von Marcel Reich-Ranicki oder einer der Tages- oder Wochenzeitungen des Landes definiert wird. Nicht ein Buch soll man auf die einsame Insel mitnehmen, sondern einen E-Reader mit hunderten von Büchern. Nicht nutzlos soll man lesen, sondern kanonisierte Klassiker und zwar in Massen und am besten noch solche mit massenhaft vielen Seiten. Pessimist ist, wer denKanon fordert. Denn der Kanon ist immer eine Klage darüber, was leider nicht gelesen wird und doch unbedingt gelesen werden müsste. DemKanon wohnt eine per se defizitorientierte Haltung inne: “Sieh, was Du alles lesen solltest! Sieh her, wie wenig Leseleistung Du erbracht hast. All diese Werke fehlen Dir.”

Lebenszugewandter Optimist ist, wer die Beschränkung empfiehlt. Wer der Verlangsamung frönt. Wer das Lesen als Luxus begreift. Wer dasLesen als Leben erlebt.

Leseempfehlungen auszusprechen ist eine zweischneidige Sache: man gerät leicht in den Ruch sich in die Reihe der imperativen Kanoniker zu gesellen, die da vorzugeben versuchen, aus welchen Zutaten die Lesediät zusammengesetzt sein muss und welche Seitenzahlenkontingente dabei zu berücksichtigen sind.

Guten Gewissens kann man jedoch folgendes empfehlen: nimm Dir mal wieder ein Buch zur Hand, das Du lange nicht gelesen hast und lies es erneut. Und wenn Du Lust hast, dann lies es anschließend gleich noch einmal von vorne. Und falls Dir danach kein besseres Buch zwischen die Finger kommt: dann ließ es doch einfach noch einmal.

Denn: Das ist Langsamkeit. Das ist Luxus. Das ist das Leben.

Pessimismus scheint mir angesichts dieser Möglichkeiten, die im Bücherregal eines jeden schlummern, keinesfalls angemessen zu sein.

P.S.: Welche Bücher ich schon oft und jede Mal wieder mit Gewinn gelesen habe? “Der Maler” von dem australischen Schriftsteller Patrick White und “Weltlicht” von dem isländischen Schriftsteller Halldór Laxness.

Claas Triebel ist Autor und Psychologe. Am 15. Februar ist sein neues Buch “Mobil, flexibel, immer erreichbar – Wenn Freiheit zum Albtraum wird” im Verlag Artemis & Winkler erschienen.

Ovid: Metamorphosen

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Es gibt Texte, von denen man sagt, sie hätten eine Generation geprägt. Bei manchen spricht man gar von “Jahrhundertwerken“. Aber die Inhalte zweier Bücher haben unsere sogenannte abendländische Kultur und insbesondere Kunst und Literatur über die letzten zwei Tausend Jahre durchzogen, wie keine anderen: das sind die Bibel und die Metamorphosen von Ovid.

Claude Lorrain: “Ariadne auf Naxos”.
 
„Kommt ein neuer Gott gegangen, hingegeben sind wir stumm!“ verspottet Zerbinetta im Libretto von Hugo von Hofmannsthal zu Richard Strauss’ Oper, als sich Ariadne von Bacchus trösten lässt – und Theseus offenbar schon wieder vergessen hat. Und Bacchus setzt die Krone Ariadnes als Sternbild an den Himmel und der treuen Spinnerin ein ewiges Denkmal:
desertae et multa querenti
amplexus et opem Liber tulit, utque perenni
sidere clara foret, sumptam de fronte coronam
inmisit caelo: tenues volat illa per auras
dumque volat, gemmae nitidos vertuntur in ignes
1606 malte Adam Elsheimer diese Illustration zu “Acis und Galatea”. Elsheimer übernimmt die große Perspektive der Landschaftsschilderung Ovids und verzichtet komplett auf die Darstellung der Personen.
 
