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Ewigkeitssuppe reloaded

Über Nichts und dessen Wiederholung

Vortrag von Inga Persson, gehalten auf dem Symposium Wertvolle Kommunikation in Gmund, 12.10.2010.

„So hob der Sonntag sich ab. Sein Nachmittag war überdies gekennzeichnet durch Wagenfahrten, die von verschiedenen Gästegruppen unternommen wurden: mehrere Zweispänner schleppten sich nach dem Tee die Wegschleife herauf und hielten vorm Hauptportal, um ihre Besteller aufzunehmen, Russen hauptsächlich, und zwar russische Damen. (…) Der Rest des Sonntags bot nichts Außerordentliches, abgesehen vielleicht von den Mahlzeiten, die, da sie reicher als gewöhnlich nicht wohl gestaltet werden konnten, wenigstens eine erhöhte Feinheit der Gerichte aufwiesen. (…) Allein schon der folgende Tag, der erste Montag also, den der Hospitant hier oben verlebte, brachte eine weitere regelmäßig wiederkehrende Abwandlung des Tageslaufes: nämlich einen jener Vorträge, die Dr. Krokowski vierzehntägig im Speisesaal vor dem gesamten volljährigen, der deutschen Sprache kundigen und nicht moribunden Publikum des »Berghofes« hielt.“1

Der Zauberberg steht auf der Leseliste jedes Literatur-schülers, so auch auf meiner. Zugegebenermaßen, ich quälte mich hindurch. Seite um Seite zog sich der Roman, allerdings wurde auch mir trotz meines frühen Semesters bald klar, dass die lähmende Langeweile, die ewigen Wiederholungen, die monotone Einförmigkeit, von Thomas Mann Ewigkeitssuppe genannt, auf dem Zauberberg Sinn stiftete.

Wenn ich mich heute in der Kommunikations- und Vermarktungswelt umschaue, meine ich, leise in einer ebensolchen Ewigkeitssuppe dahin zu treiben: Was wäre, wenn nicht nur der Rest des Sonntags, sondern offenbar Marketing- und Kommunikation „nichts Außerordentliches“ mehr bietet? Wenn ich die Frage, die sich mir beim täglichen Blick auf Google News, die Großflächen an der S-Bahnstrecke oder den abendlichen Werbeblock nachgerade aufdrängt, – worum es eigentlich geht -, im besten Fall mit „Nichts“ beantworten muss?

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“So literature collapses before our eyes” –
Non-Commodity Production

McLuhan’s tetrad-model: four aspects of the effect of media on culture and society. This example Print and the second one Xerox are quoted from “The Global Village” by McLuhan and Powers, Oxford University Press 1989.

The idea of copyright – the right to retain publication of one’s own words – is much younger than other forms of intellectual property laws. Patents to protect the economic exploitation of technological invention, for example, have been granted by the city’s sovereign since the times of ancient Greece. But not sooner than in the 18th century the perceived value added to a society and its economy by the written word would justify a legal concept to aliment writers. The first copyright law clearly formulates this goal in its title: “An Act for the Encouragement of Learning, by vesting the Copies of Printed Books in the Authors or purchasers of such Copies, during the Times therein mentioned“, also called the Statue of Anne.

Yesterday, Bruce Sterling cried out his concern about the future of literature in three Tweets:

“*Economic calamity that hammered music hits literature. The “solution” for writers? There isn’t one.
So literature collapses before our eyes, while the same fate awaits politics, law, medicine, manufacturing… finance and real estate…
Diplomacy, the military… we’re not gonna die of this, but man, the deeper 21st century looks like nothing anyone ever imagined.” (1,2,3)

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Critical Point of View:
Diskurs in Theorie und Praxis

Vom 24. bis zum 26. September fand in Leipzig in der altehrwürdigen (und rekonstruierten) Bibliotheka Albertina die Konferenz „Critical Point of View“ statt. Sie war als Wikipediaforschungskonferenz angekündigt und ich hatte die Ehre, dort einen Vortrag zum Thema „Zukunft der Wissengesellschaft“ zu halten. Es war eine sehr gut organisierte, strukturierte und angenehme Konferenz, mit einem spannenden Ansatz: Wikipedisten (Wissenschaftler, deren Forschungsobjekt die Wikipedia ist) und Wikipedianer (aktive Wikipediabeiteiligte und -autoren) zusammenzubringen; also Innensichten und Außensichten aufeinandertreffen zu lassen – und dann zu beobachten, was passiert (das war es zumindest, was ich dort getan habe).

Clash of Diskurskulturen

Es gibt Zweikompenentenkleber und Zweikomponentensprengstoff, und irgendwo dazwischen lag auch die CPoV. Es gab in diesem Reagenzglas Albertina eine Art Clash of Diskurskulturen, der sich unter anderem in dem Bericht des Historikers Peter Haber mitlesen lässt – vor allem auch in den Kommentaren. Wie geht man miteinander um? Kritisiert man einander und wenn ja wie und wo, bei einer Tasse Kaffee oder bei Twitter? Wie funktioniert (konstruktive) Kritik in akademischen und wikipedianischen Kontexten? Interessant, welche Diskursvarianten zu Tage traten: Zirkuläre Argumenationen von Wikipedianern auf Vorschläge von außen (entweder „Das gibt es schon!“ oder „Dann macht es doch selbst!“). Ritualisierte Dauerdiskurse innerhalb der Wikipedia (die „Käsebrot-Debatte“, die eigentlich eine „Restaurationsbrot-Debatte“ war, und ihr Äquivalent in basisdemokratisch ausgericheten Kita-Elterinitiativen in der „Nutellabrot-Debatte“ findet).

