Alles fließt. Über Statisten und Blutwunder

Die Spanier sind offenbar derzeit nicht einverstanden mit der ihnen zugedachten Statistenrolle in ihrer Demokratie und der Gesellschaft. Ihre Demokratie ist zu einer Beteiligungssimulation geronnen. Rituale der Macht und ihre Verteilung folgen parteiübergreifend ihren eigenen, inhärenten Regeln. Teilhabe – vielleicht ohnehin eine Illusion – stört den Ablauf. Alles stockt, nichts fließt mehr.

“Empörung” heißt jetzt “indignación”, junge Spanier formulieren es auf der Plattform “Democracia Real Ya!” in einem Manifest und sie fordern eine ethische Revolution. Von Empörung war ja auf diesem Blog schon Rede. Es ist mein Wort des Jahres. Verbunden mit der Frage: Was empört uns eigentlich?

Die spanische Empörung – und nicht nur sie – entzündet sich an dem Wunsch der Menschen, eine aktive Rolle in der Politik, in der Gesellschaft, in der Welt spielen zu wollen. Menschen wollen keine Statisten sein, sie wollen aktiv sein, nicht passiv. Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von 45 % ist das mehr als eine ethische Forderung, es ist eine ganz elementare. Die geronnenen Demokratieformeln genügen ihnen nicht mehr. Etwas Neues muss her, oder eine neue Art und Weise, das Alte zu tun.

Sicher, die Frage ist, was danach kommen soll. Aber die neue Struktur zeigt sich erst, wenn die alten Strukturen ins Schwimmen geraten sind. Es ist ein Kennzeichen von Phasen des Übergangs, dass alles ins Rutschen gerät und die Strukturen ihre Kontur verlieren. Dann erst können neue Strukturen aufscheinen, kann eine neue Ordnung wieder zu klaren Formen und Strukturen kondensieren. Peter Glaser beschreibt das sehr schön in seinem Essay “Auf in die Hypermoderne: Der Übergang” als zunehmendes Flirren und Rasen. Seine Frequenz nimmt zu, bis sich “eine neue Struktur ausgeprägt hat, ein neuer Grad an Ordnung, und sich eine neue Geläufigkeit einstellt”.

Ich denke hier die Lage der Politik, der Gesellschaft und der Medien zusammen. In allen diesen Bereichen befinden wir uns in einem Übergang. Das Bisherige passt nicht mehr, das Neue hat noch keine Konturen. In der Berichterstattung über die Revolutionen spiegelt sich genau dies auch auf der Ebene der Medien und des Journalismus. Noch fehlen uns die geeigneten neuen Kulturtechniken, um mit den Veränderungen umzugehen. Aber wir entwickeln sie grade.

Und so können wir auch die Spanische Revolution 2011 lesen: Als einen ersten Schritt, um Bewegung in die Lage und die Dinge in Fluss zu bringen, Gestocktes zu lösen und damit die Voraussetzungen für Neues zu schaffen.

In anderem Zusammenhang (S. 93 ff.) habe ich einmal von dem thixotropen Effekt des Web 2.0 gesprochen, das mit seinen Beteiligungs- und Prosumenteneffekten bestehende Strukturen auflöst. Thixotropie bezeichnet in der Physik die Eigenschaft eines Stoffes, sich durch Bewegung verflüssigen zu können, seinen Aggregatzustand zu verändern. Bekannt ist dieser Effekt z.B. bei Ketchup, der erst geschüttelt werden muss, damit er aus der Flasche fließt – und auch bei einigen der sogenannten “Blutwunder“, bei denen sich geronnenes Reliqiuenblut durch Schütteln wieder verflüssigt.

Wissen, Kultur und Gesellschaft haben auch thixotrope Eigenschaften: Sie lassen sich durch Bewegung in Bewegung bringen, sie verändern ihren Aggregatzustand, ihre Form und ihre Kontur. Ihre Strukturen sind nicht statisch, sie reagieren auf die Umwelt. Das ist eine evolutionäre Überlebenstrategie: Die vorübergehende Verflüssigung macht den Weg frei für eine Reorganisation, für die Herausbildung neuer, angemessener Strukturen und für neue Kulturtechniken.

Wer weiß, vielleicht gilt dasselbe gar auch für die Politik.

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Weitere Blog-Beiträge zum Thema:

http://www.slow-media.net/tribales-trommeln

http://www.slow-media.net/spanische-revolution

http://www.slow-media.net/agypten-und-der-rest-der-welt

 

 

Memetic Turn

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“Der Gehenkte” aus dem Tarot Karls VI., Paris, Anfang 15. Jhd.

Die Symbolik des Tarot – ähnlich wie die der Alchimie bildet ein vormodernes Mem-System. Eng verwoben mit anderen mehr oder weniger esotherischen Sinn-Programmen wie Kabbalah oder Astrologie sind die Bilder darin zum ersten illustrativ – sie stellen durchaus auch das dar, war darauf zu sehen ist, zum zweiten besitzen sie den willkürlich zugeordneten symbolischen Wert. Das Besondere an Memen wie an Metaphern ist, dass zwischen unterschiedlichen Menschen ein gemeinsamer Bedeutungsraum entsteht, über den sich diese Verschiedenen identifizieren

“Literacy, the visual technology, dissolved the tribal magic by means of its stress on fragmentation and specialization and created the individual.”

