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Über das Hinterfragenwagen

und den Luxus von Moral

Es gibt die verschiedensten Eigenschaften, nach denen man Menschen in Kategorien einordnen kann. Es gibt zum Beispiel Menschen, die sich das Beste bis zum Schluss aufbewahren (das Filet beim Essen zum Beispiel) – und andere, die den umgekehrten Weg gehen und sich gleich das Beste vornehmen (das Filet, bevor es kalt wird). Es gibt Morgenmenschen und Abendmenschen. Man kann sie auch einteilen in solche, die eher Hunde mögen, und solche, die eher Katzen mögen (unvereinbar). Oder in Heilserwarter und Unheilserwarter (Mischformen möglich).

Eine dieser möglichen Unterscheidungen habe ich gelernt für zentral zu halten: Es gibt Menschen, die sich, bevor sie etwas tun, fragen: „Nützt mir das?“ Und es gibt Menschen, die sich fragen: „Ist das richtig?“ Nun müssen sich ja Nutzen und Moral nicht notwendig ausschließen – die Gewichtung scheint mir jedoch von feiner Bedeutung zu sein. Es ist eine Art Grundhaltung des Seins, des Wertens und des Handelns auf allen Ebenen. Sie findet sich im Kleinen wie im Großen, im Berufsalltag ebenso wie im Privatleben. Auch wenn nicht immer offen sichtbar ist, führt ein tiefer Graben zwischen beiden. Die Motivation der einen Seite wird der jeweils anderen immer völlig unverständlich bleiben, gerade weil die Grundfrage für jeden so selbstverständlich ist.

Der Sozialdarwinismus, von dem im Metaphysik-Beitrag von Jörg Blumtritt die Rede ist, sagt: Moralisch richtig ist, was dem Eigen- oder Artennutz dient. Im Falle der Natur ist die Sache schnell geklärt: möglichst viele Gene verteilen. Jede Vergewaltigung wäre so moralisch legitimiert, die Natur ist da nicht kleinlich. Lässt sich dieses Prinzip aber auf eine kultivierte Gesellschaft übertragen? Bedeutet Kultur nicht gerade, sich den Luxus von Moral und Werten zu leisten, die außerhalb des reinen Eigennutzes liegen?

Was dient der Sache und was dient mir selbst? Auch hier könnte es doch einen dritten Weg geben. Wäre es möglich, die Pendlerpauschale falsch zu finden, obwohl man selbst davon profitiert? Ein Thilo Sarrazin bekommt ein großes Forum, weil man sich des Echos so schön sicher sein kann. Die Entrüstung ist groß, die Zustimmung auch, die Startauflage des Buches ist schon vor Erscheinen vergriffen. So gesehen eine klare Sache: Der Rummel nützt allen, dem Verlag, dem Buch-Autor sowie allen Medien, die sich auf dieser oder jener Seite an der Debatte beteiligen. Aber ist das auch richtig?

Gelegentlich staune ich, wenn ich durch das Fernsehprogramm schalte, über das, was ich dort zu sehen bekomme. Man fragt sich unwillkürlich, aus welchem Grund es überhaupt gesendet wird. Die einzig mögliche Antwort: Weil es Quote bringt. Einen anderen Grund kann es gar nicht geben. Weil es nützt. Aber reicht das?

Jeder Kindergarten wird ein Haifischbecken, wenn man die Kinder sich selbst überlässt. Das Recht des Stärkeren setzt sich zunächst einmal durch. Auf der anderen Seite werden Kinder zu einer unbeteiligten Schafsherde, wenn man es ihnen abnimmt, die Regeln des sozialen Miteinanders selbst zu entwickeln. Es geht also nicht nur um die Anwendung vorgegebener sozialer Regeln, sondern um die Fähigkeit, diese zu entwickeln. Kinder müssen lernen, einen Punkt zu finden, der außerhalb ihrer vielen verschiedenen Eigennutze steht, von dem aus sie Verhaltenregeln ableiten und untereinander verhandeln können. Natürlich geht es dabei auch um Eigennutzen. Aber es eben auch um einen Punkt, von dem aus diese ins Verhältnis gesetzt werden können.