Aber Diskurse sind richtig und wichtig, so ermüdend sie auch in oben genannten Fällen sein mögen. Von verschiedenen Perpektiven profitieren wir auch innerhalb des Slow Media Teams. Jüngstes Beispiel: Der Wikipedia-Kommentar unseres Slow Media Manifestes, das ich vorab auf dem CPoV-Blog publiziert habe. Wikipedia aus der Perspektive Slow Media. Mein Beitrag nimmt eine empathisch-wikipedistische Sicht von außen ein, zeigt Potentiale auf und ist fasziniert von deren Funktionsmechanismen. Einen ganz anderen Blickwinkel hat da mein Mitautor Jörg Blumtritt: Seine Perspektive ist die Innensicht eines aktiven Wikipediaautors. Er schaut auch auf das, was im Wikipediaalltag stattfindet: Kommunikations-Unkultur, Aggressivität, Ringen um Macht und Deutungshoheiten. Das immer wieder Untergehen von ideen- und begriffsgeschichtlichen Themen, von Kultur- und Sozialgeschichte zugunsten personen- und ereignisorientierter Beiträge. Ist das repräsentativ? Was ist relevant? Wer bestimmt den Kanon? Die Apokryphen (von wem als solche definiert?) landen in Wikipedias berüchtigter Löschhölle. Das ist in der Praxis tatsächlich alles andere als dialogisch.

Diskursivität, Gesprächsbereitschaft, sozialer Austausch – diese Aspekte spielen in unserem Slow Media Ansatz eine zentrale Rolle. Die oralen und sozialen Aspekte der Wikipedia, die ihrer Zwitterrolle als quasimündlichem Schriftmedium geschuldet sind, sind ihr größtes Potential und zugleich die größte Quelle des Unmutes. Während Autorenhinweise anderer Publikationen sich auf Vorgaben zur formalen Darreichungsform beschränken, lesen sich die Autorenrichtlinien für Wikipediaautoren wie eine Anleitung zum sozialen Miteinander. Wikipedia ist kein reines Publikationsprojekt, sondern auch ein sozial-gesellschaftliches. Theorie und Praxis des respektvollen Miteinanders liegen hier – wie auch woanders – weit auseinander.

Sind die Entstehungsdiskurse Teil des Beitrags? Und sind Diskurse abbildbar?

Wer bei einer Online-Suchmaschine nach einem Stichwort sucht, landet mit ziemlicher Sicherheit zuerst bei Wikipedia. Er findet einen (fertigen) enzyklopädischen Beitrag vor, mundgerecht konsumierbar. Nun gibt es ja keine endgültige Wahrheit, das wissen wir schon länger, und die Zeit der großen Erzählungen ist vorbei. Auch eine kleine Erzählung wie ein Wikipediabeitrag stellt nicht die endgültige Wahrheit dar. Der vermeintlich „fertige“ Text im Frontend ist zwar das Ergebnis einer gemeinsamen sozialen Handlung, aber doch immer nur eine Zwischenstufe, eine Art Zwischenbericht, eine Zwischendokumentation eines Prozesses, der noch weiter andauert. Den endgültigen, autorisierten Text, von dem – zumindest als Grundprinzip – die Philologie noch in den 90er-Jahren ausging, gibt es bei offenen Werken wie der Wikipedia nicht mehr.

Das Interface jedoch suggeriert einen erreichten Reifezustand, und die Wikipediabeiträge werden wohl tatsächlich von den meisten Wikipedialesern als „fertige“ Texte gelesen. Wer schaut schon auf die Rückseite der Werkstatt, auf die Diskussionseiten und die Versionshistorie? Sie sind faszinierende Diskursdokumentationen, aber richtig lesen können sie wohl nur Wikipedianer mit ausreichender Innensicht.

A Critical Point of View: ein Blick in die Werkstatt

In der Auflistung der Forschungsvorhaben der Forschungsinitiative „Critical Point of View“ steht an fünfter Stelle: „Design: Interfaces für Diskussionen.“ Hinter dieser prosaischen Formulierung steht nichts Geringeres als die Frage, ob die soziale Handlung, deren vorläufiges Ergebnis ein Wikipediabeitrag ist, selbst abbildbar ist. Ob ein Frontend denkbar ist, das wie eine gläserne Scheibe den Blick in die Werkstatt dahinter, in den noch laufenden Werkprozess erlauben kann. Das geht natürlich weit über Designfragen hinaus. Sind textgenetisch neuralgische Punkte innerhalb eines Textbildes visualisierbar? Während des Abschlusspodiums nach der Wikipedia seiner Träume befragt, antwortet Geert Lovink mit ebendiesem Punkt – mit einer Wikipedia, die Diversität und kontroverse Entstehungsdiskurse benutzerfreundlich und intuitiv im Frontend abbildet, anstatt sie im Hinterzimmer zu verstecken.

Das Abschlusspodium der CPoV

Textgenese aus editionsphilologischer Sicht

Eine ähnliche Aufgabenstellung hat auch die Editionsphilologie, aber auch sie hat bisher nur eine wenig benutzerfreundliche Lösung gefunden. Das Ziel von historisch-kritischen Werkausgaben ist es, die Genese eines Werkes für die Forschung nachvollziehbar zu machen und den Text eines Autors aus seinem Entstehungskontext verstehen zu können. Denn selbst bei nichtkollaborativ entstandenen Texten eines einzelnen Autors ist ja der Text im Fluss, es gibt Notizen, Randbemerkungen, Ergänzungen, Lektoreneingriffe, Verlagsentscheidungen und Varianten innerhalb verschiedener Auflagen. Um diese Kontexte, in denen Texte stehen, wertneutral und sachgerecht verfügbar zu machen, hat die Editionsphilologie einen Visualisierungscode entwickelt, der allerdings nur von Fachleuten und mit entsprechendem Schlüssel zu lesen ist. Dann schaut man als Leser dem Autor über die Schulter, und sieht, wie aus „Wünschen“ „Gespräche“ werden und aus einem „lesbaren Pfeilglück“ eine „Pfeilschrift“.

Historisch-kritische Darstellung des Gedichtes "Beim Hagelkorn", Paul Celan

Für die Wikipedia wird es nun darum gehen, eine Methode zu entwickeln, wie man mehreren Autoren über die Schulter schauen und ihren Diskursen beiwohnen kann. Denn – nimmt man ihre Sonderrolle als mündlich-schriftliches Zwittermedium ernst, dann sind die Diskurse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen, tatsächlich ein Bestandteil des Textes.

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Fotos: eigene. Bei der Handschrift handelt es sich um ein altes Katalogverzeichnis aus dem 19. Jahrhundert aus dem Bestand der Bibliotheka Albertina.

Die letzte Abbildung stammt aus: Paul Celan. Werke. Historisch-kritische Ausgabe. I. Abteilung. Lyrik und Prosa. 7. Band. Atemwende. Textapparat des Gedichtes “Beim Hagelkorn”. S. 76. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main, 1990.

