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Ein Lob auf das Sommerloch!

„Hier saß ich, wartend, – doch auf Nichts,/ Jenseits von Gut und Böse, bald des Lichts/ Genießend, bald des Schattens, ganz nur Spiel,/ Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel.“
So zitiert der Rheinische Merkur Nietzsches Fröhliche Wissenschaft für ihr Lob des Sommerlochs.

Saure Gurken Zeit
Auch hier lohnt sich – wie so oft – der Blick in die Wikipedia: “Die ungarische Sprache kennt diesen Begriff ebenfalls als uborkaszezon (Gurkensaison).”
 
Nicht zu vergessen sind auch die Hundstage, benannt nach dem Stern Sirius im Sternbild Großer Hund, das man genau in den heißesten Tagen im August am Himmel in unseren Breiten beobachten kann. Und in Russland heißen dann auch die Sommerferien каникулы.

Sommerloch liegt im Kreis Bad Kreuznach. Im Rheinland gibt es einige “Löcher” – oft düstere Gedanken weckend: Sörgenloch etwa.

Wie uns Wikipedia belehrt, bezeichnet das Loch im Rheinland eine feuchte Mulde – anders als in Süddeutschland, wo Flurnamen mit Loch meist auf eine Lohe, einen Wald hinweisen, also auf eine Gründung zur Rodungszeit im Hochmittelalter.

Seinem Namen als Medienphänomen alle Ehre machend, sieht man das Ortsschild von Sommerloch oft in bemüht lustig gemeinten Metonymien, wenn Journalisten in ungewohnt selbstkritischer Weise berichten wollen, dass es im Augenblick nichts zu berichten gibt.

Das Sommerloch entsteht, weil die Parlamente, die meisten Wirtschaftsfunktionäre und auch die Bundesliga Urlaub nehmen. Und weil man in der Presse dann auch nichts mehr zu sagen hatte, entwickelte sich die Tradition, absurde Boulevard-Themen in aufgeregter Weise wichtig zu schreiben.

“Solange die Minister [in ihrer Sommerlektüre] lesen, können sie nicht in Mikrofone reden.” schreibt der Rheinische Merkur in seinem schönen Lob des Sommerlochs und denkt weiter, wie erholsam es ist, wenn wenigstens in den vier bis sechs Wochen der Feragosto den Mandats- und Leistungsträgern unserer Gesellschaft der Satz erlaubt wird: „Ich weiß es nicht, ich muss über dieses komplizierte Problem erst noch einmal nachdenken!“

“Liegen lernen”. Ein wehmütiger Wunsch nach Verlangsamung, auch nach einem Publikum, dass akzeptiert, wenn Menschen nichts zu sagen haben:

“Wahrscheinlich bleibt die Sehnsucht nach Nachdenklichkeit ungestillt, wie in den Jahren zuvor. Die Sommerinterviews samt Erwiderungsritual von „Morgenmagazin“ bis „Nachtjournal“ sind sind so sicher wie Elsas Dahinscheiden im Kielwasser des Schwans. Doch Reisende geben nicht auf.
Rheinischen Merkur, zu erkennen, wie stark in Wahrheit das Publikum selbst.”

Unser re:publica-Panel und ein Telegramm

Vom 14. bis zum 16. April war die diesjährige re:publica. Am Donnerstag Abend hatten wir im kleinen Saal unser Slowmedia-Panel, das so schön und auch so kontrovers war, dass wir es um fast eine Stunde überzogen haben.  Das war wirklich sehr nett, und von oben aus sah es so aus:

Unsere Podiumsdiskussion ging gleich zügig los, Dank unserer großartigen Moderatorin Tina Pickhardt (Twitterern auch als @PickiHH bekannt). Ein Auftakt, um von unserer Seite die Diskussion anzuschieben war also gar nicht nötig. Das ist schön, weil es für gute Gespräche sowieso keine Skripte gibt.

Wer am Donnerstag dabei war, dem wird vielleicht aufgefallen sein, dass wir einen Rotwein mit auf dem Podium hatten. Nein, wir wollten uns damit nicht als rotweinschlürfende Bohemiens inszenieren (well, at least not only) – wir hatten in der Tat zwei rechtschaffene Gründe für diesen Wein:

Zum einen schließen wir uns damit Tyler Brûlés unwiderlegbarer Aussage zu social media an:

There is a kind of social media that really works for business and play. It’s called having a glass of wine.

Zum anderen hatte der Wein einen passenden Namen: Télégramme.