Zivilisation und Kultur bedeutet doch genau dies: nutzenunabhängige, eigensystemübergreifende Regeln für Richtig und Falsch zu entwickeln. Immer wieder nach einem neuen Punkt zu suchen, von dem aus alles von außen zu betrachten – und zu beurteilen – ist. „Die Frage nach der Bedeutung, nach dem Wesen der zutage geförderten wissenschaftlichen Erkenntnis kann aber nicht im System selbst beantwortet werden,“ sagt Jörg in seinem Beitrag, und es stimmt: Man findet nicht alle Antworten innerhalb des Systems. Ob wir das nun Metaphysik, Moral, Mündigkeit, Religion* oder sonstwie nennen, ist unwichtig. Wichtig ist, einen Punkt außerhalb des eigenen Systems denken zu können, für denkbar zu halten. In den „anderen Raum des Denkens“ treten zu können. Sich selbst, das eigenen Handeln, die eigene Rolle im Ganzen zu hinterfragen wagen.

Was tue ich überhaupt und warum? Das bleibt eine zentrale Frage – für Menschen sowieso, aber auch als wissenschaftliche Disziplin, als Forschungszweig, als Verlag, als Unternehmen. Jeder, der handelt, sollte doch darauf eine Antwort haben.

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“Das ist alles recht schön und gut; / Ungefähr sagt das der Pfarrer auch, / Nur mit ein bißchen anderen Worten.”

Margarete zu Faust (Johann Wolfgang von Goethe, Faust I, Zeile 3.459)

Ein Lob auf das Sommerloch!

„Hier saß ich, wartend, – doch auf Nichts,/ Jenseits von Gut und Böse, bald des Lichts/ Genießend, bald des Schattens, ganz nur Spiel,/ Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel.“
So zitiert der Rheinische Merkur Nietzsches Fröhliche Wissenschaft für ihr Lob des Sommerlochs.

Saure Gurken Zeit
Auch hier lohnt sich – wie so oft – der Blick in die Wikipedia: “Die ungarische Sprache kennt diesen Begriff ebenfalls als uborkaszezon (Gurkensaison).”
 
Nicht zu vergessen sind auch die Hundstage, benannt nach dem Stern Sirius im Sternbild Großer Hund, das man genau in den heißesten Tagen im August am Himmel in unseren Breiten beobachten kann. Und in Russland heißen dann auch die Sommerferien каникулы.

Sommerloch liegt im Kreis Bad Kreuznach. Im Rheinland gibt es einige “Löcher” – oft düstere Gedanken weckend: Sörgenloch etwa.

Wie uns Wikipedia belehrt, bezeichnet das Loch im Rheinland eine feuchte Mulde – anders als in Süddeutschland, wo Flurnamen mit Loch meist auf eine Lohe, einen Wald hinweisen, also auf eine Gründung zur Rodungszeit im Hochmittelalter.

Seinem Namen als Medienphänomen alle Ehre machend, sieht man das Ortsschild von Sommerloch oft in bemüht lustig gemeinten Metonymien, wenn Journalisten in ungewohnt selbstkritischer Weise berichten wollen, dass es im Augenblick nichts zu berichten gibt.

Das Sommerloch entsteht, weil die Parlamente, die meisten Wirtschaftsfunktionäre und auch die Bundesliga Urlaub nehmen. Und weil man in der Presse dann auch nichts mehr zu sagen hatte, entwickelte sich die Tradition, absurde Boulevard-Themen in aufgeregter Weise wichtig zu schreiben.

“Solange die Minister [in ihrer Sommerlektüre] lesen, können sie nicht in Mikrofone reden.” schreibt der Rheinische Merkur in seinem schönen Lob des Sommerlochs und denkt weiter, wie erholsam es ist, wenn wenigstens in den vier bis sechs Wochen der Feragosto den Mandats- und Leistungsträgern unserer Gesellschaft der Satz erlaubt wird: „Ich weiß es nicht, ich muss über dieses komplizierte Problem erst noch einmal nachdenken!“

“Liegen lernen”. Ein wehmütiger Wunsch nach Verlangsamung, auch nach einem Publikum, dass akzeptiert, wenn Menschen nichts zu sagen haben:

“Wahrscheinlich bleibt die Sehnsucht nach Nachdenklichkeit ungestillt, wie in den Jahren zuvor. Die Sommerinterviews samt Erwiderungsritual von „Morgenmagazin“ bis „Nachtjournal“ sind sind so sicher wie Elsas Dahinscheiden im Kielwasser des Schwans. Doch Reisende geben nicht auf.
Rheinischen Merkur, zu erkennen, wie stark in Wahrheit das Publikum selbst.”