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Geschichte Naturwissenschaft Philosophie

Atommodelle

τέσσαρα γὰρ πάντων ῥιζώματα πρῶτον ἄκουε·
Ζεὺς ἀργὴς Ἥρη τε φερέσβιος ἠδ’ Ἀιδωνεύς
Νῆστίς θ’, ἣ δακρύοις τέγγει κρούνωμα βρότειον.

Denn höre zuerst die vier Wurzelgebilde aller Dinge: hell scheinender Zeus; Leben spendende Hera; unsichtbarer Aidoneus und fließende Nestis, die mit ihren Tränen den sterblichen Quellstrom benetzt.
(Empedokles, Frgm. 6, Aetius I 3,20)

Die Vorstellung, das die Welt aus Atomen besteht, die unterschieldiche Elementar-Eigenschaften besitzen, ist mehr als zweitausendfünfhundert Jahre alt. Die Verbildlichung es Elementaren kann man also mit Fug und Recht als eine der ältesten Unternehmungen wissenschaftlicher Visualisierung bezeichnen. Von Empedokles (ca. 500-430 v.Chr.) ist oben zitiertes ältestes Fragment überliefert, in dem die vier Elemente als Wurzelgebilde aller Dinge bezeichnet werden. Der philosophischen Schule der Pythagoräer wird die Zuordnung der Elemente zu den regelmäßigen Körpern zugeschrieben – man kann dieses erste bildhafte Atommodell durchaus mit den mathematischen Beschreibungen von Naturgesetzen in der Sprache der modernen Physik vergleichen: wie die Physiker von heute aus den mathematischen Modellen schließen, dass es noch Teilchen geben muss, die noch nicht beobachtet wurden – ohne deren Existenz aber das Modell nicht stimmen würde, genau in dieser Weise wurde von den antiken Philosophen ein fünftes Element gefordert, denn es gibt eben exakt fünf dieser platonsichen Körper. Der Dodekaeder mit seinen zwölf regelmäígen Fünfecken fällt aus der Reihe – die Zahl fünf war den Pythagoräern ohnehin heilig, ihr Erkennungszeichen der Legende nach das Pentagramm. So wurde die Quintessenz, die Prima Materia, der Äther geboren, um das Modell der vier elementaren Atome zu vervollständigen.

Nur ein einziges Element besitzt die Kristallstruktur dieses Modells aus einer akademischen Physiksammlung: das hochgiftige und radioaktive Polonium. Es ist ein kubisch-primitives Gitter mit nur jeweils einem Atom an den vier Ecken – nicht zu verwechseln mit dem raumzentrierten Gitter des brüsseler Atomiums.

Aber was verdeutlicht dieses Modell? Wenn wir Atome als Kugeln darstellen: wird uns irgendetwas beim Polonium klarer dadurch, einem Element, das (zum Glück) so gut wie kein Mensch je in Wirklichkeit gesehen hat? Welche Realität symbolisieren die Stäbe, die die Atome verbinden?

“Was wir heutzutage aus der Sprache der Spektren heraus hören, ist eine wirkliche Sphärenmusik des Atoms, ein Zusammenklingen ganzzahliger Verhältnisse, eine bei aller Mannigfaltigkeit zunehmende Ordnung und Harmonie.”
(Arnold Sommerfeld)

Der Gründer des Deutschen Museums, Oskar von Miller, hatte sich 1918 an Arnold Sommerfeld gewendet und ihn gebeten, ob er nicht Atommodelle vorschlagen könnte, die “in denen der Elektronenreigen um den Kern kinematisch vorgeführt werden könnte.” Auch wenn Sommerfeld diese, doch recht triviale Visualisierung ablehnte, setzte er sich, gemeinsam mit seinem Doktoranten Wolfgang Pauli in den folgenden Jahren mit der Frage nach einer angemessenen Darstellung des Atoms für die neue Abteilung “Aufbau der Materie” im Deutschen Museum auseinander.

Das Modell eines Goldatoms von 1928 – oben zu sehen – zeigt die Elektronen-Orbitale schematisch als Kugeln, deren Schalen-Dicke die Orte hoher Wahrscheinlichkeit für dazugehörigen Elektronen symbolisiert. Für die Didaktik der Physik ist es seit dieser Zeit eine Streitfrage, ob man – wider besseres Wissen – die Elektronenhülle durch Kugel- oder Kreisbahnen quasi planetarisch Verbildlichen darf; einmal im Kopf, wird man die Vorstellung von kreisenden Elektronen nie mehr los.

Aus ganz anderen Gründen wurde Sommerfelds Atom-Präsentation im Deutschen Museum kurz nach ihrer Einweihung wieder entfernt. Den Nazis war die Quantenphysik und speziell das Bohr-Sommerfeld Atommodell ein Dorn im Auge. Und kaum war Oskar von Miller, der über die Sammlung stets schützend seine Hand gehalten hatte, gestorben, konnten die braunen Pseudowissenschaftler die verhassten Exponate ins Depot verfrachten.

“Der Gedanke, daß ein einem Strahl ausgesetztes Elektron aus freiem Entschluß den Augenblick und die Richtung wählt, in der es fortspringen will, ist mir unerträglich. Wenn schon, dann möchte ich lieber Schuster oder gar Angestellter einer Spielbank sein als Physiker.”
(Albert Einstein)

Computergrafik ermöglicht uns, die mathematischen Funktionen darzustellen, mit denen wir die Atommodelle unserer Zeit beschreiben. Mag man sich das innere der Materie noch als kleine Kügelchen vorstellen können, die mit Drähten aneinander hängen – um die Quantenwelt als Real akzeptieren zu können, müssen wir uns von davon verabschieden, dass die Welt im Kleinsten irgendwie doch genauso aussieht, wie wir sie im großen kennen – auch wenn in den meisten Physikbüchern immernoch die Bohr-Sommerfeldschen Elektronen-Planeten um den Atomkern als Sonne kreisen. Auch in der Physik verläuft die Entwicklung des Weltbildes von einer rein mathematisch-philosophischen Vorstellungen, wie bei den Pythagoräern, über scheinbar konkreter werdendes Erkennen, bis in unserer Zeit wieder auf ein abstraktes Modell die Welt als Überlagerung von Wahrscheinlichkeitsverteilungen reduziert.

