Die “brand eins”

 

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“Slow Media,” sagt meine Freundin Anna, “das ist für mich die brand eins.” Immer, wenn sie bei ihrem Freund Peter – einem brand eins Abonnenten – zu Besuch ist und Zeit und Muße hat, nimmt sie sich eine Ausgabe des Wirtschaftsmagazins. Es ist jedesmal schön, darin zu lesen, sagt sie. “Ganz egal, ob es die aktuelle Ausgabe ist, oder eine aus dem letzten Jahr. Die brand eins ist immer lesenswert und gut gemacht, auch wenn mir nicht jeder Beitrag gefällt.” Das ist ziemlich genau auf den Punkt und beschreibt etwas, was ich mediale Nachhaltigkeit nennen möchte: Die souveräne Strahlkraft eines gut gemachten Print-Magazins über die Aktualität und den einzelnen Abonnenten hinaus. Eine brand eins bleibt über Monate und Jahre frisch. Und sie reicht für mehrere Leser.

Slow Media, sagen wir, sind von Menschen gemacht und das merkt man. Und so spürt man hinter der brand eins auch immer die Menschen, die sie machen und die immer schon, auch nach dem Scheitern des Vorgängers Econy, an dieses Wirtschaftsmagazin geglaubt haben. Daran, dass Wirtschaft und Ethik zusammenzudenken sind. Daran, dass Wirtschaftsthemen und hochwertiges Editorial Design (nach wie vor in der Verantwortung von Mike Meiré) zusammengehören. Nicht dass die Chefredakteurin Gabriele Fischer und ihr Team alle Beiträge selbst schrieben. Aber die Haltung, mit der sie der Welt und ihren Lesern gegenübertreten, und die Werte, nach denen sie ihr Magazin realisieren, schwingen bei allem wie ein durchgehender Grundton mit.

Alles Show? Nein. Diese Werte finden sich – ohne ins Detail gehen zu wollen – konsequenterweise auch in den Autorenverträgen wieder. Autoren geben hier in dem selbem Umfang Nutzungsrechte ab wie bei anderen Zeitschriften, aber sie tun es hier als geschätztes und respektiertes Gegenüber. Hinter den Kulissen wird Praktikanten vermittelt, dass ein Beitrag auch nach einem Jahr noch mit Gewinn zu lesen sein muss. Die Wirkung der brand eins auf meine Freundin Anna ist also kein Zufall, sondern erklärtes Ziel. Ein Qualitäts-Luxus, bei dem es eben nicht nur um das Abverkaufen geht, sondern auch um das Nachwirken.

Das Aprilheft 2000 der brandeins

Diese Haltung macht mutige Entscheidungen möglich. Wie das Aprilheft des Jahres 2000 (Nachhaltigkeit: bisher 10 Jahre). Es ist ein Sonderheft. Die ersten 30 Seiten sind dem damals noch weitgehend unbekannten Cluetrain-Manifest und seinen 95 Thesen zum Wandel der Märkte durch das Internet gewidmet (heute ist es längst ein visionärer Klassiker mit ungebrochener Aktualität). Es hat die Menschen, die brand eins machen, damals bewegt. Und sie haben sich von ihrer Inspiration leiten lassen, mitten im Aktienrausch, der gerade Mitte März 2000 seinen Höhepunkt hatte. “Hatten wir uns bei aller Begeisterung für den Gründer-Boom von der Neuen Wirtschaft nicht mehr erhofft als immer neue Millionäre?”, fragt Gabriele Fischer im Editorial dieser Ausgabe. Konzern-Manager und Politiker wollten zu dieser Frage keine Stellung nehmen, sie “ließen sich durch ihre Pressesprecher mit Zeitmangel entschuldigen.” Sie aber fanden es wichtig.

Wann entstand das Aprilheft? Vor dem Absturz? Im Moment der Wende? Wie es auch war. Es war mutig, in diesem Moment so deutlich auf einen krassen Gegenentwurf zu setzen. Wenn es einem nur ums Verkaufen geht, macht man sowas nicht.

Die gute Nachricht also für alle, die die Kategorie “Slow” für realitätsfern halten, lautet: Mediennutzer merken, mit welcher Haltung und welchem Anspruch ein Medium produziert wird. Sie sind bereit, dafür zu bezahlen. Slow Media können gut und erfolgreich sein.

Nun mag man einwenden, dass Anna die brand eins, die sie so schätzt, nicht selbst gekauft hat – dass Inspiration schön und gut ist, dem Verlag aber kein Geld bringt. Eine Antwort darauf gibt Annas Freund Peter: Loyalität. Der treue brand eins Abonnent gestand mir neulich, dass er selbst in den letzten Monaten gar keine Zeit mehr findet, das Magazin zu lesen. Aber dass er trotzdem nie im Leben auf die Idee käme, deswegen sein brand eins Abo zu kündigen.  Dass sie für ihn einfach dazugehört, egal wieviel Zeit er grade zum Lesen hat. Das ist Bindung zwischen einem Medium und seiner Leserschaft.

Cluetrain-These 2 in der brandeins 3/2000

Nachtrag:

Die Frage “Wann entstand das Aprilheft?” hat Gabriele Fischer soeben per Mail beantwortet: Die Dotcom-Blase blähte sich tatsächlich noch auf, als die April-Ausgabe in der ersten Märzwoche 2000 produziert wurde. Als sie nach dem 13. März platzte, war das Cluetrain-Sonderheft der brand eins schon in Druck. Auch Ulf J. Froitzheim bestätigt dies später in seinem Kommentar (s.u.).