“The tribalizing power of the new electronic media, the way in which the return us th the unified fields of the old oral cultures, to tribal cohesion and pre-individualist paterns of thought, is little understood. Tribalism is the sense of the deep bind of family, the closed society as the norm of community.”
Herbert Marshall McLuhan

“Alles ist teilbar, und es kann kein Individuum geben.”

“Die Bedeutung solcher Symbole [der Buchstaben] ist von Farbe weitgehend unabhängig: ein rotes und ein schwarzes ‘A’ bedeuten denselben Laut. […] Daher deutet die gegenwärtige Farbexplosion […dass] eindimensionale Koden wie das Alphabet neigen, […] an Wichtigkeit zu verlieren.”

“Mit der Erfindung der Schrift beginnt die Geschichte, nicht, weil die Schrift Prozesse festhält, sondern weil sie Szenen in Prozesse verwandelt: Sie erzeugt das historische Bewusstsein.”
Vilém Flusser

ממטית המהפך

Schriftlichkeit und Gesellschaft hängen unmittelbar zusammen. Durch Texte, insbesondere die Zeitung, die im 19. Jahrhundert das erste echte Massenmedium wird, können Menschen über große Distanzen homogen informiert werden. Dies war auch erst seit Aufkommen der Eisenbahn und der Telegrafie wirklich von Bedeutung. Diese sind die Grundlage, auf der sich erstmals eine wirklich überregionale Volkswirtschaft – die Nationalökonomie – entwickeln kann. Die lokale Gemeinschaft, das Dorf, verliert im selben Maß ihre Eigenschaft als “Schicksalsgemeinschaft”, wie bereits Tönnies festgestellt hatte.

“Zeitungen sind der Kitt der Gesellschaft” ruft in diesem Sinne unlängst Zeitungsverleger-Präsident Helmut Heinen aus.

Aber irgendetwas scheint an dieser Aussage nicht (mehr) zu stimmen, wie auch Daniel Schulz als Replik dazu im Der Standard geschrieben hatte, indem er dem Zeitungsmann erwidert: “Nicht Zeitungen, sondern Katzenbilder sind der Kitt der Gesellschaft!”

Daniel hat nicht recht, obwohl er, davon bin ich überzeugt, das richtige meint. Katzenbilder sind nicht der Kitt der Gesellschaft, sondern von Gemeinschaften! Damit sind sie nichts weniger als der Kitt der Gesellschaft, sondern vielmehr bin ich überzeugt, wie ich im folgenden ausführen möchte, dass sie die Gesellschaft sogar korrodieren werden.

Diese Katzenbilder – im Fall meiner eigenen Community sind es Bilder von Geflügel, insbesondere von Laufenten – sind ganz besondere Zeichen, eng verwand mit Metaphern, Allegorien oder Emblemen. Obwohl nicht ganz im Sinne ihres Erfinders, hat sich eingebürgert, diese Art von Bild-Zeichen als Meme zu bezeichnen. Die Bedeutung der Meme ist oft hermetisch, außerhalb der Gemeinschaft, in der sie ausgetauscht werden, nicht zu verstehen.

In den Memen – also meist wenig ikonischen aber selten abstrakte Zeichen – konzentriert sich oft ein ganzes Universum von Bedeutungen und Verbindungen, die die Mitglieder einer Gemeinschaft mit dieser Gemeinschaft verbinden. Meme sind gemeinschaftliche Projektionsräume unseres Unbewussten: “Im Dunkel eines Äußerlichen finde ich, ohne es als solches zu erkennen, mein eigenes Innerliches oder Seelisches.” (C.G. Jung über die Allegorien der Alchimie).

Meme übernehmen dadurch eine Funktion, die in der Vormoderne Metapher und insbesondere der Allegorie innehatten:

Mit Metaphern lassen sich Dinge anschaulich machen, die nicht explizit gesagt werden könnten. “Metaphorik erweitert den Horizont des Denkbaren, indem sie die Grenzen der Verstandesrationalität sprengt und so der Darstellung spekulativer Gedanken unverzichtbare Räume möglicher Artikulation eröffnet.” schreibt Jörg Zimmer. Indem Metaphern nicht-identische Begriffe gleichsetzen, machen sie die verbindenden Eigenschaften deutlich; Metaphern stiften Identität zwischen ansonsten Verschiedenem. Dabei drücken Metaphern zunächst die Bilder aus, die ihr Sprecher (“Sender”) im Kopf hat; der Empfänger der Metapher wird zunächst vermutlich nicht das identische Bild im Kopf haben, sondern die Metapher mit seinen eigenen Bedeutungszusammenhängen füllen. In der Weise, in der die Bedeutung, die der Sender mit seiner Metapher verbindet, ähnlich zu der Bedeutung wird, die der Empfänger darein gibt, stiftet die Metapher auch Identität zwischen unterschiedlichen Personen; Metaphern stiften Gemeinschaftlichkeit.

