Spektrum der Wissenschaft

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Was die Physiker als “Standardmodell” der Teilchenphysik bezeichnen – um seinen vorläufigen Charakter anzudeuten –, liefert eine beeindruckende Deutung vieler Aspekte unserer Welt. Spektrum.de / Weltbild vor dem Umbruch

Heute ist der große Tag am LHC, dem großen Teilchenbeschleuniger am europäischen Forschungsinstitut CERN. Warum ist es uns wichtig, dass durch die gewaltigen Energien immer feinere Details unserer Welt für uns erkennbar werden? Weil nur durch die Beobachtung offenbar wird, ob unser Bild der Welt, unser Modell, dass wir zu ihrer Erklärung konstruieren, zur Vorhersage von Tatsachen, von Wirklichkeit taugt.

Seit Mai 1980, genau dreißig Jahre lese ich das Spektrum der Wissenschaften (anfangs allerdings waren es eher die mystischen Bilder, die mich in ihren Bann zogen – die meisten Artikel habe ich noch nicht verstanden). Viele der wissenschaftlichen Projekte, die dieser Tage Eingang in die allgemeine Presse finden, waren von Anfang an dabei. An Tagen wie heute wird mir bewusst, was für ein schöner, dialektischer Prozess die Wissenschaft sein kann. Über Jahre hinweg werden Modelle spekuliert, wird die Existenz neue Bausteine unserer Welt daraus abgeleitet – wie etwa das Higgs-Boson, für dessen experimentellen Nachweis schließlich die enorme Anstrengung in Genf unternommen wird. Wenn man diese Entwicklung nur von hinten – von der Veröffentlichung der bahnbrechenden Nachrichten her liest, kann man nicht verstehen, die Wissenschaft funktioniert.

Die Ruhe, diesen Prozess Monat für Monat nachzuzeichnen, ist für mich die herausragende Qualität des Spektrum. – Für und Wider der unterschiedlichen Standpunkte, und zwar Quer durch alle Wissenschaften. – und nicht zuletzt die Philosophie. Hier habe ich zum ersten Mal von John Searls “Chinesischem Zimmer” gelesen (Jan 1990) – und habe seine Kritik an Dougles Hofstadters Vorstellung menschlichen Automaten als Befreiung empfunden; hier bin ich zum ersten Mal David ChalmersRätsel des bewussten Erlebens” begegnet, und wie darin die Möglichkeit zum empirischen Erkenntnisgewinn über uns selbst radikal in Frage gestellt wird.

Vielen Streitgespräche auf Wissenschafts-Blogs oder auf Twitter sparen sich den Punkt, um den sich auch sonst viele Wissenschaftler durch die Konzentration auf das empirisch Machbare allzuleicht herumdrücken: die impliziten Grundlagen von Erkenntnis. Wenn in wissenschafts-ethischen Diskursen gefordert wird, ohne Scheuklappen zu diskutieren, so ist damit meist gemeint, dass man ernste Bedenken, die das Vorgehen in Frage stellen würden, bitte hier nicht zu äußern habe. Doch eben Dispute wie Searle oder Chalmers sie liefern, sorgen für den nötigen Raum zur Selbstreflexion. Das ist für mich eine der herausragenden Stärken von Spektrum. Und dadurch werden mir auch Artikel lesbar (und sogar lesenswert), wie der Essey des Religionskritiers Edgar Dahl “Die Würde des Menschen ist antastbar!” im März-Heft.

Und liegt mir Dahls Menschenwürde noch schwer im Magen, so liefert dieselbe Ausgabe auch wunderbar leichte Kost: Gleich die Titelgeschichte macht sich auf die Suche nach den Geschwistern der Sonne – eine poetisches Überschrift – und wir machen uns auf eine Reise, fünf Milliarden Jahren zurück, sehen, wie eine Supernova in nächster Nähe explodiert und wie die Sonne und ihre Geschwister ihre Kinderstube verlassen und sich langsam über die ganze Milchstraße zerstreuen; reine Utopie!