Versunkene Orte

Then he had raised something,
and it must have come.

(H.P. Lovecraft)

Manchmal sollte man die Dinge, die tief unter der Oberfläche lauern, nicht stören. Zumindest nicht mehr als möglich. Als ich gestern in meinem Blog auf die für einen öffentlich-rechtlichen Rundfunksender doch eher ungewöhnliche Redewendung “Innerer Reichsparteitag” hingewiesen habe, habe ich in zahlreichen Blogs und auf Twitter Antworten auf Fragen bekommen, die ich eigentlich lieber nicht stellen wollte.

Von den ebenso wohlfeilen wie schauderhaften Political-Correctness-Vorwürfen bis hin zu Kommentatoren, die es begrüßen, dass solche Redewendungen endlich im Mainstream angekommen seien und ihren Kommentar mit einem Zitat von Joseph Goebbels signieren war alles dabei, was jemanden wie mich, der nahezu alle abwegigen Redewendungen von Arno Schmidt gelernt hat und dessen sprachpolitische Sozialisation aus Viktor Klemperers LTI stammt, eine Gänsehaut auf den Rücken jagt.

Heute Abend hat es wie so oft geregnet. Aber der Himmel war nicht wie sonst grau verhangen, als ich an der Würm entlang an der Grenze zwischen der Münchner Schotterebene und der rißzeitlichen Moränenlandschaft durch den dampfenden Wald geradelt bin, sondern gelb. Ein unwirkliches gelb, das einen perfekten Hintergrund für eine Lovecraft-Geschichte abgegeben hätte. Ein gelb, das dazu einlädt, mit Schaufeln das Grauen in der Tiefe zu wecken. Wie passend, dass der Wald nicht nur ein Begräbnisfeld der Latènezeit unter dem dichten Fichtenbewuchs verdeckt, sondern auch noch einen untergegangenen Ort.

Früher hat sich in der Mitte des Waldes, damals noch als Königlicher Kloster=Anger=Wald bekannt, eine kleine Siedlung namens Kreutzing oder Creutzen befunden. Ein Hof, ein paar Wirtschaftsgebäude und eine dem Waldheiligen Nikolaus gewidmete Kapelle, mehr ist es damals nicht gewesen, aber doch genug für eine ansehliche Schar von Pferden, Rindern, Schafen, Schweinen, Gänsen, Enten, Hühnern und Bienenvölkern.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ist diese Schwaige – wie passend, denn jetzt schweigt der Boden hier tatsächlich – von der Bildfläche verschwunden. Im selben Jahr, in dem das Deutsche Reich entstanden ist, wurden die Gebäude vollständig abgetragen, und binnen weniger Jahrzehnte hat der vor allem mit schnellwachsenden Hölzern bewirtschaftete Wald dann vollständig überdeckt. Gras über eine Sache wachsen lassen ist eindeutig eine falsche Metapher, das kann einem jeder Luftbild-Archäologe sagen. Fichten funktionieren viel besser und verbergen die Umrisse einer versunkenen Siedlung auch vom Himmel aus. Bis dann die Herbststürme wieder einmal heftiger ausfallen als erwartet und dann mehrere Hektar Wald in bloßen Boden verwandeln.

Wo sich Kreuzing nun genau befunden hat, weiß niemand mehr und die alten Karten lassen sich nur sehr ungenau über die neuen legen. Aber die Siedlung und ihre 25 damaligen Bewohner leben in der Bezeichnung des Waldes weiter, der heute Kreuzlinger Forst heißt. Vielleicht ist es auch gar nicht so wichtig, den Dingen immer auf den Grund zu gehen. Manche Dinge lässt man dann doch lieber tief im Boden ruhen.