Meme wirken wie ansteckend. Man ist infiziert, hat man sich erst einmal damit identifiziert.
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History of Turns

Der Linguistic Turn, wie oben beschrieben, war die Folge einer eng zusammenwachsenden, immer besser gebildeten Bevölkerung mit hoher Alphabetisierung und der technologischen Infrastruktur von Massenverkehr und Massenkommunikation über große Distanzen. Mit dem Linguistic Turn der Moderne lösen sich die alten Gemeinschaften auf; Gesellschaften – Nationen und Staaten formieren sich und die Zeitung bzw. die Massenmedien sind der Kitt dieser Gesellschaften. Die Metonymie löst die Metapher als Leit-Trope in der Rhetorik ab: “Berlin erklärt Paris den Krieg”.

Mit der Illustrierten und vor allem dem Fernsehen kommt im 20. Jahrhundert der Iconic Turn – massenmedial vermittelte Bilder. Parallel mit dem Zusammenwachsen der ehemals konkurrierenden nationalen Staats-Gesellschaften zu den supranationalen Blöcken der Nato, Warschauer Pakt oder Europäische Gemeinschaft liefern die bildstarken Medien einen international gültigen Bilderschatz. Diese technisch massenhaft verbreiteten Bilder sind fast völlig unmetaphorisch; die zeigen im Wesentlichen das, was darauf zu sehen ist.

Die Tagesschau wird das Lagerfeuer der Nation und die Utopie scheint Realität zu werden, dass es tatsächlich einen Zusammenhalt von Menschen weit über den engen Rahmen einer Gemeinschaft gibt. Für das grobe Raster der politischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind diese Massenmedien in der Lage, ein Millionenpublikum täglich mit den wenigen relevanten Nachrichten zu versorgen, die zum nationalen Zusammenleben notwendig sind: die holzschnitthafte Parteipolitik in den Parlamenten, das Zusammenspiel der eigenen Nation mit den anderen Staaten, die groben Neuigkeiten einer relativ konstant wachsenden Wirtschaft, stets verständlich gehalten auch für “Menschen mit mittlerer Bildung”. Ironie ist das Stilmittel des Iconic Turn – häufig allerdings in Form von Zynismus.
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Seit den achziger Jahren des 20. Jahrhunderts gibt es deutliche Zeichen von Abnutzung an den Massenmedien, zunächst noch in vielen Ländern überdeckt durch den enormen Erfolg des Privatfernsehens bzw. nach dem Mauerfall durch den Nachholbedarf in der ehemaligen sowjetischen Einflusssphäre.

Auf einmal war es nicht mehr so wichtig, zu lesen, was auf nationaler oder internationaler Bühne am Vortag geschen war. Der Kitt der Gesellschaft begann, spröde zu werden. Und das Web kam dieser Entwicklung genau entgegen. Nicht mehr informiert werden – sich die Dinge, die man glaubt, wissen zu wollen, selbst zusammenstellen. Wie Renate Köcher aus den Langzeitstudien ihres Instituts für Demoskopie in Allensbach mit Schrecken erkannt hat: die Leute informieren sich nicht anders – sie informieren sich streng genommen gar nicht mehr! Die Massenmedien werden in ihrer Funktion nicht substituiert, sie verschwinden viel mehr. Und zwar nicht physisch – die Menschen sehen unverändert fern – sondern in ihrer Wirkung.

Unser Social Graph, das Netz unserer gemeinschaftlichen Beziehungen, versorgt uns ab jetzt mit den Dingen, die wir erfahren wollen. Das ist der Filter, den früher die Redaktionen der Medien gebildet hatten. Wir organisieren unsere Beziehungen durch das Netz, wie wir uns früher als Bürger im Staat über die Massenmedien orientiert hatten.

“Das Ende der Großen Erzählung”, mit dem oft die Postmoderne umschrieben wird, bedeutet, dass aus Geschichte lauter kleine Geschichten werden. Schnipsel, die zusammen mit persönlichen Erinnerungsstücken zu Sinnzusammenhängen kollagiert werden. Das ist das “Ende der Geschichte“, bei dem die “Literatur vor unseren Augen kollabiert“. Die massenmediale “Hochsprache” der moderne weicht den vernakularen Dialekten der Netzkultur. “New media are new archetypes, at first disguised as degradations of older media.” (McLuhan)

Die Zugehörigkeit zu diesen neuen, memetischen Gemeinschaften ist nicht vergleichbar mit dem “in die Gemeinschaft geboren werden” der Vormoderne. Es sind relativ lose, zum Teil nur über einige Zeit stabile Strukturen und wir sind selten exklusiv in nur einer davon beheimatet. Diese Gemeinschaften werden symbolisch zusammengehalten über Meme.

Dieser Memetic Turn markiert den Übergang in das nach-moderne Zeitalter. Der schwindende Einfluss der nationalen und die gleichzeitige Auflösung der internationalen, politischen Strukturen führt dazu, dass auch deren mediale Werkzeuge stumpf zu werden scheinen.