Bereits Ende der Achtziger wird der Klimawandel thematisiert (leider geht das Online-Archiv nur bis 1993 – immerhin das Geburtsjahr des Browsers, aber der älteste Artikel, an den ich mich erinnere war Juni 1989). Auch zur Zeit läuft eine Reihe unter dem etwas großspurigen Namen “Erde 3.0” und auch hier verharrt Spektrum nicht beim Altbekannten, sondern stellt in zum Teil abenteuerlichen Projekten Alternativen vor. Landwirtschaft in Hochhäusern zum Beispiel.

Scientific American, dessen deutsche Ausgabe das Spektrum der Wissenschaft ist, scheint mir auch eines der ganz wenigen Medienprodukte zu sein, dass wirklich durch seine Internationalität profitiert. Eine Zeit lange habe ich die amerikanische Ausgabe gelesen, musste aber feststellen, dass einem durch das deutsche Spektrum nichts verloren geht.

Spektrum ist auch die einzige allgemeinwissenschaftliche Publikation, die ich kenne, die in jeder Ausgabe der Mathematik ihren Platz gibt – mindestens in einem, häufig, wie im aktuellen Heft sogar in mehreren Artikeln.

Und wenn ich mich gefangen fühlen, in der Wirrsal des Alltags – dann denke ich an den eschatologischen Beitrag zum “Das Ende des Raumschiffs Erde”. Ja, in geologischen Zeiträumen ist das Ende der Erde bereits nahe; schon bald verschluckt die sterbende Sonne alles Leben.

Spektrum inspiriert. Es ist für mich persönlich mein wichtigste Slow-Medium.

Weitere Beiträge auf slow-media.net über Zeitschriften:
Die Brand Eins
Wired Magazine
Kunstforum International: 200 Ausgaben
Widerspruch – Münchner Zeitschrift für Philosophie

Über das Fasten

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P. Breughel d. Ä.:Carnival und Fastenzeit

“Mach mich wieder froh.” (Psalm 51,14)

Das ist die Bitte aus dem Psalm zum Beginn der Fastenzeit am heutigen Aschermittwoch.

Trotz eines anhaltenden Trends zum Heilfasten kann man allerdings kaum davon sprechen, dass Fasten und besonders Buße im alltäglichen Sprachgebrauch mit Freude in Verbindung gebracht werden. Man mag darin doch die Sinnesfeindlichkeit und den Hang zur Trieb-Unterdrückung konzentriert sehen, welche dem Christentum gerne unterstellt werden. Fasten bleibt, bei allen Versuchen zur Säkularisation, in der spirituellen – wenn nicht gar Eso-Ecke.

Die aktuelle Rede vom Medien-Fasten regt entsprechend zu hitziger Diskussion an, bei der beide Seiten einander unterstellen, religiös und nicht objektiv zu argumentieren. – Nicht ganz von ungefähr, hatte doch sogar Benedikts XVI., immer für einen Aufreger gut,  im Angelus vom 17.2.2008 die Medien-Enthaltsamkeit zur Unterstützung der inneren Sammlung und Reinigung empfohlen:

“Dazu kann es auch nützlich sein, von der Fülle und Flut an Stimmen und Bildern in unserem Alltag für eine Weile Abstand zu nehmen.”

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Fasten und Diät sind Begriffe, die im Zusammenhang mit Slow Media an verschiedenen Stellen auftauchen, wenn es um den Wunsch nach Heilung einer von manchen empfundenen Überforderung geht, oder um die Unsicherheit, wieweit das eigene Leben inzwischen schon von Medien und insbesondere dem Internet abhängt.  In Ihrem Blog schreibt Jana Herwig unter dem Titel “Twitter-Fasten: Ich tu’s (aber nicht für Schirrmacher und Kluge)”:

“Aber manchmal möchte ich auch wieder ohne diesen [Social-Media-Sinn] sein, möchte nicht in der U-Bahn und in anderen handlungsarmen Momenten zum Smartphone greifen, um zu schauen was sonst los ist, möchte dem Impuls, sich artikulierende Gedanken auch auf Twitter zu verfestigen, mal nicht nachgehen, nicht wissen, wie andere darauf vielleicht reagieren, sondern es nur für mich behalten.”