Das Telegramm ist interessant, weil es ein klassisches von der Zeit überholtes Medium ist. Eigentlich.

Wir erinnern uns: Ein Telegramm – “+ + ankomme ++ stop ++ freitag, den 13. ++ stop ++” – schickte man früher, wenn es ganz schnell gehen musste und keine Zeit war, auf den Briefweg zu warten. Das Telegramm war das schnellste aller Medien. Nun gibt es heute hinreichend andere Arten, den Brief zu überholen. Welche Rolle sollte also dieses Medium heute spielen, wo die Informationsübermittlung in Echtzeit jedem von fast überall und fast kostenfrei gelingt? Gibt es überhaupt noch Telegramme?

Ja, es gibt das Telegramm noch. Ich entdeckte es neulich im offziellen Produktangebot der Deutschen Post. Dort heißt es:

Überraschen Sie Menschen zu den unterschiedlichsten Anlässen mit etwas Besonderem: Ein Telegramm drückt Ihre Wünsche und Grüße nicht nur auf besondere Weise aus, es wird auch persönlich überbracht.

Sieh an, dachte ich. Da ist das Telegramm ja wieder. Ich weiß nicht, ob das funktioniert oder ob das heutige Telegramm bei der Post ein Ladenhüter ist. Ich finde aber interessant, was da passiert: Das Medieninstrument selbst bleibt ja gleich, aber die Perspektive, aus der wir draufschauen, ist eine andere. Das Telegramm ist vom schnellsten Medium zum persönlichsten Medium geworden (wenn wir mal von dem gemeinsamen Glas Wein absehen). Der ursprüngliche Produktvorteil der Schnelligkeit ist von der technischen Entwicklung überholt worden. Die Eigenschaft jedoch, die früher völlig selbstverständlich und nichts Besonderes war – es wird persönlich überbracht – ist jetzt zum Unterscheidungsmerkmal geworden: Ein Vorteil in einer Gesellschaft, die zwar viel schneller aber auch unpersönlicher geworden ist.

Was wir daraus lernen, ist etwas Schönes: Man kann auch etwas Neues schaffen, indem man neu auf alte Dinge schaut.

Slow Down Week

Die Slow-Media-Bewegung gewinnt allmählich an Kontur. Gerade eben habe ich auf der Adbusters-Webseite ein sehr schönes Plädoyer für eine “Slow Down”-Woche gefunden. Das Video hat bei mir ehrlich gesagt keinen bleibenden Eindruck hinterlassen (abgesehen von der Tatsache, dass es nicht auf anderen Webseiten eingebettet werden kann – vielleicht eine bewusste Verlangsamung der Verbreitung?), dafür ist der Text umso besser. Denn hier wird gerade nicht für eine elektronische Devolution geworben, sondern dafür, unser modernes Leben anders zu leben:

To slow down, we don’t have to stop moving – we just have to move in different, more meaningful ways.

Das könnte man auch als Essenz unseres Manifests lesen. Es geht gerade nicht um eine Rückkehr zu einer vormodernen Mediennutzung, sondern darum, die medialen Angebote des 21. Jahrhunderts bewusster und besser zu nutzen. Was für den Kaffeekonsum gilt – “Chat with the owners, smile at a stranger and sip your latte from a mug rather than dashing off with a cardboard cup” – sollte meiner Meinung nach auch für den Medienkonsum möglich sein.

“L’idée vient en parlant”: Kleist über Twitter

Heinrich von Kleist

Jörg Blumtritt hat gestern einen schönen Beitrag über Twitter geschrieben. Damit haben sich die Autoren des Slow Media Blogs endgültig als Twitter-Fans geoutet. Twitter, ein Schwarm von Vogelgesaengen. Eine Volière, die – wie es Wikipedia so unvergleichlich formuliert – den “Freiflug der Insassen ermöglicht”, und nicht nur den der Insassen, sondern auch die Freiflüge aller anderen, die sich durch die geräumigen und durchlässigen Begrenzungstäbe dort hineinwagen.

Zu der gestern bereits angeführten Flüchtigkeit und Vergänglichkeit von Twitter möchte ich ein paar Gedanken ergänzen. Beginnend mit einer Frage: In welcher Zeit findet das Ganze eigentlich statt? Die Sprache verrät es uns: “What are you doing?” lautete die Eingangsfrage von Twitter (bis sie von dem jetzigen “What’s happening?” abgelöst wurde). Die digitalen Frei- und Höhenflüge finden also in der Verlaufsform statt, im englischen “present progressive“, der sogenannten -ing-Form. Sie wird verwendet, wenn “das Geschilderte im erzählten Moment (…) gerade passiert” (ein Äquivalent wäre die Rheinische Verlaufsform des “Ich bin am twittern”). Auch das Partizip Präsens Aktiv drückt Gleichzeitigkeit aus: unser Zustand ist schreibend, denkend, sprechend, twitternd.