Damit wird auch klar, wie die revolutionäre Bewegung in Spanien mit den Umstürtzen in Tunesien und Ägypten zusammen hängt. Es ist faszinierend zu sehen, wie das scheinbare Fehlen von formulierten, gemeinsamen Zielen und jeder Form von verfasster Organisation die alten, gesellschaftlich denkenden Medien komplett überfordert. Es ist der Hash-Tag, der die Menschen zusammenbringt, das #spanishrevolution-Mem als Projektionsraum, über den die Menschen ihre Wünsche nach einer anderen Form von Zusammenleben in einer post-gesellschaftlichen, nicht mehr durch ineffektive Parteipolitik kontrollierten Gemeinschaftlichkeit synchronisieren.

Weiter lesen:
Die Moderne ist unsere Antike
Tribales Trommeln

Spanische Revolution

Aber ein Sturm weht vom Paradiese her.
Walter Benjamin

Und ich höre Dich sagen, mehr leise als laut: Das haben sich die Jugendlichen selbst aufgebaut.
Tocotronic (via Dr_Ultra)

In Spanien, gerade einmal 100 Kilometer südlich des Anbaugebietes dieses wunderbaren Sandweins, findet im Augenblick in Spanien eine Revolution nach ägyptischem Vorbild statt (hier der Livestream von der fernen iberischen Halbinsel). Dass aus Ägypten nicht berichtet wurde, trotz der 9 Milliarden Euro öffentlich-rechtliches Rundfunkbudget, ist verständlich. Die Jahre zuvor hatte man Schritt für Schritt die Auslandskorrespondenten in die Selbständigkeit entlassen, so dass am Ende niemand mehr vor Ort war – bis auf Richard Gutjahr -, der vom Tahrir-Platz aus berichten konnte.

Dabei sind die Reporter vor Ort und die TV-Ausrüstung gar nicht einmal die Hauptsache. Wenn ich niemanden dauerhaft im Land habe, fehlen die Quellen, mit deren Hilfe Journalisten Informationen validieren und Trends aufspüren können. Auch wenn ein Sender seine Reporter schnell dorthin einfliegen kann, sind das nicht viel mehr als journalistische Touristen. Die wirkliche Berichterstattung ist schon längst ins Internet (Twitter, Blogs, Facebook) abgewandert und werden von Sendern wie Al Jazeera oder Bloggern gesammelt, geprüft, ausgewertet und interpretiert.

Warum übrigens gibt es keine Berichterstattung über die spanische Revolution? Warum findet diese Revolution nur online statt? Findet sie überhaupt statt oder inszeniert sich hier bloß so etwas wie ein Revolutionsmem, das ebenso inhaltsleer und viral ist wie dieser Werbeclip (“Join the #spanishrevolution”)?

Das erinnert mich an die endlosen Diskussionen in ethnologischen Proseminaren zur Ritualtheorie, ob ein Ritual denn auch dann noch ein Ritual sei, wenn es nur gespielt wird. Wann ist eine Revolution eine Revolution? Niklas Luhmann Spruch “Alles, was wir über die Welt wissen, wissen wir durch die Massenmedien” trifft immer weniger zu. Wenn es nach den Massenmedien geht, läuft in Spanien im Moment alles in den gewohnten Bahnen. Es sind Wahlen und da politisiert sich halt alles ein wenig.

Auf Twitter dagegen ist die Revolution in Westeuropa schon längst zum trending topic geworden, zu dem im Minutentakt Bilder, Parolen und Mikroanalysen gepostet werden. Walter Benjamin hat seinen Engel der Geschichte, der längst nicht so freundlich aussieht wie der Engel des Regensburger Himmelfahrtfensters, mit dem Rücken voran in die Zukunft fliegen lassen. Vielleicht machen es die Massenmedien ja ganz genauso und bemerken die Revolution auch erst, wenn die ersten Trümmerhaufen im Blickfeld auftauchen. Derweil beschäftigen wir uns mit den Sexorgien von Versicherungsvertretern oder Politikern.

Radfahren mit Teddy und Schmidt

Na, ne kleine Rundfahrt tut den Beinen gut.
Arno Schmidt

Jedes Mal, wenn ich rennen muss, um eine S-Bahn oder eine Straßenbahn gerade noch zu erwischen, muss ich an Adorno denken. In dem wunderbaren Text “Immer langsam voran” (was für ein slowes Motto!) aus den Minima Moralia beklagt er sich über das Rennen als eine besonders nachhaltige Form der Verrohung. Ganz gleich, ob es ein Passant ist, der einem davon brausenden Autobus hinterher läuft oder ein Kind, das von der Mutter genötigt wird, schnell noch “ein vergessenes Täschchen aus dem ersten Stock zu holen” oder der Gefangene, dem befohlen wird, zu rennen, damit er auf der Flucht erschossen werden kann. Rennen ist “Ausdruck des Schreckens”.

Weinmann Cantilever-Bremse

Der bürgerliche Gang dagegen, das Flanieren oder Spazieren-Gehen ist eine Beschäftigung, für die man Zeit braucht. Zeitvertreib statt Hetze. Das bürgerliche Gehen ist kein Zwang, sondern eine aufrechte Tätigkeit. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich das Gehen von den Vorläufern emanzipiert: vom Lustwandeln des Adels, dem Schreiten des Klerus oder dem Wandern des Handwerkers. Für Adorno hat diese Perversion eigentlich keinen Grund, da es für die schnelle Fortbewegung ja Autos gibt. Für alles andere genügt das Gehen. Aber Adorno sieht hier (noch) nicht die Grundvoraussetzung des Gehen-Könnens: Die Zeit! Das ganze Lebensarrangement, das dahinter steht und dem Bürger erlaubt, sich in einem humanen Tempo fortzubewegen. Gehen passt nur in einen entschleunigten Lebensstil.