 

Weitere Beiträge auf slow-media.net über Zeitschriften:
Spektrum der Wissenschaft
Wired Magazine
Kunstforum International: 200 Ausgaben
Widerspruch – Münchner Zeitschrift für Philosophie

15 thoughts on “Die “brand eins””

  1. Im Vergleich mit den schnellen (aber auch vielfach beliebigen) Echtzeit-Kanälen wie Twitter, ist auch schon ein Weblog ein “Langsames Medium”: Gemütlich lesen, bewerten und kommentieren.

    Mir gefällt das. Die meisten nehmen sich allerdings diese Zeit der Langsamkeit nicht. Lesen ja, vielleicht noch bewerten, aber bloß nicht kommentieren. Es könnte ja eine Diskussion unterschiedlicher Meinungen entstehen. Schade!

  2. Im Mediabereich sprechen wir von “Entschleunigung”. Das ist eine der ganz großen USPs – also Differenzierungsmerkmale – von Print. Und brand eins ist gewiß eines der besten Beispiele warum Print niemals stirbt: Qualitätsjournalismus und Relevenz!

  3. Um Iwo nicht zu entäuschen, werde ich mal ncoh ein kommentar hinterlassen:
    Ich denke, dass Entschleunigung definitiv ein Thema für die nächsten Jahre sein wird. Dabei muss aber auch aufgepasst werden, dass es nicht zu einem nichtssagenden Popbegriff wird (wenn das nicht sogar schon passiert ist?!)

    In dem Buch Payback (http://www.sueddeutsche.de/kultur/509/494841/text/) Geht Frank Schirrmacher ja bereits ausführlich auf die heutigen Veränderungen durch digitale Beschleunigung ein.

    Ich kann dem Artikel nur zustimmen. Man muss stets erkennen können, dass hinter dem Produkt oder der Dienstleistung, welche(s) man konsumiert, Menschen stecken, die auf die Bedürfnisse des Kunden und die Ansprüche der heutigen Welt eingehen.
    Jede Branche, jede Niesche… Alle müssen sich wieder ein ganzes Stück zurückbesinnen udn sich Zeit für ihre Kunden nehmen!
    z.B. schon ein Kundengespräch am Telefon darf einmal länger als 3 Minuten dauern.
    Ich bin gespannt, was in den nächsten Jahren noch in Bezug auf Entschleunigung in unserer Gesellschaft passieren wird.

  4. In Wikipedia lese ich gerade über das ursprüngliche Konzept von Gabriele Fischer für Econy: „Magazin für eine neue Zielgruppe: innovativ, risikobereit und schnell“. Da ist wohl auf dem Weg von Econy zu Brand Eins ein Lernprozess gelaufen ;-).

  5. Ein sehr treffender Artikel!
    Auch Magazine einer meiner Bekannten wurden früher immer wieder ausgeliehen und brachten auch Jahre nach dem Lesen neben dem angenehmen brandeins-Unterhaltungswert noch den ein und anderen Impuls für entweder das eigene Verhalten oder weitergehende Recherche.
    Inzwischen bin ich selbst seit mehreren Jahren Abonnent und bereue es nicht – trotz der Tatsache, dass alle Artikel beachtenswerterweise im Vollzugriff online abrufbar sind.
    Sich in Ruhe der brandeins widmen ist nach wie vor eher der Kategorie “Entspannung” zuzuordnen als “schnelle und hochaktuelle Information”.
    Durch die oft überwiegend angesprochenen Grundsätzlichkeiten von Gesellschaft und Wirtschaften bleibt ihre Aktualität also in der Tat meistens “nachhaltig”.

    Großartige Lektüre, eher für weitsichtige kreative Macher, als für auf schnellen Erfolg getrimmte “Manager” und andere ebit-Chaoten.

  6. “Märkte bestehen aus Menschen, nicht aus Zielgruppen.” Das ist der entscheidende Punkt. brand eins erzählt die Geschichten aus der Perspektive der Menschen, das inspiriert und wirkt oft lange nach.

  7. Brand Eins Lesen ist in meinem Leben tatsächlich entschleunigte Zeit. Und auch für die Menschen um mich herum, denn meine Brand Einse machen die Runde – egal ob frische oder ältere Ausgaben, ich fische sie immer wieder aus dem Regal, zum wiedelesen und weitergeben.
    Brand Eins und auch Die Zeit sind für mich Kurz-Urlaube in eine ruhigere Zeitzone. Sehrsehr fein!

  8. wenn es um Zeitschriften geht, die bestehen, sollte auch das schweizerisch- gediegene “Du” genannt werden, das seit 1941 erscheint, Hefte wie ein Arte-Themenabend, etwa “Net Art – Rebellen im Internet (Nov 2000), “Angstlust – Das Leben ein Thriller” (Juni 2000), “Treibstoff Alkohol. Die Dichter und die Flasche” (Dez 1994), “Bedienung, bitte! Tragikomödie eines Verlustes” (April 1996) und und und. Edel gemacht, gute Bilder. Umschläge aus mattem, festen Papier – passend zu Supertuscans, natürlich spontanvergoren 😉

  9. Als einer der damals beteiligten Autoren sagen ich: Danke für die Blumen!

    Ja, Sabria David hat Recht: Den Wahnsinn der New-Economy-Aktienblase hatten wir durch, bevor die Luft entwich. Aber gelesen haben es doch wohl zu wenige, als dass wir hätten behaupten können, die Blase zerstochen zu haben.

    Zumindest kam mir neulich (was heißt neulich, ich denke da auch in Slow-Media-Kategorien) das alte Heft wieder in den Sinn, als ich von den Bewertungen von Facebook, Groupon (!), Twitter und Skype las.

    http://www.brandeins.de/archiv/magazin/cluetrain-manifest/artikel/never-answered-questions.html

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