Die Twitter-Zeit ist auch das Partizip Präsens des „L’idée vient en parlant“ (die Idee kommt während des Sprechens). Heinrich von Kleist prägte diesen Begriff 1805 in Analogie zu der französischen Redewendung “L’appétit vient en mangeant” (der Appetit kommt mit dem Essen). Er schreibt es in seinem großartigen Aufsatz “Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden”, und ich möchte die Behauptung aufstellen, dass Kleist hier über Twitter schreibt. Er empfiehlt darin, wenn man nach stundenlangem Brüten in einer Gedankensackgasse steckt, das Gespräch mit einem anderen zu suchen. Im Gespräch mit einem Gegenüber kommen die eigenen Gedanken in Fluss, nehmen Gestalt an, gewinnen Konturen und formen sich zu einer klaren Argumentation. Kleist spricht hier nicht vom Wiedergeben bereits fertiger Gedanken, sondern von einem Sprechen als “ein wahrhaft lautes Denken”. Die Sprache sei dann wie ein “zweites, mit [dem Rad des Geistes] parallel fortlaufendes Rad”. Er spricht also auch von Gleichzeitigkeit, von Gleichzeitigkeit des Sprechens mit der Entwicklung des Auszusprechenden.

Das ist auch bei Twitter möglich. Auch bei Twitter kann “ein lebhaftes Gespräch [entstehen], eine kontinuierliche Befruchtung der Gemüter mit Ideen” – allerdings nicht nur wie Kleist noch voraussetzte in der mündlichen Rede, sondern auch in der quasimündlichen Schriftform der digitalen Welt. Inspiration und Inspirierendes, die Konzentration und Aufmerksamkeit auf einen Gedanken, der im Begriff ist, sich im Jetzt und im Diskurs mit einem Gegenüber zu entwickeln: In diesem Punkt finden Kleists Essay, Twitter und unser Slow-Ansatz zusammen.

Schoenheit von Vogelsang

[Read this Post in English]
“Every time I hear about Twitter I want to yell Stop. The notion of sending and getting brief updates to and from dozens or thousands of people every few minutes is an image from information hell. It scares me, not because I’m morally superior to it, but because I don’t think I could handle it.”
Die Kalte Panik vor der Informationshölle, die George Packer, Autor und Korrespondent der New York Times mit Twitter verbindet, wie er in seinem in seinem Blog-Post beschreibt, können viele Menschen derzeit gut nachvollziehen; nicht zuletzt ist die Flüchtigkeit von Twitter das Wunderbare aber auch Erschreckende: nichts scheint von wert, nichts von dauer.

“Aufklärung braucht Zeit – und die fehlt im Netz”, sagt der Philosoph Markus Gabriel im Interview auf FAZ.net – und auf Twitter, möchte man ergänzen, ist sofortige Vergänglichkeit sogar ins System eingebacken – selbst die Twitter-eigene Suche geht nur zwei Tage in die Vergangenheit zurück. All die schönen Gedanken versinken so schnell in den Tiefen der Timeline, dass wir wohl verweilen möchen; aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der uns unaufhaltsam in die Zukunft treibt.

Betrachtet man Twitter als Nachrichtenkanal, finde ich Parkers Panik besonders gut nachvollziehbar. Jede Nachricht, die mich (per Re-Tweet) zum zweiten Mal erreicht, erscheint veraltet, irgendwie nicht mehr relevant. Und wie trostlos, wenn selbst der absolute Medien-Mainstream tausende Mal per Re-Tweet repliziert wird, wie heute: “Man Resigns On Twitter per Haiku”.