Maillard

Klar, Adorno setzt das Gehen vor allem gegen die hochindustrialisierte Welt mit ihrer Geschwindigkeitskultur, gegen die gewaltigen Kräften der motorisierten Lebenswelt. In einem anderen Fragment (“Nicht anklopfen”) schimpft er über die gewalttätigen, barbarischen wenn nicht gar faschistoiden Geräusche und Gesten einer Menschheit, die von den Dingen genötigt wird, zum Beispiel Türen nur noch zuzuwerfen und nicht mehr “leise, behutsam und doch fest” zu schließen. Auch diesen Gedanken hatten wir in diesem Blog immer wieder erwähnt: Das Versklavt-Werden durch die Dinge als der erbitterte Gegner der Entschleunigung.

Simplex

Merkwürdig, dass das Fahrradfahren Adorno keiner Erwähnung würdig ist. Hier leben die von ihm wehmütig verabschiedeten selbstbewussten bürgerlichen Gesten, Haltungen und Geräusch fort. Das Schnurren einer frisch eingefetteten Rohloff-Kette durch Ritzel und Kettenblatt. Die aufrechte Haltung des Fahrers. Und vor allem das Tempo, das genau zwischen dem adornitischen Fortbewegungsgeschwindigkeitsdualismus zwischen Gehen und Fahren passt. Kurz, man kommt schneller ans Ziel als zu Fuß, muss sich aber nicht verbiegen – wenn man nicht gerade in Unterlenkerhaltung den Kesselberg hinuntersaust.

Aber auch das Radfahren bewegt sich in Richtung Barbarei, könnte man mit Adorno vermuten. Früher hießen Fahrräder nach dem Sportler oder Ingenieur-Sportler, der die Manufaktur begründet hatte (manchmal war auch ein Opernsänger dabei): Giovanni Battaglin, Bernd Müsing, Ernesto Colnago, Edoardo Bianchi, Irio Tommasini, Alessandro Batelli, Francesco Moser oder Konrad Kotter. Heute wecken die Namen eher Assoziationen von militärischen Feldzügen (“Cannondale”) oder erinnern an wilde Tiere (“Bulls”).

Eine der größten Radfahrererzählungen hat übrigens Arno Schmidt mit “Schwarze Spiegel” geschrieben. Sie spielt in einer postapokalyptischen Ära nach der “Menschenzeit”. An die Zeit vor der nuklearen Katastrophe erinnern nur noch die mittlerweile zu Skeletten verwitterten menschlichen Überreste in den ansonsten gut erhaltenen Bibliotheken, Schulen oder Kasernen. Auch die Straßen sind einsam geworden: “Früher waren auf den Asphaltbändern lautlos Autolichter geglitten : Jetzt herrschte nur noch der Mond”.

Muffen

Dieses postindustrielle Setting – Assoziationen an Fukushima und Peak-Oil machen das Thema hochaktuell – ist eine Welt der Fahrräder. Ohne Pipelines oder Tankschiffe, die uns mit Öl versorgen, wird das Fahrrad zum wertvollsten Besitz, zum einzigen Garant für eine Mobilität. Gerade, wenn man sich inmitten der zusammengebrochenen Welt noch ein letztes bisschen Würde und Zivilisation bewahren möchte und es nichts mehr zum Flanieren gibt, ist das Fahrrad die einzige Wahl – zumindest so lange, bis auch die letzten Autobahnen von der Wildnis eingeholt worden sind -, denn

ein Fahrrad zu führen ist wunderbar ! Und diese leeren Orte noch schöner; auf der Kreuzung fuhr ich acht Kreise, als ich Rücktritt nahm, stand ich wie eine Mauer

Was empört uns?

Als ich vor fünf Wochen das Büchlein “Indignez vous!” aufschlug, um den Essay des 93Jährigen Stéphane Hessel zu lesen, passierte etwas Besonderes. Ich legte nach wenigen Zeilen das Buch beiseite, stand auf, holte mir einen Bleistift und setzte mich wieder zum Lesen. Mit dem Stift in der Hand, um Stellen anzustreichen und mir Notizen zu machen.  Das habe ich seit Jahren nicht mehr getan. Die letzten Anstreichungen in meinen Büchern stammen noch aus meiner Studienzeit.

Ich weiß nicht genau, wie diese Wirkung zustande kam. Vielleicht war es die Unumwundenheit, mit der ein Mensch geradeheraus und unumstößlich feststellt, dass wir Prinzipien und Werte brauchen. Das ist ungewöhnlich, obwohl doch die Menschrechte für uns alle eigentlich selbstverständlich sind.