Das Bild, oft auch unter dem Titel “Aurora” genannt, gilt als die erste reine Landschaftsmalerei – so modern, dass spätere Zeitgenossen doch noch Figuren an den linken Rand setzten.
Die alchimistische Prachthandschrift Splendor Solis aus dem 16. Jahrhundert – hier aus dem Berliner Kupferstichkabinett – zeigt den Weg zum Stein der Weisen in zweiundzwanzig Miniaturen, die als Pforten, wie von Mauerwerk umrahmt, den Blick auf den jeweils nächsten Raum chymischer Erleuchtung freigeben. Auch die Miniatur zur 11. Pforte, Läuterung im Kessel der Wiedergeburt, verweist direkt auf Ovid: das Relief in der Basis der Säule rechts zeigt Pygmalion bei der Schaffung seiner Traumfrau.
 
Im alchimistischen Text zu diesem Bild findet sich eine Umschreibung von ‘Medea und Pelias’:
 
“Das siebte Gleichnis: Ovidius der alte Römer hat dergleichen angezeigt: von dem weisen Alten der da wollte sich wiederum verjüngen. Er sollte sich lassen zerteilen und kochen, bis zu seiner vollkommenen Kochung und nicht mehr …”. Freilich erging es dem armen Pelias dabei nicht gut: die grausame Medea hatte statt ihres Zaubertrankes nur wirkungslose Käuter in den Kessel gegeben!
Nicolas Poussins “Midas und Bacchus” aus der Münchner Pinakothek sinkt in Reiner-Werner Fassbinders Kammerspiel “Die bitteren Tränen der Petra von Kant” zur Fototapete im Schlafzimmer der Protagonistin ab. Die reiche Modedesignerin Petra von kant kann man dadurch unschwer als moderne Variante des Königs sehen, der zwar alles zu Gold werden lässt, was er berührt, darob aber ums Haar verhungert und verdurstet.
Polyphem / Triumph der Galatea von Raffael und Schülern.
 
Agostino Chigi, der reichste Mann des 16. Jahrhunderts erbaute auf dem linken Tiberufer seine römische Residenz, die heute nach ihrem späteren Besitzer als “Villa Farnesina” benannt ist. Chigi hatte den Palast für sich und seine Geliebte, die Venezianerin Francesca Ordeaschi. Das bemerkenswerte an dieser Beziehung ist, dass es sich wohl tatsächlich um eine reine Liebesbeziehung gehandelt haben muss – vollkommen unstandesgemäß, die Braut im Rufe einer Kurtisane, wurde diese Liebe durch Papst Leo X. schließlich zur Ehe legitimiert.
 
Die Villa lies Chigi durch Raffael und dessen Schule mit Fresken zu Ovids Metamorphosen ausstatten. Das durchgehende Motiv: die Liebe. Mit am berühmtesten ist Raffaels “Triumph der Galatea”.
 
Ovids Episode ist auf der einen Seite – wie das Bild Elsheimers es gut umsetzt – voll luftiger Schönheit, auf der anderen Seite finden wir auch Momente von geradezu humoristischer Fallhöhe:
 
Der ungeschlachte Zyklop Polyphem nämlich versucht seine angebetete Galatea – die Milchweiße, wie sich der Name schließlich wörtlich liest – mit süßen Worten auf seine Seite zu bringen:
“Weißer als das Blatt des schneeweißen Ligusters, Galatea, blühender als Wiesen, schlanker als eine aufstrebende Erle, … , spielerischer als ein zartes Zicklein (!), glatter als beständig vom Meer gescheurte Muscheln, …, schimmernder als Eis, süßer als eine reife Traube, weicher als Schwanenflaum und weißer als Käse …” (deutsch von Michael von Albrecht)
 
“Candidior folio nivei Galatea ligustri,
floridior pratis, longa procerior alno,
…, tenero lascivior haedo,
levior adsiduo detritis aequore conchis,

lucidior glacie, matura dulcior uva,
mollior et cycni plumis et lacta coacto; …”
“Metamorphose in der Not”, die Paul Klee kurz vor seinem Tod 1939 zeichnete, verbildlicht die Hoffnung auf Befreiung vom unheilbar kranken Leib, von einer Umwandlung in ein anderes Wesen – durch das Mitleid der Götter, wie bei Ovid. Klee starb 1940 nach langem Leiden an einer unheilbaren Krankheit.