Doch in Wahrheit ist es ein ganz anderes Sinnbild, das die meisten Menschen mit “Atom” assoziieren:
Trefoil

Weiterlesen:

Metaphysik, Spekulation und die “Dritte Kultur” und:


Atombilder: Ikonographien des Atoms in Wissenschaft und Öffentlichkeit des 20. Jahrhunderts. Hsgb. von Jochen Hennig und Charlotte Bigg zur gleichnamigen Ausstellung im Deutschen Museum, 2007.

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Geschichte Kunst Literatur Miscellen

Semaphore

Georg Scholz (1890-1945):
Kakteen und Semaphore, 1923.

LWL-Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster / Rudolf Wakonigg. Abbildung mit freundlicher Genehmigung.

Eh mon Dieu, oui, un télégraphe. J’ai vu parfois au bout d’un chemin, sur un tertre, par un beau soleil, se lever ces bras noirs et pliants pareils aux pattes d’un immense coléoptère, et jamais ce ne fut sans émotion, je vous jure, car je pensais que ces signes bizarres fendant l’air avec précision, et portant à trois cents lieues la volonté inconnue d’un homme assis devant une table, à un autre homme assis à l’extrémité de la ligne devant une autre table, se dessinaient sur le gris du nuage ou sur l’azur du ciel, par la seule force du vouloir de ce chef tout-puissant.
Dumas, Der Graf von Monte Christo

Der Chappe-Telegraf überträgt Nachrichten durch ein Alphabet, das mittels eines beweglich in der Mitte aufgehängten Balken mit je einem klappbaren Ausleger an jeder Seite durch die unterschiedlichen Stellungen dieser drei Bauteile kodiert ist. Balken senkrecht, beide Auleger rechts (vom Sender aus gesehen), bedeutet z. B. die Zahl “40”. Unter Napoleon wurden Telegrafenlinien in Form von Türmen mit solchen Semaphoren auf dem Dach quer durch Frankreich und die besetzten Gebiete angelegt, um schnellstens Nachrichten von einem Truppenteil zum anderen zu transportieren.

Im Frankreich, in das Edmond Dantes nach vierzehn Jahren Haft als Graf von Monte-Christo zurrück kehrt, spielen die Semaphore längst eine ganz andere Rolle: es sind die – wie man heute so schön sagt – Nervenstränge der Volkswirtschaft und es sind nicht mehr die Truppenbewegungen, für die sich die Empfänger interessieren, sondern Bewegungen an den Börsen.

Wie ein Astronom blickt der Mann, der den Telegraphen besetzt, tag ein tag aus in den Himmel – aber nicht um Sterne zu beobachten. In seinem Fernrohr sieht er “Ein Insekt mit einem weißen Bauch und schwarzen Krallen.”, so beschreibt der Graf von Monte-Christo seine Faszination über die Semaphore und erkennt: es ist zum ersten mal, dass indirekt und doch fast unmittelbar die Gedanken des einen Menschen in wenigen Augenblicken über eine Strecke von mehreren Tagesreisen zu einem anderen transportiert werden. Aber Edmont ist kein Kaspar Hauser, der nur über die technischen Neuheuten staunt; er erkennt sofort, wie er die Telegraphie für seine Zwecke – die Rache – dienstbar machen kann. In unseren Worten: er nutzt eine Sicherheitslücke im Protokoll und startet einen Man-in-the-Middle-Angriff. Er besticht den Telegraphen-Operator und lässt durch eine Falschmeldung eines Umsturtzes in Spanien in Paris die Börse baissieren um seinen Widersacher von einst, den Bankier Danglar zu ruinieren.

Tatsächlich beginnt mit den Semaphoren von Claude Chappe das Zeitalter der Telekommunikation. Zum ersten Mal ist es möglich, nicht nur einfache Ja/Nein-Meldungen zu vorher vereinbarten Fragen zu senden, wie dies durch Rauchzeichen oder das Schwenken von Fackeln seit dem Altertum gehandhabt worden war.

Telekommunikation vermittelt etwas konkretes über eine Distanz hinweg; das Original der Botschaft – der denkende, fühlende, sprechende Mensch, der sie sendet – bleibt im Moment des Empfangens unerreichbar, wie die Sterne, die der Astronom am Himmel beobachtet, um im Bild aus dem Graf von Monte-Christo zu bleiben. Wie die Fotografie, die etwa zeitgleich aufkommt, verändert die Telegrafie die Aura, jenes Gefühl von Unmittelbarkeit oder Unnahbarkeit, durch das wir von den Objekten unserer Wahrnehmung manchmal uns wie von einem Hauch berührt finden, das früher eng verbunden war, mit dem Numinosen, dem Charismatischen und schließlich noch dem originalen Kunstwerk.

Es ist genau dieses Gefühl, das Georg Scholz in seinem Gemälde einfängt: Im Vordergrund liegen Glühbirnen, die Leitfossilien der futuristischen Bewegung, die nicht zuletzt die Semaphore in ihrem letzten Rückzugsgebiet verdrängen, den Formsignalen der Eisenbahn, wie sie heute nur noch gelegentlich in den Gärten der Bahnfreunde zu sehen sind. Die Semaphore stehen rätselhaft hinter einer dichten, grünen Hecke vor einem abendroten Himmel, der zum Zenith hin bereits in nächtliches Dunkel fällt. In Ruhestellung. Rätselhaft auch das helle, weiße Licht, dass von einem, für den betrachter unsichtbaren Sprossenfenster von hinten in den Raum strahlt, sich in den Glühbirnen spiegelt und die Kakteen scharf beleuchtet. Ein Vorhang, wie ein Schleier, weht links vor dem Fenster; fällt er ganz darüber, droht er, den Blick auf die Signale gänzlich zu verschleiern.

Mit den Semaphoren war die Verschlüsselung von Zeichen in maschinell übertragbaren Code geboren. Eine Vielzahl von Erfindern entwickelten daraus und mit der kurz zuvor entdeckten Elektrizität in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unterschiedliche Technologien zur Signalübertragung über weite Strecken – perfektioniert durch den Morse-Telegraf und schließlich durch die kabellose Telegrafie, Anfang des 20. Jahrhunderts durch Marconi und Braun eingeführt wurde. Damit waren die Semaphore, die optischen Telegrafen, überflüssig geworden.