Stéphane Hessel hat noch etwas zu sagen, bevor er geht. Er spricht von Verantwortung. “La responsabilité de l’homme qui ne peut s’en remettre ni à un pouvoir ni à un dieu” (p. 13). Er meint damit die Verantwortung als Mensch, die man an niemanden abgeben kann, die nicht delegierbar ist.  Hessel wünscht uns Nachgeborenen (und das sind wir in Anbetracht seines Alters wohl alle) Gründe zur Empörung, die uns an diese Veranwortung erinnern, an die Notwendigkeit für etwas einzustehen und zu handeln.

“Je vous souhaite à tous, à chacun d’entre vous, d’avoir votre motif d’indignation. C’est précieux.” (p.12)

Mehr noch fordert er, diese Gründe zur Empörung, die Dinge, die unerträglich und nicht akzeptabel sind, “les choses insurportables”, gezielt zu suchen: “Pour le voir, il faut bien regarder, chercher.” (p.14). Hessel rät, hinzusehen und sich der Differenz zwischen dem “wie es sein sollte” und dem “wie es ist”, auszusetzen, sie auszuhalten und Empörung zuzulassen. Erst aus der empfundenen Differenz zwischen Ideal und Realität entspringt Handeln. “L’indifférence: la pire des attitudes”, lautet der konsequente Umkehrschluss. Denn Indifferenz verhindert das Handeln.

Empörung, unsere Preziose. Das finde ich interessant. Was empört uns eigentlich? Was wäre in der Lage uns zu entrüsten?  Was würde uns auf die Barrikaden gehen lassen?

Zu meinem Beitrag, den ich über Hessels Buch schreiben wollte, bin im Januar nicht gekommen. Es passierte soviel anderes. Inzwischen gibt es eine deutsche Übersetzung von Michael Kogon. Ich nehme sie zum Anlass, dieses Büchlein mit seinen lesenwerten 20 Seiten hier doch noch zu empfehlen, und zwar nachdrücklich. Es ist ein Buch, das sich wunderbar teilen und verschenken läßt.

Zwischen meiner ersten Begegnung mit dem französischen Essay und seiner deutschen Übersetzung liegen nur wenige Wochen. Aber was für Wochen! Tunesien, Ägypten, Libyen liegen dazwischen. Wieviel gerechte Empörung liegt darin. Wieviel Erstaunen unsererseits, dass Menschenrechte tatsächlich etwas sind, wofür Menschen bereit sind, ihr Leben zu riskieren, vor unseren Augen.

Ja, Stéphane Hessel lächelt dieser Tage, wenn er im Fernsehen auf die Lage in der arabischen Welt angesprochen wird.

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Stéphane Hessel hier ab min 4:30 (ard, Beckmann)

Stéphane Hessel: Indignez-vous! Indigène éditions, Montpellier, décembre 2010. 6 €

Stéphane Hessel: Empört Euch! Aus dem Französischen von Michael Kogon. Ullstein, Berlin 2011. 3,99 €

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Nachtrag in eigener Sache:

Ganz am Ende, nachdem ich dem alten Herrn schon längst erlegen war, entdeckte ich diese Textstelle, die Stéphane Hessel als Slowmediavisten decouvriert:

“La pensée productiviste, portée par l’Occident, a entraîné le monde dans une crise dont il faut se sortir par une rupture radicale avec la fuite en avant du “toujours plus”, dans le domaine financier, mais aussi dans le domaine des sciences et des techniques. Il est grand temps que le souci d’éthique, de justice, d’équlibre durable devienne prévalent.” (p. 20)

Hier in deutscher Übersetzung:

“Das im Westen herrschende materialistische Maximierungsdenken hat die Welt in eine Krise gestürzt, aus der wir uns befreien müssen”, schreibt Hessel. “Wir müssen radikal mit dem Rausch des ‘Immer noch mehr’ brechen, in dem die Finanzwelt, aber auch Wissenschaft und Technik die Flucht nach vorn angetreten haben. Es ist höchste Zeit, dass Ethik, Gerechtigkeit, nachhaltiges Gleichgewicht unsere Anliegen werden.” (S. 19f.)

 

 

>digital<: (be)fingern

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Digital – Bedeutungen:
[1] Elektronik: (Daten) mit Ziffern und Zahlen dargestellt
[2] Medizin: die Finger betreffend
(wiktionary.org)

Im Deutschen erfahren wir die Wirklichkeit der Welt durch Be-Greifen – wir greifen mit unseren Fingern. Auch zählen hat seinen Ursprung im Abzählen an Finger und Zehe – dem digitus. An den interessanten Zusammenhang zwischen unseren Händen, dem Begreifen und dem Zählen als Grundlagen unserer digitalen Kultur hat mich die schlüpfrige Herleitung des Wortes digital durch Arno Schmidt wieder erinnert.

Als Schmidt Ende der sechziger Jahre seinen ersten und umfangreichsten Typoskriptromane “Zettel’s Traum” verfasste, hatte das Wort digital in der deutschen Sprache noch fast ausschließlich die medizinische Bedeutung, wie sie unter [2] im Wiktionary vermerkt ist; ich habe das in mehreren Lexika und Duden aus dieser Zeit nachgesehen – nirgends wird digital in der heute vorherrschenden Weise [1] gebraucht.