Doch gerade diese Meldung führt uns auf etwas an Twitter, das schön und wertvoll ist: Lyrik und Aphorismus, Schönheit in sprachlicher Reduktion. Das bemerkenswerte an der Rücktrittserklärung des Sun-CEOs ist nicht, dass er sie über Twitter bekannt gibt. Twitter ist der effizienteste Kanal für Mitteilungen dieser Art, das pfeifen die Heerscharen der Social-Media-Consultants schon seit Jahren von den Dächern. Bemerkenswert ist, dass Jonathan Schwartz die Versform des Haiku wählt. Kurze, tatsächlich gedichtete oder zumindest stark in ihren Silben schwingende Ausrufe sind für mich das Schöne an Twitter. Eine Meldung wie “Mars can be seen all night” mag einen tatsächlichen astronomischen Hintergrund haben. Als einzelner Vers betrachtet, werden die sechs einsilbigen Wörter zum Mythos, indem wir den Kriegsgott siegreich über das gesamte Reich der Neith erblicken.

Sieht man Twitter nicht als Kurznachrichten-Dienst, sondern nimmt das Bild ‘Vogelgezwitscher’ ernst, verliert die nimmer endende Flut von Text ihren Schrecken – es ist keine Information sondern wird gleichsam zu Musik, einem Strom, auf dem man sich treiben lassen kann.

Sound of vernal showers
On the twinkling grass,
Rain-awaken’d flowers—
All that ever was
Joyous and clear and fresh—thy music doth surpass.

Teach us, sprite or bird,
What sweet thoughts are thine:
I have never heard
Praise of love or wine
That panted forth a flood of rapture so divine.
(Shelley, To a Skylark)

Ein Ehepaar im Zug

Ich bin Zug gefahren. Durch den Schnee und richtig lang. Weiße Wiesen, Kopfweiden an Feldsäumen, Strom und Bäche vereist. Schräg hinter mir sitzt ein altes Ehepaar und liest eine Tageszeitung. Sie einen Teil. Er einen Teil. Er: “Oh, schau mal, das Gedicht des Tages ist von Hölty.” Und er liest es ihr vor. Sie blickt von ihrem Teil der Zeitung auf. Sie hört zu, sie sprechen kurz darüber. Dann lesen sie weiter, jeder für sich. Es wirkt wie eine Zeremonie.  Rührend. Und schön. Ein älteres Paar zwei Sitzreihen weiter praktiziert magischerweise dasselbe. Ein anderes Paar. Eine andere Zeitung. Ein anderes Gedicht.

Das ist Slow Media. Das ist so Slow Media, dass es kaum zu überbieten ist. Manchmal ist die Poesie des Alltags aber auch unscheinbarer. Zum Beipiel als ich neulich während einer Namenssuche auf den Wikipedia-Eintrag zu dem “Okapi” stieß. Da heißt es: “Das Okapi trägt ein schokoladenfarbenes Fell, das in einem rötlichen Glanz schimmert.” Voller Poesie. Mit Hingabe geschrieben von einem wahren Liebhaber. Das Okapi “hat” kein Fell, nein: Es “trägt” eines. Welche Grazie. Es ist ein Wesen, eine Kreatur, eine Dame im Pelz.

Was mache ich mit so einem Fund? Ich freue mich. Ich lese es vor: “Oh, schau mal!” Und noch mehr: Ich twittere es. Ich zitiere daraus. Ich verlinke darauf. Und freue mich, dass das schokoladenfarbenschimmernde Okapi seinen Pelz vor größerem Publikum tragen darf. Auch das ist Slow Media. Etwas entdecken und es mit anderen teilen.

Noch ein Beispiel. Auch aus der von Löschdiskussionen geplagten Wikipedia. Ich möchte wissen, ob es in der Wikipedia einen Eintrag über den “Tellerrand” gibt (gibt es nicht) und bleibe bei dem Eintrag für “Teller” hängen. Wieder: Pure Poesie. Diesmal: Bildpoesie. Ich öffne den Artikel und sehe dieses:

Teebeuteltellerchen

Dieses Bild. Dieses Wort. Geradezu subversiv. Liebevoll. Hat es Augen? Lacht es? Lebt es?

Das Bild strahlt etwas aus, was über die reine Sachinformation hinausgeht. Vielleicht Aura? Ich sitze mit anderen Kongressteilnehmern zusammen. Ich lese es vor, ich zeige es. Wir freuen uns daran. Und: Ich twittere das Teebeuteltellerchen. Ich gebe es weiter. Wer einen Sinn dafür hat, der nehme es in Empfang und freue sich daran. Vielleicht zeigt jemand es seinen Freunden, oder seiner Frau. Oder es bringt jemanden auf die Idee, mal wieder ganz in Ruhe einen Tee zu trinken und über die schönen Dinge des Lebens nachzudenken. Wie das alte Ehepaar im Zug. Das einen Tee trinkt und sich dabei Gedichte vorliest.