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Schreiben mit Maschinen

“Wer Dichtung will, muss auch die Schreibmaschine wollen.” (?)
Arno Schmidt, “Zettels Traum”

Man greift zum Pinsel oder zur Feder (diesem natürlichen Pinsel), um federnd, beflügelt, wie im Flug zu schreiben. Dann dreht man die Feder um und schreibt mit der Federspitze, um noch schneller zu schreiben.
Vilém Flusser, “Die Schrift”

Füllfederhalter heißt auf russisch Авторучка (Awtorutschka, wörtl.: Auto-Händchen), das bedeutet soviel wie “die selbsttätige schreibende Hand”. Die Feder aus Stahl, letzte Verzeichnung des Gänsekiels, saugt sich die Tinte aus dem Tank, so dass problemlos einige Seiten in Kurrentschrift mit Text aus endlosen blauen Linien gefüllt werden, die sich wie Fäden über das Papier ziehen. Anfangs gibt es kaum Widerstand, die Feder gleitet mühelos übers Papier; dann fängt der Auftrag an, heller zu werden, bis die Bewegung der Feder schließlich auf dem Papier zu kratzen beginnen. Jetzt muss man wieder nachfüllen – per Patrone oder aus dem Tintenglas. Der Schreibfluss wird unterbrochen, man kann genauso gut aufstehen und zum Kühlschrank gehen, sich einen Kaffee kochen oder ein Glas Wein nachschenken. Es werden nie mehr als ein paar Seiten. Das ist der Schritt, den der Füller als Werkzeug uns beim Schreiben gibt.

Meine ersten beiden Schreibmaschinen: der billige Füller der Schulzeit; das bessere Modell fürs Studium.

“- aso wenn die Schreibmaschine sorichtich im System rappelt : 10 Daktylen, 2 Cheir -”
Arno Schmidt, “Zettels Traum”

… auf der Maschine verklemmen die Lettern, wenn man die Tasten nicht richtig trifft. Anfängerfehler. Dafür trifft man ü und ß viel leichter, als auf der, mit Sonderzeichen vollgemüllten, engen Laptop-Tastatur.

Das Eigentümliche der Schreibmaschine ist die Rhythmik, deren Schläge – die Anschläge der Tasten – und Takte – der Zeilenvorschub – das Schreiben viel kleinteiliger gliedert, als das Umblättern des Papiers oder das Nachfüllen der Tinte beim Schreiben von Hand. Der Stil des Maschineschreibens wird von selbst knapper. Man gewöhnt sich an, das Klingeln vor dem Zeilenende vorwegzuspüren, die Sätze danach zu bemessen, einen schönen Abschluss zu finden, bevor die rechte Hand von der Tastatur genommen werden muss, um den Vorschub zu betätigen. Ausladende Haupt-Nebensatzkonstruktionen machen auf der Schreibmaschine keinen Spass. Ähnlich wie beim Schreiben mit der Hand, muss man auch beim Maschineschreiben den Satz zuende denken – ein Umkehren und Löschen des bereits getippten kostet die Ästhetik der beinahe druckreifen Typografie. Aber mit der Maschine kommen die Wörter viel schneller, als mit der Hand. Es bleibt viel weniger Zeit, den Satz in Gedanken zu formulieren. Also: kurze Sätze, die in der Silbenfolge das Metrum des Tastengeklappers behalten.

Drückt man die Tasten nicht exakt von oben, verklemmen die Lettern und man rutscht mit den Fingern in die Zwischenräume – und an der Unterseite sind die Tasten gar nicht so gefällig glatt, sondern scharfkantig und das Abrutschen ist schmerzhaft.

Nach langem Schreiben fühlt man auch im Bett liegend noch das rythmische Spiel der Finger, die sich von der physischen Anstrengung des Tastendrückens erholen.

” – der Klang Deiner Schreibmaschine gab Mein’n Träumen eine wunderliche Form.-
Arno Schmidt, “Zettels Traum”

‘sich mit den Fingern dran=spieln’; wär also eine, für die DamenWelt=typische, Ersatzhandlung. “(wie auch Klavier / Schreibmaschine:’tipp=tipp=tipp die kleine Erica’; (all diese virtuosn fingerspielerinn’: Klavier,Schreibmaschine,ZupfGeigen im puzzycato;(sogar übertriebene Maniküre)))”
Arno Schmidt, “Zettels Traum”

Selbst bei der Schreibmaschine ist von Zeit zu Zeit ein Farbbandwechsel nötig. kein noch so entwickelter Tintenstrom ist unversiegbar. Erst wenn die Aufschrift vom Teletype ersetzt ist, wird es technisch möglich sein, in einem ununterbrochenen Schreibschwall zu schreiben.
Vilém Flusser, “Die Schrift”

Der Atari MegaST war 1986 der erste Computer, auf dem ich geschrieben habe. Ältere Computer wie der C64 hätten der Schreibmaschine nicht das Wasser reichen können. Aber auf dem Atari liefen TEX und Signum und andere hervorragende Schreibprogramme. Mit dem Computer war das Schreiben ganz anders, als auf der Maschine. Zum einen ging es unendlich weiter. Kein Umschalten von Klein- auf Großbuchstaben; das Anheben des Wagens mit den kleinen Fingern war ja eine echte Kraftanstrengung! Kein Klingeln und Anhalten durch den Zeilenvorschub, kein Papiernachlegen, kein Farbbandauswechseln.