Anders im englisch-amerikanischen Raum. Hier bedeutet digit schließlich Zahl. Wieso zählen die Engländer so direkt mit ihren Fingern, während wir mit zala, mit Zeichen rechnen? Zwar haben Zahl, Zeichen, digitus und digit alle dieselbe indogermanische Wurzel *dĭ̄k-, aber dennoch ist der Weg in die Sprachen unterschiedlich verlaufen.
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Ein der für Astronomen und Theologen seit der Spätantike gleichermaßen interessantes Problem war die Festlegung des Osterfestes in den Kalendern. Die Schwierigkeit liegt darin begründet, dass die sieben Wochentage, die unterschieldichen Monatslängen und die 365 Tage des Jahres keine Vielfachen voneinander sind. Dadurch variiert der erste Sonntag nach dem ersten Vollmond im Frühjahr zwischen 22. März und 25. April. Es war die Kunst des Computus, dieses Datum für die Jahre in die Zukunft zu berechnen.

Der angelsächsische Benediktiner Beda, genannt der Ehrwürdige, ‘Venerabilis’, ist der Vater unserer Zeitrechnung in Jahren nach bzw. vor Christi Geburt. Wie viele Denker in Folge von Augustinus ging auch Beda davon aus, dass in unserer Welt “alles nach Maß und Zahl geordnet” ist (Weish. 11,20 – sed omnia mensura et numero et pondere disposuisti).

Um eine, für die gesamte Welt gültige und einheitliche Berechnung des Osterfestes zu liefern, hatte er am Ende des siebten Jahrhunderts das fortan verbindliche Werk zum Computus geschrieben: De Temporum Ratione, vom Berechnen der Zeiten.

Gleich im ersten Kapitel geht es um das “Rechnen oder Sprechen mit den Fingern”. Beda führt das Abzählen ein und zeigt, wie aus das Zählbare über den Schritt des Abzählens mit den Fingern in ein Alphabet von Zahlenzeichen abgebildet wird – es wird Digitalisiert. “De Computo vel loquela digitorum” – Computing with Digits.

Auch wenn viele Entwicklung der digitalen Rechentechnik von Schickard bis Leibnitz – und schließlich Zuse – in Deutschland stattgefunden hatten, waren es Charles Babbage und Ada Byron, die einen Digit Counting Apparatus in das Rechenwerk ihrer Analytical Engine setzten. Seit da taucht das Wort digital immer häufiger im Zusammenhang mit Rechenmaschinen in England und den USA auf. Seit Ende der 1930er Jahren (und bis heute) wird digital, das kodieren von Signalen durch diskrete Zahlenwerte dann im Gegensatz zu analog verwendet.
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Die digitale Welt – an den Fingern abgezählt, abstrahiert, in Daten zerlegt, die durch logische Regeln weiterberechnet werden. Im Gegensatz dazu scheint die analog begriffenen Wirklichkeit zu stehen.
Dort Plato – hier Aristoteles … etc. etc.

Claus Kleber denkt Hajo Friedrichs neu

Das heute journal des 13. Februar wurde moderiert von Claus Kleber.  Es war eine denkwürdige Ausgabe des täglichen Nachrichtenjournals des ZDF. Hier ist die Aufzeichnung der Sendung, die nur noch wenige Tage im Internet nachzuschauen sein wird.

Es passiert dort ab min. 15.44 Folgendes: Nach den Nachrichten und dem Wetter kündigte der Moderator Claus Kleber einen Rückblick auf die historische Woche in Ägypten an. Es folgt ein gut einminütiger chronologischer Rückblick auf die bekannten Ereignisse, untermalt mit Musik. Wie um die Emotionalität der Bild- und Tonsprache zu rechtfertigen, sagt Claus Kleber in der Abmoderation: “Es war eine emotionale Woche”. Und schließt einen bemerkenswerten Satz an:

“Nehmen Sie es bitte als eine Verbeugung der Journalisten des Journals vor den Menschen, über die sie berichten durften.”

Der Satz klingt wie eine Gebrauchsanweisung für das ungewöhnliche Format. Vielleicht ist er auch eine Gebrauchanweisung für eine neue Art von Journalismus. Er markiert eine Wende im Selbstverständnis der konventionellen Medien. Zwar ist es formal recht moderat gelöst – der Rückblick lief nach dem offiziellen Nachrichtenformat und ist eher der Form des Kommentars zuzurechnen als der eines Berichts. Aber dennoch tut Claus Kleber hier nicht Geringeres als offen das Diktum des Hanns Joachim Friedrichs zu hinterfragen. Dieser hatte den bisher als unumstößliche Orientierungsmarke für Journalisten geltenden Satz gesagt:

“Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.”