Geschrieben kurz nach der Zeitenwende, blieben Ovids “Fünfzehn Bücher der Verwandlung” mehr oder weniger durchgehend bis ins neunzehnte Jahrhundert der Grundstoff für Literatur, Theater, Bildhauerei und besonders die Malerei. Von Geoffrey ChaucerWilliam Shakespeare bis zu  Ted Hughes und den Simpsons, von Adam Elsheimer, Claude Lorrain, Peter Paul Rubens bis Ian Hamilton Finley; Tausende von Kunstwerken.

Bereits im 13. Jahrhundert in viele mittelalterliche Volkssprachen übertragen, sind es in Wahrheit meist Erzählungen aus den Metamorphosen, welche man so gemeinhin als die “Griechisch-Römische Mythologie” bezeichnet.

Es ist kein Wunder, dass gerade die Malerei so sehr von Ovid beeinflusst wurde. Die Geschichten sind so ungemein Bildhaft, ja geradezu ikonisch, wenn vom Beginn der Welt bis zum Tod Caesars mehr als zweihundertfünfzig Charaktere ihre Gestalt wandeln (oder in neue Gestalt verwandelt werden) – aus einem Menschen, einem Faun oder einer Nymphe werden Flüsse, Gebirge, alle möglichen Tiere. Aber die Qualität von Ovids Erzähl- und Dichtkunst ist nicht auf eingängige Schilderungen bekannter oder abseitiger Mythen beschränkt.

Die einzelnen Episoden der Verwandlungen beginnen typischer Weise in einer großartigen Totalen, in der unser Blick wie aus weiter Entfernung über die Landschaft gleitet, die sich in der Ferne im Dunst verliert. Wie zufällig entsteht am Bildrand der Ort der eigentlichen Handlung, die Helden tauchen auf, und wir kommen immer näher, bis wir vollständig teilhaben, an den Gedanken und Gefühlen der Handelnden. Und aus diesen Gefühlen motiviert sich dann das Verhalten der Personen, die in genau diesem Augenblick auf den Wendepunkt ihres Lebens zustreben. Fast in allen Geschichten ist die Antriebskraft der Handlung die Liebe. Unerfüllte Liebe, Eifersucht auf die glücklich Liebenden, oder auch Mutter- und Vaterliebe; das Ende meist tragisch und voll drastischer Grausamkeit – aber nicht selten werden die unglücklichen Helden von einer nachsichtigen Gottheit gerade durch die Verwandlung aus ihrer Not befreit.
***

Über dieser ersten, erzählerischen Ebene mit den drei Handlungsperspektiven – psychologisches Innenleben der Helden, äußere “Spiel-“Handlung und Schilderung des Ortes und der Landschaft – liegt eine zweite, metaphorische Schicht. Hier sehen wir im Seelenleben der handelnden Personen das allgemein Menschliche: Sehnsucht, Freude, Schmerz, Trauer und Trost. Gut und Böse sind selten klar, vielmehr können wir meist mit beide Seiten fühlen, da Ovid sein Handlungspersonal derart empatisch schildert und nicht selten sogar direkt im Text zu Mitgefühl aufruft.

Eine dritte Ebene kann man allegorisch lesen. Um unsere Umwelt zu begreifen, bedienen wir uns Bildern, da die “Dinge ansich” für uns gar nicht direkt fassbar sind. Nietzsche spricht von einer “Metamorphose der Welt in den Menschen” hinein. Fast alle Verwandlungsgeschichten bei Ovid erklären bildhaft geografische, biologische oder phyisikalische Phenomäne und machen abstrakte Vorstellungen und philosophische Begriffe sichtbar.