Der zweite, ebenso wesentliche Unterschied besteht in der aufdringlichen Präsenz des gerade getippten Textes, der einem jetzt frontal ins Gesicht leuchtet. WYSIWYG – bereits formatiert mit Überschriften, Font, Absatzparametern besitzt der Text vor Augen sofort etwas endgültiges; aber: wie schnell hat man andererseits ganze Passagen gelöscht! Das druckreife Äußere des Textes auf dem Bildschirm ist weniger eine Anmaßung, als vielmehr eine Irreführung, die uns etwas als fertiges Produkt verspricht, was schon beim nächsten Absturz unwiederbringlich verloren gehen kann. Dazu hat sich auch Günter Grass jüngst im Spiegel-Interview geäußert:

“Ich würde diese Entwicklung hin zum Lesen auf Computern gern aufhalten, aber das kann offenbar niemand. Dabei werden die Mängel des elektronischen Verfahrens bereits beim Erstellen des Manuskripts offenkundig. Die meisten jungen Autoren schreiben direkt in den Computer, verändern und arbeiten in ihren Dateien. In meinem Fall dagegen existieren zahlreiche Vorstufen: eine handschriftliche Fassung, zwei, die ich selbst mit meiner Olivetti-Schreibmaschine getippt habe, und schließlich mehrere Ausdrucke von Fassungen, die meine Sekretärin in den Computer eingegeben und ausgedruckt hat und in die ich jeweils zahlreiche handschriftliche Korrekturen eingearbeitet habe. Solche Arbeitsgänge gehen verloren, wenn man gleich am Computer schreibt. […] Im Computer sieht ein Text immer irgendwie fertig aus, auch wenn er es längst nicht ist. Das verführt.”

***

Durch den Papierhandlungen und Schreibtische zusammenfassenden Blick wird jedes politische engagement des Schreibers als lächerlicher Irrtum erkannt. Es ist darum den meisten gegenwärtig Schreibenden nicht zu empfehlen, diesen Blick zu wagen. Während der ganzen Schreibkultur waren die Mittel klein und verächtlich, die Ziele waren großartig und nobel. Es ist doch lächerlich, bei der Beurteilung des erreichten Zwecis “Göttliche Komödie” an Dantes Gänsekiel zu denken. Das ist jetzt anders geworden. Das angebotene [Schreibwerk-]Zeug ist großartiger als die zu schreibenden Notizen, denen es vorgeblich dient: wieviel mehr Intelligenz steckt in solchem Zeug als dem dan ihm erzeugten Geschreibsel.
Vilém Flusser, “Die Schrift”

Seit 1992 schreibe ich auf Laptops. Es ist wieder einfacher, den Bildschirm beim tippen zu ignorieren, erst recht in den Eingabemasken von WordPress oder einem Wiki, die selbst nur noch einen Teil des ohnehin kleinen Bildschirms beanspruchen. War ich früher alle paar Minuten aufgestanden, um etwas nachzulesen, ist dafür jetzt die Verlockung groß, einfach ein neues Tab im Browser zu öffnen und im Netz zu suchen, ob es nicht doch jemand gab, der meinen Gedanken vor mir schon einmal formuliert hatte (und vielleicht sogar treffender, als ich es mir zutraute). Einmal vom rechten Pfad abgewichen, gibt es kaum noch Rettung: jetzt muss einfach noch ein Blick in die Twitter-Timeline drinn sein und – ach, warum nicht – auch noch gleich das Email checken.
Deshalb arbeite ich gerne im Zug; und da ist es der Ladestandanzeiger des Akku, der den Takt klopft: ist er auf unter 30% gefallen, heisst es: schnell noch zuende bringen, was ich mir vorgenommen habe, bevor mein Schreibapparat mir die Zwangspause verordnet.

Triumph Matura Atari MegaST Compaq

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Das große Fressen auf dem Lande

Quanto sarà beatissimo lo starsi in villa: felicità non conosciuta.
Leon Battista Alberti, I Libri della Familglia

Die Kroaten, die lassen sich wirklich nicht anschauen, wenn es ums Essen geht. Man merkt auch auf einem 10tägigen Kurzbesuch mit intensiven Wirtshauserkundungen, dass es gegen den persönlichen Stolz der Wirtsleute zu gehen scheint, wenn der Grill einmal ausgehen sollte, bevor nicht jeder Gast mindestens drei unterschiedliche Fleischsorten verzehrt hat. Manche mögen es Völlerei nennen – für mich fängt Erholung mit dem Magen an.

Vor der Fahrt habe ich mir eine Essliste geschrieben, die ich hier gerne veröffentlichen möchte. Schließlich gehört es mittlerweile fast schon zum guten Ton, seinen Konsum zu veröffentlichen, sei es um anderen das Wasser im Munde zusammenlaufen zu lassen, sei es um diesen ganzen riesenhaften, algorithmischen Datenkraken zuvorzukommen, die eigenen Neigungen schlicht zu kalkulieren.

Meine Planung für den Istrien-Urlaub sah ungefähr so aus:

  • Frische Fuži oder Gnocchi mit Wildragout
  • Filet oder Steak vom Istrischen Ochsen (Boškarin)
  • Unter der Tonhaube pod pekom gegartes Fleisch
  • Trüffel mit frischer Pasta (etwas vegetarisches muss auch hin und wieder sein)
  • Trüffel mit Rinderfilet
  • Trüffel mit Rührei
  • Pršut (istrischer Schinken)
  • Kiloweise Scampi – zum Frühstück, Mittagessen und Abendessen

Auf den ersten Blick ziemlich viel, aber in 10 Tagen bei einer strategisch günstigen Wahl des Ausgangspunktes mit zahlreichen Bauernhöfen und Konobas (der kroatischen Version des bäuerlichen Wirtshauses) durchaus zu schaffen.

Die am weitesten gereisten Lebensmittel kamen aus dem 80 Kilometer entfernten Pula, alles andere aus den benachbarten Dörfern, Wäldern und Weiden. In Nordwestistrien ist local food kein Problem. Dagegen wäre hier, an der Grenze zwischen der Münchener Schotterebene und dem Voralpenland, eine 50 Meilendiät eine vergleichsweise triste Angelegenheit. So richtig wohlschmeckend ist das Leben eigentlich nur in Regionen, in denen es Olivenbäume, Wein und Trüffel gibt. Raps, Bier und Kartoffel sind kein wirklich befriedigender Ersatz.

Wobei: Auch in München hat es dereinst Weinbau gegeben – noch im 19. Jahrhundert kannte man den Haidhauser Rachenputzer oder den Harlachinger Kindsmörder. Die Weinstadt München bekam aber längst nicht so viel Lob wie die Bierstadt. So urteilte Wiguläus von Kreittmayr: “O glückliches Land, wo der Essig, welcher anderswo mit großer Mühe bereitet werden muß, ganz von selbst wächst.”