Nun verneigt sich eine Redaktion in Respekt vor dem Sujet ihrer Berichterstattung – und hebt (wenn auch nur im Nachhinein) die Distanz zu der zu berichtenden Sache auf. Ich finde diesen Schritt des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preisträgers aus dem Jahr 2010 mutig und konsequent. Claus Kleber stößt damit eine Tür zu einem neuen Journalismus auf, der sich in Zukunft mit eben diesen Fragen befassen muss: Wie subjektiv darf Journalismus sein? Wieviel Mensch darf bzw. muss durch den Berichterstatter durchscheinen? Wie definieren wir Glaubwürdigkeit? Wie Objektivität? Gerade die Beteiligungsmedien des digitalen Raumes zwingen mit ihrer praktizierten (und zum Teil übers Ziel hinausschießenden) Teilhabe den Journalismus, sich diese Fragen neu zu stellen. Der Journalismus wird sich in Zukunft zwischen den Polen der Subjektivität und der Entfremdung neu verorten müssen. Ohne seine Ideale aufzugeben, aber diese vielleicht in neuem Licht betrachtend. “Rolle und Selbstverständnis des Journalismus” steht auf der Liste für unsere Forschungsvorhaben im Institut. Ich bin sehr gespannt darauf. Und es würde mich wirklich interessieren, welche Diskussionen der Entscheidung der heute journal-Redaktion vorausgegangen sind. Das waren bestimmt insgeheim Gespräche über die Zukunft des Journalismus.

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Mehr zum Thema Subjektivität und Entfremdung im Journalismus in dem Beitrag “Über Glaubwürdigkeit, Schreiben und Handeln“.

Das Porzellan der Oma

Ich ähnelte dem Porzellan, in das ich mit einer Farbenwolke Einzug hielt.
Walter Benjamin

Langsame Medien, so haben wir Anfang des Jahres in unserem Manifest und danach auf zahlreichen Vorträgen immer wieder betont, erzählen eine Geschichte. Oft sind es gleich mehrere Geschichten, die sie uns erzählen, wenn wir nur aufmerksam genug zuhören. Den Begriff Medien darf man dabei nicht zu eng sehen. Es geht nicht nur um Zeitschriften, Bücher oder Internetseiten. Nein, wir bevorzugen einen breiten Medienbegriff, der alles einschließt, was dazu in der Lage ist, Informationen zu übermitteln.

Diese Kiste zum Beispiel erzählt eine solche Geschichte. Die Großmutter, vielleicht väterlicherseits, vielleicht mütterlicherseits, lag lange Zeit darnieder und ist schließlich entschlafen. Einige Dinge hat man für den eigenen Haushalt in einem der wohlhabenderen Münchener Vororte vielleicht brauchen können, die anderen Sachen hat man auf dem Bauhof entsorgt. In mehreren Fuhren, denn in den Kofferraum des 5er BMW passt nicht so viel hinein. Dann war da noch das Geschirr.

Einerseits passt es eigentlich überhaupt nicht in die reduzierte Inneneinrichtung – “so Zen-like wie es mit Kindern halt möglich ist” – andererseits hat die Oma wirklich an den Tellern gehangen. Das erste Kaffeegeschirr hatte sie sich damals Ende der 1950er gekauft als die von Löffelhardt entworfene schlanke Form 2025 noch richtig gewagt wirkte.

Fast schon etwas unvernünftig, sich das einfach so zu leisten. Aber irgendwie ist es ihr ans Herz gewachsen, so dass sie immer wieder nachgekauft hat. Es war längst nicht mehr ein Porzellan, sondern ihr Porzellan.

Während sie immer wieder die kaputtgegangenen Stücke durch neue ersetzte, wurde das alte Arzberg-Werk, das mittlerweile der Firma Kahla gehörte, modernisiert. Dann kam in den 1960ern die erste Porzellankrise. Die Leute fingen an, Steingut zu kaufen und wussten den ästhetischen Wert der zarten Porzellanwände, durch die Kaffe und sogar Tee milchig hindurchschimmerten, nicht mehr zu schätzen.

Auch die radikale Modernisierung des Arzberger Corporate Design brachte nicht mehr als einen Aufschub der Krise. Zeitgleich mit der Ölkrise rollte bereits die zweite Porzellankrise heran und die Zeichen standen auf Marktbereinigung. Die Kahla AG ging mit den Hutschenreuthers zusammen und die Arzberg war auf einmal nur noch eine Marke der Hutschenreuther-Gruppe.

Das hielt die Oma nicht davon ab, weiterhin das 2025er nachzukaufen, auch wenn die langgezogenen Griffe an Teekanne, Kaffeekanne und Terrinen im Laufe der Zeit längst nicht mehr so avantgardistisch wirkten wie damals Ende der 1950er. Nachdem die Hysterie verflogen war, blieb jedoch die zeitlose gute Form des Porzellans. Die Oma war inzwischen weit mehr gealtert und wurde zum Pflegefall. Das Porzellan hat sie schließlich überlebt. Auch wenn der Goldrand an einigen Stellen etwas abgewetzt ist und ein, zwei der insgesamt 30 Teller schon eine Macke hatten, war es immer noch so gut in Schuss, dass es sich lohnen könnte, es nicht wegzuschmeißen, sondern per Kleinanzeige für den Wert eines ordentlichen Essens in einem Fastfood-Restaurant loszuwerden. Vielleicht sucht jemand noch Geschirr für den Polterabend.

An so einer Geschichte kann man doch einfach nicht vorübergehen, oder? Auch wenn es bedeutet, dass ich jetzt im Küchenschrank Platz schaffen muss für ein weiteres Porzellan aus Arzberg.