Die Verwandlung als Prinzip der Schöpfung wurde so schließlich ein Gerüst der Alchimie im Mittelalter und der frühen Neuzeit. Ovids Metamorphosen lasen die Adepten der chimischen Kunst als das ineinander Überführen von Materie, von einem Zustand zum Nächsten. Allegorische Schemata, nach denen wir die Welt erkennen können, bieten die fünfzehn Bücher der Verwandlung bis heute. Zum Beispiel unsere Vorstellung von “Chaos” als abstraktem Begriff leitet sich direkt aus dem eindrucksvollen Anfang des ersten Buches ab:

Ante mare et terras et quod tegit omnia caelum /
unus erat toto naturae vultus in orbe, /
quem dixere Chaos: rudis indigestaque moles, /
nec quicquam nisi pondus iners congestaque eodem /
non bene iunctarum discordia semina rerum.

Bevor es das Meer, das Land und den Himmel gab, der alles schützt, /
hatte die Natur überall ein einheitliches Gesicht, /
zu dem sagte man Chaos: eine rohe, ungeordnete Masse, /
nichts als träges Gewicht und auf einen Haufen /
die nicht gut zusammengefügten, widerstreitenden Samen der Dinge.
***

Die zahlreichen literarischen Übersetzungen der Metamorphosen sind oft viel mehr in ihrer eigenen Zeit verhaftet, als das Original. Auf Deutsch ist das z. B. die viel zitierte Übertragung von Joh. Heinrich Voß, dessen Verse die dichte lateinische Grammatik mit betulichen Füllwörtern und Einschüben auffüllen, um das Versmaß wenigstens einigermaßen einhalten zu können. Das Ergebnis liest sich heute staubig und unfrisch.  Es ist doch bemerkenswert, wie die Jahrhunderte seit Ovids Zeit inzwischen veraltet und ins Geschichtliche abgesunken sind!

Besser sind moderne, texttreue Übersetzungen, schon alleine, weil dort die Möglichkeit besteht, auf dichterische Besonderheiten hinzuweisen, die bei einer literarischen Übertragung stets wegfallen müssen.

Ovids Worte selbst aber sind nach mehr als zweitausend Jahren unverändert schön und berührend.

Wozu noch Verlage?

Was konnte er dafür, daß er in der Literatur sein ganzes Leben lang ›nur‹ Verleger gewesen war? Er hatte begriffen, daß die Literatur einen Verleger nötig hatte, und er hatte das sehr zur rechten Zeit begriffen; dafür sei ihm Ehre und Ruhm – natürlich von der Art, wie es einem Verleger zukommt.
(F.M. Dostojewski)

Online-Journalismus? Ich habe diese Bindestrich-Journalismen sowieso nie so richtig verstanden, aber mit Online-Journalismus (Wikipedia: “Aufbauprinzip ist der nicht-lineare Hypertext” tue ich mich besonders schwer. Geht es um Online als Werkzeug für die journalistische Recherche oder redaktionelle Abläufe oder um Online als Gattung? Auf dem 6. Frankfurter Tag des Online-Journalismus bin ich auf beide Strömungen gestoßen. Ich glaube, dass etwas mehr Klarheit in dieser Unterscheidung für den Online-Journalismus (wie auch immer gemeint) wichtig wäre.

So plätscherte das Abschlusspodium zwischen Jakob Augstein (Der Freitag), Mercedes Bunz (Guardian), Stephan Baumann (DFKI) und mir eher beschaulich vor sich hin, ohne dass das Diskussionspotential dieser Fragen genutzt wurde. Zum Beispiel für die Klärung der Frage, ob das Thema Blogger vs. Journalisten heute noch relevant sei. Hier wurde munter durcheinander und aneinander vorbei von Bloggern als Persönlichkeiten, Bloggen als Erwerbsquelle, Blogs als Publikationstechnologie und Blogposts als journalistische Form gesprochen.

Welche Funktion werden Verlage in Zukunft ausüben?