Ein paar Kilometer südlich, zwischen Umag und Novigrad liegt die winzige Gemeinde Sveti Pelegrin, die im Wesentlichen aus einer dem Hl Pelegrin geweihten Kirche aus dem 15. Jahrhundert sowie etwa fünf Straßen mit schlichten bis protzigen Sommervillen besteht. Vor 1700 Jahren soll hier der Heilige direkt am Meer seinen Märtyrertod gefunden haben.

Die Literatur schweigt sich über diesen Lokalheiligen, der am 23. Mai verehrt wird, leider aus. Überhaupt ist die Lage bei den vielen heiligen Peregrini etwas unübersichtlich. Die Bezeichnung “fremd” und “zugewandert” passt einfach auf zu viele geistliche Einsiedler. Das Stadlersche Heiligenlexikon kennt über 30 Heilige mit diesem Namen. Der Umager ist nicht darunter.

Heute sieht man an den Autos vor den Häusern den Wohlstand dieses Ortes: SUVs (vor den eher protzigeren Villen) und Oberklassewagen (vor den eher schlichten Villen) ausschließlich mit slowenische Kennzeichen. Wenn man früh morgens durch die Straßen geht, sieht man dieselben Männer, die am Abend zuvor noch bis in die Nacht hinein mit der Familie am gemauerten Grill gesessen ist, in Anzug und Krawatte in ihr Auto hüpfen und nach Ljubljana fahren.

Bei Walter Benjamin blickt der Engel der Geschichte erschrocken in die Vergangenheit und hangelt sich so von Katastrophe zu Katastrophe, von Trümmerhaufen zu Trümmerhaufen. Der istrische Engel der Geschichte scheint dagegen einen eher entspannten Blick auf die Welt zu werfen. Er sieht nicht erschrocken in die Vergangenheit, sondern satt und freundlich, mit ein paar Trüffelkrümeln vom letzten Abend auf den Lippen.

Er blickt auf die Kontinuität zwischen dem römischen Leben in den villae rusticae und den heutigen Sommerhäusern der slowenischen Oberschicht (oder ist es die kroatische Oberschicht, die in Slowenien zugelassene Wagen fährt?)

Im 15. und 16. Jahrhundert entwickelte sich auf der anderen Seite der Adria, in Italien, eine eigene literarische Gattung der Villenliteratur, in denen die innige Verbindung von vita rustica und vita comtemplativa gelobt wurde. Diese Werke waren eine heute eigenartig anmutende Mischung aus philosophischen Betrachtungen und praktischen landwirtschaftlichen Anweisungen. Dabei wird die Landwirtschaft, die santa e pia rusticità sogar als höchste der Künste verehrt, weil sie zum einen die Erzeugnisse für das gesellige Zusammenleben, das gemeinsame Mahl liefert und zum anderen niemandem schadet (sogar den Gedanken der Nachhaltigkeit spürt man hier zwischen den Zeilen immer wieder).

Vor allem wendet sich die Villenliteratur gegen den Handel, der zuvor neben der Landwirtschaft als zweites Standbein der Privatwirtschaft gelobt wurde, als viel zu risikoreich und städtisch. Müßiggang und Schmach, aber auch Risikofreude und Schulden erkennt man direkt am Zustand der Villa rustica: Wo zuvor Weinstöcke und Obstbäume wuchsen, sind nur noch Gebüsch und Dornen: “Perche si come l’otio impoverisse: cosi per l’opposito, l’essercitio in villa inricchisse.” Ich glaube, wir sollten uns diese Literaturgattung in der nächsten Zeit noch einmal ganz genau ansehen.

Literaturtipp: Der hinreißend sperrig übersetzte “Gourmet Führer Nordwest Istriens“, der zum “Umlautschutz” aufruft und mit Formulierungen wie “Dieses Fleisch ist naturell produziert und es stellt ein Ergebnis der Bauern und seine Muehe dar; jetzt wird dieses auch gastronomisch valorisiert” entzückt. Die Empfehlungen sind aber sicherer als die Fremdsprachenbeherrschung. Ebenfalls sehenswert ist die offizielle istrische Gourmet-Webseite, auf der es sogar eine kulinarische Hotline gibt.

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TEX – digitaler Buchsatz

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Faksimile der 42-zeiligen Gutenberg-Bibel nach dem Exemplar der Berliner Staatsbibliothek Preuss. Kulturbesitz. Peagant, NY, 1964

“Gutenberg hat eigentlich nichts erfunden: Schon um die Mitte des zweiten Jahrtausends v. Chr. hätte man in diesem sinn buchdrucken können. Alle technischen Voraussetzungen (Pressen, Tinten, Blattförmige Unterlagen, auch die Kunst, Negative in Metall zu gießen) waren damals gegeben. Man druckte noch nicht, weil man sich dessen nicht bewußt war, dass man Typen handhabt, wenn man Schriftzeichen zeichnet.”
Vilém Flusser, “Schrift”

Die 42-zeilige Bibel aus der Werkstatt Gutenbergs gilt als das erste Buch, das im neu erfundenen Buchdruck mit beweglichen Lettern gedurckt wurde. Bis heute haben sich mindestens 48 Exemplare erhalten. Die Typografie dieses weltverändernden Buches gilt bis heute als eine der schönsten – von vielen sogar als die schönste erachtet, die je gesetzt wurde.

Der Textsatz Gutenbergs weist allerdings einen ganz wesentlichen Unterschied zu den späteren Satztechniken auf: während spätere Setzer den Zeilenausschluss, der alle Zeilen auf die Breite des Satzspiegels bring, durch Spatien, kleine Blei- oder Messingstreifen erreicht wird, mit denen der Setzer die Wortabstände entsprechend vergrößert, bis die Zeile voll aufgeschlossen ist, nutzte Gutenberg insgesamt 290 unterschiedliche Lettern zum Druck, die für denselben Buchstanben sich geringfügig in der Breite unterschieden. Damit ist Gutenberg vom Erscheindungsbild der Seiten viel näher an der Handschrift geblieben, als spätere Setzer – ästhetisch überlegen, aber weit weniger effizient.

Oben und unten: Typografien des berühmten Schriftdesigners Hermann Zapf – gesetzt mit TEX (Abbildungen von http://www-cs-faculty.stanford.edu/~uno/).