Auf diesen Beitrag bezieht sich auch Luca Hammer, nach seiner Selbsteinschätzung Autor von bis zu 800 Tweets pro Monat:

“Täglich mehrere Stunden, die ich damit verbringe Tweets zu lesen und zu schreiben. Hochfrequent. Ständig im Kopf. Was würde passieren, wenn ich diese Zeit fürs bloggen einsetzen würde?”

Und auch Ibrahim Evsan, der kaum als Internetskeptiker gelten dürfte, verordnet sich von Zeit zu Zeit eine Internet-Diät: “Wenn ich zu schwer werde, muss ich weniger konsumieren und mich mehr bewegen, wenn mir die Zeit für das reale Leben in der digitalen Welt ‘abhanden’ kommt, muss ich dafür sorgen, dass ich den Social Media Konsum optimiere”

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Buße, μετάνοια, wie in der Begriff im griechischen Evangelientext heißt, bedeutet wörtlich Um-Denken und nicht Strafe, anders, als uns dies heute in Wörtern wie Bußgeld, abgeleitet aus der Lateinischen Übertragung poenitentia mitschwingt. Um umdenken zu können, forderte Benito Cocchi, der Erzbischof von Modena in der Fastenzeit freiwillig an einem Tag der Woche auf SMS, Internet und Fernsehen zu verzichten und so wieder eine Verständiung zu pflegen und nicht nur Kommunikation zu betreiben: “Per tornare a comunicare, invece di komunikare”.

“Denn in der pluralistischen Gesellschaft kommt alles wahllos zur Sprache, was nur immer Neuheit und Sensation verheißt.[…] Doch man muß zu einer kritischen Reife erziehen, die mit Weisheit zu wählen versteht.”

redet Benedikt XVI. seinen deutschen Bischöfen beim Ad-Limina-Besuch ins Gewissen (ohne ihnen damit aber eine Ausrede zur Internet-Verweigerung zu spendieren, denn: “Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die Euch erfüllt” (1 Petr 3,15).”).

Fasten, sagt Thomas von Aquin “… soll die Begierde des Fleisches zügeln, dem Geist die Betrachtung des Erhabenen erleichtern …”.

Durch das Abstand nehmen kann der Blick frei werden, auf die Folgen, die durch unsere Kommunikations-Apparate in der Welt entstehen. Und Benito Cocchi meint damit auch ausdrücklich die materiellen Folgen, denn ein großer Teil unserer elektronischen Ausrüstungen wird durch die abscheulichste Form von Ausbeutung erzeugt, was man sich wohl viel zu selten bewusst macht – und woführ jeder von uns gefälligst ein Stück Verantwortung übernehmen sollte. Bei aller CSR-Rhetorik von der Green IT müssen wir uns doch vor Augen führen lassen, dass wir von Nachhaltigkeit bei unserem Medienkonsum noch sehr weit entfernt sind!

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Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer sehen wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Angesicht, auf daß sie vor den Leuten scheinen mit ihrem Fasten. […] Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Angesicht (Mt 6,16-17)

Fasten soll keine Last sein, auch das Medien-Fasten nicht; es möge uns (wieder) froh machen!

Es mag uns einen Anlass geben, über die eigene Verwendung der Kommunikationsmittel nachzudenken, kritisch über die Inhalte zu sehen und auch mit dem nötigen Abstand ein Bild der eigenen, vielleicht zum Glück doch nicht so zentralen Position im Sozialen Netz zu gewinnen:

Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden. (Gen 3,19)