Für mich die spannendste Frage blieb leider unbeantwortet: Welche Funktion werden Verlage in Zukunft ausüben? Der klassische Verlagsbegriff sieht seit der frühen Neuzeit die Aufgabe des Verlegers darin, finanzielle Mittel und Rohstoffe wie Werkzeuge herbeizuschaffen (= “verlegen”), die für die Produktion einer Ware notwendig sind – ganz gleich ob es sich dabei um einen Teppich oder ein Buch handelt. Mit dem Aufkommen der industriellen Massengesellschaft bzw. Aufmerksamkeitsökonomie und der Zuspitzen des Verlagsbegriffs auf die Medienproduktion wurde dann der zweite Aspekt der Herstellung von Aufmerksamkeit für das Medium hinzu.

Wenn wir heute von digitalen Medien wie z.B. Blogs oder eBooks sprechen, passt die klassische Verlagsdefinition nicht mehr. Die Werkzeuge und Rohstoffe der Medienproduktion sind mittlerweile demokratisiert. WordPress und Mediawiki sind frei verfügbar. Jeder könnte also theoretisch publizistisch tätig werden. Viele tun genau dies. Auch für das Herstellen von Aufmerksamkeit kann die Verlagswelt kein Monopol mehr beanspruchen, da zunehmend die Empfehlung innerhalb sozialer Netzwerke bzw. einer themenbezogenen Community für die Rezeption eines Mediums wichtiger ist als klassische Marketingmaßnahmen. Buchbesprechungen in Zeitungen und das Auslegen von Flyern haben keinen nennenswerten Effekt auf den Absatz mehr, während Marketinginstrumente wie AdWords oder Suchmaschinenoptimierung Verlagen wie unabhängigen Publizisten gleichermaßen zur Verfügung stehen.


Wo also liegt heute noch die Aufgabe des Verlags? Auf dem Podium rückte ziemlich schnell der Aspekt der Finanzierung in den Mittelpunkt. So betonte Mercedes Bunz, dass guter Journalismus eben Geld koste und dafür brauche es einen Verlag. Ein Modell wie Wikipedia funktioniere nicht für den Journalismus. Diese Argumentation ist aus einer Slow-Media-Perspektive ebenso empirisch falsch wie politisch gefährlich.

Zum einen gibt es genügend Beispiele von Blogs, Foren oder Wikis, die außerhalb von Verlagen qualitativ hochwertigen Journalismus in Form von Kommentaren, Essays, Berichten etc. produzieren. Viel problematischer ist jedoch der andere Punkt. Wenn Verlage und Redakteure sich auf die Argumentation einlassen, dass die wichtigste Aufgabe des Verlags im digitalen Zeitalter in der Finanzierung von Journalismus liege, dann sehe ich keinen zwingenden Grund, warum die Medienlandschaft überhaupt noch Verlage braucht. Diese Aufgabe könnten auch Banken erledigen.


Wem daran liegt, dass Verlage auch in Zukunft noch eine Bedeutung haben sollen, der sollte sich nicht auf diese Argumentation einlassen und etwas mehr Phantasie bemühen, wenn es um die verlegerische Selbstbeschreibung geht. Wenn man gute, langsame Medien wie z.B. Wired, Brand eins oder Intelligent Life ansieht, dann machen die Verlage und Redakteure hier so unglaublich viel mehr als ihre Journalisten finanziell über Wasser zu halten. Sie diskutieren und setzen Themen, verbinden Design und Inhalt, arbeiten Ausgabe für Ausgabe am roten Faden ihres Mediums, garantieren ein hohes Qualitätsniveau und entwickeln ein Gespür für die Wünsche wie Erwartungen ihrer Leser. Dafür benötigt man Verlage heute wie in Zukunft und nicht allein für das regelmäßige Auszahlen des Taschengelds an ihre Mitarbeiter.

An diesen Stellen entsteht auch der Mehrwert zwischen den Gedanken im Kopf eines Autors und dem fertigen Produkt. Verlage, die ihrem Publikum nicht glaubhaft demonstrieren können, dass sie mehrwertfähig sind, haben nicht nur ein Kommunikationsproblem, sondern sind früher oder später in ihrer Existenz bedroht. Und das zu Recht.

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