Als ich anfang der Neunziger Mathematik studierte, waren viele neuere Lehrbücher so hässlich, dass es mir schwer viel, den Inhalt daraus zu erfassen; die minderwertigen Satz- und Reproduktionsqualität dieser Zeit machte die “Nerd”-Wissenschaft Mathematik noch unattraktiver. Der Grund für diesen Niedergang an Publikationskultur liegt in der Umstellung vom Bleisatz auf den “Lichtsatz”. In den modernen Satzmaschinen – meist immer noch teilmechanisch oder basierend auf nicht ganz so schnellen Computern – war es schlichtweg nicht vorgesehen oder unmöglich, so komplexe, durch Indizes und Superscripten mehrzeiligen Formeln zu erstellen, wie sie eben die Mathematik ausmachen. In der Regel wurden also einfache Computer-Ausdrucke oder Schreibmaschinen-Skripten mit handschriftlichen oder mit Schablone gezeichneten Formeln vervielfältigt und gebunden. Zum ersten Mal seit 500 Jahren waren die Verlage von Gutenbergs Technologie abgewichen und es schien einigen Zeitgenossen – wie etwa Vilém Flusser – das Ende der Schriftkultur eingeläutet.

Aber nicht alle Bücher waren so hässlich. Immer öfter tauchten unter den Neuerscheinungen wirkliche Perlen der Schriftkunst auf – auch in Nischengebieten, in ganz kleinen Auflagen, ja sogar in Dissertationen und Diplomarbeiten gab es plötzlich einen unglaublichen Qualitätsschub – zumindest was das Aussehen der Texte betrifft.

Dies ist das Verdienst von Donald E. Knuth:

Sein Buch “The Art of Computer Programming” war für Donald E. Knuth der Anlass, sich systematisch mit digitalem Textsatz auseinanderzusetzen. Das Ergebnis rechtfertigt die Mühe!

Knuth – einer der großen Wegbereiter der Computerprogrammierung hatte in fast zehnjähriger Arbeit ein Textsatzprogramm geschrieben, von dem er selbst mindestens dieselbe Leistung und Qualität erwartete, wie von den großartigen Monotype-Bleisatzmaschinen. Die Geschichte dieses Programmes ist von Donald Knuth selbst erzählt: enttäuscht von der schlechten Qualität der zweiten Auflage seines Buches hatte er begonnen sich in Textsatz und Druck einzuarbeiten und nicht eher aufgegeben, bis er die perfekte Lösung vorstellen konnte – die er unter einer Free Software Lizenz veröffentlichte!

Die Notation von komplizierten Formeln ist in TEX schnell erlernt. Die Sonderzeichen werden durch einen \-Tag eingeleitet. Superskripten und Indices kommen einfach der Reihe nach.

\sum ergibt das Summenzeichen Σ
\int das Integral ∫
Griechische Buchstaben ebenso: \alpha ergibt α und so weiter. Es ist nicht schwierig, selbst weitere Befehle oder Macros in TEX anzulegen – inzwischen gibt es wohl nahezu jedes Alphabet auf Erden als Font für TEX.

Hier ein Beispiel in der vereinfachten TEX-Version, die auf Wikipedia eingebaut ist: Die Riehmannsche ζ-Funktion.

In TEX-Code:

\zeta(s) = \sum_{n=1}^\infty\frac1{n^s} =1+\frac1{2^s} +\frac1{3^s} +\frac1{4^s} +\cdots

ergibt als Bild:

… oder für s=2, mit dem bekannten Kreis-Zusammenhang:

\zeta(2) = \sum_{n=1}^\infty \frac1{n^2} = \frac{\pi^2}6

Das besondere an TEX ist aus meiner Sicht gar nicht einmal die Leichtigkeit, mathematische Formeln wie gestochen in den Text einzufügen. TEX setzt Buchseiten in einer ästhetischen Weise, wie es einstmals die besten Bleisetzer von Hand vermochten und zwar mit belibigen Typen, Schriftarten, Symbolen, von Rechts nach Links – ganz danach, wie es der Text erfordert.

Neben dem eigentlichen Textsatzprogramm gehört zu TEX noch ein Werkzeug zum Fontmanagement: METAFONT. Knuth stellte – anders als seine Vorgänger – die Buchstaben und Symbole nicht als Bitmap, also als ein Raster mit schwarzen und weißen Flächen dar, sondern beschreibt die Zeichen als mathematische Formeln, als Kurven von Funktionen. Diesem Ansatz folgen heute alle Textsatzsysteme – Adobes Postscript und pdf ebenso wie Microsofts Truetype – mit einer wichtigen Ausnahme: in diesen wird der Umriss des Buchstabens durch die Kurven beschrieben, während Knuth einen “Pinselstrich” beschreibt – eine Mittellinie und den Umriss des Pinsels in Form einer Elipse.

“The Art of Computer Programming” von Donald E. Knuth ist nicht nur schön gedruckt, sondern auch schön gebunden – Leineneinband mit Fadenheftung, wie es sich gehört!

Der Textsatz war in all den fünfhundert Jahren seit Gutenberg der wichtigste und anspruchvollste Teil der Buchproduktion. Das hatte sich auch durch die Mechanisierung mit Linotype und Monotype geändert – es war eine hohe Kunst, in der es stets darum ging, mit Maschinen Texte zu produzieren, in einer Weise, die dem Wert des Inhaltes mindestens gerecht werden sollte. Die Technologie zu beherrschen – und nicht umgekehrt, sich ihr unterzuodrnen – ist heute so aktuell wie zu Gutenbergs Zeit. TEX übersetzt das wesentliche dieser Technologie in die digitale Medienproduktion.

Nach dem Inhalt sind der gute Satz und das Layout der zweite, notwenidge Schritt zu einem wertvollen Text. Danach folgt die eigentliche Produktion von der Papierherstellung, dem Druck, bis zur Bindung – bzw. die Darstellung auf dem Bildschirm und die Distribution. Alle diese Schritte zahlen auf den Wert eines Mediums ein. In jedem einzelnen lohnt sich Sorgfalt.

“Nie zuvor ist der Forschritt der Geschicte so atemlos gewesen wie seit der Erfindung der bildermachenden Apparate.”
Vilém Flusser: “Schrift”

(die Abbildung nach Knuth a.a.O.)

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